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Social-Media-Leiter der Bundeswehr gefallen rechtsradikale Postings

Der Social-Media-Chef der Bundeswehr vergibt Herzchen für rechtsradikale Inhalte und ist mit einem der Identitären Bewegung nahestehenden Account seit Jahren im Austausch. Der Social-Media-Leiter hat sich mittlerweile distanziert, das Verteidigungsministerium spielt seine Rolle runter.

Ein Mann in Bundeswehr-Uniform sitzt vor PC-Bildschirmen
Der Social-Media-Beauftragte der Bundeswehr beschäftigt sich offenbar gerne mit rechtsradikalen Inhalten (Symbolbild). Alle Rechte vorbehalten Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr

Der Leiter der Social-Media-Abteilung der Bundeswehr Marcel B. sympathisierte auf Instagram mit einem Rechtsradikalen. Er hatte Beiträge eines der einschlägigen Accounts gelikt, wie eine Recherche des ARD-Magazins Panorama ergab. Dieser Account wurde nach Bekanntwerden des Falls prompt gelöscht.

netzpolitik.org hat nun weitere Kommunikation zwischen dem Rechtsradikalen und Marcel B. entdeckt. Wir sind auf Hinweise gestoßen, wonach der Betreiber des Accounts mit den Pseudonymen „Incredible Bramborska“, der auch unter dem Nutzernamen „Kernreaktionär“ auftrat, selbst Soldat in der Bundeswehr gewesen sein dürfte. Das Bundesverteidigungsministerium kündigte an, den Fall zu prüfen, spielte aber postwendend die Rolle des Social-Media-Leiters herunter.

Panorama zufolge hatte Marcel B. seither gelöschte Beiträgen des Instagram-Accounts „Incredible Bramborska“ mit „Gefällt mir“ markiert. Screenshots, die das ARD-Magazin veröffentlicht hat, zeigen Postings, in denen der Account Werbung macht für ein Lied über Verschwörungstheorien zum Coronavirus sowie für Bücher aus dem Antaios-Verlag, der für Publikationen der sogenannten Neuen Rechten bekannt ist. Auf den Screenshots ist auch zu sehen, dass diese Beiträge von Marcel B.s Account gelikt wurden.

Bücher des Antaios-Verlags, ein Zitat von Ernst Jünger

Die Postings von „Incredible Bramborska“ weisen klar auf rechte Ideologie hin: Unter dem Post, in dem der Account für Bücher des Antaios-Verlag wirbt, steht: „Es gibt Lektüren, die Impfungen gleichen.“ Dabei handelt es sich um ein Zitat, das Ernst Jünger zugeschrieben wird, einem intellektuellen Wegbereiter des Nationalsozialismus. Laut Panorama bezogen sich andere Beiträge des Accounts, die Marcel B. gelikt hat, eindeutig auf Parolen der rechtsradikalen Identitären Bewegung.

Marcel B. ist offiziell verantwortlich für die Online-Kampagnen, mit denen die Bundeswehr um Nachwuchs wirbt. Er hat auch die „Social Media Guidelines“ der Bundeswehr miterstellt. Darin heißt es unter anderem, dass Angehörige der Bundeswehr, die sich auf Sozialen Medien als solche zu erkennen geben, automatisch als Botschafter:innen auftreten und dass sie keine falschen Tatsachenbehauptungen und radikalen Inhalte verbreiten sollten (S. 29).

Diesbezüglich ist es mindestens fragwürdig, dass der Oberstleutnant selbst nun durch Likes von Postings mit verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Inhalten auffällt. So sieht das nun offenbar auch Marcel B. selbst.

Der Boulevardzeitung BILD erzählte B., ihm sei „ein großer Fehler passiert“. Der Leiter der Social-Media-Abteilung der Bundeswehr behauptet, er habe darauf vertraut, dass die Inhalte seiner Community „schon in Ordnung“ seien. In dem Artikel, der am späten Donnerstagnachmittag erschien, gibt der Oberstleutnant an, mit der Identitären Bewegung sowie rechtem Gedankengut nichts zu tun zu haben. Weiter zitiert ihn die Zeitung mit der Aussage, er habe keinen Kontakt zu Rechtsradikalen.

Wer seine öffentliche Kommunikation mit „Incredible Bramborska“ auswertet, könnte zu einem anderen Eindruck gelangen.

B. bestätigt persönlichen Kontakt zu „Incredible Bramborska“

Marcel B. und „Incredible Bramborska“ tauschen sich seit mehreren Jahren auf Instagram aus, wie Recherchen von netzpolitik.org zeigen. Unter einem Video, das Marcel B. im Jahr 2018 vom Tag der Bundeswehr auf Instagram veröffentlichte, schrieb „Incredible Bramborska“: „Moin @marcel_b. Wollte dir nur die YouTube-Doku „Deutschlands Veteranen- Vergessen und verloren“ ans Herz legen.

Gedreht hatte diese Doku nicht irgendwer, sondern die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, die seit mehr als 20 Jahren gedruckt wird und als Sprachrohr der Neuen Rechten gilt, also alles andere ist als unbekannt. Spätestens jetzt hätte B. wohl stutzig werden und seine Community hinterfragen müssen.

Wie der Social-Media-Chef der Bundeswehr stattdessen reagierte, lässt sich anhand von Instagram-Sicherungen auf Drittanbieter-Seiten rekonstruieren. Demnach fand B. nur Lob für das Video. Er schrieb: „Gut gelungen! Kann ich jedem empfehlen!“

Im Juli 2019 postete Marcel B. ein Foto mit Bundeswehr-Oberst Christian von Blumröder. Er schrieb darunter: „Erst vor wenigen Wochen hatte er nach mehr als drei Jahren Führung das Kommando über das Fallschirmjägerregiment 31 in Seedorf an seinen Nachfolger übergeben.“ Der Account „Incredible Bramborska“ kommentierte: „Mein ehemaliger Kommandeur.“ Auch dieser Kommentar ist inzwischen nicht mehr sichtbar.

Dass die Person hinter „Incredible Bramborska“ tatsächlich Mitglied des Fallschirmjägerregiments 31 der Bundeswehr war, legt diese Kommunikation nahe.

B. selbst bestätigte gegenüber der BILD, die Person hinter dem Account einmal persönlich getroffen zu haben. 2012 oder 2013 sei das gewesen, ein alter Schulfreund habe die Person „mitgebracht“. B. zufolge war „Incredible Bramborska“ tatsächlich „Soldat, wie ich in Kundus eingesetzt und 2010 in schwere Gefechte verwickelt“.

Umstrittene Bundeswehr-Kampagne gegen die re:publica

Marcel B. sorgte als Social-Media-Leiter im Jahr 2018 mit einer Guerilla-Marketing-Aktion auf der re:publica für Aufsehen. Deren Veranstalter:innen hatten sich damals gegen einen Rekrutierungsstand der Bundeswehr mit uniformierten Soldat:innen entschieden. Sie befürchteten, dass das bei der Bundeswehr gängige Recruiting samt Flecktarn und Panzer auf ihrer Konferenz die Stimmung der Besucher:innen und damit auch ihre Bereitschaft zur Teilnahme beeinflussen könnte. Stattdessen boten die re:publica-Veranstalter:innen der Bundeswehr inhaltliche Dialogmöglichkeiten beispielsweise auf Podien an, die diese aber nicht wahrnahm.

Zu Beginn der Konferenz tauchte dann bei diesem „Bundeswehreinsatz im Innern“ ein Werbefahrzeug der Bundeswehr vor dem Eingang des Konferenzgeländes auf, das von uniformierten Soldat:innen, darunter Marcel B., begleitet wurde. Sie verteilten Flyer mit der Adresse der Facebook-Seite „Bundeswehr Karriere“, auf denen behauptet wurde, dass die Bundeswehr auch dafür kämpfe, dass die re:publica gegen sie sein könne. Die re:publica hatte der Bundeswehr die Teilnahme jedoch nie untersagt. Im Gegenteil: Bundeswehrsoldat:innen nahmen in zivil an der Konferenz teil.

Den Veranstalter:innen zufolge wurden Gäste, die die Flyer ablehnten, gefragt, ob es nicht „undemokratisch“ sei, wenn sie sich nicht „auf die Debatte einlassen“ würden. Marcel B. begleitete die Aktion damals auch auf seinem privaten Instagram-Account und verwendete dabei sogenannte „Bashtags“ wie #norepublica oder #restrictedrepublica, also Hashtags, die die re:publica klar herabwürdigen sollten.

In seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke gab das Bundesverteidigungsministerium später an, keine solchen Hashtags zu verwenden.

Verteidigungsministerium will Vorwürfe prüfen

Die Enthüllungen seiner Vorlieben auf Instagram sind nicht das erste Mal, dass Marcel B. im Umfeld von Rechten auffällt. Marcel B. veröffentlichte auch einen Artikel im Buch „Soldatentum – Auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute“, das der neurechte Autor Felix Springer mit herausgegeben hat. Felix Springer verbreitete während und nach seiner Zeit an der Bundeswehr-Hochschule in München rechte Thesen und tritt auf Veranstaltungen und in Videos der „Identitären Bewegung“ auf. Er schrieb auch Gastbeiträge beim Magazin „Sezession“ des Instituts für Staatspolitik, das der Verfassungsschutz als rechtsextremen Verdachtsfall führt.

In der Antwort auf die Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke nach der umstrittenen Aktion am Rande der re:publica 2018 nahm das Bundesverteidigungsministerium zu Marcel B.s Nähe zu Felix Springer keine Stellung. Ungeachtet dieser Verbindung zur Neuen Rechten ist Marcel B., der 2018 noch Major war, inzwischen zum Oberstleutnant befördert worden.

Den neuen Vorwürfen gegen Marcel B. will das Bundesverteidigungsministerium laut eigener Aussage „umgehend und sorgfältig prüfen“. Die Verteidigungsministerin verfolge eine „absolute Null-Toleranz-Linie, insbesondere was rechte Tendenzen angeht.“ Verstöße würden nicht geduldet, hieß es auf Anfrage von Panorama.

Ob das Ministerium den Like und die anderen rechten Verbindungen von B. nun als Verstoß bewertet, bleibt also abzuwarten.

Offenlegung: netzpolitik.org-Chefredakteur Markus Beckedahl hat die re:publica mitgegründet. Redakteur:innen von netzpolitik.org haben auf der Konferenz mehrfach gesprochen.

Mitarbeit: Daniel Laufer

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8 Ergänzungen
  1. Was machen eigentlich MAD und Verfassungsschützer, wenn es immer wieder Journalisten braucht, um solche Fehlentwicklungen aufzuzeigen? Wollen die nicht oder können sie es nicht?

    1. „Ach, man kennt sich doch, und eigentlich ist der XY ein netter Kerl. Er ist eben ein bisschen konservativer. Hat sich halt manchmal nicht im Griff und sagt Sachen, die man falsch verstehen kann. Und sowieso: Einzelfall!“

    2. Der MAD hat im Bereich des Bundesverteidigungsministeriums den Zweck der Spionage- bzw. Sabotageabwehr und der Extremismus- bzw. Terrorismusabwehr. Der Bereich des Bundesverteidigungsministeriums sieht sich traditionell von Links bedroht (Friendensbewegung bis RAF, alles Kommunisten und vom Feind gelenkt) und von Rechts unterstuetzt (rechte Burschenschaften bis Gladio, alles aufrechte Buerger bis auf unglueckliche Einzeltaeter).

      Und der Verfaschungsschutz? Naja, der duerfte unterm Strich fuer die rechtsradikale Szene mehr Aufbauarbeit als Bekaempfung geleistet haben. BfV/LfV gehoeren aufgeloest.

  2. Ein nachfolge Artikel hierzu währe nett.
    Vielleicht auch in zusammenarbeit mit der NZZ?
    Wird sicherlich eine interessante Diskussion :)

  3. Ich erhielt Hinweise, dass Bohnert schon Ende 2019 an den Militärischen Abschirmdienst gemeldet wurde. Auch andere Postings, die eine politische Haltung nahelegen, sind / waren via Instagram nachvollziehbar. Darüber habe ich in diesem Artikel geschrieben:

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1139779.ksk-der-leiter-der-angeblich-keiner-ist.html

    Darüber hinaus existieren Screenshots, die zeigen, dass Bohnerts Co-Autor des Buches „Der Unsichtbare Veteran“ 2018 / 2019 via Facebook mit dem Verein Uniter sympathisiert hat. Die Beiträge wurden mittlerweile gelöscht, sind aber gesichert.

    Ich selbst habe via Twitter im Juli 2019 und August 2019 eine Reihe an Fragen an das BMVg gerichtet, die ebenfalls eine Kritik an Bohnerts Social Media-Aktivitäten enthielten. In der Bundespressekonferenz vom 27.07.2020 und 29.07.2020 habe ich zum Thema nachgefragt.

    27.07.2020: https://www.youtube.com/watch?v=8QXEcZ1mYkY&feature=youtu.be&t=2242
    29.07.2020: https://youtu.be/bz8EXrzLBvg?t=3498

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