Alles zu digitalisieren scheint die Losung der Stunde. Wenn Regierungen ihre Verwaltungen digitalisieren, Museen ihre Archive im Netz präsentieren und Magazine zunehmend digital erscheinen, dann klingt das nach einem ressourcenschonenden, ja nachhaltigen Plan. Schluss mit den Papierbergen in dunklen Verwaltungskorridoren und teuren Flugreisen in die Spezialarchive, rein in die immaterielle Welt der bunten graphischen Benutzeroberflächen, wo Information endlich frei von physischen Grenzen sein soll.
Das mag in den 1990er Jahren, als der Kreis der in digitale Netzwerke Eingeweihten verhältnismäßig klein war, noch so gewesen sein. Heute, mit Milliarden von Menschen, deren Alltag auf digitalen Infrastrukturen fußt, sieht es anders aus. Die meisten von uns wissen mittlerweile, dass die großen Recheninfrastrukturen hinter dem, was wir Tag für Tag als Oberflächenspiele auf unseren multifunktionalen Geräten wahrnehmen, große Mengen an Strom verbrauchen (von Kryptowährungen wie Bitcoin ganz zu schweigen). Dass Computer und Smartphones wertvolle Rohstoffe benötigen und sie trotzdem nach zwei Jahren überholt scheinen und im besten Fall im Sondermüll landen. Dass sie in weit entfernten Teilen der Welt unter teilweise menschenverachtenden Arbeitsbedingungen entstehen.
Mitmachaufruf: Vernetzungskonferenz für Digitalisierung und Nachhaltigkeit
Am 17. und 18. November findet zum ersten Mal die zivilgesellschaftliche Konferenz für Digitalisierung und Nachhaltigkeit, Bits & Bäume, in Berlin statt, die diesen Komplex angehen will: Wie viel wiegt also ein Bit? Wie hängen Rohstoff- und Handelspolitik mit Netzpolitik zusammen? Gehört das Recht auf Basteln und Reparieren, das oft auf der Begeisterung für Technik beruht, nicht eigentlich zu einer konkreten nachhaltigen Praxis? Sind die Nachhaltigkeit- und Effizienzversprechen, die große IT-Unternehmen zunehmend machen, aus einer informierten Umweltperspektive so haltbar? Und was können wir da eigentlich konkret tun?
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„Wir bringen Communities zusammen!“ heißt es auf der Webseite: Ziel soll sein, netzpolitisch Interessierte und Engagierte mit Menschen aus der Umweltbewegung zusammenzubringen und damit politische Steine ins Rollen zu bringen. Denn „eine demokratische und nachhaltige Gesellschaft kann nur gemeinsam gelingen – dafür müssen diese Communities […] voneinander lernen, die Gemeinsamkeiten ihrer Utopien erkennen und diese mit neuer Wucht umsetzen!“
Die Konferenz ruft zum Mitmachen auf und soll damit ein Auftakt sein für eine gemeinsame Position zu einer nachhaltigen Digitalisierung und wider demokratiefeindliche Trends. Neben Akteuren aus zivilgesellschaftlichen Organisationen richten sich die Macher auch ausdrücklich an die Öffentlichkeit und wollen aktuellen netz- und umweltpolitischen Themen zu Sichtbarkeit verhelfen. Der Trägerkreis ist dafür breit aufgestellt und enthält eine prominente Liste von netz- und umweltpolitischen Organisationen und Vereinen aus Zivilgesellschaft, Aktivismus und Forschung. Neben dem Chaos Computer Club, der Open Knowledge Foundation und dem Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) ist auch der BUND, Germanwatch, Brot für die Welt und der Deutsche Naturschutzring dabei.
Erste Verbindungen ausbauen
Punktuelle Verbindungen zwischen „Techies“ und „Ökos“ gibt es natürlich schon. Freiwillige zeigen ganz konkret, wie nachhaltiger Hacktivismus aussehen kann. Ein Projekt aus dem Stuttgarter OK Lab, luftdaten.info, kümmert sich beispielsweise um die Open-Source-Messung von Feinstaubwerten – mittlerweile sind weit über Stuttgart hinaus, ja weltweit über 5.000 Sensoren verbaut, der Großteil davon allein im letzten Jahr. Andere bauen ein Fairphone und versuchen damit unter den heutigen ausbeuterischen Bedingungen zu zeigen, wie man bei neuer Technologie nicht nur überhaupt auf die Ökobilanz achtet, sondern auch versucht, die rohstoff- und handelspolitischen Fragen, die im Hintergrund liegen, zu adressieren.
Greenpeace Österreich wagte sich, wie wir berichteten, im letzten Jahr mit der Initiative „Netpeace“ in die Netzpolitik vor. Die Buchautoren von „Smarte grüne Welt?“, Steffen Lange und Tilman Santarius, machten in einem Gastbeitrag auf netzpolitik.org einen nachdenklicheren Aufschlag. Sie forschen am Institut für ökologische Wirtschaftforschung (IÖW), das auch Teil des Trägerkreises ist, und plädieren für eine „sanfte Digitalisierung“. Sie sollte Aspekte der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit von Anfang an mitdenken und zur Bedingung machen. Von zwei getrennten Lagern zu sprechen, die sich auf der Konferenz zum ersten Mal treffen, wäre also übertrieben. Zu sagen, dass man sich bereits lang und gut kennt und übereinander Bescheid weiß, aber auch.
Wie kann ich mich beteiligen?
Der Call for Participation, der seit dieser Woche online ist, erlaubt von Workshops über traditionelle Vorträge, Podiumsdiskussionen und Crypto-Parties viele Formate. An beiden Tagen gibt es darüber hinaus Platz auf dem Veranstaltungsgelände für Initiativen, Vereine und Netzwerke. In diesem Forum gibt es genug Platz für Stände, DIY-Ecken oder künstlerische Interventionen.
Als Sonderformat gibt es am Samstagabend ein „Sporangium“: In acht Minuten hat man dort die Freiheit, Vorträge zu halten, Mitstreiterinnen und Mitstreiter für einem Projekt zu gewinnen oder die eigene Meinung zu einem Thema zu kundzutun. Menschen, die schon mal auf einem Congress des Chaos Computer Clubs waren, kennen das vielleicht als Lightning Talks. Anmeldungen und Einreichungen können bis zum 19. August unter frab.bits-und-baeume.org eingetragen werden.
Auf einen Blick: Die Konferenz „Bits & Bäume“ findet am 17. und 18. November 2018 an der TU Berlin statt. Hier geht’s zur Webseite, hier zum Call for Participation, hier zum Call bei events.ccc.de. Hier geht es zur Anmeldung als Besucherin. Netzpolitik.org ist Medienpartner der Konferenz.
