Öffentlichkeit

Smarte grüne Welt: Darf die Digitalisierung gesellschaftliche Probleme noch verschärfen?

Was macht das rasante Tempo technologischer Entwicklungen mit der Gesellschaft? Die Buch-Autoren Steffen Lange und Tilman Santarius schlagen eine „sanfte Digitalisierung“ vor. Was das heißt, zeigt ein Auszug aus ihrem Buch „Smarte grüne Welt?“.

CC-BY 2.0 Mapbox

Angesichts der vielen um sich greifenden Technologien neue Gedanken zu einer nachhaltigen Digitalisierung in die Diskussion einzubringen, ist das Anliegen der beiden Autoren Steffen Lange und Tilman Santarius: Wo können digitale Werkzeuge Ressourcen einsparen? Wie fallen Ökobilanzen und Einschätzungen zum Energieverbrauch bei technischen Geräten aus? Wie kann man ökologische Ziele mit der Digitalisierung verbinden? Dazu liefert ihr Buch sowohl Antworten als auch neue Fragestellungen.


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In der Einleitung ihres Buches „Smarte grüne Welt?“ schreiben Lange und Santarius:

Unsere Generation steht vor zwei Herkulesaufgaben: Wir müssen die Welt mit 7,5 Milliarden Menschen gerechter machen und gleichzeitig die Umwelt vor dem Kollaps bewahren. […] Wir stehen also vor der Megaherausforderung des nachhaltigen gesellschaftlichen Wandels, während der Megatrend Digitalisierung sich in vielen Lebensbereichen Bahn bricht. Kann das disruptive Potenzial der Digitalisierung helfen, den dringend nötigen Wandel anzustoßen und die Welt von morgen zu einer sozial gerechteren und ökologisch nachhaltigeren zu machen?

Die beiden Autoren und Umweltexperten Lange und Santarius schlagen eine „sanfte Digitalisierung“ vor, um diese großen Aufgaben anzugehen. Was sie damit meinen, zeigt ein Auszug aus ihrem Buch.

Dieser (leicht gekürzte) Auszug erscheint bei uns mit freundlicher Genehmigung des Verlags und der Autoren.

Plädoyer für eine sanfte Digitalisierung

Mit großer Macht und Geschwindigkeit verändern digitale Technologien unsere Lebenswelt, unser Arbeitsumfeld, das soziale Miteinander und die Wirtschaftsstrukturen unserer Gesellschaft. Die daraus resultierenden Herausforderungen ergänzen eine bereits bestehende Bandbreite fundamentaler Probleme, die die nächsten Jahrzehnte prägen werden. Krisen, Kriege und instabile Regionen nehmen weltweit zu und treiben Millionen Menschen aus ihrer Heimat in die Flucht und Unsicherheit. Der globale Klimawandel, das Artensterben, die Erosion fruchtbaren Ackerlandes und die Luftverschmutzung in den Städten türmen sich zu einer Kaskade ökologischer Probleme, die wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen. Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft in jene, die viel besitzen, und andere, die um ihren Arbeitsplatz, ihr verlässliches Einkommen und ihren würdigen Platz in der Gesellschaft bangen müssen, untergräbt das Prinzip einer solidarischen Gesellschaft. All diese Herausforderungen rufen nach grundlegenden Veränderungen in der Art und Weise, wie wir wirtschaften, konsumieren, die Wohlstandsgewinne verteilen und soziale Vorsorge betreiben.

buch-cover santarius langeDer Megatrend Digitalisierung wird – insbesondere so, wie er sich in den letzten fünf bis zehn Jahren entwickelt hat – keine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen von sich aus lösen. Im Gegenteil besteht ungeachtet einiger Chancen die Gefahr, dass eine Digitalisierung unter den bestehenden ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen viele gesellschaftliche Probleme eher noch verschärfen dürfte. Die Polarisierung von Einkommen, Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt, Risiken von Überwachung und Einschüchterung sowie zunehmende Verbräuche von knappen Ressourcen und klimaschädlichen Energieträgern – dies alles kann durch die Digitalisierung noch forciert werden, wenn Politik, Zivilgesellschaft und Nutzer*innen nicht zielgerichtet intervenieren.

Freilich bedeutet dies nicht, dass auf die weitere Nutzung von Smartphones oder des Internets verzichtet werden sollte. Auch eine pauschale Absage an Roboter oder künstliche Intelligenz ist nicht zielführend. Die Strategie sollte stattdessen sein, viel genauer und bedachter als bisher hinzusehen, welche digitalen Anwendungen die Gesellschaft weiterbringen und welche trotz möglicher futuristischer Versprechungen doch eher fragwürdig bleiben.

Die Digitalisierung können wir uns hierfür als einen großen und vielfältigen Werkzeugkasten vorstellen. Manche Werkzeuge können bestimmte Probleme lösen. Aber nicht für jedes Problem gibt es ein Werkzeug, und manchmal passen die Werkzeuge nicht, auch wenn es zuerst so aussah. Und keinesfalls sollte die Erfindung von Werkzeugen bestimmen, was wir als gesellschaftliches Problem definieren. Vielmehr müssen die digitalen Tools nach Maßgabe der klügsten Lösungsoptionen hergestellt werden. Um dies zu erreichen, muss die Digitalisierung viel mehr, viel selektiver und viel kritischer von Politik und Gesellschaft gestaltet werden, als es derzeit der Fall ist. Die Fragen »Welche Digitalisierung wollen wir?« und »Wofür wollen wir digitale Tools nutzen?« sollten jede Diskussion über das Thema bestimmen.

Die Gefahr ist groß, dass digitale Disruptionen zu viele negative gesellschaftliche Effekte hervorbringen werden, um am Ende noch einen emanzipatorischen Wert aufzuweisen. Ähnliche Dynamiken sind auch von anderen Megatrends bekannt, etwa der Globalisierung. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde ein freier Welthandel zunächst als Mittel der Völkerverständigung, des Friedens und der wirtschaftlichen Chancen betrachtet. Seit dem Fall des ›Eisernen Vorhangs‹ avancierte der Freihandel jedoch zum Spielfeld transnationaler Konzerne, die ihre Gewinne über Grenzen hinweg maximieren und dafür Menschen und Umwelt ausbeuten.

Verlierer der Globalisierung

Und heute? Viele der Menschen, die in den USA für Trump und in Großbritannien für den ›Brexit‹ gestimmt hatten, aber auch Millionen Menschen in anderen Ländern des Südens und Nordens haben als gefühlte oder reale Verlierer*innen der Globalisierung eine gewaltige Frustration entwickelt. Das ebnet nun populistischen Parteien mit fremdenfeindlichen und demokratiegefährdenden Absichten den Weg in die Parlamente und spaltet Gesellschaften. Dennoch ist Handel zwischen Ländern natürlich nicht grundsätzlich schlecht. Bloß: Die Gesellschaft hat den Moment verpasst, das Zuviel einer an sich guten Sache zu verhindern. Ein ganz ähnlicher Trend zeichnet sich nun auch für die Digitalisierung ab. Eine disruptive und einseitig kapitalistisch getriebene Digitalisierung könnte viele Menschen abhängen und dazu führen, dass sie keinen Platz mehr in der Gesellschaft finden. Wir müssen versuchen, dies zu verhindern!

Auf die Frage, ob die Gesellschaft noch mitkäme bei dem rasanten Tempo technologischer Entwicklungen, antwortete der Chefstratege Astro Teller von Google X unlängst in einem Interview: »Seit Kurzem ist die Geschwindigkeit des radikalen technologischen Wandels schneller als die Rate, mit der die Gesellschaft noch darüber nachdenken kann. Aber anstatt die Technologien als das Problem zu betrachten, schlage ich vor, dass wir die Fähigkeit unserer Gesellschaft stärken müssen, schneller zu denken, sich schneller zu entwickeln und sich schneller an die technische Welt anzupassen. Ich denke, das ist viel produktiver als den technologischen Wandel zu verlangsamen.«

Diese Ansicht steht idealtypisch für viele der Apologeten des Silicon Valleys und der IT-Welt. Sie stammt (oft) von weißen, hochgebildeten, technophilen Männern, die von einer solchen Herangehensweise profitieren. Doch diese scheinen außer Acht zu lassen, dass sich Eigenschaften wie Empathie, gesellschaftliche Vielfalt oder auch das Tempo biologischer Regenerationszyklen einer raschen und radikalen Veränderung schlicht entziehen. Wenn wir außerdem annehmen, dass dies die Sichtweise einer Minderheit ist und die Mehrheit für Werte wie demokratische Mitbestimmung, Gemeinwohlorientierung und ökologische Nachhaltigkeit eintritt, dann ist klar: Wir müssen die Digitalisierung an unsere gesellschaftlichen Vorstellungen anpassen und nicht umgekehrt!

Wir plädieren daher nicht für eine disruptive, sondern für eine sanfte Digitalisierung. Nur eine sanfte und bedachte Digitalisierung, die klar auf einen nachhaltigen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen sowie auf die Bedürfnisse der Menschen aller Herkünfte, Bildungshintergründe und Einkommensniveaus ausgerichtet ist, wird die Umwelt entlasten, Mut machen und sozialen Zusammenhalt stärken. Wir brauchen keine Gesellschaft aus Nullen und Einsen. Was wir brauchen, ist eine Digitalisierung nach menschlichem und ökologischem Maß.


Steffen Lange ist promovierter Volkswirt, arbeitet am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und engagiert sich ehrenamtlich bei Organisationen und Initiativen wie dem „Konzeptwerk Neue Ökonomie“, „Common Future“ und der „Zivil-Enquete Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“.

Tilman Santarius ist Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin und am Einstein Center Digital Futures, Ko-Autor mehrerer Bücher, darunter „Fair Future“ und „Der Rebound-Effekt“, und engagiert sich ehrenamtlich im Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland. Der Deutschlandfunk Kultur hat Santarius in einem Interview zu den Thesen des Buches befragt.

6 Kommentare
  1. „Darf die Digitalisierung gesellschaftliche Probleme noch verschärfen?“

    Verschärfen dürfen darf sie nicht, verschärfen werden wird sie aber.

    Homo Sapiens hat sich seit spätestens Kant sittlich nicht mehr weiterentwickelt; mit Aufgaben von der Komplexität etwa von „Technologiefolgenabschätzung zu KI“ sind wir also erst recht hoffnungslos überfordert.

  2. Die übliche Gestaltungsillusion. Im globalen Wettbewerb verliert, wer sich zu langsam anpasst. Die Menschen sind letztendlich Getriebene in einem evolutionsartigen Wettbewerbsprozess, soziale Erwägungen spielen da nur eine Rolle sofern sie notwendig sind um die Stabilität und Effizienz der ökonomischen Maschinerie aufrecht zu erhalten

  3. Schade. Mit der Problemanalyse und den Visionen der Autoren gehe ich vollkommen konform. Ja. Die Ursache aber wieder bei älteren, weißen Männern zu suchen finde ich fast schon eine Unverschämtheit.

    Ich bitte euch diesen rassistischen, sexistischen und altersdiskriminierenten Text zu löschen. Danke.

    1. Die Autoren kritisieren eine Herangehensweise, die nach deren Einschätzung „(oft) von weißen, hochgebildeten, technophilen Männern“ vertreten wird. An keiner Stelle im Beitrag wird jedoch auf diese als Ursache der Probleme verwiesen.

    2. Die Propheten der schönen neuen Heilslehre sind mit älteren, weißen Männern
      nur unzureichend beschrieben. Im Spiegel ihrer eigenen Schöpfungen
      fallen die Apologeten in geradezu überirdische Verzückung und sehen in der totalen Digitalisierung das Heil für den künftigen ›Neuen Menschen‹, frei von Leid und so banalen Dingen wie Sterblichkeit.
      Digitaler Autismus vereint sich hier mit faschistoiden Über-Mensch-Fantasien zu
      einem üblen Gebräu. Hier scheint der Höhe- und Endpunkt einer patriarchalen
      Dominanz erreicht zu sein, die jeglichen Kontakt zur natürlichen Schöpfung verloren hat
      und diese Leere mit seinen eigenen Kreaturen zu besetzten versucht.
      Das unsere Gesellschaft dies im Moment fatalistisch oder begeisternd aufnimmt,
      liegt einzig an der Ermangelung anderer Zukunfts-Erzählungen.

      Im Faust II hat Goethe in der Homunkulus-Szene diese Entwicklung beschrieben und uns
      gleichzeitig die Lösung aufgezeigt …

  4. Die Kommentare die hier wiederhallen verschlucken sich selbst wie negierte Echos.
    Ist es so schwer die rosarote Brille durch eine giftgrüne zu ersetzen. Ohne optimistischen Kampfgeist und entschlossene Zuversicht wird das nichts.
    Der Wettstreit ist natürlich – wir sind immer noch ein Teil der Natur – und wird nicht durch besänftigende Mantras „das wird schon“ aufgehoben.

    Um jedoch im Wettstreit mit den Digitalen-Autokraten bestehen zu können, macht es in der Tat Sinn die Nächstenliebe als fundamentale Grundlage heranzuziehen.
    Das hat auch schon Raiffeisen begriffen und zu seiner Zeit – Umbruch Agrarzeitalter / Industriezeitalter – hat diese Grundlage hergenommen und darauf sein Genossenschaftsmodell aufgebaut.

    „Es ist die köstliche Wissenschaft, die köstlichste aller Wissenschaften, zu erforschen wie man die Burderliebe die #Nächstenliebe am hilfreichsten und segensreichsten zur Ausführung bringt.“ Friedirch Wilhem

    http://www.ardmediathek.de/radio/radioWissen/Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Und-die-I/Bayern-2/Audio-Podcast?bcastId=5945518&documentId=51761800

    Wenn man das heute Mittels der Blockchain zeitgemäß „pimpt“ hat man ein 1a „Schlachtschiff“ mit dem ohne Weiteres jeden Digitalen-DatenSiloÖl-Tanker jeglicher coleur kapern kann. Wo sind die Matrosen die tatkräftig anheuern. Einen Capitain gibt es auf so seinem Piratenschiff keinen. Freiwillige vor ;)

    https://hearthis.at/radiomorgenland-fu/piratenflagge-10/

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