Netze

Unterschiedliche Regeln zur Netzneutralität könnten Internet fragmentieren

Regeln für Netzneutralität sollen sicherstellen, dass jedes Datenpaket gleichberechtigt behandelt wird. CC BY 2.0, via flickr/Christian Scholz

Sollten die USA und die EU ihre jeweiligen Regeln für Netzneutralität unterschiedlich auslegen, könnte das weitreichende Folgen bis hin zu einer Fragmentierung des Internets nach sich ziehen. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der Stiftung Neue Verantwortung, die die Debatten der vergangenen Jahre nachzeichnet und die unterschiedlichen Ansätze sowie deren potenzielle Auswirkungen untersucht.


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Zwar überschneiden sich die postulierten Regeln in vielen Punkten, an etlichen Stellen überwiegen jedoch die Unterschiede. Wie drastisch diese in der Praxis ausfallen werden, lässt sich allerdings noch nicht abschließend festhalten: Zum einen haben die EU-Institutionen den unlängst ausgehandelten Kompromiss noch nicht abgesegnet, auch wenn davon auszugehen ist, dass er in der vorliegenden Form im Herbst beschlossen werden wird. Zum anderen wird es an den nationalen europäischen Regulierungsbehörden und Gerichtshöfen liegen, die Unklarheiten der geplanten Verordnung auszulegen, insbesondere was Spezialdienste und Zero-Rating-Angebote betrifft.

Im Unterschied dazu lassen die Anfang des Jahres von der US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) aufgestellten Regeln deutlich weniger Interpretationsspielraum offen, schon allein deshalb, weil sie auf einer klaren theoretischen Grundlage fußen. Der FCC-Ansatz, der die diskriminierungsfreie Gleichbehandlung aller Datenpakete festschreibt, geht von einem sogenannten „virtuous cycle“ aus, also dem Gegenteil eines Teufelskreises.

Der „Virtuous Cycle“

Neue Dienste und Applikationen, die auch – und vor allem – von bislang unbekannten Unternehmen stammen können, schrauben die Anforderungen an die dazu notwendige Netzkapazität unweigerlich nach oben. Konsumenten, die diese innovativen Angebote nutzen wollen, werden in der Folge nach entsprechend breitbandigen Anschlüssen verlangen und bereit sein, dafür zu bezahlen. Die daraus resultierenden Mehreinnahmen sollten die Netzbetreiber, jedenfalls bei einer funktionierenden Marktstruktur, in den Ausbau der Infrastruktur investieren, um ihre Kunden nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Das wiederum schafft die Grundlage für neue Angebote, die die neu geschaffenen Kapazitäten ausreizen, was zu einem weiteren Ausbau führt und so weiter.

Weil sich etablierte Platzhirsche keinen bevorzugten Zugang erkaufen können und Datenpakete selbst des kleinsten Start-ups gleichberechtigt durch das Netz transportiert werden, kann Innovation auch an den Rändern stattfinden und somit ein Umfeld schaffen, von dem alle profitieren: Diensteanbieter, die sich sicher sein können, dass ihre Angebote nach dem Best-Effort-Prinzip zum Kunden ausgeliefert werden; Netzbetreiber, denen zusätzliche Umsätze in die Kassen gespült werden; Konsumenten, die in den Genuss schnellerer Übertragungsgeschwindigkeiten kommen; und nicht zuletzt die gesamte Volkswirtschaft, die auf einer robusten und gut ausgebauten Infrastruktur aufbauen kann. Ohne Netzneutralität würden für Netzbetreiber hingegen die Anreize überwiegen, Netzwerküberlastungen mittels bezahlter Überholspuren zu monetarisieren – zu Lasten des Breitbandausbaus, der allen zugutekommt.

Gefahr der Fragmentierung

Auf unserer Seite des Atlantiks ist die Lage nicht ganz so klar. In dem offenkundigen Bemühen, alle zufriedenzustellen, weist der Kompromissentwurf eine Reihe an Schlupflöchern auf. Ob und wie diese gefüllt werden, wird darüber entscheiden, wie unterschiedlich sich das Internet in den beiden Wirtschaftsräumen entwickeln wird.

Sollten in der EU Spezialdienste, also bezahlte Überholspuren, zur neuen Normalität werden, dürfte das aller Wahrscheinlichkeit nach die Position bereits etablierter Telekommunikationsunternehmen stärken und die der aufkeimenden europäischen Internetwirtschaft schwächen. Letztere befindet sich im Vergleich zu US-amerikanischen OTT-Anbietern (Over-the-top-Content) jetzt schon im Hintertreffen. Zu erwartende Verhandlungen mit dutzenden Netzbetreibern, die über die einzelnen EU-Mitgliedstaaten verteilt sind, lassen sich von finanziell gut ausgestatteten Anbietern einfacher stemmen als von unbekannten Start-ups.

Der aus der Monetarisierung von Überlastungen resultierende Stillstand beim Netzausbau würde darüber hinaus Konsumenten frustrieren und die Nachfrage nach neuen, innovativen Angeboten dämpfen. Das Ergebnis dieser Entwicklung wäre das Gegenteil eines „Virtuous Cycle“: Als Gewinner des Teufelskreises würden große europäische Netzbetreiber und US-amerikanische Diensteanbieter aussteigen.

Zusätzlich besteht die Gefahr, dass es sich für Anbieter nicht lohnen würde, solche Verträge in kleineren EU-Ländern auszuhandeln, weil die zu erwartenden Umsätze den Aufwand nicht rechtfertigen würden. Abhängig vom Marktumfeld könnte das Internet deutlich anders aussehen, indem einzelne Angebote nur bedingt oder gar nicht erreichbar wären. Als Vorboten dieser Entwicklung könnte man sogenannte Zero-Rating-Angebote sehen, die bestimmte Dienste vom vertraglich festgelegten Datentransfervolumen ausnehmen, stellenweise aber als „vollwertiger“ Internetzugang vermarktet und wahrgenommen werden.

Peering regulieren!

Peering- und Transitfragen bleiben überwiegend unreguliert. CC BY 2.0, via flickr/Christian Scholz
Peering- und Transitfragen bleiben überwiegend unreguliert. CC BY 2.0, via flickr/Christian Scholz

Zu einer weiteren Fragmentierung könnte die weitgehend unregulierte Situation an den Zusammenschaltungspunkten zwischen Providern (Peering beziehungsweise Transit) beitragen. Dass die FCC diese Frage überhaupt aufgreift, stellt schon eine beachtenswerte Ausnahme dar: Üblicherweise halten sich Regulierungsbehörden dabei vornehm zurück und verlassen sich lieber darauf, dass das der Markt wie bisher schon von selbst regeln wird. Freilich zeigte spätestens die Auseinandersetzung um die mangelhafte Anbindung der Video-Plattform Netflix zwischen 2013 und 2014, dass ungelöste Peering-Konflikte Dienste unbenutzbar machen können, dabei die Netzneutralität untergraben wird und das letztlich zu Lasten von Konsumenten geht.

Die neuen Regeln in den USA erweitern den Einflussbereich der FCC und schreiben fest, dass der Austausch von Traffic zwischen den Providern „gerecht und angemessen“ abzulaufen habe. Beschwerden gegen angebliche Verstöße sollen von Fall zu Fall behandelt werden. Auf EU-Ebene bleibt das Thema derzeit noch außen vor – so entschied sich etwa das „Gremium Europäischer Regulierungsstellen für elektronische Kommunikation“ BEREC im Jahr 2012 dafür, Peering im Zusammenhang mit Netzneutralität bis auf Weiteres nicht zu berücksichtigen. Auch die deutsche Bundesnetzagentur setzt ausdrücklich auf „soviel De-Regulierung wie möglich„.

Bleibt dieser Bereich jedoch wie bisher intransparent und unreguliert, steigen für Netzbetreiber die Anreize, Inhalteanbieter respektive deren Provider nach Belieben zu erpressen und von ihnen willkürlich festgesetzte Preise für den Austausch von Daten zu verlangen. Im schlimmsten Fall könnte das auf (ökonomischen) Protektionismus und Zensur von Inhalten hinauslaufen. Sollten zu viele Länder eine solche Diskriminierung zulassen, besteht die Gefahr, dass das Internet in viele einzelne, voneinander abgeschirmte Bereiche zerfällt – und das Internet, wie wir es bisher gekannt haben, fast unweigerlich verloren geht.

7 Kommentare
  1. Könnten Dienste wie Netflix ihre Daten nicht über eine dynamische P2P Infrastruktur ausliefern ? Das dürfte dann von den Providern kaum mehr zu drosseln sein. Microsoft liefert Updates ja mittlerweile auch via P2P aus, da können die Provider dann wirklich nix mehr dagegen machen.

    1. Technisch wäre das möglicherweise eine gute Lösung, die sich allerdings eher für aktuelle Inhalte (also zB. ein Sicherheitsupdate oder die neueste Folge einer TV-Serie) eignet und weniger für möglicherweise obskure Inhalte. Stattdessen geht der Trend hin zu CDNs (Content Delivery Network), siehe https://openconnect.netflix.com. Das können sich aber nur große Anbieter wie eben Netflix leisten.

  2. Ich gebe zu bedenken, dass unser Staat sich im Gegensatz zu den USA die Pflicht auferlegt hat, eine „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ zu schaffen. Die USA sind auch, was das angeht, extrem breit aufgestellt, von High Tech bis Drittweltinfrastruktur. Wir hingegen dürfen meckern, wenn wir mit 2 MBit nicht zufrieden sind. Zum anderen finde ich die Unterscheidung zwischen „gutem Geld“ und „bösem Geld“ und „gutem Konsum“ und „schlechtem Konsum“ etwas esoterisch. Okay, das Netz mag von den Hippies erfunden worden sein, die diese Unterscheidung geprägt haben.
    Aber warum sollte man annehmen, dass eine Gesellschaft, die beim Wunsch instantaner Bedürfnisbefriedigung angelangt ist und ständig bei Laune gehalten werden und mit Neuigkeitsillusion gefüttert werden will, plötzlich das Interesse an „innovativen Diensten“ verliert, wobei vielleicht witzig ist, sich in Erinnerung zu rufen, wie episch Leute darüber sprechen, einen Euro geknausert zu haben, während sie Shoppingopfer sind, so dass selbst eine supertolle mit Herzblut entwickelte und supportete App für 3 Euro, die zu lebenslangen Updates berechtigen, zwar 3 Millionen mal installiert wurde, aber eben per Warez-Forum, so dass es ein 1-Euro-Job ist, sie zu betreuen?
    Wenn es so etwas wie „funktionierende Märkte“ gibt, sollten sie ja auch eine Gegenentwicklung zu vernichtender Fragmentierung des Netzes anstoßen.
    Soweit ich mich entsinne, sind Theorien Abstraktionen über wiederkehrende Beobachtungen, die überall gemacht werden können. Sie haben Bedingungen und einen klar definierten Geltungsbereich mit Grenzen, da sie sonst nicht falsifiziert werden können und ohnehin nie zu verifizieren sind.
    Es sind keine idealisierten Wunschvorstellungen und auch kein Teufel an der Wand. Sie sind erst einmal recht wertfrei.
    Vor allem sind sie keine Werkzeuge, die so zwingend wie der Hammer auf den Nagel einwirken.
    Ich plädiere für mehr anekdotische Erzählungen, damit ein Diskurs nicht folgenlos in der Prozession vor sich her durch die Stadt getragen wird und das Problem „die“ oder „die“ sein sollen.
    Meiner Erfahrung nach gibt es Güter und Dienstleistungen, die als Gewinnbringer taugen und zwar unter bestimmten Bedingungen.
    Bezahlbare Wohnungen wurden privatisiert und jetzt herrscht ein Mangel, dafür gibt es eine Luxusschwemme. Im Luxussegment funktioniert „der Markt“, weil man mit fancy shit Konkurrenz schafft, Interesse erzeugt und Nachfrage und Preisniveau steigert, bis “ der Markt“ dann total unvorhersehbar (und nicht dem idealisierten Wunschdenken entsprechend) versagt, während man im unteren Segment nur durch Kostenreduktion um jeden Preis ein vorrangig pekuniäres Interesse aufrechterhalten könnte. Manche Dinge kann “ der Markt“ eben nicht, und daher braucht es weniger Theologie und mehr sich wiederholende Beobachtungen.
    Man kann doch nicht auf der einen Seite das Mantra der Innovation flüstern, die allein dafür sorgt, dass sich ein Business nicht selbst kannibalisiert und auf der anderen Seite annehmen, dass Geld, wenn es auf „falsche“ Weise verdient wird, automatisch „dummes Geld“ wird.
    Ein Problem ist doch, dass Ressourcen begrenzt sind, sonst könnten wir einfach weltweit japanische Infrastrukturverhältnisse schaffen und kostenlos zur Verfügung stellen.
    Ich mag ja auch freundliche Hippies gerne, aber heutzutage sollten wir doch Autodoxie und Orthodoxie ein bisschen im Zaum halten.
    Murphy’s Gesetz ist ein Spaß, nicht die Weltformel.
    Man schaue sich doch einmal zum Spaß Spiegel-Cover aus den 80ern an.
    Wir leben in der Endzeit ohne Vegetation. So ziemlich nichts, was passiert ist, hat jemand kommen sehen.
    Ein Freund, der in Brasilien aufgewachsen ist und im Winter das erste Mal in Deutschland war, glaubte das wirklich. Es hat gedauert, bis mir klar war, dass Regenwald kein Herbstlaub kennt.
    Es gibt doch manchmal extrem schlaue Sprüche.
    Einer lautet: „Daten sickern durch. Das ist keine Eigenschaft des Internets, sondern eine Eigenschaft von Daten.“
    Früher sagte man: „Das bleibt unter uns, deswegen muss ich dich jetzt leider töten.“
    Es gibt nicht viel Neues.
    Auf längere Sicht ist nicht einmal verwunderlich, dass ich in einer Zeit aufwuchs, in der Kritik Anarchokapitalismus von Ayn Rand schon wie ein Majorsrang bei der Stasi war, die Worte „Kapitalismus“ und „eventuell nicht so gut“ mussten durch mindestens drei Seiten Fließtext getrennt werden.
    Viele Grüße, ich finde Euch trotzdem gut.

    1. Ich habe vielleicht meine Mäander ein wenig aus den Augen verloren und schreibe natürlich rein subjektiv, zumal ich mich sonst keines Besseren belehren lassen könnte.
      „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, ist der Teil des Satzes, der sich auf Staaten untereinander bezieht.
      “ Der Mensch ist des Menschen Gott“, bezieht sich auf zwischenmenschliche Begegnungen und nimmt die mimetische Spiegelung des anthropomorphen Monotheismus säkularisiert beim Wort. Vielleicht ist das ein gutes Argument für anekdotische Diskurse, in denen man sich zur Disposition stellt.
      „Die moralische Partei der Zwei“ sei hier angedacht und ich schreibe ja nicht „Euch“ sondern mir selbst im narzisstischen Bentham-Knast.
      Wir würden vielleicht sagen, dass Konzerne sich wie Psychopathen verhalten, selbst wenn sie aus liebenswerten netten Einzelmenschen bestehen.
      Nun, in kollektivistischen Kulturen geben sich narzisstische Psychopathen überaus altruistisch, weil es ihrem Ansehen nützt.
      Reduktion auf Schlüsselbegriffe, die man früher „Kampfbegriffe“ nannte, diskreditieren nur ein Thema wie den „militärisch-industriellen Komplex“, über den zwar immer noch berichtet wird, nur unter anderer Flagge.
      Autodoxie und Orthodoxie führen doch zu Bigotterie, die zwar Karrieremuster ermöglicht, aber die Sachfrage verrät.
      Es würde doch vermutlich auf eine Informationselite mit wenig Datendurchsatz und ein Entertainmentproletariat hinauslaufen.
      Die Studenten, die gegen die Bild-Zeitung waren, wurden von denen, die sie befreien wollten, zutiefst verachtet.
      Die polnische Solidarność hatte ein ähnliches Problem mit Bildungsmangel, so dass sie zu einer elitären Veranstaltung mit Kontinuitätsmythos wurde.
      Und meine Tor Bridge benutzen sogar Leute aus Iran und China (natürlich nicht unter dieser IP).
      Vermutlich wird es auch in Zukunft einen Weg geben, das Netz so zu nutzen, wie man möchte.
      Nur sollte man eben nichts so fürchten wie seine Wünsche und Medienkonsum steigt proportional zum Bildungsmangel.
      Ich habe einen Arzt als Beispiel, der Sylvia Plath eine Sau hätte grausen lassen.
      Die Killerspielediskussion wurde ja schon bei der Erfindung des Buchdrucks und noch einmal mit Erscheinen der ersten Zeitungen geführt.
      Es gab einen „Biologen“, tatsächlich Universitätsprofessor, der heutzutage gänzlich unerforschlich ist, der mit vermenschlichten Beschreibungen possierlicher Tierchen ein Vermögen angehäuft hat, das das der Beatles im Gegenwert übersteigt.
      Gleichzeitig ist es kaum möglich, den heulsusigen faschistoiden Massenmusikgeschmack der 1920er zu rekonstruieren, weil nur die Avantgarde erhalten geblieben ist.
      Wird schon nicht so schlimm werden.

  3. Nur der Vollständigkeit halber: Das ist keine Studie der SNV, sondern ein Debattenbeitrag basierend auf der Studie der CIGI

    The Centre for International Governance Innovation (CIGI) is an independent, non-partisan think tank focused on international governance.

  4. Hey alle miteinander, etwas ganz kurzes ist mir noch eingefallen.
    Wie sieht es mit dem Traffic Shaping Eures Routers aus? Wir sind doch alle froh, VoIP und IPTV echtzeitpriorisieren zu können.
    In den 90ern habe ich einen PPPoE-Treiber vom sehr geehrten Robert Schlabach für das asynchrone DSL genommen. Der konnte das nicht und somit war es nicht möglich, während eines großen Downloads eine Email zu verschicken.
    Es ist kein Neoliberalismus, darauf hinzuweisen, dass semantischer Gehalt und technische Gegebenheiten zwei getrennte Sphären sind.
    Die Maximalforderung im einen Bereich orientiert sich an dem, was Menschen für wert erachten und bezieht sich auf etwas inhärent Amoralisches.
    In diesem Sinne hat sich Vertragsfreiheit im Rahmen der Gesetze als vorläufige Bestmarke etabliert.
    Erinnert Ihr Euch an staatliche Pflicht zur Grundversorgung der gesamten Bevölkerung mit Telekommunikation?
    Das hieß “ Der Gilb“ und war verhasst von jedem, der mehr als ein Ortsgespräch für 20 Pfennig wollte.
    Starke Regulierung ruft immer Hilfssheriffs auf den Plan, selbst wenn es um Hundescheiße geht.
    Den Menschen etwas zuzutrauen bezieht sich auf alle.
    „Die da oben“ ist der Grundsatz des Stammtisches, der mit der Frikadellengabel in seine Lieblings-Voodoo-Puppe stechen will, um sich zu beklagen, weil er sich abgedrängt sieht, aber dort, in der kleinstmöglichen Welt mit der höchsten Drehzahl, regiert er eisern.
    Nun bin ich vor einer Glasscheibe, die leuchtet, ähnlich aufgestellt. Aber ich habe das mit vielen von Euch gemeinsam.
    Glaubt mir, es gibt nichts Neues.
    Restlos alles glaubten und ersehnten wir früher in Bezug auf das Musikfernsehen und Sherry Turkle mag sehr nett sein, allerdings hatte ich diese Erfahrungen schon früher gemacht.
    Die einzige wirkliche Überraschung war, dass wir uns so getäuscht hatten und es nichts neues gibt.
    Wenn etwas so pflichtschuldig wiederholt wird wie der Neuheitsfetischismus und die totale Veränderung, blah blubb, dann ist da meist nichts dran.
    Ich empfehle, eine gedruckte Kleinstadtzeitung zu abonnieren, in der alles gerinnt und eingehend zu betrachten ist.
    Jede Notiz, dass Menschen ihre Freizeit nicht mit dem Partner, sondern mit Medien verbringen und auch nicht mit „über wichtige Dinge sprechen“, wird in den letzten Satz einer Wortwolke gedrängt, bei der es darum geht, möglichst lange alles auf Smartphones herunterzubrechen und möglichst viele Kennziffern aufzulisten.
    Das ist schon immer so gewesen, „Smartphone“ ist eine Variable.
    Wenn man im Alter von zehn vor einem C64 sitzt, antizipiert man im bläulichen Schimmer eine weltweite Gemeinschaft von Zehnjährigen, die etwas heraufziehen sehen, von dem die Erwachsenen keine Ahnung haben. In Wahrheit meint man eine westliche Gemeinschaft der Zehnjährigen, aber das weiß man noch nicht.
    Es ist aber auch ehrlicher, man weiß noch, dass man allein im Zimmer ist in einem der sichersten Länder der Welt ist.
    Es war bei uns Menschen doch immer so, dass prägnante klare Beschreibung durch Formalisierung verwässert, verschleiert und mit der Zeit folgenloser wurde, damit man keine Verantwortung bei der Prozession hatte, bei der man etwas vor sich hertrug und überhöhte, ohne wirklich danach zu leben.
    Haltet mich für doof, aber ich bin Systemadministrator und habe auch schon 80-jährigen die Benutzung von Rechnern erklärt.
    Meine 72-jährige Mutter liebt Linux.
    Am häufigsten hört man von älteren Semestern, es gehe immer nur „um Bits und Bytes“.
    Paternalistisch gesehen schnallen sie nichts, aber da ist immer Vorsicht geboten.
    Die Jungen schnallen nämlich viele Dinge auch nicht, weil sie sich narzisstisch für niemand anderen Interessieren und vieles nicht kennen.
    Computer bilden jedoch Fähigkeiten nach und sind virtuell an Vorbildern aus der echten Welt und nicht zuletzt uns rudimentär nachempfunden.
    Kopieren – Einfügen ist etwas, dass eine manuelle Handlung von 1970 virtualisiert.
    Es käme wohl auf eine gelungene Übersetzungsleistung an, die eine gebildete Perspektive auf die echte Welt beinhaltet.
    Man kann alten Menschen vieles erklären und schon lange geht es darum, zu versuchen, Menschen aus der Seele zu sprechen.
    Distinktion ist doch nichts, worüber man Vorträge halten muss, es geht doch darum, zu bemerken, wenn sie stattfindet und selbst zu beurteilen, ob man das so machen möchte.
    Sprechen wir doch nicht von „Netzneutralität“. Datenpakete brauchen keine Rechte.
    Sprechen wir lieber von den Dingen, die wir eigentlich meinen.
    Computer sind wirklich eine Scheinwelt und ich richte sie oft genug ein, auch jetzt gleich noch.
    Jede Befreiung wollte „nur“ frei ficken, was zu sagen haben oder nicht im Elend leben und diese pejorative Betrachtung des eigentlichen Inhalts führte dazu, dass komplizierte Rationalisierung bis hin zur Verleugnung des eigenen Motivs stattfand.
    Manche richten sich in wechselseitigen Geiselverhältnissen ein, andere verbergen persönliche Motive hinter einem – ismus, der die Verhältnisse egozentriert.
    Wir brauchen sicher keinen eigenen -ismus.
    Wir wollen tun, was wir wollen und keine 40 Euro für 2 GB Datenvolumen bezahlen.
    Wir haben Ideale, die mit unserem Zusammenleben zu tun haben.
    Es gibt nichts zu verobjektivieren.
    Alle Menschen in diesem Teil der Welt haben seit 400 Jahren dieselben Sorgen und Nöte.
    Genau DAS lässt uns keine Ruhe, weil diese Tatsache zu keiner Lösung geführt hat.
    Das Internet löst dieses Problem so wenig wie der Straßenverkehr.
    Herr Lobo hat mal das Kunststück fertiggebracht, von den drei respektive vier Kränkungen der Menschheit zu sprechen, ohne ein einziges Mal das Wort Narzissmus zu erwähnen.
    Posen. Monstranz. Prozession.
    Seht Ihr, man lässt mich hier laufen.
    Wir werden uns wohl offenbaren müssen, wenn wir über den Menschen reden, denn „Netzthemen“ sind wie eh und je Menschenthemen.
    Das Wort „Person“ beruhte in der Antike etymologisch auf etwas, dass “ die Stimme hinter der Maske“ bedeutete.
    Theater. Kunst. On the internet, no one knows you’re a dog. Scheinwelt.
    C64-blaue Antizipation von Gemeinschaft. Fensterlose Monaden.
    Erst das Erleben des Erlebens ist Bewusstsein.
    Das Internet ist ein distanzloses Medium.
    Die säkulare mimetische Spiegelung ist die Begegnung, nicht die Fassade.
    Daher funktioniert Kontingenzbewältigung im intersubjektiven Raum.
    Wahrer Moral ist die Moral egal.
    Moral ist eine Heuristik des Perspektivwechsels, dessen Möglichkeit nicht sofort durch selektive Wahrnehmung entschieden wird.
    Scheinwelt, Beachtung, Bestätigung.
    Die Währung im Reputationsmanagement der Imagegesellschaft.
    Schauen wir uns doch die Welt an und übersetzen unseren Kunstraum.
    Es gibt Gründe, warum wir so leben, wie wir leben.

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