Generell

Abschaffung der Netzneutralität – Netflix zahlt für Streaming-Qualität

Nachdem Verizon den Gerichtsstreit gegen die Federal Communications Commission in erster Instanz gewonnen hatte, war und ist die Netzneutralität in den USA vorerst außer Kraft gesetzt. Das schadet den Kunden und den Content Providern. Aber nicht nur kleinere Anbieter sind betroffen, sondern auch der Video-Streaming-Dienst Netflix, der von den ISPs gedrosselt wird, um ihn zu Zahlungen zu bewegen, damit die Dienstqualität nicht soweit abnimmt, dass die Kunden sich abwenden.

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Netflix verursacht circa ein Drittel des nordamerikanischen Internetverkehrs, was den Dienst zu einem attraktiven Drosselungsziel macht. Daher haben ISPs wie Verizon und Comcast von Netflix Zahlungen verlangt, um deren Streams nicht weiter zu verlangsamen. Gegenüber Comcast, dem größten Kabelnetzbetreiber Amerikas, ist Netflix eingeknickt und wird Zahlungen leisten. Es hatte seit Monaten Verhandlungen gegeben, da Netflix von Comcast die kostenlose Bereitstellung seines Streamingangebots an deren Kunden forderte, damit wäre auch verbunden gewesen, dass Netflix seine Server in Comcasts Datencentern betreiben wollte.

Die Situation hat sich mit dem Ergebnis der Verhandlung ins Gegenteil vergekehrt. Nachdem seit Oktober die Geschwindigkeit der Netflix-Streams für Kunden von Comcast um durchschnittlich 27% abgenommen hatte, willigte Netflix in die Zahlungen ein und darin, seine Server selbst in Datencentern von Drittanbietern zu hosten, auf die Comcast jedoch immerhin direkt zugreifen wird. Das umgeht die Nutzung von externen Content Delivery Networks, deren Nutzung mit zusätzlichen Kosten und Unsicherheiten für die Servicequalität verbunden ist.

Der Ausgang der Verhandlungen dürfte dazu führen, dass andere ISPs wie AT&T, Verizon und Time Warner – die im Übrigen vorraussichtlich bald mit Comcast fusionieren werden – den Druck auf Netflix erhöhen werden, ihrerseits bezahlt zu werden. Vor Netflix hatten Mitte letzten Jahres auch schon Google, Facebook und Microsoft in ähnliche Verträge eingewilligt.

Der genaue Betrag der Zahlungen ist nicht bekannt, die New York Times berichtet von mehreren Millionen Dollar pro Jahr. Auch wenn die FCC es schaffen sollte, ihre Regeln für ein offenes Internet so neuzugestalten, dass auch ISPs davon betroffen sind und ein gewisses Maß an Netzneutralität bieten müssen, ist fraglich, ob solches „Paid Peering“ unter diese Regelung fällt. Denn im Gegensatz zu Sponsored Content und Premium-Diensten wird die Verletzung der Netzneutralität nicht direkt am Kunden ausgetragen, sondern hinter den Kulissen. Was am Effekt nichts ändert, denn die Mehrkosten werden sicher weitergegeben.

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7 Kommentare
  1. Bis jetzt hat Netflix nichts für den Datentransport gezahlt? Gehören Paid-Peering-Verträge, die den Datenverkehr je nach Menge und Übertragungsqualiät abrechnen, nicht schon von Anbeginn an zum Internet?

    Warum steigen die Kosten, wenn Netflix durch einen direkten Deal mit Comcast CDNs (Content Delivery Networks) ausschalten kann? Könnte es nicht senn, dass die Kosten sinken?

    Hat Comcast tatsächlich Netflix gedrosselt, obwohl sich dass Untenehmen gegenüber dem Justizministerium zur Netzneutraliät verpflichtet hat?

  2. Warum steigen die Kosten, wenn Netflix durch einen direkten Deal mit Comcast CDNs (Content Delivery Networks) ausschalten kann? Könnte es nicht senn, dass die Kosten sinken?

    Wenn nicht nur Comcast, sondern auch alle anderen größeren ISPs Zahlungen verlangen, dürfte das die Kosten von CDNs übersteigen – vermute ich. Aber das abschließend festzustellen ist schwierig, da man ja keine genauen Zahlen über die Höhe der Zahlungen erhält.

    Hat Comcast tatsächlich Netflix gedrosselt, obwohl sich dass Unternehmen gegenüber dem Justizministerium zur Netzneutraliät verpflichtet hat?

    Comcast streitet ab, selbst gedrosselt zu haben, aber die 27% Geschwindigkeitsrückgang seit Oktober sind trotzdem auffällig und wenn man sich die Grafiken der Netflix-Geschwindigkeit bei Comcast und Verizon anschaut, wird das Abstreiten recht implausibel.

    1. zur angeblichen Drosselung durch Comcast und Verizon:
      Im verlinkten Artikel mit den Netflix-Grafiken steht doch ganz klar: „we [Arstechnica, DK] explained last week why that wasn’t enough evidence to declare that Verizon is suddenly throttling Netflix as a result of the net neutrality ruling.“

      Die Ursache für die sinnkende Geschwindigkeit kann auch bei Cogent liegen, dem CDN, über das Netflix bislang verbreitet wird.

      Außerdem erkenne ich keinen Zusammenhang zwischen den FCC-Regeln zur Netzneutralität (betreffen das Verhältnis ISP / Endkunden) und Peering-Verträgen. Wieso wird durch Peering-Verträge die Netzneutralität verletzt? Und wieso erst jetzt und nicht schon seit 20+ Jahren? Und was ist mit den von Google, Amazon etc. aufgebauten Netzen: Verletzen diese die Netzneutralität nicht?

  3. Wie kann es eigentlich sein, dass der gesunde Wettbewerb immer mehr auf der Strecke bleibt. Der Gedanke von Monopolisierung passt so gar nicht in die heutige Welt, wo wir doch alle nach Vielfalt und Freiheit streben!?!? Hinter den Kulissen passiert scheinbar mehr als man ahnt und das schon seit sehr länger Zeit.
    Fusionieren der ISPs, Facebook übernimmt WhatsApp… Man brauch sich nicht auskennen oder gar wahrsagerische Fähigkeiten zu besitzen, um hier festzustellen, dass man auf einen großen Eisberg zusteuert (wir alle sitzen im selben Boot) und es uns alle früher oder später mit in die Tiefe reißt.
    – Weiß einer wo der Typ steht, der einen in so einem Fall den Weg zu den Rettungsbooten weist???

    1. Weil jeder real existierende, unregulierte Markt nunmal zum Monopolismus tendiert. Verhindern lässt sich das nur mittels Regulierung (siehe DTAG und deren Verpflichtung, Mitbewerber auf die TAL zu lassen).

      Nur weil die Marktgläubigen behaupten, ein unregulierter Markt sei für die Menschheit das Beste muß das ja nicht zwangsläufig so sein. Die Gott- und Sonstiges-Gläubigen behaupten auch viel offensichtlichen Mumpitz.

  4. Mich wundert ja, dass Google und Microsoft sich das gefallen lassen und nicht einfach fragt: was ist es EUCH denn wert, dass bei euren Kunden weiterhin Google Produkte und Windows updates stattfinden?

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