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Apple und Netflix: Was beim Thema Netzneutralität auf dem Spiel steht

Ein Zukunftsszenario? – Doch derzeit sind die Kosten für Videodienste bei T-Mobile noch versteckt.

Vor einer Woche hat der federführende Ausschuss des Europaparlaments bei der Abstimmung der Telekommunikationsverordnung eine Position eingenommen, die das Prinzip der Netzneutralität aushöhlt. Nächste Woche nun liegt es am Plenum des Parlaments, den Schaden bei der dortigen Abstimmung wiedergutzumachen.


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Apple und Netflix zeigen, wo es hingehen könnte

In welche Richtung die Entwicklung des Internets ohne eine gesetzliche Absicherung der Netzneutralität läuft, zeigen zwei aktuelle Beispiele aus den USA: Netflix und Apple. Beide sind auf Grund ihrer Geschäftbeziehungen zu Comcast, dem größten Kabelnetzbetreiber der USA, in die Schlagzeilen geraten. So war Ende Februar bekannt geworden, dass der größte Streaming-Dienst des Landes, also Netflix, Comcast in Zukunft einige Millionen Dollar im Jahr zahlen wird, damit dieser den Dienst nicht langsamer werden lässt. Die Washington Post hat in diesem Zusammenhang analysiert, wie sich der Markt in den Vereinigten Staaten in den letzten zehn Jahren verändert hat und welche Auswirkungen es hat, dass mit Verizon ein großer Service-Provider mittlerweile auch als Backbone-Anbieter auftritt.

Damit wird auf dem eigentlich kompetitiven Markt der Backbone-Anbieter für ein extremes Ungleichgewicht gesorgt. Wer die Verizon-Kunden weiterhin in ausreichender Qualität erreichen will, läuft Gefahr, sich von dem Unternehmen die Bedingungen diktieren lassen zu müssen. Die Parallele zum Peering-Verhalten der Deutschen Telekom liegt auf der Hand.

Apple und Comcast wollen Fernsehen machen

Ausserdem verhandelt Apple mit Comcast über einen gemeinsamen Bewegtbilddienst. „Um sicherzustellen, dass die Übertragung ruckelfrei abläuft, soll Comcast demnach Apples Daten über separate Leitungen schicken, die unabhängig vom öffentlichen Internet funktionieren“, schreibt Süddeutsche.de über den Deal.

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Nicht das einzige unschöne Szenario

Was das konkret bedeutet, hat Josh Levy im Blog der Organisation Free Press ausgeführt. Das Schlupfloch in den Regelungen der amerikanischen Federal Communications Commission (FCC) nennt sich „managed services“ und wurde unter anderem damit begründet, dass man bei Operationen via Telehealth gerne eine halbwegs verlässliche Bandbreite zur Verfügung hätte. Managed service wurde allerdings so unklar definiert, dass Unternehmen wie Comcast jetzt behaupten können, Apples Internetfernsehen gehöre da auch dazu. Für Comcast bietet sich dadurch ein äußerst lukrativer Anreiz, statt in die allgemeine Qualität seines Dienstes zu investieren durch künstliche Verknappung und Verlagerung ein anderes, im Prinzip überflüssiges Geschäftsfeld zu erschließen.

Specialised monopoly

Dasselbe Problem ergibt sich bei der Verordnung der Europäischen Union, wenn es nicht gelingt, den Begriff „specialised service“, der unter anderem von der Berichterstatterin Pilar del Castillo Vera ebenfalls mit der Telehealth-Begründung verteidigt wird, eindeutig zu umreissen. European Digital Rights (EDRi) hat dies in einer Antwort auf eine „FAQ“ der Berichterstatterin deutlich gemacht:

The question is: can a “specialised service” be created which would – subsidised by the online monopolies – offer access to services which are functionally identical to existing online services, thereby creating a two-tier internet and undermining competition, innovation and choice? The answer to this question […] is “yes”.

Uta Meier-Hahn hat gerade in einem Beitrag für das HIIG die Beziehungsmuster zwischen den Akteuren analysiert. Diese Analyse liefert allerdings nur eine Momentaufnahme. Denn zum größeren Bild gehört eben auch, dass sich der Status einzelner Akteure so ändert, dass sie auf die anderen schlicht nicht mehr wie zuvor angewiesen sind. Google wird zum ISP, Apple macht sowas ähnliches wie Fernsehen, die Telekom sowieso, Verizon kauft einen Backbone-Anbieter, und so weiter. Rechnet man die Entwicklung hoch, kommt man irgendwann bei Googlenet und Applenet an, die das bisherige Internet ersetzt haben, die Bedingungen diktieren und zwischen denen man sich dann mit ein bißchen Glück noch frei entscheiden kann.

Noch ist Zeit, die Entwicklung zumindest in Europa direkt mitzubeeinflussen. Die einfachste Art, sich einzumischen, ist noch immer die Kampagne SaveTheInternet, die viele weiter Informationen und den direkten Draht zu den Parlamentariern in Brüssel oder Straßburg bietet.

Update: Eine Aussage zur Drosselung von Netflix durch Comcast wurde korrigiert.

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7 Kommentare
  1. die kriegen das netz schon noch klein. der große türkische sultan sperrt und 2 tage später das urteil von der EU gerichtsbarkeit, die keine sau gewählt hat. nur weiter so…netzneutralität…was soll denn der mist. noch einen solchen kommentar….sperre, das das klar ist.

  2. Danke für den HIIG link.
    Dort wird dann Rayburn2014 verlinkt:


    Commercial interconnect deals have NOTHING TO DO WITH NET NEUTRALITY. Implying otherwise shows a complete lack of regard in understanding how traffic is and has been exchanged across networks for the past twenty years. The media as a whole should stop trying to insinuate or imply that everything that happens between two networks comes down to Net Neutrality. It doesn’t.

  3. DIe Einteilung nach Tier-1, -2 oder -3 provider ist heutzutage nicht mehr Zeitgemäß.
    Ich konnte bisher nicht mal _einen_ Anbieter für Internet auf dem Globus finden der z.B. innerhalb und ausserhalb von China, oder andere ähnliche Wirtschaftsgebiete (mit sehr starker Regulierung und Abschottung wie zu Postzeiten) eigene Infrastruktur betreibt oder das überhaupt legal könnte.
    Auch eine Level3, AT&T, BT, Verizon, TATA und ähnliche Kaliber bezahlen für Konnektivität an wesentlich kleinere Anbieter.

    Apropos Verizon, … „mittlerweile auch als Backbone-Anbieter auftritt“?
    Mittlerweile? Das machen die als Aufkäufer von MCI/Worldcom schon eine ganze Weile.

  4. Der natürliche Endzustand im Kapitalismus ist immer das Monopol.
    Weiss jeder, der schon mal Monopoly gespielt hat ;-).
    Konkurrenten und staatliche Regulierungen stören da nur,
    also werden Konkurrenten entweder eliminiert oder gekauft… bei Politikern wird auf das elimineren in der Regel verzichtet ;-).

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