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Rechtsextremismus online: Soziale Netzwerke sind jetzt das wichtigste Rekrutierungsfeld für Nazis

Das Internet und soziale Netzwerke sind mittlerweile das wichtigste Rekrutierungsfeld für Rechtsextreme. Das geht aus dem aktuellen Jahresbericht Rechtsextremismus online von jugendschutz.net hervor. Die Autoren fordern neben Engagement von Plattform-Betreibern ein couragiertes Einmischen der Zivilgesellschaft.

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Öffentlichkeitsarbeit auf sozialen Medien

Die extreme Rechte in Deutschland ist keinesfalls nur ein Randproblem der Gesellschaft, die allenfalls noch Verbindungen zu zwielichtigen Behörden haben. Gruppenbezogene Menscheinfeindlichkeit ist auch in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet, bereits bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurde vom Extremismus der Mitte gesprochen.

Die aktuellen Rechere-Ergebnisse verdeutlichen, wie leicht Neonazis mit emotionalen Themen (wie sexuellem Missbrauch, Arbeitslosigkeit oder Finanzkrise) Zustimmung auch außerhalb ihrer Szene erhalten können:

Ein rechtsextremes Musikvideo zum Thema Kindesmissbrauch brachte es bei YouTube auf fast eine Million Klicks, das bedeutet, es wurde durchschnittlich etwa 25.000 Mal pro Monat angeschaut. Ein rechtsextremes Facebook-Profil zum gleichen Thema erreichte mehr als 35.000 Zustimmungen.


Erst nachdem man die Menschen emotional abgeholt hat, werden sie in einem zweiten Schritt auf Neonazi-Webseiten geleitet. So gelingt es Nazis, Menschen über das Internet an ihre Szene heranzuführen, die sie auf der Straße nicht erreichen würden. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, spricht von einem „Nährboden für rechtsextreme Gewalt und Rechtsterrorismus“. Dabei nutzen Rechtsradikale immer mehr soziale Medien, „in vielen Fällen haben Beiträge bei Facebook und YouTube klassische Websites komplett abgelöst“.

Szene gibt sich modern und jugendlich

Zweifelhaften Ruhm erreichte beispielsweise ein Video der so genannten Unsterblichen, in dem Neonazis mit weißen Masken und brennenden Fackeln durch nächtliche Städte laufen. Mit schnellen Schnitten und dramatischer Musik gab sich die Nazi-Szene einen modernen und jugendlichen Anstrich, das Video verbreitete sich viral. Die „Unsterblichen“ und die dahinter stehenden „Spreelichter“ wurden erst im letzten Monat verboten und durchsucht.

Auch mit Guerilla-Marketing will man sich modern und jugendlich geben. Die seit 2004 verteilte Schulhof-CD ist jetzt zu einer DVD geworden, mit Musik, Videos und Propagandamaterial.

Um das Machwerk zu bewerben, bedienten sich Rechtsextreme dann eines Guerilla-Marketings: Neben einer breiten Streuung auf Szeneangeboten und der Entwicklung von Merchandising-Produkten, bewarben sie das Propagandawerk auch getarnt mit einem an Schülerinnen und Schüler gerichteten Brief. Dieser wurde beispielsweise per Pressemeldung in Nachrichtenportalen oder per E-Mail unter fingiertem Absender („Bundesministerium für politische Bildung“) als Bildungsmaterial verbreitet.

Das Resultat: Google listete zeitweise mehr als 10.000 Fundstellen zur Website schueler-cd.info auf und auch Presseportale führten die Neuerscheinung als News. Die Kampagne erreichte so ein Publikum weit über die Neonaziszene hinaus.

Festigung und Organisierung auf Webseiten und Foren

Das sind zwei Beispiele dafür, „dass sich Neonazis in den Sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen inzwischen radikaler geben und anscheinend sicherer vor Strafverfolgung fühlen“. Stefan Glaser, Leiter des Bereichs Rechtsextremismus von jugendschutz.net fordert: „Neonazis schaffen auf den Plattformen ein Klima der Gewalt. Dagegen müssen die Betreiber unbedingt mehr unternehmen. Verstöße müssen konsequent geahndet und nachhaltig unterbunden werden.“ Vor allem das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Volksverhetzung werden oft erst entfernt, wenn die Hoster darauf hingewiesen werden.

Nach den rechtsextremen Anschlägen in Norwegen zeigten sich ausländische Provider, die bisher eine Löschung von Hassinhalten mit Verweis auf die Meinungsfreiheit ablehnten, stärker sensibilisiert. So gelang es jugendschutz.net durch die erneute Kontaktaufnahme zu einem solchen Dienst, die bekannte Hassliste recherche-mitte.com löschen zu lassen. Dort hatten Neonazis Fotos, Namen und Adressen von Jugendlichen sowie Personen des öffentlichen Lebens verbreitet und zur Gewalt gegen sie aufgerufen.

Im Rahmen einer NPD-Recherche wurden bei jedem zehnten Angebot der rechtsextremen Partei unzulässige Inhalte festgestellt. In einigen Fällen wurden strafbare Kennzeichen dokumentiert, die über Drittangebote (z.B. Kontakte in Web-2.0-Profilen) eingebunden waren. Häufig lieferte jedoch ein Text des Szene-Liedermachers Frank Rennicke Grund zur Beanstandung. Darin wurde die Kriegsschuld Deutschlands geleugnet und die Ideologie des Nationalsozialismus glorifiziert. Alle Betreiber entfernten den Text nach einer Kontaktaufnahme.

Zwar gibt es einen leichten Rückgang bei rechtsextremen Webseiten zu „Gunsten“ von sozialen Netzwerken, dennoch bleiben diese „zentraler Baustein rechtsextremer Webaktivität“. 65 Prozent davon liegen auf deutschen Servern, 80 % der Seiten im Ausland liegen in den USA. Beliebt bleibt der „Speicherplatz von Gesinnungsgenossen“, statt zehn gibt es aber nur noch acht dieser „Neonazihoster“, fast alle in den USA.

Ein Beispiel dafür ist das zentrale Szene-Forum Thiazi, das vor einem Monat abgeschaltet wurde und dessen ganz normalen Betreibern die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen wird. Neben interner, verschlüsselter Kommunikation bot das Forum beispielsweise die Verhöhnung der Mordopfer der rechtsextremen terroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU):

Allein im Thiazi-Forum dokumentierte jugendschutz.net binnen dreier Wochen nach Beginn der Berichterstattung mehr als 1.500 Postings, die unter anderem den rechtsextremen Terror bezweifelten, die Gewalttaten guthießen und die Opfer verhöhnten.

Nazis erkennen – und Widerstand leisten

Neben dem Melden von Inhalten soll vor allem die Zivilcourage auch online gestärkt werden. So bietet jugendschutz.net Beratungen und Schulungen für Eltern und Pädagogen an. Jugendliche sollen in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus im Internet gestärkt werden:

Sie sollen lernen, Rechtsextremismus zu erkennen, damit sie den modernen Neonazis nicht auf den Leim gehen. Und sie sollen dazu ermuntert werden, menschenverachtende Parolen nicht unwidersprochen stehenzulassen, sondern sich mit deren Opfern zu solidarisieren und Stellung zu beziehen.

Dafür hat man, ganz sozial und viral, eine Video-Serie entwickelt: Familie Heidmann.

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14 Kommentare
  1. Ich kann das echt nimmer hören. Natürlich sind Nazis verstärkt im Netz unterwegs, einfach weil das Zielpublikum auch im Netz ist.

    Im Allgemeinen ist das Netz aber von seiner ganzen Struktur her überrhaupt nicht kompatibel zu repressiv geprägten Ideologien.

    Insbesondere die Szeene der Geeks und Nerds ist IMO entweder apolitisch oder eher linksliberal geprägt.

    Bevor ich Mitte der 90ger Jahre begonnen habe mich mit dem Netz zu befassen war meine Meinung auch eher konservativ geprägt., Nach und nach hat mich das Netz aber zu jemandem gemacht, der sich heute als linksliberal und progressiv bezeichnet.

    Gruss

    Sven

    1. Richtig , ich finde den Artikel auch zu Polemisch.
      Vor 10 Jahren hätte man geschrieben „Hilfe die Nazis kommunizieren jetzt mobil mit Handys“, wir müssten die Telefone Überwachen.
      Wer nun wieder laut Schreit Rechtsradikale müssten im Internet und den den Soziale Netzwerken Überwacht, Zensiert oder Ausgeschlossen werden, muss sich in einigen Jahren nicht Wundern wenn Poliker das dann auch dann für andere missliebige Gruppen fordern, wie Linke oder Umweltaktivisten…..
      Verbote oder Stigmatisierung helfen gar nichts , das sieht man an den letzten 60 Jahren, das die Politik des Verdrängens und Verbotes gescheitert ist.
      Wir bräuchten wohl eine wirkliche Meinungsfreiheit wie in den USA nur beherrscht Angst diese Disskusionen und die Anziehungskraft des Verbotenen wird mit mehr staatlichen Kontrollen sogar noch Ausgeweitet.
      Gute Ansätze sind selten wie die Freigabe von „Mein Kampf“ – sogar für den Schulunterricht.

    2. Es ist schwer zu leugnen, dass historisches Propagandamaterial heute leichter verfügbar ist. Forscher am Giftschrank freuen sich. Das historische Material ist aber eigentlich auch realpolitisch harmlos. Man braucht nicht in paranoider Weise 70-80 Jahre altes Material als später Vollstrecker der alliierten Militärzensur verfolgen. Gerade dann, wenn auch die Nazis nur Symbolbestände sich angeeignet haben, ist eine symbolische Umwertung/Aneignung eigentlich hilfreicher als die Verdrängung. Die Amerikaner haben das im Griff trotz ihrer liberalen Haltung, die Deutschen weitgehend, aber da ist viel autoritärer Reflex.

      Viel mehr Sorge bereiten neue Ansätze zur Besetzung von Themen.

      Als Demokrat ist man im Dilemma. Jedem muss die Mitwirkung an der Meinungsbildung des Volkes möglich sein und <5% der Bevölkerung wählen immer rechts.. Ich finde, da muss man ansetzen. Statt gegen die Erfolge der Nazis zu polemisieren und die Medien, sollten die demokratischen Parteien und ihre Anhänger da Präsenz zeigen für ihre Programme. Wenn Randparteien in gewissen brandenburgischen Orten oder Netzdiensten besonders erfolgreich sind, dann müssen auch die demokratischen Kräfte dort verstärkt für ihre Programme und Mannschaft werben, aber nicht als Negativkampagne. Denn der relative Erfolg der Rechten zeigt nur das Versagen der anderen gesellschaftlichen Kräfte den Menschen ihre Angebote nahezubringen, online und auf dem Dorfe.

    3. Ich denke auch, das nicht die Inhalte im Netz das eigentliche Problem sind, sondern – wie so oft – sitzt das „Problem“ an der Tastatur/Maus/Pad.

      Bildung ist hier das Stichwort und – Achtung Buzzword – Medienkompetenz und nochmals Bildung im Sinne einer Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen und zu hinterfragen.

      Mit der kaputtgesparten Bildung und der Ausrichtung des Bildungssystems auf funktionierende Wirtschaftssubjekte aka Konsumenten (http://www.youtube.com/watch?v=jitdvJ5U3I4) oder sogenannten „Eliten“ als Funktionsträger häufen sich aber die gesellschafltichen Probleme (Gewalt, Vandalismus, Rücksichtslosigkeit).

      Lösungsvorschläge, welche die Symptome (Zensursulas Stoppschild oder Clean-IT o.Ä.) angehen, sind da völlig fehl am Platze.

      IMHO wird oft unterschlagen, das die Leute im Netz dieselben sind, denen ich auf der Straße, im Geschäft oder auf der Autobahn bgegene und keine Marsianer.

  2. Muss Spitzfinder sogar zustimmen. Ist es nicht dieses Blog hier, das immer wieder versucht zu betonen dass das Internet Teil des normalen Lebens ist? Und dann so eine Schlagzeiel als wäre das was Neues!

    Die Schlagzeile müsste eher lauten: „Rechtsextreme im Internet fast alleine, weil Politik, Behörden und Gegenstellen das Internet nicht ernst nehmen.“

    Wirklich, statt hier Offensichtlichkeiten zu verbreiten, wäre ein Appell an die Gegenseite die bessere Lösung. Bspw. könnte man ja Behörden bitten Warnungen auch online zu verbreiten statt nur über Radio und Fernsehen. Man könnte Gegenorganisationen bitten sich im INternet zu beteiligen und einen Gegenpool zu bilden.

    Aber so ist das reine Offline-Panikmache. Entweder das Internet ist Teil des normalen Lebens, dann darf sich auch hier keiner wundern das auch dass Internet Heimat von Rassisten (wie ja auch Extremisten) ist. Oder es ist doch nur eine „vorübergehende ERscheinung“. DAnn reichen natürlich panische Artikel die mal kurz das AUgenmerk auf irgendwas lenken bevor morgen die nächste Headline-Sau durchs Land getrieben wird.

  3. Ist ja auch irgendwie blöd, sich auf die Strasse zu stellen und zu behaupten das es den Holocaust nie gegeben hätte.
    Da riskiert Man(n)/Frau nämlich, starke Kopfschmerzen zu bekommen…;-))

  4. „Ist ja auch irgendwie blöd, sich auf die Strasse zu stellen und zu behaupten das es den Holocaust nie gegeben hätte.“

    Das stimmt , nur genauso Blöd sind die Reaktionen darauf , so das sich Holocaust – Leugner deshalb als eine art Märtyrer fühlen können.
    Würden sie weniger Beachtet , wäre es wohl eine normale Verschwörungstheorie , erst das unter Strafe stellen, der ständige Aufschrei der Politik und Rufen nach noch härteren Strafen macht zum Schluss die Sache sogar für viele erst Interessannt.

    1. In den USA kann man da tun. Wissenschaft ist immer falsifizierbar, aber ich glaube kaum, dass man Historiker mit solchen „Inhalten“ überzeugen kann.

      Es gibt eine Ausnahme, das war das Massaker von Katyn. Hier stand eigentlich lange dokumentiert fest, dass das sowjetischen Ursprungs war, dennoch wurden gegenteilige Überzeugungen politisch unterdrückt.

      Der Grund warum es die Strafbarkeit gibt in Deutschland, das ist ein mangelnder Glaube in die Rationalität des Menschen und dass es schlichtweg anwidert.

    2. „Der Grund warum es die Strafbarkeit gibt in Deutschland, das ist ein mangelnder Glaube in die Rationalität des Menschen und dass es schlichtweg anwidert.“

      Der Grund dafür liegt vermutlich ebenfalls in Europas Geschichte , der mittelalterlichen Inquisition der Sündenfall von „mangelnden Glaube in die Rationalität des Menschen“ durch Religion und später auch Weltlichen Herrschern.
      Von diesen inquisitorischen Gedankengut mit Denkverboten, Kontrollwahn und Angst vor dem Volk konnte sich Europa nie ganz befreien, bis zur Heutigen Zeit mit einer EU-Kommision.

  5. Naja, so wirkliche Neuigkeiten sind das jetzt nicht. Wenn man regelmäßig im Netz unterwegs ist, bekommt man schon einiges mit. War mal bei einem MMORPG unterwegs, wo es „Amerikanische“, „Französische“ und „Deutsche“ Server (bezieht sich vor allem auf die Sprache der Systemausgaben und Administratoren) gibt. Hab’s sehr schnell aufgegeben, denen erklären zu wollen, dass das Zulassen von anderen Sprachen im Chat herzlich wenig mit Deutschlands „angeblicher“ (Zitat) Schuld am zweiten Weltkrieg zu tun hat. Da bekommt man auf Dauer echt einen Hirnknoten.

  6. Hm, wenn sich Netzpolitik doch für ein freies Internet einsetzt, dann macht doch mal lieber einen Artikel über die Quelle, also über jugendschutz.net.

    Bei denen herrscht immer Panik-Stimmung und die haben schon genug Foren geschlossen oder ins Ausland gedrängt. Ein ziemlich schäbiger Verein ist das.

    Und Nazis… ach ja, die gibts auch im Internet… Wer hätte das gedacht.

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