Netzneutralität
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: EU-Parlament beschließt umstrittene Netzneutralitätsregeln
: EU-Parlament beschließt umstrittene Netzneutralitätsregeln
Die letzten Mobilisierungsversuche haben nicht gefruchtet: Heute hat das EU-Parlament in zweiter Lesung den Trilog-Kompromiss zur Netzneutralität gebilligt. Nach zwei Jahren der Debatte erhält die EU zwar das erste Mal gemeinsame Regeln. Die enthalten jedoch große Schlupflöcher und überlassen es letztlich den 28 nationalen Regulierungsbehörden, der EU-Behörde für Regulierungsfragen im Telekommunikationssektor, BEREC, sowie Gerichten, die schwammig formulierten Passagen mit Inhalt zu füllen. Die Verordnung wurde mit einer großen Mehrheit von Sozialdemokraten, Konservativen und Liberalen verabschiedet. Von den Änderungsanträgen hat das Parlament keinen einzigen angenommen und sie mit etwa 410:230 Stimmen abgelehnt. Bislang liegen die Ergebnisse nicht in einfach konsumierbarer Form vor, Interessierte können aber hier nachsehen (PDF), wie ihre Abgeordneten abgestimmt haben (S. 20 – 45).
Die Regelungen sind Teil einer Verordnung zur Harmonisierung des europäischen Binnenmarktes in der Telekommunikation, die zudem die Roaming-Gebühren im EU-Ausland senken soll. Kein Wunder, dass die Kommission diesen Aspekt besonders hervorhebt und das scheinbar abstrakte Thema Netzneutralität regelmäßig die Hinterbank einnehmen muss. Dabei betreffen einige der Regelungen uns alle und könnten ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.
Zwei-Klassen-Netz durch die Hintertür
Telekommunikationsunternehmen könnten bestimmte Angebote nur mehr als Spezialdienste vermarkten und sie auf bezahlte Überholspuren auslagern. Zero-Rating-Angebote, also Dienste, deren Nutzung vom monatlichen Datentransfervolumen ausgeklammert wird, bleiben bis auf Weiteres nicht ausdrücklich verboten. Netzbetreibern steht es frei, Datenpakete in verschiedene Verkehrskategorien einzuteilen und diese unterschiedlich zu behandeln. Das könnte vor allem P2P-Protokolle unbenutzbar machen und möglicherweise auch verschlüsselten Verkehr verlangsamen, in den man nicht hineinsehen und ihn deshalb schwer klassifizieren kann. Zudem reicht es, eine „drohende“ Netzüberlastung zu befürchten, um die Übertragungsgeschwindigkeit herabzusetzen.
Der Kampf ist aber nicht ganz vorbei. Künftig wird es drauf ankommen, den Regulierungsbehörden genau auf die Finger zu schauen und es der Telekommunikationsindustrie so schwer wie möglich zu machen, die Schlupflöcher auszuweiten. Erste Schritte dazu hat Markus in einem Kommentar aufgezeigt.
Konsultationsphase entscheidend
Die heutige Abstimmung habe gezeigt, dass sich das EU-Parlament ein weiteres Mal den anderen EU-Institutionen untergeordnet habe, kommentierte der Netzpolitik.org-Autor Thomas Lohninger von der Initiative für Netzfreiheit: „Viele Abgeordneten haben mir gestern bestätigt, inhaltlich für die Änderungsanträge zu sein. Ihre Befürchtung ist aber gewesen, dass der Rat keinen anderen Text akzeptieren würde.“ Anstatt in der zweiten Lesung den schwammigen Kompromiss zu diskutieren und zu reparieren, sei dieser einfach nur abgenickt worden.
Die Hoffnung liege nun in den Anhörungen und der Konsultation, die BEREC durchführen werde und in die sich die Zivilgesellschaft stark einbringen müsse: „Meine Befürchtung ist, dass mit diesem Text schlechte Regulierungsbehörden viele Ausreden bekommen, warum sie nicht gegen Verstöße gegen die Netzneutralität vorgehen können. Gleichzeitig können sich gute Regulierungsbehörden, die gegen Verstöße der Nutzerrechte vorgehen, vor Gericht wiederfinden, und für ihr Handeln verklagt werden,“ so Lohninger.
Auf die Konsultationsphase setzt auch die digitale Bürgerrechtsgruppe Access Now (PDF): „Wir sind entschlossen, eng mit den Regulierungsbehörden zusammenzuarbeiten, um während der neunmonatigen Konsultation die notwendige Klarheit in den Text zu bringen.“ Der Kampf für Netzneutralität sei noch lange nicht vorbei. „Die europäischen Regulierungsbehörden haben nun den Auftrag, die Arbeit zu Ende zu bringen, die die EU-Legislative gestartet hat, um den freien Meinungsaustausch im Internet sicherzustellen.“
In diesen Prozess wird sich auch European Digital Rights (EDRi) einschalten, da das Parlament vermieden habe, in allen entscheidenden Punkten Entscheidungen zu treffen. „Wir werden mit BEREC und der Kommission zusammenarbeiten, um für Klarheit in der Interpretation der Regeln zu sorgen. Hoffentlich kann die Unklarheit der EU-Verordnung mit den [zu erarbeitenden] Leitlinien von BEREC beseitigt werden, gemeinsam mit einer sorgfältigen Durchsetzung dieser Regeln durch nationale Regulierungsbehörden,“ erklärte Joe McNamee, Executive Director von EDRi.org.
Bundesnetzagentur in der Pflicht
Auf die deutsche Bundesnetzagentur setzt der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv). Sie trage einen großen Teil der Verantwortung und müsse sicherstellen, verbraucherfreundliche Regeln zur Umsetzung der Netzneutralität festzulegen. Spezialdienste dürften nicht zu Lasten des freien Internetzugangs gehen, forderte vzbv-Vorstand Klaus Müller, und untermauerte dies mit einem eingängigen Bild: „Überholspuren im Internet dürfen nicht dazu führen, dass der normale Zugang zum Internet schlechter wird. Die Bundesnetzagentur muss jetzt schnell Mindeststandards für die Qualität und Geschwindigkeit von Internetanschlüssen festlegen. Werden diese nicht eingehalten, müssen Verbraucher entschädigt werden. Wenn die Bahn zu spät kommt, bekommen Fahrgäste auch Geld zurück,“ so Müller. Spezialdienste sollten nur dann angeboten werden dürfen, wenn Unternehmen mindestens 75 Prozent der „bis zu“-Angaben über Bandbreiten tatsächlich erfüllen, legte der vzbv mit einer konkreten Forderung nach.
Für ein „verbraucherpolitisches Armutszeugnis“ hält der baden-württembergische Verbraucherminister Alexander Bonde die Entscheidung des Europäischen Parlaments. Es drohe ein „Zwei-Klassen-Internet, in dem nur diejenigen schnell unterwegs sind, die dafür extra bezahlen,“ so Bonde. Die Bundesregierung müsse jetzt verhindern, dass manche Daten gleicher sind als andere. „Für eine verbraucherfreundliche Umsetzung der Netzneutralität sollte die Bundesnetzagentur beispielsweise möglichst rasch Mindeststandards für die Qualität und Geschwindigkeit von Internetanschlüssen festlegen,“ sagte der Verbraucherminister.
In einer Analyse im Auftrag der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen plädiert der Mannheimer Regulierungsrechtler Thomas Fetzer dafür, dass sich sowohl die Bundesrepublik als auch die Länder in den Prozess einbringen, der die gegenwärtig nicht definierten „Mindestqualitäten“ beim Internetzugang festzurren soll. Zudem sollten die Länder ein „effektives Monitoringsystem der Vielfalt im Internet“ einrichten, um potenzielle Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen zu können.
Vorsichtig zustimmend zeigte sich der eco-Verband der Internetwirtschaft und befürwortete den gefundenen Kompromiss. Er biete einen rechtlichen Rahmen für qualitätsgesicherte IP-Dienste, ohne dass gleichzeitig andere Dienste und Anwendungen im offenen Internet diskriminiert würden. Allerdings liege es an Mitgliedstaaten und nationalen Aufsichtsbehörden, sicherzustellen, „dass diese Regelung nicht missbraucht wird, die Netzneutralität gewährleistet bleibt und es nicht zu einem Zwei-Klassen-Internet kommt.“
Parlament zeigt Schwäche
Bis zuletzt hatte der österreichische EU-Abgeordnete Michel Reimon (Grüne) versucht, Unterstützung für Änderungsanträge zusammenzutrommeln und reagierte entsprechend enttäuscht auf das Abstimmungsergebnis: „Die großen Telekom-Konzerne haben sich durchgesetzt: Sie bekommen eine lauwarme Roaming-Abschaffung und dafür die Möglichkeit, durch Datendienste mehr zu verdienen. Dafür wurde die Netzneutralität geopfert,“ teilte uns Reimon mit und malte ein düsteres Bild des Entscheidungsprozesses: „Die Konzerne haben bei den Regierungen dafür lobbyiert und die haben sich gegen das Europaparlament durchgesetzt. Konservative und Sozialdemokraten stimmen halt doch meist so, wie es ihnen von daheim befohlen wird.“
Gänzlich hoffnungslos sieht er die Lage freilich nicht, obwohl das EU-Parlament nicht mehr eingreifen könne: „Der einzige Hoffnungsschimmer ist, dass viele Formulierungen so schwammig sind, dass der EuGH sie wohl präzisieren wird müssen und der Gerichtshof ist unabhängig von Lobbys.“ Scharfe Kritik übte er am verantwortlichen Digital-Kommissar Günther Oettinger, der noch viel Schaden anrichten könne: „Wir konzentrieren uns jetzt auf die Verhandlungen zum Digitalen Binnenmarkt DSM, dem Herzstück von Oettingers Plänen für die nächsten Jahre. Die Befürchtung ist, dass Oettinger auch hier das Netz zur geschlossenen Spielwiese für große Anbieter umbauen will. Er ist für die Position als Digitalkommissar einfach vollkommen ungeeignet.“
In einer Pressemitteilung warnte Reimon zudem vor einem Zwei-Klassen-Netz:
Die konservativen und sozialdemokratischen Abgeordneten haben die Netzneutralität geopfert. Sie ist nach dieser Abstimmung de facto abgeschafft. Telekom-Unternehmen dürfen in Zukunft bevorzugte Sonderdienste im Internet einführen und entsprechend verrechnen. Das Ergebnis ist ein Zwei-Klassen-Internet, in dem derjenige bevorzugt wird, der mehr bezahlen kann.
Dass das EU-Parlament in der entscheidenden Phase Schwäche gezeigt und eine große Chance verpasst habe, kritisierte Alexander Sander, Geschäftsführer des Vereins Digitale Gesellschaft:
Mit der heutigen Entscheidung opfert das EU-Parlament das freie und offene Netz in Europa den Gewinninteressen einiger weniger Telekommunikationskonzerne. Statt den vielfach geäußerten Bedenken von Zivilgesellschaft, Verbraucherschützern, Online-Wirtschaft und Medien Rechnung zu tragen und für eine starke Verankerung der Netzneutralität zu sorgen, lässt sich das Parlament von Kommission und Ministerrat bereitwillig vor den Karren spannen. Damit schadet es der eigenen Glaubwürdigkeit ebenso sehr wie der Innovationskraft des Internet, der Meinungs- und Informationsfreiheit in ganz Europa.
Ähnlich betrübt zeigte sich auch die deutsche Europaabgeordnete Cornelia Ernst (Die Linke):
Heute wurde die große Chance verpasst, die Netzneutralität ordentlich gesetzlich zu verankern. Noch nicht einmal eine Definition der Netzneutralität wird in der Verordnung enthalten sein. Da die Vorgaben in der Verordnung insgesamt viel zu vage sind, wird die Zukunft des Internets nun nicht mehr von der Politik bestimmt, sondern von Netzbetreibern und Internetmonopolisten wie facebook.
Damit hat die Mehrheit des Parlaments dem Internet geschadet und den Bürgern einen Bärendienst erwiesen. Sie werden von der Abschaffung der Roaming-Gebühren weniger profitieren als erwartet, denn die Netzbetreiber können noch immer Zusatzgebühren verlangen. Und das Internet wird in Zukunft noch mehr einem Einkaufszentrum gleichen, in dem nur die großen Ketten ihre Läden haben. Alle anderen werden mit langsameren Verbindungen an den Rand gedrängt.
Ihre Kollegin Martina Michels (Die Linke) bedauerte das Abstimmungsergebnis warnte vor einem „rein kommerziell gesteuerten Netz“:
Netzneutralität ist mehr als eine industriepolitische Fachfrage, ihre Einschränkung wird Folgen für alle Lebensbereiche unseres Alltags haben. Neben der wirtschaftlichen, beunruhigt mich besonders die kulturpolitische Perspektive. Der nun verabschiedete Text lässt eine strikte Definition von sog. Spezialdiensten vermissen. Die flexible Formulierung öffnet späteren Ausnahmen nach Gutdünken Tür und Tor, wenn beispielsweise kommerzielle HD-Streamingdienste als Spezialdienst durchgehen während die Übermittlung verschlüsselter Kommunikation gedrosselt wird.
Das Parlament positionierte sich im letzten Jahr aus gutem Grund für die Festschreibung der Netzneutralität. Bedauerlicher Weise haben die Verhandlungen mit Rat und Kommission Erfolg gehabt, diesen Text wieder mit Schlupflöchern zu versehen. Eben jene Parteien, die die Regierungen in den meisten Mitgliedstaaten stellen, rühmen sich nun mit der Abschaffung der Roaming-Gebühren und erwarten Applaus von Konsumentin und Konsument. Dieser Kuhhandel ist Augenwäscherei und geht einher mit einem Angriff auf unsere Meinungsfreiheit. Eine privatisierte Datenautobahn mit Mautstellen, wie sie mit Zero-Rating-Modellen angefacht und tendenziell schon längst erprobt werden, begrenzen unternehmerische und kulturelle Freiheit und Kreativität gleichermaßen. Ein rein kommerziell gesteuertes Netz, dass Nutzungshierarchien aufschichtet, schadet nicht nur Verbraucherinnen und Verbrauchern, KMUs, Bibliotheken, Hochschulen, dem Kulturaustausch und der freier Forschung.
Als „schwarzen Tag für die Digitalpolitik in Europa“ bezeichnete der grüne Abgeordnete Jan Philipp Albrecht den Ausgang der Abstimmung:
Konservative und Sozialdemokraten haben heute das Prinzip der Netzneutralität durch einen wässrigen Formelkompromiss ersetzt, der es Telekommunikationsprovidern ermöglicht, zahlungskräftige Internetdienste bei der Datenübertragung zu bevorzugen. EU-Kommissar Günther Oettinger feiert das Ergebnis als Erfolg für die Netzneutralität, dabei wird die Wahrheit dieses dreckigen Deals immer deutlicher: Die heutige Entscheidung ist de facto eine massive Einschränkung des Neutralitätsgebotes. Durch die einheitliche EU-Verordnung wird es Mitgliedstaaten der EU zudem unmöglich, vollständige Neutralität der Netzbetreiber einzufordern.
Dieses Zwei-Klassen-Netz wird große Anbieter aus dem Silicon Valley wie Google, Apple und Netflix gegenüber kleineren Konkurrenten stärken, die vor allem in der EU ansässig und auf einen leichten Marktzugang angewiesen sind. Der gefundene Deal ist daher ein Geschenk für die großen Internet- und Telekommunikationsunternehmen auf Kosten kleinerer Wettbewerber sowie der Verbraucherinnen und Verbraucher. Letztere müssen nun befürchten, dass große Werbeanzeigen in HD-Qualität auf den Bildschirmen ihrer PCs und Smartphones landen, während der eigentlich gewünschte Inhalt oder Dienst langsam hinterhertröpfelt. Heute ist ein schwarzer Tag für die Digitalpolitik in Europa.
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: Kommentar: EU-Parlament entscheidet gegen Netzneutralität, lasst uns diese trotzdem retten
: Kommentar: EU-Parlament entscheidet gegen Netzneutralität, lasst uns diese trotzdem retten
Das EU-Parlament hatte heute die Wahl, für ein offenes Netz und damit Netzneutralität zu stimmen. Man hat leider für den Einstieg in ein Zweiklassen-Netz gestimmt. Dass „die Abschaffung von Roaming“ ein billiges Märchen von Günther Oettinger & Co ist, werdet Ihr im nächsten Urlaub feststellen. Im Gesetzestext finden sich leider zuviele Schlupflöcher, die Telekommunikationsunternehmen die Möglichkeit geben, ein Zweiklassen-Netz zu schaffen. Geschäftsmodelle wie die Drosselkom-Tarife werden damit legalisiert. Deutsche Telekom, Vodafone, Telefonica & Co haben sich mit ihrer Lobbymacht durchgesetzt.Es ist eine vertane Chance, dass das EU-Parlament dem Kompromiss zwischen Parlament, Kommission und Rat zugestimmt hat und damit seine eigene Position von vor einem Jahr aufgegeben hat, als man mit deutlicher Mehrheit für klare Regeln gestimmt hatte. Danke an alle Abgeordneten, die für klare Regeln gestimmt haben. Und an alle Menschen, die Zeit geopfert haben, sich direkt an Abgeordnete zu wenden.
Was jetzt wichtig wird:
Wir haben genau beobachtet und ausreichend dokumentiert, wenn Politiker wie EU-Kommissar Günther Oettinger die Parole durchgegeben haben, hier sei nichts zu befürchten, die Netzneutralität würde gesichert und die Ausnahmen würden doch nur für Spezieldienste im allgemeinen Interesse gelten. Wir werden genau beobachten, wie sich der Markt entwickelt und weiterhin gefährliche Entwicklungen dokumentieren, wie wir es bereits im Frühjahr mit unserem Report gemacht haben: Verletzungen der Netzneutralität sind in Deutschland schon jetzt die Regel.
Die Debatte wird sich leider in Richtung der Regulierungsbehörden wie bei uns die Bundesnetzagentur verlagern. Das bedeutet, sie wird intransparenter und Telko-Lobbyisten haben dort besser Chancen, ihre Interessen durchzusetzen. Wichtig ist, diese weitere Debatte ausreichend zu beobachten und aus zivilgesellschaftlicher Sicht darauf einzuwirken und Verbraucherinteressen dort zu vertreten.
Die Entscheidung wird zu mehr Rechtsunsicherheit führen. Viele Ausgestaltungen werden vor Gericht geklärt werden müssen. Man kann zwar klagen, das kostet aber viel Geld und Zeit. Nicht jeder kann deshalb die eigenen Interessen vor Gericht vertreten.
Wir sind davon überzeugt, dass die Telekommunikationsindustrie die Chance nutzen wird, durch unklare und laxe Regeln die Netzneutralität auszuhebeln. Es wird eine Evaluierungsfrist geben. In zwei Jahren werden wir Parlament und Kommission zur Verantwortung ziehen, wenn diese Verschlechterungen die Regel werden. Und uns dafür einsetzen, dass diese Bugs gefixt werden.
Das alles kostet Geld und Zeit. Und macht nicht immer Spaß. Unterstützt Organisationen durch Spenden, die Eure Interessen in dieser Debatte vertreten. Uns kann man hier spenden.
Auch wenn das EU-Parlament heute die historische Chance vertan und einen schlechten Regulierungsrahmen geschaffen hat: Der Kampf für ein offenes Netz und klare Regeln zur Netzneutralität ist nicht vorbei. Er wird nur schwieriger. Aufgeben gilt aber nicht!
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: EU-Parlament zu Roaming und Netzneutralität: Das Heraufbeschwören der Alternativlosigkeit
CC BY 2.0 by <a href="https://www.flickr.com/photos/backbone_campaign/16446576687/" >Backbone Campaign</a> : EU-Parlament zu Roaming und Netzneutralität: Das Heraufbeschwören der Alternativlosigkeit Heute Morgen hat das EU-Parlament in zweiter Lesung über den Standpunkt des Rates „Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“ debattiert. Hauptsächlich ging es dabei um das Roaming – die Verwässerung der Netzneutralität und entsprechende Änderungsantrage waren kaum Thema. Andrea und Fabian fassen hier die Debatte zusammen.
Update: Die Ergebnisse der Abstimmung über die Änderungsanträge finden sich hier.
Wichtige Dokumente zur 2. Lesung
- Standpunkt des Rates (interinstitutionelles Dokument 2013/0309)
- eingereichte Änderungsanträge
- Verlauf des EU-Gesetzgebungsverfahrens
- Empfehlung des zuständigen Ausschusses (ITRE), den Antrag ohne Änderungen anzunehmen
Statements der Berichterstatterin und des Kommissars Ansip
Zu Beginn der Sitzung äußerten sich die zuständige Berichterstatterin Pilar del Castillo Vera (EPP) sowie Andrus Ansip, der Kommissar für digitalen Binnenmarkt und Vizepräsident EU-Kommission (Videoaufzeichnung).
Berichterstatterin Castillo Vera wies darauf hin, dass viele Personen, Institutionen und Start-Ups in Europa lange auf niedrigere Roaming-Gebühren warten mussten. Nun rücke der „digital single market“ in greifbare Nähe. Es gelte, ein offenes Internet ohne Diskriminierung zu gewährleisten. Damit sei Europa die einzige Region, die eine gesetzliche Netzneutralität gewährleiste.
Kommissar Ansip betonte, dass es nun keine Rechtfertigung für irgendwelche Verzögerungen gibt. Nur durch einen sofortigen Beschluss könnten Konsument*innen und Unternehmen so schnell wie möglich von gemeinsamen Regeln zur Netzneutralität und der Abschaffung zusätzlicher Roaming-Gebühren profitieren. Scheitere der Prozess, hätte dies negative Auswirkungen auf Europa, so Ansip.
Statements aus den Fraktionen
Karin Kariņš (PPE) betonte, dass der Grundsatz der Netzneutralität ein sicheres Investitionsumfeld gewährleiste, von dem auch Unternehmen profitierten. Schon sein Statement ließ die Vermutung zu, dass der Fokus der Debatte auf der halbherzigen Roaming-Abschaffung liegen werde, so auch bei Patrizia Toia (S&D). Sie wies zudem darauf hin, dass die Beschlüsse der amerikanischen Regulierungsbehörde (FCC) zur Netzneutralität keinen Gesetzescharakter haben und sich so jederzeit ändern könnten. Das Prinzip der Nicht-Diskriminierung im Entwurf ist ihres Erachtens kristallklar formuliert.
Vicky Ford (ECR) freute sich, dass bei der Handyrechnung nach dem Urlaub bald keine unangenehmen Schocks mehr eintreten. Der Beschluss werde zudem das Internet sicher, zugänglich und erschwinglich machen. Jens Rohde (ALDE) würde gerne noch weiter gehen, sieht den Vorschlag jedoch als ersten, großen Schritt für die Bevölkerung und Unternehmen.
Als erste kritische Stimme entgegnete Marisa Matias (GUE/NGL), dass so nicht erzielt werde, was das Parlament 2011 wollte: Die vorliegende Regelung der Netzneutralität sei nicht eindeutig. Viele Bürger*innen seien besorgt. Das Internet sei inzwischen Teil des Welterbes, die Neutralität anzugreifen sei ähnlich wie der Angriff auf Palmyra. Sie hoffe außerdem, dass der Roaming-Beschluss nicht wieder aufgegeben werde – wie 2014.
Michel Reimon (Verts/ALE) hat den Protest und die Kritik wahrgenommen und wird gegen den Vorschlag stimmen. Er würde gerne etwas von Günther Oettinger hören, der in der Kommission für diesen schlechten Beschluss verantwortlich sei. Der twittere zwar fleißig mit, aber sollte auch einmal lesen, was die Bevölkerung sagt, stellt Reimon fest.
Dario Tamburrano (EFDD) kritisierte die schlechte Definition des Roamings und einen Vorschlag, der in Wirklichkeit nicht für Netzneutralität sorgen werde. Wer die Warnungen von Tim Berners-Lee beherzige, müsse gegen den Vorschlag stimmen. Barbara Kappel (ENF) hoffte, dass es nach zwei Jahren der Verhandlungen zu einem Ergebnis kommt.
Redebeiträge der Abgeordneten
Es folgten weitere Redebeiträge, von denen wir hier nur diejenigen wiedergeben, die sich nicht nur für den möglichen Roaming-Beschluss feiern, sondern substantiell etwas Neues zur Debatte beigetragen haben.
Henna Virkkunen (PPE) versicherte, dass ISPs mit dem Beschluss nur aus technischen, nicht aus kommerziellen Erwägungen Geschwindigkeiten regulieren können. Petra Kammerevert (S&D) kritisierte, dass der Text gerade keine Netzneutralität biete: Er enthalte weitläufige Ausnahmen und keine hinreichende Eingrenzung der Spezialdienste. Für die Abschaffung des Roamings würden wir so einen hohen Preis zahlen.
Julia Reda (Verts/ALE) fragte sich, warum der EU-Ministerrat weder eine Beschreibung noch das Wort „Netzneutralität“ in den Beschluss aufgenommen hat. Das Internet bleibe so weiterhin langsam und teuer. Sie verwies außerdem auf die Warnungen von Barbara van Schweick und Lawrence Lessig und bat um die Annahme der entsprechenden Änderungsanträge.
Für Jean-Luc Schaffhauser (ENF) stellt der Beschluss eine Illusion dar, so lange es kein europäisches Internet [sic] gebe. Auch wenn sich Marlene Mizzi (S&D) nicht vollkommen zufrieden zeigt, sei es in Zeiten von Europaskepsis wichtig, den Bürger*innen mit der Abschaffung des Roamings einen Gewinn zu hinterlassen.
Juan Carlos Girauta Vidal (ALDE) bedauerte, dass der EU-Ministerrat die Definition der Netzneutralität zurückgewiesen hat. Für Marco Zullo (EFDD) ist jede Einigung ein bisschen besser als gar nichts, Gilles Lebreton (ENF) unterstützt die Änderungsanträge. Hans-Olaf Henkel (ECR) plädierte bei der Gelegenheit für die Abschaffung des Euros. Sabine Verheyen (PPE) ist nicht zufrieden mit der Aufweichung des Beschlusses aus der ersten EP-Lesung und ist enttäuscht, dass niemand vom Rat diese im Parlament begründet. Edouard Martin (S&D) hätte einen klareren Text bevorzugt, will dafür aber nicht „wieder alles aufs Spiel setzen“.
Abschluss
Auch die „Catch the Eye“-Session, in der weitere Redebeiträge aufgenommen werden, brachte keine neuen Erkenntnisse. Zum Abschluss forderte Kommissar Ansip die Abgeordneten auf, die Debatte nicht mit Änderungsanträgen zu verzögern – nicht nur auf Monate, sondern gleich auf Jahre. Zuletzt wies Berichterstatterin Castillo Vera darauf hin, dass heute eine wichtige Entscheidung getroffen wird. Wie recht sie hat!
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: Live-Ticker net neutrality debate & vote in the European Parliament
: Live-Ticker net neutrality debate & vote in the European Parliament
Today the European Parliament decides about the future of net neutrality on continent. In the past week we have seen a huge mobilisation with famous voices asking for amendments including Tim Berners-Lee, Lawrence Lessig, Barbara van Schewick and many companies. The Members of European Parliament now have to decide if they stand for an open internet or if regulators and judges will decide how open the infrastructure will be. The debate in plenary happens between 8:30 am and 10:00 am. The vote is scheduled at around 13:15pm. Live-Stream can be seen here. It still makes sense to call your representatives.
8:30 Rapporteur Pilar del Castillo defends the regulation and thanks everybody involved to the good work.
8:40 Commissioner Andrus Ansip defends the roaming provisions and urges MEPS to vote for this regulation8:45 MEP KARIŅŠ, Krišjānis (EPP, Latvia) defends the roaming provisions
8:43 Patricia Toia (S&D, Italy) defends the regulation. Thanks her predecessor shadow rapporteur Trautmann. (She was the one who agreed for the socialist in the middle of the night to the current net neutrality text in exchange for roaming, her predecessor fought much harder) “We must vote for this regulation with no amendments”
8:52 FORD, Vicky (ECR, UK) she praises the roaming provisions and says how users will be protected with the new net neutrality rules. “There will be no two speed europe”.
8:53 Jens Rhode (ALDE, Denmark) „We can only create more jobs when we limit the rules of movement through the EU. Here we introduce the first safeguards for the open internet. We have nothing in Europe, we would have liked to go further. This is the first step in creating consumer rights. It is a big step for citizens and companies.“
8:56 MATIAS, Marisa (GUE, Portugal) This is not the regulation that we announced to our votes before the election. The abolishment of roaming is not coming anytime soon. We don’t have net neutrality if you have ambiguity in the text. Many citizens have criticised. The internet is already our common heritage. (she was mostly not present in the trial negotiations)
8:59 Michel Reimon (Greens, Austria) Democracy lives from communication. The neutral internet is the most vital infrastructure for the democracy of our future. If we abolish net neutrality we hurt our democracy. If net neutrality is abolished we cement the big companies. With this regulation you will only help a few big companies. That Ansip is standing here is brave, but Commissioner Günther Oettinger should be standing here. He is responsible. Oettinger is posting heavily about this debate, or so is his team. But he should not only post, he should also read what the citizens tell him. There is not support for this proposals, you should vote against it.
9:02 TAMBURRANO, Dario (EFDD, Italy) This can still be a historic vote, please vote for the amendments
9:03 KAPPEL, Barbara (ENF, Austria) the internet will change rapidly in the coming years (internet of things) we have to be prepared and create the right legal basis
VIRKKUNEN, Henna (EPP, Finland)9:05 Petra Kammerevert (S&D, Germany) The current text does not deliver net neutrality. The loopholes are so broad that net neutrality is not guaranteed. We are paying a much to high price for the abolishment of roaming fees. The internet is the fundamental infrastructure of our time. (Kammerevert was the one political who was following this dossier from the beginning till the end and always stand firm for net neutrality)
– many voices shouting while Kammerevert is speaking -
– problems with the blue card system (asking questions to MEPs during the debate) –9:12 KALLAS, Kaja (ALDE, Estonia) We seem to have real communication problems here in the Parliament. I often say that we have differences in our communication, borders and roaming are a good example for this. How do you define net neutrality? These questions are important. The internet was created as an open platform for communication and innovation. Until recently it seemed not important, but now we have to ensure the level playing field. I urge commissioner Ansip to ensure a common implementation of this regulation. We have to look at BEREC’s role in this.
9:15 LÓPEZ BERMEJO, Paloma (GUE, Italy) We appreciate the position of the commission. But the
net neutrality has to be protected. We have to look at the content of this proposal.
9:17 Reda, Julia (Greens, Germany) reads the definition of net neutrality from amendment 3 and the first reading position. The founder of the world wide web is urging us not to abolish net neutrality in Europe. He is joined by many european startUps, the world wide leading expert Barbara van Schewick and Presidential candidate Lawrence Lessig. This regulation gives incentive to companies not to invest in the network. This is the opposite of net neutrality and therefore I urge you not to adopt this regulation.- Jens Rhode is again raising the issue of Blue cards –
9:20 MEP Grapini asks a question to MEP Reda: Do you think we need a guarantee from the commission about 2017. Do you think it is important to get an comittement? The market has waited to long for this proposal.
Reda’s response: The regulation as such doesn’t set an end date of roaming. What we are doing here is giving the power to legislate to the commission and regulators.
9:22 HELMER, Roger (EFDD, UK) We are for net neutrality but not in heavy handed EU policy. The roaming provisions are flawed.
– Vicky Ford asks a question to Helmer -
– the question is a statement in defence of the roaming proposal -
– Helmer response with more criticism -
– Most seats are empty. The are currently around 50 of the 751 MEPs sitting in the plenary –9:26 RÜBIG, Paul (EPP, Austria) I want to thank our Rapporteur Pilar del Castillo for this great proposal to reduce roaming charges. On net neutrality we have to ensure that data is treated equally in order to avoid bottle necks. Rübig response to a question and says this EU regulation is better then the US regulation.
9:30 MIZZI, Marlene (S&D, Malta) I am not fully happy with the net neutrality provisions but at least we have common rules for this goal in the EU.
9:31 FOX (ECR, UK) Ashley I am happy that we can keep our parental control filters in the UK.
9:33 GIRAUTA VIDAL, Juan Carlos (ALDE, Spain) He thanks the Rapporteur for their work and praises the proposal. The abolishment of roaming charges is a big step forward. He is unhappy about the net neutrality „minimal provisions“.
9:35 FERREIRA, João (GUE, Portugal) the great promises of the digital single market was not followed up. This will only strengthen big companies. We have been told that the end of roaming charges still bona be decided by big multi-nationals. Countries from the south will have to pick up the tap about the abolishment of roaming charges.
9:36 ZULLO, Marco (EFDD, Italy) we have guaranteed nothing. We are handing out mechanisms that make it impossible to enforce the safeguards of users. Looking at net neutrality. We are talking about the definition, but really providers will be able to still discriminate.
9:38 LEBRETON, Gilles (ENF, France) If the text is voted through at it is there would still be the possibility of discrimination. Therefore I vote for these amendments. The FCC has proven that net neutrality works and guaranteed for their citizens. We have to do the same today.
9:39 THUN UND HOHENSTEIN, Róża Gräfin von (EPP, Polen): Service Providers will have to treat all data equally without interfering. If there is a problem … [translation hickup] We have to adopt this regulation now.
9:42 HENKEL, Hans-Olaf (ECR, Germany)
We have to remain vigilant. net neutrality can not be a ideological battle ground. The single market is the basis for Europe. We are falling behind in the digital economy and connect our internal market to the global market. Therefore I support the commission proposal.9:43 VERHEYEN, Sabine (ECR, Germany) the council has fought net neutrality from the beginning. Therefore the word is not even in the regulation. The Parliament adopted a good text but couldn’t get this text through. The package has to be seen as a whole. Currently we have no safeguards against network discrimination in Europe at all. If we come here to a solution it will be better then nothing. I am not happy with the net neutrality provisions, but it’s better then nothing.
9:45 GEBHARDT, Evelyne (S&D, Germany) I am also not happy with this text, but it’s better then nothing. Please mr. Commissioner we have to work had to abolish zero-rating.
9:47 BENDTSEN, Bendt (ECR, Denmark) Roaming was the milk cow. Still we got rid of it. Yes the current text is not perfect,t but it is the first time we ever get any safeguards.
9:48 MARTIN, Edouard (S&D, France) Abolishing roaming is particularly good for people living or working close to borders. net neutrality is the other important thing. This text is about neutral treatment of traffic. The text would need to be clearer, but we should not reopen negotiations. We have to stay vigilant with the implementation and the upcoming legislativ proposals.
9:50 HÖKMARK, Gunnar (ECR, Sweden) Spectrum is important. An open internet is open for new service classes.
9:51 DANTI, Nicola (S&D, Italy) the digital economy is what used to be the coal infrastructure of Europe. A digital single market is a precondition.
9:52 GRIFFIN, Theresa (S&D) I urge all colleagues to vote for this regulation because we have to abolish roaming charges.
- 7 improvised speakers on the list –
9:55 Commissioner ANSIP, Andrus If yo adopt amendments you will delay this regulation for years, not weeks. If you not approve the deal today there is not date at all. It is dangerous to use mobile devices in other countries. Now it is up to the MEPs. Common principles in net neutrality are achieved no blocking, no throttling, no paid priotization. It is a good deal, I urge you to vote for it.
10:01 DEL CASTILLO VERA, Pilar (EPP, Spain) Curial decisions will be taken today for the digital future of the EU. We are on a high speed train with no stop and the EU should be the engine. The internet is a pressures thing. The Internet is new territory that has been invented. With this regulation we will lay down the rules to access this territory non-discriminatory. It is the first time worldwide that such such a net neutrality regulation is adopted.
That’s it with the debate. Recording should be online soon. The vote will happen between 13:00 and 14:30 pm today. Most likely 13:15pm.
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: Netzneutralität retten: Ein Vorschlag für die E‑Mail an deine*n Abgeordnete*n
<a href="https://savetheinternet.eu/de/">savetheinternet.net</a> : Netzneutralität retten: Ein Vorschlag für die E‑Mail an deine*n Abgeordnete*n Das Internet, wie wir es kennen, ist in Gefahr: Stimmt das Europaparlament am Dienstag für den bestehenden Kompromissvorschlag ohne Änderungsanträge, wird dies spürbare Folgen für alle haben (mehr zum Hintergrund).
Es ist jetzt höchste Zeit zu handeln: Auf der Kampagnen-Webseite für eine echte Netzneutralität kannst du die EU-Abgeordneten kontaktieren. Doch was sollst du da sagen oder schreiben? Netzneutralität ist ein einfaches Prinzip, wurde jedoch zum komplexen Thema. Zur Vereinfachung stellen wir hier einen E‑Mail-Entwurf auf Deutsch zur Verfügung. Diesen kannst du zum Beispiel über die oben genannte Seite – mit Klick auf den dortigen Button „E‑Mail“ – an die Abgeordneten verschicken. Vor allem die Abgeordneten aus dem konservativen Lager müssen noch überzeugt werden.
*** Hier beginnt der E‑Mail-Entwurf – in Reintext-Formatierung. Vergiss nicht, unbedingt diesen Text zu anzupassen, da die Abgeordneten nicht gerne Massenmails empfangen und mit deinen eigenen Worten personalisierte Nachrichten mehr Gewicht haben – sonst landen Sie womöglich gar nicht am gewünschten Ziel! Füge auch noch den $Namen der/des Abgeordneten hinzu sowie am Ende deinen eigenen!***
Sehr geehrte/r MdEP $Name,
in der Plenarsitzung am Dienstag werden Sie über den Verordnungsvorschlag für „Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“ abstimmen. Leider enthält die vorliegende Trilog-Vereinbarung keine klaren Regeln, um die Netzneutralität in Europa zu sichern. Daher bitte ich Sie *für das offene Internet* und *für die Änderungsanträge 2 bis 24* zu stimmen.
*Bitte unterstützen Sie die europäischen Bürger und Unternehmen. Bitte treffen Sie die positive, demokratische Entscheidung, wie Ihre Wähler es sich wünschen.*
Das Parlament hat sich in der ersten Lesung noch für den weitreichenden Schutz des freien Internets ausgesprochen – in den nachfolgenden Verhandlungen wurde leider sehr viel davon aufgegeben. In erster Lesung wurde für klare Regeln zur Netzneutralität gestimmt, der vorliegende Kompromissvorschlag weicht diese jedoch auf und ist zudem unklar formuliert. Die erste Lesung hatte auch für eine „spectrum reform“ votiert – dies wurde in der Trilog-Vereinbarung aufgegeben.
*Wo liegt das Problem?*
(a) Der Kompromissvorschlag spricht nicht einmal mehr von „Netzneutralität“! *Um dies zu ändern, stimmen Sie bitte für die Anträge 2, 8, 9, 19 und 20.*(b) _„Zero-Rating“_ stellt eine Verletzung der Netzneutralität dar. Es erlaubt Anbietern wie Facebook oder Spotify, sich das Privileg zu erkaufen, ihre Angebote nicht auf das monatliche Datentransfervolumen anrechnen zu lassen. Diese Anwendungen werden so attraktiver, da Nutzer nicht befürchten müssen, ihr Transferlimit zu sprengen, während der Zugriff auf alle anderen Dienste und Seiten wie üblich abgerechnet wird. Das Parlament auf der einen und Rat/Kommission auf der anderen Seite haben sich wegen großer Meinungsverschiedenheiten darauf verständigt [1], dies hier nicht zu regeln. Jetzt behauptet die Kommission, dass Eingriffe nur möglich sind, wenn der Wettbewerb eingeschränkt werde (und damit nicht, wenn die freie Meinungsäußerung betroffen ist). Selbst dann sollte jedoch fallweise abgewogen [2] und nicht generell entschieden werden; weitere Informationen hier [3]. *Stimmen Sie bitte für die Anträge 3, 10, 14 und 21.*
© _Spezialdienste („Überholspuren“)_ sind möglich, wenn sie eine Notwendigkeit darstellen. Die Präambel beschreibt jedoch auch solche Situationen als „notwendig“, in denen keine Vorzugsbehandlung notwendig wäre. So lässt der Text die Definition eines bestimmten Qualitätsniveaus vermissen, was Netzbetreiber dazu nutzen dürften, sich die Übertragung gewisser Inhalte zusätzlich bezahlen zu lassen. Entweder verlangt das Parlament eine Entscheidung vom Body of European Regulators (BEREC) – oder Sie beschließen diejenigen Änderungsanträge, die für klare Verhältnisse sorgen. *Stimmen Sie bitte für die Anträge 6, 7, 13, 17, 18 und 24.* Weitere Informationen finden Sie hier [4].
(d) _Netzüberlastungen_ erfordern den Eingriff von Netzbetreibern. Die Trilogvereinbarung erlaubt diese Eingriffe jedoch bereits, wenn sich eine Überlastung des Netzes abzeichnet – ohne dass klar definiert ist, wann eine „drohende Netzüberlastung“ beginnt. Die schwammige Formulierung könnte dazu führen, dass Provider bestimmte Datenpakete ständig drosseln und bei einer Beschwerde darauf verweisen, dass eine Überlastung unmittelbar bevorgestanden hätte und man deshalb eingreifen musste. Entweder die Entscheidung wird an den BEREC ausgelagert – oder das Parlament stimmt für diejenigen Änderungsanträge, die diese Lücke schließen. *Beschließen Sie hierfür bitte die Anträge 5, 12, 16 und 23.*
(e) Regeln zum _Verkehrsmanagement_ erlauben es, Datenpakete zu kategorisieren und die Kategorien unterschiedlich zu behandeln. Dies würde große Auswirkungen auf Innovationskraft und Datensicherheit haben. Beispiel Datensicherheit [5]: Videoübertragungen fallen in die Kategorie von Datenverkehr, der sensibel auf Verzögerungen reagiert. Daher werden diese auf der „Überholspur“ übertragen. Verschlüsselte Videodaten jedoch sind nicht als solche erkennbar und werden langsamer übertragen. Die Entscheidung wird also zwischen Sicherheit (verschlüsselt) oder langsamer Übertragung (nicht verschlüsselt) fallen. Schon heute führt ein solches kategorienbasiertes Verkehrsmanagement dazu, dass Datenverkehr von und zu einer Fraktion des Europäischen Parlaments langsamer übertragen wird. *Stimmen Sie bitte für die Anträge 4 und 11, 15 und 22, um dies zu verhindern.*
*Wie geht es weiter?*
Der Rat der EU hat das Parlament unter Druck gesetzt: Das Parlament solle für diesen schlechten Kompromiss stimmen, sonst werde der Rat das Verfahren abbrechen und das Parlament so bloßstellen. Als die einzige direkt gewählte Institution der EU sollte sich das Parlament nicht in dieser Weise behandeln lassen. Selbst wenn der Rat seine Drohungen in die Tat umsetzen sollte, hätte ein Scheitern des ganzen Prozesses nur minimale wirkliche Auswirkungen.Was klar ist: Roaming-Gebühren, die dem europäischen Binnenmarkt und den Verbrauchern lange Jahre geschadet haben, finden ihr Ende. Die Rahmenbedingungen für Telekommunikationsdienstleister werden in Kürze überprüft, was nicht nur das Ende für das Roaming bedeutet, sondern auch entsprechende Schlupflöcher im aktuellen Verhandlungstext schließen wird.
In der Frage der Netzneutralität sind Slowenien und die Niederlande mit gutem Beispiel vorangegangen. Andere, wie Österreich und Frankreich, bereiten entsprechende Gesetze vor. Die Tendenz geht in Richtung Netzneutralität – eine Entscheidung des Parlaments, die es den Mitgliedsstaaten nicht mehr erlaubt, sich zukünftig für die Netzneutralität auszusprechen, wäre zu bedauern.
*Bitte stimmen Sie für die Änderungsanträge 2 bis 24. Bitte unterstützen Sie die europäischen Bürger und Unternehmen. Bitte treffen Sie die positive, demokratische Entscheidung, wie Ihre Wähler es sich wünschen. Vielen Dank!*
Mit freundlichen Grüßen
/Links:/
[1]: https://www.youtube.com/watch?v=Wc8BiDPqeZU
[2]: https://www.youtube.com/watch?v=PZOYBU8svac
[3]: https://edri.org/files/NN_infographics_zerorating.pdf
[4]: https://edri.org/files/NN_infographics_specialisedservices.pdf
[5]: https://edri.org/files/NN_infographics_encryption.pdf -
: Gefahr im Verzug: Abstimmung über Netzneutralität ohne Änderungsanträge geplant
: Gefahr im Verzug: Abstimmung über Netzneutralität ohne Änderungsanträge geplant
Das neue Gesetz zur Netzneutralität in Europa steht kurz vor der Ziellinie. Der aktuelle Text bringt große Schlupflöcher für Diskriminierung im europäischen Internet und wird die Gerichte noch jahrelang beschäftigen. Rechtssicherheit im Internet und gute Bedingungen für Innovation sind in Europa damit ausgeschlossen. Am Dienstag hat der Industrie-Ausschuss im Europa-Parlament mit 50 pro- zu 10 contra-Stimmen für den Text der Trilogverhandlungen gestimmt. Die Mehrheit haben Sozialdemokraten, Konservative, Rechtsextreme und Liberale besorgt. Am 27. Oktober wird im Plenum in Straßburg nun die endgültige Entscheidung fallen. Es liegt an uns, mit SaveTheInternet.eu die Abgeordneten umzustimmen.Was bisher geschah
Dieses Gesetz zur Netzneutralität wurde von der EU-Kommission im September 2013 vorgestellt und zog in seiner damaligen Fassung heftige Kritik von Regulierungsbehörden, Datenschützern und der Zivilgesellschaft auf sich. Im April 2014 hat das Europa-Parlament mit großer Mehrheit echte Netzneutralität beschlossen. Mit den damaligen Reparaturen hätten Geschäftsmodelle auf Basis von Netzwerkdiskriminierung verhindert werden können. Die EU-Mitgliedsstaaten haben sich im Rat dann wieder gegen Netzneutralität entschieden.
Worüber wird verhandelt
Die gemeinsame Position der drei Institutionen (Parlament, Kommission und Mitgliedsstaaten) im Trilog ist nun so formuliert, dass die wirkliche Entscheidung offen bleibt. Aufgrund der mehrdeutigen Passagen im Text entscheiden statt den gewählten Abgeordneten nun 28 Regulierungsbehörden, Kommissar Oettinger und am Ende die Gerichte. Der Text versagt bei der klaren Unterscheidung zwischen Spezialdiensten und dem offenen Internet, er versagt beim Verbot von Zero-Rating, erlaubt das Zensieren von Webseiten ohne Rechtsgrundlage oder Gerichtsbeschluss und würde das Ende des Best-Effort-Prinzips bedeuten. Mit den Passagen für Netzwerkmanagement können Provider zukünftig allen Netzwerkverkehr jederzeit in Diensteklassen unterteilen. Wer sich in der falschen Dienstklasse wiederfindet oder aufgrund von Verschlüsselung nicht eingeordnet werden kann, bleibt auf der Strecke.
Dreckige Tricks
Obwohl dieses Gesetz schon im Eilverfahren in nur zwei Wochen vom Ausschuss ins Plenum kommen soll, wollten manche Abgeordneten nun auch noch die letzte Möglichkeit für Änderungsanträge verhindern. Mit einer „urgent procedure“ (Leak) hat man versucht, statt einer Abstimmung über einzelne Änderungsanträge nur noch mit Ja oder Nein über das gesamte Paket mit all seinen Fehlern abstimmen zu lassen. In den beiden vorangegangenen Ausschüssen im Juli und Oktober wurden Änderungsanträge bereits verhindert. Das Europa-Parlament hat also nicht nur in den Verhandlungen mit den anderen Institutionen seine Position vor der EU-Wahl aufgegeben, sich einen fremden, unbegründeten Zeitplan aufzwingen lassen, schon in beiden Sitzungen des Industrie-Ausschusses keine Änderungsanträge zugelassen und nun soll auch noch im Plenum einfach abgenickt werden.
Europa-Parlament am Zug
Bis Mittwoch können noch Änderungsanträge eingebracht werden, um die originale Parlamentsposition wiederherzustellen. Ob über diese Anträge dann auch abgestimmt wird, liegt aber in den Händen von Parlamentspräsidenten Martin Schulz. Nur wenn er eine demokratische Entscheidung über den Inhalt des Gesetzes zulässt, können mit der Hälfte der Stimmen der 751 Abgeordneten noch Änderungen am Gesetz vorgenommen werden.
Unserer Meinung nach muss das Internet gerettet werden, und es braucht Euch dazu. Schnappt Euer Headset, ruft Eure Abgeordneten an – alles was Ihr dazu braucht, findet Ihr auf savetheinternet.eu.
Update:
Die Änderungsanträge wurden von Grünen und Linken eingebracht. Einzelne liberale Abgeordnete (v.a. Marietje Schaake) versuchen ebenfalls noch die guten Änderungsanträge ohne politische Partei mit 40 Unterschriften einzelner Abgeordneter einzubringen. Abgeordnete, die dem Thema positiv gegenüberstehen, können und sollten hier noch mit zeichnen. Das hilft uns danach eine Mehrheit zu bekommen. Die Deadline für Änderungsanträge wurde auf Donnerstag 18:00 verschoben. Erst danach Entscheidet Martin Schulz über die Zulässigkeit der Anträge.
Die Debatte im Plenum findet Dienstag 27.10 von 8:30 bis 10:00 statt und kann im LiveStream verfolgt werden. Die Abstimmung ist dann im Voting-Block am Nachmittag/Abend (Details folgen im Laufe der Woche hier). -
: #11np Review Teil 6: Thomas Lohninger erklärt die EU-Verhandlungen zu Netzneutralität
Thomas Lohninger auf der #11np - by Theresia Reinhold <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/"> (CC BY-NC-SA 2.0) </a> : #11np Review Teil 6: Thomas Lohninger erklärt die EU-Verhandlungen zu Netzneutralität Im Oktober geht der Kampf um Netzneutralität in Europa in seine Endphase. Thomas Lohninger gab uns bei der „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz einen Überblick zu den aktuellen Verhandlungsprozessen auf EU-Ebene. Gleichzeitig lohnt sich beim Thema Netzneutralität eine internationale Perspektive. Viele andere Länder, wie etwa Chile oder Kanada sind bereits vorangeschritten und haben ihre Internet-Provider zur Netzneutralität verpflichtet. Nun gilt es, dranzubleiben und zu beobachten, wie diese Länder ihre Regelungen tatsächlich umsetzen.
Unterdessen ruft Thomas Lohninger auch dazu auf, den Trialogprozess in Europa kritisch zu begleiten. Er bewertet die Einzelbestandteile des bisherigen Kompromisses zwischen EU-Parlament, Kommission und Europäischen Rat. Dabei weist er auch auf die enormen Risiken hin, die in dem derzeitigen Entwurf schlummern. Denn in vielen Punkten hat sich die Kommission bei den Verhandlungen durchgesetzt. Noch immer besteht die Gefahr, dass durch die Hintertüre eine Bevorzugung bestimmter Anbieter möglich ist, etwa durch die unklaren Vorgaben zu bezahlten Spezialdiensten.
Die Auseinandersetzung darüber ist allerdings noch nicht beendet. Der Vortrag hält praktische Tipps und Strategien bereit, wie Bewegung in die öffentliche Diskussion um Netzneutralität kommen kann: Die Kampagne savetheinternet.eu hilft dabei, die eigenen Abgeordneten im EU-Parlament zu erreichen.
Wie immer ist das Video direkt zum Download und zum Nachhören als Podcast verfügbar.
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: Neue Infratest-Umfrage: Deutliche Mehrheit ist für Netzneutralität
: Neue Infratest-Umfrage: Deutliche Mehrheit ist für Netzneutralität
Das Marktforschungsunternehmen Infratest dimap hat im Auftrag von Abgeordnetenwatch 1034 Personen telefonisch zur Netzneutralität befragt (PDF). Dabei kam eine überraschend deutliche Mehrheit an Befürwortern in Höhe von 75% der Befragten raus. 13% hielten Netzneutralität für verzichtbar, 11% hatten keine Meinung und das letzte Prozent ist sicher Rundungen zum Opfer gefallen. Sehr interessant finde ich am Ergebnis, dass es kaum Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Parteipräferenzen gibt. Selbst 76% der Unions-Anhänger bevorzugen Regeln zur Netzneutralität, während sich die CDU/CSU für eine Verwässerung dieser im Sinne der Telekommunikationsunternehmen einsetzt.Zum Hintergrund: Entscheidende Abstimmung Ende Oktober im EU-Parlament
Im Europaparlament steht Ende des Monats die entscheidende zweite Lesung zum „Digital Single Market“ statt, wo es neben neuen Roaming-Regeln auch um die Netzneutralität geht. In der ersten Lesung vor einem Jahr hat das EU-Parlament mit überwältigender Mehrheit für klare Regeln gestimmt. Da die Regierungen im EU-Rat und auch die Kommission eine andere Position hatten, kam es zum Trilog. Aus den Kompromiss-Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat ist ein anderer Text entstanden, der jetzt dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt wird. Änderungen sind noch möglich und auch dringend notwendig, beispielsweise um Spezialdienste genauer zu definieren. Wenn die unklaren Definitionen im Text bleiben, bekommen Telekommunikationsunternehmen einen Freifahrtsschein, ein Zweiklassen-Netz zu errichten. Mehr Informationen finden sich auf savetheinternet.eu. Gestern haben wir über den Prozess bis zur Abstimmung berichtet und einen Fahrplan beschrieben.
Im Dezember vergangenen Jahres hatte ich bei change.org eine Petition zum Thema gestartet. Diese wurde bisher mehr als 175.000 Mal unterzeichnet. Abgeordnetenwatch kooperiert mit change.org und startet für jede erfolgreiche Petition mit mehr als 100.000 Mitzeichnern einen Petitionscheck. In diesem Rahmen ist diese Umfrage finanziert worden und Abgeordnetenwatch wird in den kommenden Tagen alle deutschen EU-Abgeordneten ansprechen, die Umfrageergebnisse kommunizieren und um eine Stellungnahme bitten.
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: Fahrplan zur Netzneutralität: EU-Parlament am Zug
Das EU-Parlament kann in zweiter Lesung die Regeln zur Netzneutralität absegnen – oder sie in letzter Minute verbessern. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">CC BY-NC-ND 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/eeas/15705313487/">European External Action Service</a> : Fahrplan zur Netzneutralität: EU-Parlament am Zug Diese Woche kehrt der Kompromisstext zur Netzneutralität ins EU-Parlament zurück, um die letzten Hürden vor der endgültigen Verabschiedung zu nehmen. Den Parlamentariern stehen in den nächsten Wochen noch zwei Hebel zur Verfügung, um Änderungen am Verordnungsentwurf vorzunehmen.
Zunächst stimmt voraussichtlich am 13. Oktober der Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) über den Text ab. Der Ausschuss hat jedoch bereits im Juli den im Trilog-Verfahren ausgehandelten Kompromiss abgenickt. Ob an dieser Stelle noch etwas passieren wird, bleibt also unklar. Danach geht es weiter ins Parlamentsplenum, wo die entscheidende Abstimmung in der letzten Oktoberwoche ansteht, vermutlich am 27. oder 28. Oktober. Dort wird sich die letzte Gelegenheit bieten, Änderungsanträge einzubringen.
Mit der Verordnung beabsichtigt die EU, verbindliche Regeln zur Netzneutralität festzuschreiben. Demnach soll jedes Datenpaket gleichberechtigt transportiert werden, unabhängig von Inhalt, Sender und Empfänger. Das soll sicherstellen, dass es zu keinen Diskriminierungen kommt und das Internet weiterhin nach dem Best-Effort-Prinzip arbeiten kann. Erlaubt bleiben jedoch Begrenzungen des Datenvolumens, damit eng verknüpfte Zero-Rating-Angebote, die Ausnahmen von der vereinbarten Grenze schaffen sowie Spezialdienste, die „keine Internetzugangsdienste sind,“ nach einem „bestimmten Qualitätsniveau“ verlangen und „keine negativen Auswirkungen auf die Verfügbarkeit oder allgemeine Qualität der Internetzugangsdienste für Endnutzer“ haben.
Schwammige Formulierungen
Allerdings definiert der Text nicht, wie dieses „bestimmte Qualitätsniveau“ auszusehen hat und überlässt es den nationalen Regulierungsbehörden, darüber zu entscheiden, „ob und inwieweit diese Optimierung objektiv erforderlich ist.“ Vor dieser schwammigen Formulierung warnen NGOs bereits seit Monaten, da sie leicht als Schlupfloch missbraucht werden könnte, um bestimmte Dienste und Inhalte auf zu bezahlende Überholspuren auszulagern.
Joe McNamee von edri.org wiederholte die Kritik und fügte hinzu, dass die Verordnung zwar Neutralität unterstützen wolle, sie aber zulassen würde, dass Datenpakete unterschiedlich behandelt werden. „In der Praxis könnte das bedeuten, dass verschlüsselte Daten, insbesondere von kleineren, weniger etablierten Inhalteanbietern verlangsamt übertragen werden könnten, weil es Verschlüsselung schwer macht, festzustellen, dass es sich bei den Daten tatsächlich um Videomaterial handelt,“ so McNamee in einer Aussendung. Zudem bestehe Unklarheit über die Volumensgrenzen, da im Text ausdrücklich die Rede davon ist, dass keine Inhalte blockiert werden dürfen. Auf diese Gefahr der Diskriminierung weist auch der Digitale Gesellschaft e.V. hin: „Trotz Verbot der Blockierung einzelner Dienste wäre es nach dem vorliegenden Text zudem möglich, einzelne Dienste nach Ausschöpfen eines vorgegebenen Datenvolumens zu sperren.“
Präzisierungen nachreichen
In einem aktuellen Gutachten bemängelt Thomas Fetzer, Professor für Regulierungsrecht an der Universität Mannheim, die offen formulierten Passagen und hält deshalb rechtliche Auseinandersetzungen für wahrscheinlich. Zur Zulässigkeit von Spezialdiensten schreibt er etwa: „Der Entwurfstext lässt offen, woraus sich die Notwendigkeit für eine bestimmte Übertragungsqualität ergeben muss. Der VO‑E enthält keine präzise Bezugnahme auf technische Notwendigkeiten. Vielmehr ist er auch für eine Auslegung offen, bei der ein Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste unilateral oder in Absprache mit einem Dienste-/ Inhalteanbieter eine bestimmte Qualität festlegen kann, die er für ein bestimmtes Angebot unabhängig davon erreichen möchte, ob dies auch technisch erforderlich ist.“ Was Spezialdienste aus technischer Sicht auszeichnet, „etwa im Hinblick auf Jitter, Latenz und Packet Loss,“ sollte der Text klarstellen.
Auch die Regelungen zum Verkehrsmanagement und zu den Anforderungen an den Internetzugang selbst seien unklar formuliert, was zu Rechtsunsicherheiten führen dürfte: „Aufgrund der Auslegungsoffenheit des Verordnungsentwurfs an zentralen Stellen besteht die Gefahr, dass die Verordnung die vom Normgeber verfolgten Konzepte nicht hinreichend klar umsetzt.“ Minimieren ließe sich das durch „entsprechende Präzisierungen des Normtextes,“ die Fetzer freundlicherweise mitliefert.
Letzte Chance für Änderungen
Nicht geschlagen geben will sich der Grün-Abgeordnete Michel Reimon, Mitunterhändler und Hauptmitglied im ITRE-Ausschuss, auch wenn es derzeit nicht gut aussieht: „Dass sich am ausgehandelten Text noch etwas ändern wird, ist nach dem aktuellen Stand der Dinge und nach dem, was aus den anderen Fraktionen zu hören ist, eher unwahrscheinlich. Eine deutliche Mehrheit scheint sicher. Ein paar Abtrünnige in EVP, S&D und ALDE werden sie – zusammen mit den Grünen, Linken und der EFDD – nicht gefährden können,“ wie er Netzpolitik.org mitteilte. Er kündigte an, „in jedem Fall im Plenum Änderungsanträge einzubringen.“ Ob er dies auch im ITRE machen könne, kläre er derzeit noch mit den Diensten ab.
Damit sich noch einige weitere Abtrünnige finden, ruft die Initiative „Save The Internet“ dazu auf, Parlamentsabgeordnete zu kontaktieren und Druck auf sie auszuüben. In weniger als drei Wochen wird der Prozess abgeschlossen sein, und es handle sich um die letzte Chance, noch etwas zu ändern. Die Kampagnenseite biete einen „einfachen und komfortablen Weg,“ Abgeordnete „zu den nötigen Nachbesserungen an dem Gesetzestext für eine nachhaltige und starke Verankerung der Netzneutralität aufzurufen.“ In einem Monat ist es zu spät.
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: brand eins: Klassenkampf im Netz
: brand eins: Klassenkampf im Netz In der nun freigeschalteten August-Ausgabe der brand eins findet sich ein Text des Wissenschaftsjournalisten Christian J. Meier über Netzneutralität und den Klassenkampf im Netz. Er geht dabei auf die Verhandlungen des EU-Parlaments im Juni ein und die Frage, wie sich Netzneutralität und Qualitätsdienste unter einen Hut bringen lassen. Für ihn sind bevorzugte Qualitätsdienste durchaus sinnvoll, die Schwierigkeit liege eher in der Bestimmung dieser Dienste.
Wie eng oder weit diese [Qualitätsdienste] gefasst werden sollen, ist Teil derzeitiger Verhandlungen über Details des Ende Juni präsentierten Vorschlags. Erst danach wird klar sein, wie stark die EU die Netzneutralität wirklich aufweichen will.
Ihre Verteidiger geben sich daher noch nicht geschlagen. Der Glaubenskrieg ums Internet geht in die Verlängerung.
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: EU-Kommissar Andrus Ansip verteidigt Netzneutralitätsregeln
EU-Kommissar Andrus Ansip zeigte sich "glücklich" über die europäischen Regeln zu Netzneutralität. Foto: netzpolitik.org : EU-Kommissar Andrus Ansip verteidigt Netzneutralitätsregeln Er sei glücklich über den Kompromiss zur Netzneutralität, sagte heute der Kommissar für den digitalen Binnenmarkt, Andrus Ansip, bei einem Pressegespräch in Berlin. „Ich weiß, dass es einige Leute gibt, die nicht zufrieden sind,“ aber man müsse die bisherige Situation berücksichtigen. Einige Länder wie die Niederlande oder Slowenien hätten bereits auf eigene Faust entsprechende Regelungen gesetzlich verankert. „Wenn wir nicht in der Lage gewesen wären, einen Konsens auf EU-Ebene zu finden: Was bedeutet das für uns? Sehr bald hätten wir 28 unterschiedliche Regelungen, und unser Markt wäre noch stärker fragmentiert als derzeit,“ verteidigte Ansip den Kompromiss, der aller Wahrscheinlichkeit nach noch diesen Herbst verabschiedet werden wird.
Er finde keine Unterschiede zu den Anfang des Jahres aufgestellten Regeln der US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC). Auf beiden Seiten des Atlantik sei nun festgeschrieben, dass keine Inhalte blockiert oder gedrosselt werden dürfen, jeglicher Datenverkehr gleich behandelt werden müsse – und es keine bezahlten Überholspuren geben werde. Spezialdienste fallen für ihn nicht darunter. Er räumte ein, dass Schlupflöcher für „zeitkritische Anwendungen“ wie Telemedizin oder vernetzte Autos bewusst offen gelassen worden seien und wiederholte damit altbekannte Argumente der Telekomlobby: „Wir mussten die Definition von Netzneutralität und offenem Internet offen lassen für Innovation. Wir können nicht etwas definieren, ohne zu wissen, welche Arten von Diensten wir in zehn Jahren haben werden.“ Die Gefahr einer Fragmentierung, vor der Kritiker warnen, sehe er jedenfalls nicht.
Zum Leistungsschutzrecht wollte sich Ansip nicht im Detail äußern, da dieses Thema nicht in seinen Bereich falle. Freilich sei es Ziel der Kommission, für eine faire Vergütung von Inhalteproduzenten zu sorgen, wenn etwa Suchmaschinen Textausschnitte von Zeitungen veröffentlichen und daneben Werbung schalten. Ob er jedoch für eine „Google-Steuer“ eintrete, ließ er offen. Zunächst müsse man die Ergebnisse der öffentlichen Konsultation abwarten und mehr Erkenntnisse sammeln, meinte Ansip mit Verweis auf Spanien. Am Ende des Prozesses müssen jedoch faire Marktbedingungen herrschen, aber im Moment „ist es noch zu früh,“ um verbindliche Aussagen zu treffen.
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: Politik der Mikroentscheidungen: Wie Netzneutralität und NSA-Überwachung zusammenhängen
: Politik der Mikroentscheidungen: Wie Netzneutralität und NSA-Überwachung zusammenhängen Router und andere Knotenpunkte im Internet treffen jeden Moment eine Reihe an Entscheidungen, wie sie mit den ständig eintreffenden Datenpaketen umgehen. Welcher Pfad zum Ziel ist der Beste, wie schnell kann ich ein Paket verarbeiten, welche Priorität gestehe ich ihm zu? Der Medienwissenschaftler Florian Sprenger nennt in seinem neuen Buch dieses Phänomen „Mikroentscheidungen“, das in den Debatten rund um Netzneutralität und die Internet-Massenüberwachung durch den US-Geheimdienst NSA eine bloß marginale Rolle spielt. Diese für Menschen kaum wahrnehmbaren, kurzen Unterbrechungen des Datenflusses üben jedoch mehr Macht aus, als auf den ersten Blick erkennbar ist:
Diese Mikroentscheidungen unterbrechen den Strom der Daten, um ihre Verteilung zu kontrollieren. Sie sind nicht an individuelle Entscheider gebunden, sondern so wirksam, weil sie automatisiert in unüberschaubarer Anzahl und kürzester Zeit nach einem festen Regelwerk vonstattengehen. Sie verschränken soziale und technische Ebenen: Ihr protokollarisches Regelwerk ist in Aushandlungsprozessen zwischen verschiedenen Interessengruppen festgelegt worden und sie erzeugen Verbindungen oder Trennungen zwischen den Menschen an den Endpunkten des Netzes, aber sie sind technisch durch verbindliche Protokolle für den Ablauf von Prozessen implementiert.
Mikroentscheidungen würden „die kleinste Einheit wie die technische Voraussetzung einer gegenwärtigen Politik der Netzwerke“ darstellen. An diesem Punkt treffen Überwachungspraxis und die mögliche Aufhebung der Netzneutralität aufeinander: Beide würden „zu wesentlichen Teilen auf den gleichen medientechnischen Möglichkeiten von Mikroentscheidungen“ basieren und zwei Seiten einer Medaille verkörpern.
Das Buch „Politik der Mikroentscheidungen“ ist bei meson press erschienen, unter CC-BY-SA 4.0 lizensiert und lässt sich in deutscher sowie englischer Sprache kostenlos herunterladen. Mehr zum Thema gibt’s in einem Interview mit der FAZ.
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: Digitale Agenda: Bundesregierung will mehr „intelligente Vernetzung“
Die Bundesregierung möchte die "intelligente Vernetzung" vorantreiben. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/speedoflife/8274993170/">Andy Lamb</a> : Digitale Agenda: Bundesregierung will mehr „intelligente Vernetzung“ Eine neue Initiative der Bundesregierung knöpft sich die „intelligente Vernetzung“ vor, bei der in Deutschland noch Nachholbedarf besteht. Die in die „Digitale Agenda“ eingebettete Strategie soll mit insgesamt 36 konkreten Maßnahmen dafür sorgen, dass Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) besser genutzt werden können.
Dabei geht es um Infrastrukturen in den Bereichen Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung sowie Verwaltung, die systematisch miteinander vernetzt werden sollen. Durch die „zielgerichtete Verknüpfung und Koordinierung“ erhofft sich das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) Synergieeffekte, die sich bereichsübergreifend entfalten sollen. Zudem möchte das BMWi die Rahmenbedingungen verbessern, um Unternehmen Anreize für Investitionen zu liefern.
Offener Zugang zu Bildung und Wissenschaft
Neue Erkenntnisse im Forschungs- und Wissenschaftssektor sollen künftig nicht mehr im Urheberrechtsdschungel versickern, sondern durch eine Open-Access-Strategie „wirksam und dauerhaft“ zugänglich werden, wenn öffentliche Fördergelder im Spiel sind. Urheberrechtlich geschütztes Material soll sich einfacher nutzen lassen, indem eine lang geforderte Bildungs- und Wissenschaftsschranke eingeführt wird. Damit sollen endlich weitflächig digitale Lerninhalte in den Klassenzimmern ankommen. Flankiert wird diese Maßnahme von einer noch zu entwickelnden Strategie „Digitales Lernen,“ die Länder und Akteure aus allen Bildungsbereichen einbeziehen soll.
Optimierungspotenziale macht das BMWi auch im Energiesektor aus. Noch 2015 sollen neue Rahmenbedingungen „für den sicheren Einsatz von intelligenten Messsystemen und Regeln für die Datenkommunikation in intelligenten Energienetzen“ geschaffen werden, was einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund zehn Milliarden Euro bringen soll. Der Informationsaustausch im Gesundheitsbereich soll sich verbessern und die eHealth-Initiative weiterentwickelt werden.
Die Erforschung von automatisiertem Autofahren soll vorangetrieben und datenschutzrechtliche Fragestellungen gelöst werden. Erfreulicherweise fällt der öffentliche Nahverkehr nicht unter den Tisch. Einheitliche Standards und technologieoffene Lösungen sollen den Umstieg auf Bus und Bahn erleichern, indem etwa elektronische Fahrscheine mit einer digitalen Fahrplanauskunft verknüpft werden.
Open Data als Standard
Der Zugang zur Verwaltung soll deutlich bequemer werden. So sollen gemeinsam mit den Ländern Bürgerkonten eingerichtet werden, wo man sich mit der eID-Funktion des Personalausweises sicher authentifizieren kann. Die Wirtschaft soll vom „Prozessdatenbeschleuniger“ (P23R) profitieren, mit dem Unternehmen ihre gesetzlichen Informations- und Meldepflichten sicher und automatisiert erfüllen können. Erste P23R-Umsetzungen seien erfolgreich verlaufen und deren Projektergebnisse unter einer Open-Source-Lizenz nutzbar. Erklärtes Ziel ist es, Open Data als Standard in der Bundesverwaltung einzuführen.
Gesetzlich verankert werden soll die Netzneutralität – allerdings mit der ausdrücklichen Einschränkung, dass Spezialdienste „unter bestimmten Voraussetzungen“ erlaubt sein müssen und überlegt werden soll, ob Datenverkehr „für bestimmte Anwendungen“ priorisiert werden darf. Als Beispiele führt das Papier selbstfahrende Autos, Steuerungssysteme in Energienetzen und telemedizinische Anwendungen an. Freilich dürfe dabei das offene und freie Internet nicht gefährdet werden. Im Grunde kündigt die Regierung in diesem Punkt also an, die demnächst kommende EU-Richtlinie umzusetzen, die praktisch deckungsgleiche Vorgaben festlegt.
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: #11np Review Teil 5: Ben Wagner zu „Thinking from the Edges: Why Centralised European Internet politics don’t make sense“
by Theresia Reinhold (CC BY-NC-SA 2.0) : #11np Review Teil 5: Ben Wagner zu „Thinking from the Edges: Why Centralised European Internet politics don’t make sense“
Im fünften Teil unseres Rückblicks über die „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz erklärt Ben Wagner, aus welchen internationalen Debatten Europa in puncto Netzpolitik lernen kann. Schließlich liefert der Blick über den europäischen Tellerrand wichtige Argumente für netzpolitische Debatten. Dabei schneidet er eindrucksvolle Beispiele zu den Themen Internetabschaltung, Netzneutralität und zu den Konsequenzen aus den Überwachungsskandalen an. Um die Debatte über Netzneutralität anhand empirischer Daten führen zu können, müssen gerade außereuropäische Fallbeispiele untersucht werden. Chile als erster Staat mit einem klaren Bekenntnis zur Netzneutralität ist hierbei genauso zu betrachten wie Sambia. Dort wurde das Internet.org-Projekt von Facebook erstmals gestartet und kann deshalb wichtige Aufschlüsse über die Auswirkungen von Zero-Rating-Produkten für die europäische Debatte zu Netzneutralität liefern.Ben Wagner forscht zu Digital Human Rights und ist am Centre for Internet & Human Rights in Berlin und Frankfurt/Oder beteiligt. Hier gibt es das Video auch bei uns zum Download.
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: Internet-Austauschknoten DE-CIX will „neue Dienste“ erforschen, ohne die Netzneutralität zu gefährden
: Internet-Austauschknoten DE-CIX will „neue Dienste“ erforschen, ohne die Netzneutralität zu gefährden Eine Mitteilung des weltgrößten Internetknotens DE-CIX ließ uns unlängst aufhorchen: Man arbeite im Rahmen des Forschungsprojekts Endeavour daran, auf Basis von Software-Defined Networking (SDN) Werkzeuge zu entwickeln, die „neue Dienste“ und „Ökosysteme“ schaffen sollen, auf denen „neue ökonomische Modelle“ aufsetzen können. Das klang für uns stark danach, als ob sich DE-CIX auf die Einführung von Spezialdiensten vorbereiten würde, also bezahlten Überholspuren, die der aktuelle EU-Richtlinienentwurf zur Netzneutralität unter gewissen Auflagen ausdrücklich erlaubt.
Das relativ neue SDN koppelt die Kontrolle über das Netzwerk von den einzelnen Hardware-Komponenten ab und verwandelt die Infrastruktur de facto in einen Dienst, der von zentraler Stelle verwaltet werden kann. Damit soll künftig „intelligente Software“ den Datenfluss steuern und nicht mehr „dumme Hardware“, was die Administration vereinfacht und flexibler gestaltet. Laut der Mitteilung sollen davon unter anderem Video-Anwendungen wie (U)HD-Streams und Videokonferenzen profitieren, aber auch Online-Spiele, die erst dann Spaß machen würden, wenn sie „reibungslos und ruckelfrei“ laufen.
Auch das klingt in unseren Ohren stark nach Spezialdiensten, die dann als separate Zugangsdienste angeboten werden dürfen, „wenn die Optimierung erforderlich ist, um den Anforderungen der Inhalte, Anwendungen oder Dienste an ein spezifisches Qualitätsniveau zu genügen,“ wie es im Richtlinienentwurf heißt. Dieser lässt freilich offen, was unter einem „spezifischen Qualitätsniveau“ zu verstehen ist und schanzt die Beantwortung der Frage den nationalen Regulierungsbehörden zu. So ist im schlimmsten Fall zu erwarten, dass in einzelnen Ländern bestimmte Anwendungen, die etwa eine geringe Latenz oder hohe Bandbreiten benötigen, nicht mehr über das normale Internet erreichbar sein werden. Das könnte auf lange Sicht zu einer Fragmentierung des Internets führen, wie eine aktuelle Studie der Stiftung Neue Verantwortung nahelegt.
Austauschpunkte „Beispiele für gelebte Netzneutralität“
Besonders verwunderlich ist an dieser Mitteilung, dass sich in der Vergangenheit sowohl DE-CIX Geschäftsführer Harald A. Summa als auch der maßgeblich am Aufbau des Knotens beteiligte eco-Vorstand Klaus Landefeld energisch für den Erhalt des Best-Effort-Prinzips und für die Netzneutralität eingesetzt haben. Die DE-CIX Management GmbH und die DE-CIX International AG sind Tochtergesellschaften von eco, dem Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V..
Auf unsere Befürchtungen angesprochen, wehrte sich Landefeld entschieden gegen diese Einschätzung. Stattdessen ginge es darum, beispielsweise bessere Lastverteilung zu erreichen und den Datenfluss generell zu optimieren. Das spiele sich alles auf der Layer-2-Ebene ab, also eine Stufe unter der Netzwerkschicht, die Datenpakete mittels Internet Protocol (IP) vermittelt. Zudem handle es sich in erster Linie um ein Forschungsprojekt, dessen Ergebnis noch nicht vorherzusehen sei. Er selbst bliebe vorerst noch skeptisch, ob der SDN-Ansatz tatsächlich „die aktuellen Limitationen des Internet-Interconnection-Modells“ beseitigen könne.
Ähnlich bestimmt reagierte auch Harald A. Summa, der Austauschpunkte wie DE-CIX als „Beispiele für gelebte Netzneutralität“ bezeichnete. Das Forschungsprojekt würde das Thema Netzneutralität nicht betreffen, weil es lediglich den Layer 2 berühre. Mit der Übertragung von Datenpaketen hätte DE-CIX nichts zu tun, „sondern mit der Vermittlung von generellen Datenströmen an den Netzübergängen.“ Es ginge jetzt darum, zu ergründen, welche Rolle und Techniken Austauschpunkte in einer solchen virtuellen, software-gesteuerten Netzwelt spielen können.
Eingriffe auf höherer Ebene
Doch was hat es nun mit den „neuen Diensten“ auf sich, die „neue ökonomische Modelle“ ermöglichen sollen? Im Blick habe man etwa „ein fein granulares Blackholing als Gegenmaßnahme gegen DDoS,“ so Summa. „Hierbei soll es Kunden an einem Austauschpunkt möglich sein, bei einer DDoS-Attacke nur einzelne Anwendungen wie zum Beispiel DNS zu blocken und nicht wie heute jede Kommunikation zum Ziel zu unterbinden (Verkehr in die Tonne umleiten).“ Für solche Zusatzdienste müsse man jedoch zwangsläufig auf höheren Schichten ansetzen, in dem Fall Layer 4. Genau das erforsche man gerade. Als kritisch erachtet das Summa nicht, denn „bereits heute werden für bestehende Zusatzdienste wie zum Beispiel Route-Server Informationen aus höheren Schichten benötigt.“
Für den Basisdienst Peering würden jedenfalls nur Schicht-2-Informationen genutzt. Unter neuen ökonomischen Modellen im Bereich von Austauschknoten versteht Summa etwa die Idee, „eine Art Marktplatz ähnlich einer Börse zu erstellen, bei dem Netzbetreiber je nach Auslastung die Preise für Interkonnektion (zum Beispiel Transit, Transport, und so weiter) Minuten-aktuell anpassen können. Heutige Modelle sind viel starrer und basieren üblicherweise auf Monatsverträgen.“
Neben DE-CIX beteiligen sich die Queen Mary University of London, Université catholique du Louvain (Belgien), University of Cambridge, Centre National de la Recherche Scientifique (Frankreich) und IBM Research – Zurich Lab an dem Projekt, das Anfang 2015 gestartet wurde und drei Jahre lang laufen soll. Wir werden das Forschungsprojekt beobachten und bleiben gespannt, ob das Prinzip der Netzneutralität tatsächlich nicht an einem der wichtigsten Austauschpunkte unterlaufen wird.
[Update 15.09.2015: Informationen zum DNS-Beispiel nachgetragen]
