Netzneutralität

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    EU-Parlament beschließt umstrittene Netzneutralitätsregeln

    2015-10-27 08.45.45Die letzten Mobilisierungsversuche haben nicht gefruchtet: Heute hat das EU-Parlament in zweiter Lesung den Trilog-Kompromiss zur Netzneutralität gebilligt. Nach zwei Jahren der Debatte erhält die EU zwar das erste Mal gemeinsame Regeln. Die enthalten jedoch große Schlupflöcher und überlassen es letztlich den 28 nationalen Regulierungsbehörden, der EU-Behörde für Regulierungsfragen im Telekommunikationssektor, BEREC, sowie Gerichten, die schwammig formulierten Passagen mit Inhalt zu füllen.

    Die Verordnung wurde mit einer großen Mehrheit von Sozialdemokraten, Konservativen und Liberalen verabschiedet. Von den Änderungsanträgen hat das Parlament keinen einzigen angenommen und sie mit etwa 410:230 Stimmen abgelehnt. Bislang liegen die Ergebnisse nicht in einfach konsumierbarer Form vor, Interessierte können aber hier nachsehen (PDF), wie ihre Abgeordneten abgestimmt haben (S. 20 – 45).

    Die Regelungen sind Teil einer Verordnung zur Harmonisierung des europäischen Binnenmarktes in der Telekommunikation, die zudem die Roaming-Gebühren im EU-Ausland senken soll. Kein Wunder, dass die Kommission diesen Aspekt besonders hervorhebt und das scheinbar abstrakte Thema Netzneutralität regelmäßig die Hinterbank einnehmen muss. Dabei betreffen einige der Regelungen uns alle und könnten ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.

    Zwei-Klassen-Netz durch die Hintertür

    Telekommunikationsunternehmen könnten bestimmte Angebote nur mehr als Spezialdienste vermarkten und sie auf bezahlte Überholspuren auslagern. Zero-Rating-Angebote, also Dienste, deren Nutzung vom monatlichen Datentransfervolumen ausgeklammert wird, bleiben bis auf Weiteres nicht ausdrücklich verboten. Netzbetreibern steht es frei, Datenpakete in verschiedene Verkehrskategorien einzuteilen und diese unterschiedlich zu behandeln. Das könnte vor allem P2P-Protokolle unbenutzbar machen und möglicherweise auch verschlüsselten Verkehr verlangsamen, in den man nicht hineinsehen und ihn deshalb schwer klassifizieren kann. Zudem reicht es, eine „drohende“ Netzüberlastung zu befürchten, um die Übertragungsgeschwindigkeit herabzusetzen.

    Der Kampf ist aber nicht ganz vorbei. Künftig wird es drauf ankommen, den Regulierungsbehörden genau auf die Finger zu schauen und es der Telekommunikationsindustrie so schwer wie möglich zu machen, die Schlupflöcher auszuweiten. Erste Schritte dazu hat Markus in einem Kommentar aufgezeigt.

    Konsultationsphase entscheidend

    Die heutige Abstimmung habe gezeigt, dass sich das EU-Parlament ein weiteres Mal den anderen EU-Institutionen untergeordnet habe, kommentierte der Netzpolitik.org-Autor Thomas Lohninger von der Initiative für Netzfreiheit: „Viele Abgeordneten haben mir gestern bestätigt, inhaltlich für die Änderungsanträge zu sein. Ihre Befürchtung ist aber gewesen, dass der Rat keinen anderen Text akzeptieren würde.“ Anstatt in der zweiten Lesung den schwammigen Kompromiss zu diskutieren und zu reparieren, sei dieser einfach nur abgenickt worden.

    Die Hoffnung liege nun in den Anhörungen und der Konsultation, die BEREC durchführen werde und in die sich die Zivilgesellschaft stark einbringen müsse: „Meine Befürchtung ist, dass mit diesem Text schlechte Regulierungsbehörden viele Ausreden bekommen, warum sie nicht gegen Verstöße gegen die Netzneutralität vorgehen können. Gleichzeitig können sich gute Regulierungsbehörden, die gegen Verstöße der Nutzerrechte vorgehen, vor Gericht wiederfinden, und für ihr Handeln verklagt werden,“ so Lohninger.

    Auf die Konsultationsphase setzt auch die digitale Bürgerrechtsgruppe Access Now (PDF): „Wir sind entschlossen, eng mit den Regulierungsbehörden zusammenzuarbeiten, um während der neunmonatigen Konsultation die notwendige Klarheit in den Text zu bringen.“ Der Kampf für Netzneutralität sei noch lange nicht vorbei. „Die europäischen Regulierungsbehörden haben nun den Auftrag, die Arbeit zu Ende zu bringen, die die EU-Legislative gestartet hat, um den freien Meinungsaustausch im Internet sicherzustellen.“

    In diesen Prozess wird sich auch European Digital Rights (EDRi) einschalten, da das Parlament vermieden habe, in allen entscheidenden Punkten Entscheidungen zu treffen. „Wir werden mit BEREC und der Kommission zusammenarbeiten, um für Klarheit in der Interpretation der Regeln zu sorgen. Hoffentlich kann die Unklarheit der EU-Verordnung mit den [zu erarbeitenden] Leitlinien von BEREC beseitigt werden, gemeinsam mit einer sorgfältigen Durchsetzung dieser Regeln durch nationale Regulierungsbehörden,“ erklärte Joe McNamee, Executive Director von EDRi.org.

    Bundesnetzagentur in der Pflicht

    Auf die deutsche Bundesnetzagentur setzt der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv). Sie trage einen großen Teil der Verantwortung und müsse sicherstellen, verbraucherfreundliche Regeln zur Umsetzung der Netzneutralität festzulegen. Spezialdienste dürften nicht zu Lasten des freien Internetzugangs gehen, forderte vzbv-Vorstand Klaus Müller, und untermauerte dies mit einem eingängigen Bild: „Überholspuren im Internet dürfen nicht dazu führen, dass der normale Zugang zum Internet schlechter wird. Die Bundesnetzagentur muss jetzt schnell Mindeststandards für die Qualität und Geschwindigkeit von Internetanschlüssen festlegen. Werden diese nicht eingehalten, müssen Verbraucher entschädigt werden. Wenn die Bahn zu spät kommt, bekommen Fahrgäste auch Geld zurück,“ so Müller. Spezialdienste sollten nur dann angeboten werden dürfen, wenn Unternehmen mindestens 75 Prozent der „bis zu“-Angaben über Bandbreiten tatsächlich erfüllen, legte der vzbv mit einer konkreten Forderung nach.

    Für ein „verbraucherpolitisches Armutszeugnis“ hält der baden-württembergische Verbraucherminister Alexander Bonde die Entscheidung des Europäischen Parlaments. Es drohe ein „Zwei-Klassen-Internet, in dem nur diejenigen schnell unterwegs sind, die dafür extra bezahlen,“ so Bonde. Die Bundesregierung müsse jetzt verhindern, dass manche Daten gleicher sind als andere. „Für eine verbraucherfreundliche Umsetzung der Netzneutralität sollte die Bundesnetzagentur beispielsweise möglichst rasch Mindeststandards für die Qualität und Geschwindigkeit von Internetanschlüssen festlegen,“ sagte der Verbraucherminister.

    In einer Analyse im Auftrag der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen plädiert der Mannheimer Regulierungsrechtler Thomas Fetzer dafür, dass sich sowohl die Bundesrepublik als auch die Länder in den Prozess einbringen, der die gegenwärtig nicht definierten „Mindestqualitäten“ beim Internetzugang festzurren soll. Zudem sollten die Länder ein „effektives Monitoringsystem der Vielfalt im Internet“ einrichten, um potenzielle Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen zu können.

    Vorsichtig zustimmend zeigte sich der eco-Verband der Internetwirtschaft und befürwortete den gefundenen Kompromiss. Er biete einen rechtlichen Rahmen für qualitätsgesicherte IP-Dienste, ohne dass gleichzeitig andere Dienste und Anwendungen im offenen Internet diskriminiert würden. Allerdings liege es an Mitgliedstaaten und nationalen Aufsichtsbehörden, sicherzustellen, „dass diese Regelung nicht missbraucht wird, die Netzneutralität gewährleistet bleibt und es nicht zu einem Zwei-Klassen-Internet kommt.“

    Parlament zeigt Schwäche

    Bis zuletzt hatte der österreichische EU-Abgeordnete Michel Reimon (Grüne) versucht, Unterstützung für Änderungsanträge zusammenzutrommeln und reagierte entsprechend enttäuscht auf das Abstimmungsergebnis: „Die großen Telekom-Konzerne haben sich durchgesetzt: Sie bekommen eine lauwarme Roaming-Abschaffung und dafür die Möglichkeit, durch Datendienste mehr zu verdienen. Dafür wurde die Netzneutralität geopfert,“ teilte uns Reimon mit und malte ein düsteres Bild des Entscheidungsprozesses: „Die Konzerne haben bei den Regierungen dafür lobbyiert und die haben sich gegen das Europaparlament durchgesetzt. Konservative und Sozialdemokraten stimmen halt doch meist so, wie es ihnen von daheim befohlen wird.“

    Gänzlich hoffnungslos sieht er die Lage freilich nicht, obwohl das EU-Parlament nicht mehr eingreifen könne: „Der einzige Hoffnungsschimmer ist, dass viele Formulierungen so schwammig sind, dass der EuGH sie wohl präzisieren wird müssen und der Gerichtshof ist unabhängig von Lobbys.“ Scharfe Kritik übte er am verantwortlichen Digital-Kommissar Günther Oettinger, der noch viel Schaden anrichten könne: „Wir konzentrieren uns jetzt auf die Verhandlungen zum Digitalen Binnenmarkt DSM, dem Herzstück von Oettingers Plänen für die nächsten Jahre. Die Befürchtung ist, dass Oettinger auch hier das Netz zur geschlossenen Spielwiese für große Anbieter umbauen will. Er ist für die Position als Digitalkommissar einfach vollkommen ungeeignet.“

    In einer Pressemitteilung warnte Reimon zudem vor einem Zwei-Klassen-Netz:

    Die konservativen und sozialdemokratischen Abgeordneten haben die Netzneutralität geopfert. Sie ist nach dieser Abstimmung de facto abgeschafft. Telekom-Unternehmen dürfen in Zukunft bevorzugte Sonderdienste im Internet einführen und entsprechend verrechnen. Das Ergebnis ist ein Zwei-Klassen-Internet, in dem derjenige bevorzugt wird, der mehr bezahlen kann.

    Dass das EU-Parlament in der entscheidenden Phase Schwäche gezeigt und eine große Chance verpasst habe, kritisierte Alexander Sander, Geschäftsführer des Vereins Digitale Gesellschaft:

    Mit der heutigen Entscheidung opfert das EU-Parlament das freie und offene Netz in Europa den Gewinninteressen einiger weniger Telekommunikationskonzerne. Statt den vielfach geäußerten Bedenken von Zivilgesellschaft, Verbraucherschützern, Online-Wirtschaft und Medien Rechnung zu tragen und für eine starke Verankerung der Netzneutralität zu sorgen, lässt sich das Parlament von Kommission und Ministerrat bereitwillig vor den Karren spannen. Damit schadet es der eigenen Glaubwürdigkeit ebenso sehr wie der Innovationskraft des Internet, der Meinungs- und Informationsfreiheit in ganz Europa.

    Ähnlich betrübt zeigte sich auch die deutsche Europaabgeordnete Cornelia Ernst (Die Linke):

    Heute wurde die große Chance verpasst, die Netzneutralität ordentlich gesetzlich zu verankern. Noch nicht einmal eine Definition der Netzneutralität wird in der Verordnung enthalten sein. Da die Vorgaben in der Verordnung insgesamt viel zu vage sind, wird die Zukunft des Internets nun nicht mehr von der Politik bestimmt, sondern von Netzbetreibern und Internetmonopolisten wie facebook.

    Damit hat die Mehrheit des Parlaments dem Internet geschadet und den Bürgern einen Bärendienst erwiesen. Sie werden von der Abschaffung der Roaming-Gebühren weniger profitieren als erwartet, denn die Netzbetreiber können noch immer Zusatzgebühren verlangen. Und das Internet wird in Zukunft noch mehr einem Einkaufszentrum gleichen, in dem nur die großen Ketten ihre Läden haben. Alle anderen werden mit langsameren Verbindungen an den Rand gedrängt.

    Ihre Kollegin Martina Michels (Die Linke) bedauerte das Abstimmungsergebnis warnte vor einem „rein kommerziell gesteuerten Netz“:

    Netzneutralität ist mehr als eine industriepolitische Fachfrage, ihre Einschränkung wird Folgen für alle Lebensbereiche unseres Alltags haben. Neben der wirtschaftlichen, beunruhigt mich besonders die kulturpolitische Perspektive. Der nun verabschiedete Text lässt eine strikte Definition von sog. Spezialdiensten vermissen. Die flexible Formulierung öffnet späteren Ausnahmen nach Gutdünken Tür und Tor, wenn beispielsweise kommerzielle HD-Streamingdienste als Spezialdienst durchgehen während die Übermittlung verschlüsselter Kommunikation gedrosselt wird.

    Das Parlament positionierte sich im letzten Jahr aus gutem Grund für die Festschreibung der Netzneutralität. Bedauerlicher Weise haben die Verhandlungen mit Rat und Kommission Erfolg gehabt, diesen Text wieder mit Schlupflöchern zu versehen. Eben jene Parteien, die die Regierungen in den meisten Mitgliedstaaten stellen, rühmen sich nun mit der Abschaffung der Roaming-Gebühren und erwarten Applaus von Konsumentin und Konsument. Dieser Kuhhandel ist Augenwäscherei und geht einher mit einem Angriff auf unsere Meinungsfreiheit. Eine privatisierte Datenautobahn mit Mautstellen, wie sie mit Zero-Rating-Modellen angefacht und tendenziell schon längst erprobt werden, begrenzen unternehmerische und kulturelle Freiheit und Kreativität gleichermaßen. Ein rein kommerziell gesteuertes Netz, dass Nutzungshierarchien aufschichtet, schadet nicht nur Verbraucherinnen und Verbrauchern, KMUs, Bibliotheken, Hochschulen, dem Kulturaustausch und der freier Forschung.

    Als „schwarzen Tag für die Digitalpolitik in Europa“ bezeichnete der grüne Abgeordnete Jan Philipp Albrecht den Ausgang der Abstimmung:

    Konservative und Sozialdemokraten haben heute das Prinzip der Netzneutralität durch einen wässrigen Formelkompromiss ersetzt, der es Telekommunikationsprovidern ermöglicht, zahlungskräftige Internetdienste bei der Datenübertragung zu bevorzugen. EU-Kommissar Günther Oettinger feiert das Ergebnis als Erfolg für die Netzneutralität, dabei wird die Wahrheit dieses dreckigen Deals immer deutlicher: Die heutige Entscheidung ist de facto eine massive Einschränkung des Neutralitätsgebotes. Durch die einheitliche EU-Verordnung wird es Mitgliedstaaten der EU zudem unmöglich, vollständige Neutralität der Netzbetreiber einzufordern.

    Dieses Zwei-Klassen-Netz wird große Anbieter aus dem Silicon Valley wie Google, Apple und Netflix gegenüber kleineren Konkurrenten stärken, die vor allem in der EU ansässig und auf einen leichten Marktzugang angewiesen sind. Der gefundene Deal ist daher ein Geschenk für die großen Internet- und Telekommunikationsunternehmen auf Kosten kleinerer Wettbewerber sowie der Verbraucherinnen und Verbraucher. Letztere müssen nun befürchten, dass große Werbeanzeigen in HD-Qualität auf den Bildschirmen ihrer PCs und Smartphones landen, während der eigentlich gewünschte Inhalt oder Dienst langsam hinterhertröpfelt. Heute ist ein schwarzer Tag für die Digitalpolitik in Europa.

    27. Oktober 2015 67
  • : Kommentar: EU-Parlament entscheidet gegen Netzneutralität, lasst uns diese trotzdem retten
    Kommentar: EU-Parlament entscheidet gegen Netzneutralität, lasst uns diese trotzdem retten

    30c3-der-kampf-um-netzneutralitt-9-638Das EU-Parlament hatte heute die Wahl, für ein offenes Netz und damit Netzneutralität zu stimmen. Man hat leider für den Einstieg in ein Zweiklassen-Netz gestimmt. Dass „die Abschaffung von Roaming“ ein billiges Märchen von Günther Oettinger & Co ist, werdet Ihr im nächsten Urlaub feststellen. Im Gesetzestext finden sich leider zuviele Schlupflöcher, die Telekommunikationsunternehmen die Möglichkeit geben, ein Zweiklassen-Netz zu schaffen. Geschäftsmodelle wie die Drosselkom-Tarife werden damit legalisiert. Deutsche Telekom, Vodafone, Telefonica & Co haben sich mit ihrer Lobbymacht durchgesetzt.

    Es ist eine vertane Chance, dass das EU-Parlament dem Kompromiss zwischen Parlament, Kommission und Rat zugestimmt hat und damit seine eigene Position von vor einem Jahr aufgegeben hat, als man mit deutlicher Mehrheit für klare Regeln gestimmt hatte. Danke an alle Abgeordneten, die für klare Regeln gestimmt haben. Und an alle Menschen, die Zeit geopfert haben, sich direkt an Abgeordnete zu wenden.

    Was jetzt wichtig wird:

    Wir haben genau beobachtet und ausreichend dokumentiert, wenn Politiker wie EU-Kommissar Günther Oettinger die Parole durchgegeben haben, hier sei nichts zu befürchten, die Netzneutralität würde gesichert und die Ausnahmen würden doch nur für Spezieldienste im allgemeinen Interesse gelten. Wir werden genau beobachten, wie sich der Markt entwickelt und weiterhin gefährliche Entwicklungen dokumentieren, wie wir es bereits im Frühjahr mit unserem Report gemacht haben: Verletzungen der Netzneutralität sind in Deutschland schon jetzt die Regel.

    Die Debatte wird sich leider in Richtung der Regulierungsbehörden wie bei uns die Bundesnetzagentur verlagern. Das bedeutet, sie wird intransparenter und Telko-Lobbyisten haben dort besser Chancen, ihre Interessen durchzusetzen. Wichtig ist, diese weitere Debatte ausreichend zu beobachten und aus zivilgesellschaftlicher Sicht darauf einzuwirken und Verbraucherinteressen dort zu vertreten.

    Die Entscheidung wird zu mehr Rechtsunsicherheit führen. Viele Ausgestaltungen werden vor Gericht geklärt werden müssen. Man kann zwar klagen, das kostet aber viel Geld und Zeit. Nicht jeder kann deshalb die eigenen Interessen vor Gericht vertreten.

    Wir sind davon überzeugt, dass die Telekommunikationsindustrie die Chance nutzen wird, durch unklare und laxe Regeln die Netzneutralität auszuhebeln. Es wird eine Evaluierungsfrist geben. In zwei Jahren werden wir Parlament und Kommission zur Verantwortung ziehen, wenn diese Verschlechterungen die Regel werden. Und uns dafür einsetzen, dass diese Bugs gefixt werden.

    Das alles kostet Geld und Zeit. Und macht nicht immer Spaß. Unterstützt Organisationen durch Spenden, die Eure Interessen in dieser Debatte vertreten. Uns kann man hier spenden.

    Auch wenn das EU-Parlament heute die historische Chance vertan und einen schlechten Regulierungsrahmen geschaffen hat: Der Kampf für ein offenes Netz und klare Regeln zur Netzneutralität ist nicht vorbei. Er wird nur schwieriger. Aufgeben gilt aber nicht!

    27. Oktober 2015 48
  • : EU-Parlament zu Roaming und Netzneutralität: Das Heraufbeschwören der Alternativlosigkeit
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    EU-Parlament zu Roaming und Netzneutralität: Das Heraufbeschwören der Alternativlosigkeit

    Heute Morgen hat das EU-Parlament in zweiter Lesung über den Standpunkt des Rates „Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“ debattiert. Hauptsächlich ging es dabei um das Roaming – die Verwässerung der Netzneutralität und entsprechende Änderungsantrage waren kaum Thema. Andrea und Fabian fassen hier die Debatte zusammen.

    Update: Die Ergebnisse der Abstimmung über die Änderungsanträge finden sich hier.

    Wichtige Dokumente zur 2. Lesung

    Statements der Berichterstatterin und des Kommissars Ansip

    Zu Beginn der Sitzung äußerten sich die zuständige Berichterstatterin Pilar del Castillo Vera (EPP) sowie Andrus Ansip, der Kommissar für digitalen Binnenmarkt und Vizepräsident EU-Kommission (Videoaufzeichnung).

    Berichterstatterin Castillo Vera wies darauf hin, dass viele Personen, Institutionen und Start-Ups in Europa lange auf niedrigere Roaming-Gebühren warten mussten. Nun rücke der „digital single market“ in greifbare Nähe. Es gelte, ein offenes Internet ohne Diskriminierung zu gewährleisten. Damit sei Europa die einzige Region, die eine gesetzliche Netzneutralität gewährleiste.

    Kommissar Ansip betonte, dass es nun keine Rechtfertigung für irgendwelche Verzögerungen gibt. Nur durch einen sofortigen Beschluss könnten Konsument*innen und Unternehmen so schnell wie möglich von gemeinsamen Regeln zur Netzneutralität und der Abschaffung zusätzlicher Roaming-Gebühren profitieren. Scheitere der Prozess, hätte dies negative Auswirkungen auf Europa, so Ansip.

    Statements aus den Fraktionen

    Karin Kariņš (PPE) betonte, dass der Grundsatz der Netzneutralität ein sicheres Investitionsumfeld gewährleiste, von dem auch Unternehmen profitierten. Schon sein Statement ließ die Vermutung zu, dass der Fokus der Debatte auf der halbherzigen Roaming-Abschaffung liegen werde, so auch bei Patrizia Toia (S&D). Sie wies zudem darauf hin, dass die Beschlüsse der amerikanischen Regulierungsbehörde (FCC) zur Netzneutralität keinen Gesetzescharakter haben und sich so jederzeit ändern könnten. Das Prinzip der Nicht-Diskriminierung im Entwurf ist ihres Erachtens kristallklar formuliert.

    Vicky Ford (ECR) freute sich, dass bei der Handyrechnung nach dem Urlaub bald keine unangenehmen Schocks mehr eintreten. Der Beschluss werde zudem das Internet sicher, zugänglich und erschwinglich machen. Jens Rohde (ALDE) würde gerne noch weiter gehen, sieht den Vorschlag jedoch als ersten, großen Schritt für die Bevölkerung und Unternehmen.

    Als erste kritische Stimme entgegnete Marisa Matias (GUE/NGL), dass so nicht erzielt werde, was das Parlament 2011 wollte: Die vorliegende Regelung der Netzneutralität sei nicht eindeutig. Viele Bürger*innen seien besorgt. Das Internet sei inzwischen Teil des Welterbes, die Neutralität anzugreifen sei ähnlich wie der Angriff auf Palmyra. Sie hoffe außerdem, dass der Roaming-Beschluss nicht wieder aufgegeben werde – wie 2014.

    Michel Reimon (Verts/ALE) hat den Protest und die Kritik wahrgenommen und wird gegen den Vorschlag stimmen. Er würde gerne etwas von Günther Oettinger hören, der in der Kommission für diesen schlechten Beschluss verantwortlich sei. Der twittere zwar fleißig mit, aber sollte auch einmal lesen, was die Bevölkerung sagt, stellt Reimon fest.

    Dario Tamburrano (EFDD) kritisierte die schlechte Definition des Roamings und einen Vorschlag, der in Wirklichkeit nicht für Netzneutralität sorgen werde. Wer die Warnungen von Tim Berners-Lee beherzige, müsse gegen den Vorschlag stimmen. Barbara Kappel (ENF) hoffte, dass es nach zwei Jahren der Verhandlungen zu einem Ergebnis kommt.

    Redebeiträge der Abgeordneten

    Es folgten weitere Redebeiträge, von denen wir hier nur diejenigen wiedergeben, die sich nicht nur für den möglichen Roaming-Beschluss feiern, sondern substantiell etwas Neues zur Debatte beigetragen haben.

    Henna Virkkunen (PPE) versicherte, dass ISPs mit dem Beschluss nur aus technischen, nicht aus kommerziellen Erwägungen Geschwindigkeiten regulieren können. Petra Kammerevert (S&D) kritisierte, dass der Text gerade keine Netzneutralität biete: Er enthalte weitläufige Ausnahmen und keine hinreichende Eingrenzung der Spezialdienste. Für die Abschaffung des Roamings würden wir so einen hohen Preis zahlen.

    Julia Reda (Verts/ALE) fragte sich, warum der EU-Ministerrat weder eine Beschreibung noch das Wort „Netzneutralität“ in den Beschluss aufgenommen hat. Das Internet bleibe so weiterhin langsam und teuer. Sie verwies außerdem auf die Warnungen von Barbara van Schweick und Lawrence Lessig und bat um die Annahme der entsprechenden Änderungsanträge.

    Für Jean-Luc Schaffhauser (ENF) stellt der Beschluss eine Illusion dar, so lange es kein europäisches Internet [sic] gebe. Auch wenn sich Marlene Mizzi (S&D) nicht vollkommen zufrieden zeigt, sei es in Zeiten von Europaskepsis wichtig, den Bürger*innen mit der Abschaffung des Roamings einen Gewinn zu hinterlassen.

    Juan Carlos Girauta Vidal (ALDE) bedauerte, dass der EU-Ministerrat die Definition der Netzneutralität zurückgewiesen hat. Für Marco Zullo (EFDD) ist jede Einigung ein bisschen besser als gar nichts, Gilles Lebreton (ENF) unterstützt die Änderungsanträge. Hans-Olaf Henkel (ECR) plädierte bei der Gelegenheit für die Abschaffung des Euros. Sabine Verheyen (PPE) ist nicht zufrieden mit der Aufweichung des Beschlusses aus der ersten EP-Lesung und ist enttäuscht, dass niemand vom Rat diese im Parlament begründet. Edouard Martin (S&D) hätte einen klareren Text bevorzugt, will dafür aber nicht „wieder alles aufs Spiel setzen“.

    Abschluss

    Auch die „Catch the Eye“-Session, in der weitere Redebeiträge aufgenommen werden, brachte keine neuen Erkenntnisse. Zum Abschluss forderte Kommissar Ansip die Abgeordneten auf, die Debatte nicht mit Änderungsanträgen zu verzögern – nicht nur auf Monate, sondern gleich auf Jahre. Zuletzt wies Berichterstatterin Castillo Vera darauf hin, dass heute eine wichtige Entscheidung getroffen wird. Wie recht sie hat!

    27. Oktober 2015 1
  • : Live-Ticker net neutrality debate & vote in the European Parliament
    Live-Ticker net neutrality debate & vote in the European Parliament

    2015-10-27 08.45.45Today the European Parliament decides about the future of net neutrality on continent. In the past week we have seen a huge mobilisation with famous voices asking for amendments including Tim Berners-Lee, Lawrence Lessig, Barbara van Schewick and many companies. The Members of European Parliament now have to decide if they stand for an open internet or if regulators and judges will decide how open the infrastructure will be.

    The debate in plenary happens between 8:30 am and 10:00 am. The vote is scheduled at around 13:15pm. Live-Stream can be seen here. It still makes sense to call your representatives.

    8:30 Rapporteur Pilar del Castillo defends the regulation and thanks everybody involved to the good work.
    8:40 Commissioner Andrus Ansip defends the roaming provisions and urges MEPS to vote for this regulation

    8:45 MEP KARIŅŠ, Krišjānis (EPP, Latvia) defends the roaming provisions

    8:43 Patricia Toia (S&D, Italy) defends the regulation. Thanks her predecessor shadow rapporteur Trautmann. (She was the one who agreed for the socialist in the middle of the night to the current net neutrality text in exchange for roaming, her predecessor fought much harder) “We must vote for this regulation with no amendments”

    8:52 FORD, Vicky (ECR, UK) she praises the roaming provisions and says how users will be protected with the new net neutrality rules. “There will be no two speed europe”.

    8:53 Jens Rhode (ALDE, Denmark) „We can only create more jobs when we limit the rules of movement through the EU. Here we introduce the first safeguards for the open internet. We have nothing in Europe, we would have liked to go further. This is the first step in creating consumer rights. It is a big step for citizens and companies.“

    8:56 MATIAS, Marisa (GUE, Portugal) This is not the regulation that we announced to our votes before the election. The abolishment of roaming is not coming anytime soon. We don’t have net neutrality if you have ambiguity in the text. Many citizens have criticised. The internet is already our common heritage. (she was mostly not present in the trial negotiations)

    8:59 Michel Reimon (Greens, Austria) Democracy lives from communication. The neutral internet is the most vital infrastructure for the democracy of our future. If we abolish net neutrality we hurt our democracy. If net neutrality is abolished we cement the big companies. With this regulation you will only help a few big companies. That Ansip is standing here is brave, but Commissioner Günther Oettinger should be standing here. He is responsible. Oettinger is posting heavily about this debate, or so is his team. But he should not only post, he should also read what the citizens tell him. There is not support for this proposals, you should vote against it.

    9:02 TAMBURRANO, Dario (EFDD, Italy) This can still be a historic vote, please vote for the amendments

    9:03 KAPPEL, Barbara (ENF, Austria) the internet will change rapidly in the coming years (internet of things) we have to be prepared and create the right legal basis
    VIRKKUNEN, Henna (EPP, Finland)

    9:05 Petra Kammerevert (S&D, Germany) The current text does not deliver net neutrality. The loopholes are so broad that net neutrality is not guaranteed. We are paying a much to high price for the abolishment of roaming fees. The internet is the fundamental infrastructure of our time. (Kammerevert was the one political who was following this dossier from the beginning till the end and always stand firm for net neutrality)
    – many voices shouting while Kammerevert is speaking -
    – problems with the blue card system (asking questions to MEPs during the debate) –

    9:12 KALLAS, Kaja (ALDE, Estonia) We seem to have real communication problems here in the Parliament. I often say that we have differences in our communication, borders and roaming are a good example for this. How do you define net neutrality? These questions are important. The internet was created as an open platform for communication and innovation. Until recently it seemed not important, but now we have to ensure the level playing field. I urge commissioner Ansip to ensure a common implementation of this regulation. We have to look at BEREC’s role in this.
    9:15 LÓPEZ BERMEJO, Paloma (GUE, Italy) We appreciate the position of the commission. But the
    net neutrality has to be protected. We have to look at the content of this proposal.
    9:17 Reda, Julia (Greens, Germany) reads the definition of net neutrality from amendment 3 and the first reading position. The founder of the world wide web is urging us not to abolish net neutrality in Europe. He is joined by many european startUps, the world wide leading expert Barbara van Schewick and Presidential candidate Lawrence Lessig. This regulation gives incentive to companies not to invest in the network. This is the opposite of net neutrality and therefore I urge you not to adopt this regulation.

    - Jens Rhode is again raising the issue of Blue cards –

    9:20 MEP Grapini asks a question to MEP Reda: Do you think we need a guarantee from the commission about 2017. Do you think it is important to get an comittement? The market has waited to long for this proposal.
    Reda’s response: The regulation as such doesn’t set an end date of roaming. What we are doing here is giving the power to legislate to the commission and regulators.
    9:22 HELMER, Roger (EFDD, UK) We are for net neutrality but not in heavy handed EU policy. The roaming provisions are flawed.
    – Vicky Ford asks a question to Helmer -
    – the question is a statement in defence of the roaming proposal -
    – Helmer response with more criticism -
    – Most seats are empty. The are currently around 50 of the 751 MEPs sitting in the plenary –

    9:26 RÜBIG, Paul (EPP, Austria) I want to thank our Rapporteur Pilar del Castillo for this great proposal to reduce roaming charges. On net neutrality we have to ensure that data is treated equally in order to avoid bottle necks. Rübig response to a question and says this EU regulation is better then the US regulation.

    9:30 MIZZI, Marlene (S&D, Malta) I am not fully happy with the net neutrality provisions but at least we have common rules for this goal in the EU.

    9:31 FOX (ECR, UK) Ashley I am happy that we can keep our parental control filters in the UK.

    9:33 GIRAUTA VIDAL, Juan Carlos (ALDE, Spain) He thanks the Rapporteur for their work and praises the proposal. The abolishment of roaming charges is a big step forward. He is unhappy about the net neutrality „minimal provisions“.

    9:35 FERREIRA, João (GUE, Portugal) the great promises of the digital single market was not followed up. This will only strengthen big companies. We have been told that the end of roaming charges still bona be decided by big multi-nationals. Countries from the south will have to pick up the tap about the abolishment of roaming charges.

    9:36 ZULLO, Marco (EFDD, Italy) we have guaranteed nothing. We are handing out mechanisms that make it impossible to enforce the safeguards of users. Looking at net neutrality. We are talking about the definition, but really providers will be able to still discriminate.

    9:38 LEBRETON, Gilles (ENF, France) If the text is voted through at it is there would still be the possibility of discrimination. Therefore I vote for these amendments. The FCC has proven that net neutrality works and guaranteed for their citizens. We have to do the same today.

    9:39 THUN UND HOHENSTEIN, Róża Gräfin von (EPP, Polen): Service Providers will have to treat all data equally without interfering. If there is a problem … [translation hickup] We have to adopt this regulation now.

    9:42 HENKEL, Hans-Olaf (ECR, Germany)
    We have to remain vigilant. net neutrality can not be a ideological battle ground. The single market is the basis for Europe. We are falling behind in the digital economy and connect our internal market to the global market. Therefore I support the commission proposal.

    9:43 VERHEYEN, Sabine (ECR, Germany) the council has fought net neutrality from the beginning. Therefore the word is not even in the regulation. The Parliament adopted a good text but couldn’t get this text through. The package has to be seen as a whole. Currently we have no safeguards against network discrimination in Europe at all. If we come here to a solution it will be better then nothing. I am not happy with the net neutrality provisions, but it’s better then nothing.

    9:45 GEBHARDT, Evelyne (S&D, Germany) I am also not happy with this text, but it’s better then nothing. Please mr. Commissioner we have to work had to abolish zero-rating.

    9:47 BENDTSEN, Bendt (ECR, Denmark) Roaming was the milk cow. Still we got rid of it. Yes the current text is not perfect,t but it is the first time we ever get any safeguards.

    9:48 MARTIN, Edouard (S&D, France) Abolishing roaming is particularly good for people living or working close to borders. net neutrality is the other important thing. This text is about neutral treatment of traffic. The text would need to be clearer, but we should not reopen negotiations. We have to stay vigilant with the implementation and the upcoming legislativ proposals.

    9:50 HÖKMARK, Gunnar (ECR, Sweden) Spectrum is important. An open internet is open for new service classes.

    9:51 DANTI, Nicola (S&D, Italy) the digital economy is what used to be the coal infrastructure of Europe. A digital single market is a precondition.

    9:52 GRIFFIN, Theresa (S&D) I urge all colleagues to vote for this regulation because we have to abolish roaming charges.

    - 7 improvised speakers on the list –

    9:55 Commissioner ANSIP, Andrus If yo adopt amendments you will delay this regulation for years, not weeks. If you not approve the deal today there is not date at all. It is dangerous to use mobile devices in other countries. Now it is up to the MEPs. Common principles in net neutrality are achieved no blocking, no throttling, no paid priotization. It is a good deal, I urge you to vote for it.

    10:01 DEL CASTILLO VERA, Pilar (EPP, Spain) Curial decisions will be taken today for the digital future of the EU. We are on a high speed train with no stop and the EU should be the engine. The internet is a pressures thing. The Internet is new territory that has been invented. With this regulation we will lay down the rules to access this territory non-discriminatory. It is the first time worldwide that such such a net neutrality regulation is adopted.

    That’s it with the debate. Recording should be online soon. The vote will happen between 13:00 and 14:30 pm today. Most likely 13:15pm.

    27. Oktober 2015 5
  • : Vor entscheidender Abstimmung: IT-Branche für strenge Regeln zur Netzneutralität
    Das Europäische Parlament hat die Datenschutzverordnung beschlossen <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>, via Wikimedia/<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Universal_suffrage#/media/File:Hemicycle_of_Louise_Weiss_building_of_the_European_Parliament,_Strasbourg.jpg">jeffowenphotos</a>
    Vor entscheidender Abstimmung: IT-Branche für strenge Regeln zur Netzneutralität

    In einem letzten Appell vor der entscheidenden Abstimmung im EU-Parlament zur Netzneutralität haben sich mehr als 30 IT-Unternehmen, Start-Ups und Investoren an die EU-Abgeordneten gewandt, um für strenge Netzneutralitätsregeln zu werben. In einem offenen Brief forderten die Unterstützer die Parlamentarier auf, für die Änderungsanträge 2–24 zu stimmen, um die vorhandenen Mängel des Kompromisstextes zu beseitigen.

    Der Initiative angeschlossen haben sich unter anderem Tumblr, Reddit, Vimeo und Netflix sowie Wagniskapitalgeber wie Fred Wilson and Brad Burnham (Union Square Ventures), Brad Feld (Foundry Group), David Pakman (Venrock). Sie komplettieren damit ein breites Bündnis, das sich für die Verabschiedung der Änderungsanträge unterstützt und das Organisationen wie EDRi, Digitale Gesellschaft, Access Now oder die EFF umfasst. Nicht unerheblich ist auch unsere Change.org-Petition, die bis heute knapp 200.000 Unterstützer gefunden hat.

    In der Kritik stehen die Unklarheiten zu Spezialdiensten, also bezahlten Überholspuren; erlaubtes Zero-Rating; die Möglichkeit, Daten in Verkehrskategorien einzuteilen und diese unterschiedlich schnell zu transportieren; sowie die unscharfen Regelungen, die es Netzbetreibern erlauben, im Falle von drohenden Netzüberlastungen die Geschwindigkeit zu drosseln, selbst wenn keine Kapazitätsengpässe vorliegen.

    Aus Sicht der IT-Branche laufen die im Vergleich zu den FCC-Regeln in den USA schwächeren Bestimmungen Gefahr, die europäische Start-Up-Szene zu schwächen und damit Innovation zu erschweren. So argumentierte auch der Unterstützer und Kapitalgeber Ciarán O’Leary in einem separaten Aufruf, sich an die EU-Abgeordneten zu wenden.

    In die selbe Kerbe schlug WWW-Entwickler Tim Berners-Lee, der in einem Blog-Posting betonte, dass nur die Gleichbehandlung von Daten das Internet zu dem Phänomen gemacht hat, wie wir es heute kennen. Nicht ganz so legendär, aber nicht weniger einflussreich ist der Chefredakteur von TechCrunch, Mike Butcher, der sich gestern ebenfalls der Kampagne angeschlossen hat.

    Ob der mittlerweile erhebliche Druck ausreichen wird, um unentschlossene EU-Abgeordnete zu überzeugen, muss sich erst weisen. Wer selbst dabei mithelfen will, den Ausgang der morgigen Abstimmung zu beeinflussen, sollte aber lieber zum Telefon greifen und die Parlamentarier direkt kontaktieren. Das geht schnell, unkompliziert und kostenlos über die Kampagnenseite Save The Internet.

    26. Oktober 2015 2
  • : Netzneutralität retten: Ein Vorschlag für die E‑Mail an deine*n Abgeordnete*n
    <a href="https://savetheinternet.eu/de/">savetheinternet.net</a>
    Netzneutralität retten: Ein Vorschlag für die E‑Mail an deine*n Abgeordnete*n

    Das Internet, wie wir es kennen, ist in Gefahr: Stimmt das Europaparlament am Dienstag für den bestehenden Kompromissvorschlag ohne Änderungsanträge, wird dies spürbare Folgen für alle haben (mehr zum Hintergrund).

    Es ist jetzt höchste Zeit zu handeln: Auf der Kampagnen-Webseite für eine echte Netzneutralität kannst du die EU-Abgeordneten kontaktieren. Doch was sollst du da sagen oder schreiben? Netzneutralität ist ein einfaches Prinzip, wurde jedoch zum komplexen Thema. Zur Vereinfachung stellen wir hier einen E‑Mail-Entwurf auf Deutsch zur Verfügung. Diesen kannst du zum Beispiel über die oben genannte Seite – mit Klick auf den dortigen Button „E‑Mail“ – an die Abgeordneten verschicken. Vor allem die Abgeordneten aus dem konservativen Lager müssen noch überzeugt werden.

    *** Hier beginnt der E‑Mail-Entwurf – in Reintext-Formatierung. Vergiss nicht, unbedingt diesen Text zu anzupassen, da die Abgeordneten nicht gerne Massenmails empfangen und mit deinen eigenen Worten personalisierte Nachrichten mehr Gewicht haben – sonst landen Sie womöglich gar nicht am gewünschten Ziel! Füge auch noch den $Namen der/des Abgeordneten hinzu sowie am Ende deinen eigenen!***

    Sehr geehrte/r MdEP $Name,

    in der Plenarsitzung am Dienstag werden Sie über den Verordnungsvorschlag für „Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“ abstimmen. Leider enthält die vorliegende Trilog-Vereinbarung keine klaren Regeln, um die Netzneutralität in Europa zu sichern. Daher bitte ich Sie *für das offene Internet* und *für die Änderungsanträge 2 bis 24* zu stimmen.

    *Bitte unterstützen Sie die europäischen Bürger und Unternehmen. Bitte treffen Sie die positive, demokratische Entscheidung, wie Ihre Wähler es sich wünschen.*

    Das Parlament hat sich in der ersten Lesung noch für den weitreichenden Schutz des freien Internets ausgesprochen – in den nachfolgenden Verhandlungen wurde leider sehr viel davon aufgegeben. In erster Lesung wurde für klare Regeln zur Netzneutralität gestimmt, der vorliegende Kompromissvorschlag weicht diese jedoch auf und ist zudem unklar formuliert. Die erste Lesung hatte auch für eine „spectrum reform“ votiert – dies wurde in der Trilog-Vereinbarung aufgegeben.

    *Wo liegt das Problem?*
    (a) Der Kompromissvorschlag spricht nicht einmal mehr von „Netzneutralität“! *Um dies zu ändern, stimmen Sie bitte für die Anträge 2, 8, 9, 19 und 20.*

    (b) _„Zero-Rating“_ stellt eine Verletzung der Netzneutralität dar. Es erlaubt Anbietern wie Facebook oder Spotify, sich das Privileg zu erkaufen, ihre Angebote nicht auf das monatliche Datentransfervolumen anrechnen zu lassen. Diese Anwendungen werden so attraktiver, da Nutzer nicht befürchten müssen, ihr Transferlimit zu sprengen, während der Zugriff auf alle anderen Dienste und Seiten wie üblich abgerechnet wird. Das Parlament auf der einen und Rat/Kommission auf der anderen Seite haben sich wegen großer Meinungsverschiedenheiten darauf verständigt [1], dies hier nicht zu regeln. Jetzt behauptet die Kommission, dass Eingriffe nur möglich sind, wenn der Wettbewerb eingeschränkt werde (und damit nicht, wenn die freie Meinungsäußerung betroffen ist). Selbst dann sollte jedoch fallweise abgewogen [2] und nicht generell entschieden werden; weitere Informationen hier [3]. *Stimmen Sie bitte für die Anträge 3, 10, 14 und 21.*

    © _Spezialdienste („Überholspuren“)_ sind möglich, wenn sie eine Notwendigkeit darstellen. Die Präambel beschreibt jedoch auch solche Situationen als „notwendig“, in denen keine Vorzugsbehandlung notwendig wäre. So lässt der Text die Definition eines bestimmten Qualitätsniveaus vermissen, was Netzbetreiber dazu nutzen dürften, sich die Übertragung gewisser Inhalte zusätzlich bezahlen zu lassen. Entweder verlangt das Parlament eine Entscheidung vom Body of European Regulators (BEREC) – oder Sie beschließen diejenigen Änderungsanträge, die für klare Verhältnisse sorgen. *Stimmen Sie bitte für die Anträge 6, 7, 13, 17, 18 und 24.* Weitere Informationen finden Sie hier [4].

    (d) _Netzüberlastungen_ erfordern den Eingriff von Netzbetreibern. Die Trilogvereinbarung erlaubt diese Eingriffe jedoch bereits, wenn sich eine Überlastung des Netzes abzeichnet – ohne dass klar definiert ist, wann eine „drohende Netzüberlastung“ beginnt. Die schwammige Formulierung könnte dazu führen, dass Provider bestimmte Datenpakete ständig drosseln und bei einer Beschwerde darauf verweisen, dass eine Überlastung unmittelbar bevorgestanden hätte und man deshalb eingreifen musste. Entweder die Entscheidung wird an den BEREC ausgelagert – oder das Parlament stimmt für diejenigen Änderungsanträge, die diese Lücke schließen. *Beschließen Sie hierfür bitte die Anträge 5, 12, 16 und 23.*

    (e) Regeln zum _Verkehrsmanagement_ erlauben es, Datenpakete zu kategorisieren und die Kategorien unterschiedlich zu behandeln. Dies würde große Auswirkungen auf Innovationskraft und Datensicherheit haben. Beispiel Datensicherheit [5]: Videoübertragungen fallen in die Kategorie von Datenverkehr, der sensibel auf Verzögerungen reagiert. Daher werden diese auf der „Überholspur“ übertragen. Verschlüsselte Videodaten jedoch sind nicht als solche erkennbar und werden langsamer übertragen. Die Entscheidung wird also zwischen Sicherheit (verschlüsselt) oder langsamer Übertragung (nicht verschlüsselt) fallen. Schon heute führt ein solches kategorienbasiertes Verkehrsmanagement dazu, dass Datenverkehr von und zu einer Fraktion des Europäischen Parlaments langsamer übertragen wird. *Stimmen Sie bitte für die Anträge 4 und 11, 15 und 22, um dies zu verhindern.*

    *Wie geht es weiter?*
    Der Rat der EU hat das Parlament unter Druck gesetzt: Das Parlament solle für diesen schlechten Kompromiss stimmen, sonst werde der Rat das Verfahren abbrechen und das Parlament so bloßstellen. Als die einzige direkt gewählte Institution der EU sollte sich das Parlament nicht in dieser Weise behandeln lassen. Selbst wenn der Rat seine Drohungen in die Tat umsetzen sollte, hätte ein Scheitern des ganzen Prozesses nur minimale wirkliche Auswirkungen.

    Was klar ist: Roaming-Gebühren, die dem europäischen Binnenmarkt und den Verbrauchern lange Jahre geschadet haben, finden ihr Ende. Die Rahmenbedingungen für Telekommunikationsdienstleister werden in Kürze überprüft, was nicht nur das Ende für das Roaming bedeutet, sondern auch entsprechende Schlupflöcher im aktuellen Verhandlungstext schließen wird.

    In der Frage der Netzneutralität sind Slowenien und die Niederlande mit gutem Beispiel vorangegangen. Andere, wie Österreich und Frankreich, bereiten entsprechende Gesetze vor. Die Tendenz geht in Richtung Netzneutralität – eine Entscheidung des Parlaments, die es den Mitgliedsstaaten nicht mehr erlaubt, sich zukünftig für die Netzneutralität auszusprechen, wäre zu bedauern.

    *Bitte stimmen Sie für die Änderungsanträge 2 bis 24. Bitte unterstützen Sie die europäischen Bürger und Unternehmen. Bitte treffen Sie die positive, demokratische Entscheidung, wie Ihre Wähler es sich wünschen. Vielen Dank!*

    Mit freundlichen Grüßen

    /Links:/
    [1]: https://www.youtube.com/watch?v=Wc8BiDPqeZU
    [2]: https://www.youtube.com/watch?v=PZOYBU8svac
    [3]: https://edri.org/files/NN_infographics_zerorating.pdf
    [4]: https://edri.org/files/NN_infographics_specialisedservices.pdf
    [5]: https://edri.org/files/NN_infographics_encryption.pdf

    23. Oktober 2015 7
  • : Die EU entscheidet am Dienstag über die Netzneutralität: Was können wir gegen eine schlechte Entscheidung tun?
    <a href="https://savetheinternet.eu/de/">savetheinternet.net</a>
    Die EU entscheidet am Dienstag über die Netzneutralität: Was können wir gegen eine schlechte Entscheidung tun?

    Am kommenden Dienstag wird das Europaparlament (EP) über die Netzneutralität in der Europäischen Union (EU) entscheiden. Der aktuelle Kompromissvorschlag schützt die Netzneutralität in der EU jedoch nicht, er ist schwächer als die Regeln in den USA. Zum Glück ist es noch nicht zu spät, diese Entwicklung aufzuhalten. Die Abgeordneten des EP können immer noch eine wirksame Netzneutralität beschließen – wenn sie am Dienstag entscheidende Änderungsanträge annehmen.

    Dies ist ein Gastbeitrag von Barbara van Schewick, den Fabian Warislohner ins Deutsche übersetzt hat. Der Beitrag ist zuerst bei medium.com erschienen, wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Barbara van Schewick ist eine führende Expertin für die Netzneutralität, sie ist Professorin an der Stanford Law School, Direktorin des Stanford Center for Internet and Society und Autorin des Buches „Internet Architecture and Innovation“ (MIT Press 2010, Paperback 2012). Ihre Veröffentlichungen zur Netzneutralität haben die Debatten zur Regulierung in den USA, Kanada, Europa, Südamerika und Indien beeinflusst. Die „Open Internet Order“ von 2010 und die „Open Internet Rules“ von 2015, mit denen die US-Regulierungsbehörde FCC das Prinzip der Netzneutralität in den USA eingeführt hat, basieren zu einem großen Teil auf ihrer Arbeit.

    Ohne weitere Änderungen könnte die Abstimmung des EP über die Netzneutralität das offene Internet in Europa gefährden.

    Das EP weiß, dass die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung, das Innovationspotential und die freie Meinungsäußerung in Europa von der Netzneutralität abhängen – von dem Prinzip, das das Internet seit dessen Anfängen zu einem offenen und freien Ort macht. Der Kompromissvorschlag, über den am kommenden Dienstag abgestimmt wird, enthält jedoch große Schwächen, die das offene Internet in Europa aufs Spiel setzen. Entgegen einiger Darstellungen ist der Kompromissvorschlag schlechter als die Regeln zur Netzneutralität in den USA. Europäische Bürger*innen verdienen jedoch das gleiche offene und freie Internet wie US-Amerikaner*innen.

    Die gute Nachricht lautet: Die Europa-Abgeordneten werden Änderungsanträge einbringen, um die bestehenden Probleme zu beheben. Damit diese Anträge angenommen werden, muss die Mehrheit der Abgeordneten (376 von 751) für sie stimmen.

    Der aktuelle Vorschlag schafft schwerwiegende Probleme.

    Der zur Abstimmung stehende Text verbietet den Internet-Service-Providern (ISPs) Webseiten zu blockieren, ihre Übertragungsgeschwindigkeit zu verringern oder zusätzliche Gebühren für eine schnelleren Transport verlangen, also „Überholspuren“ einzurichten. Das ist richtig so: Unternehmen, die für die Übertragung sorgen, sollten keinen Einfluss darauf haben, wie wir auf Online-Inhalte zugreifen.

    Doch der aktuelle Vorschlag enthält vier schwerwiegende Probleme. Er erlaubt es den ISPs, Kund*innen, Unternehmen und der freien Meinungsäußerung zu schaden.

    • Problem #1: Der Vorschlag erlaubt es ISPs, Überholspuren für solche Unternehmen einzurichten, die über die Ausnahme der Spezialdienste dafür bezahlen.
    • Problem #2: Der Vorschlag erlaubt „Zero-Rating“, bei dem bestimmte Internetinhalte nicht auf das Datenvolumen angerechnet werden (ökonomische Diskriminierung). Die Regulierungsbehörden hätten kaum Möglichkeiten, dies zu kontrollieren. Damit sind Verbraucher*innen und Unternehmen nicht geschützt – außer vor den ungeheuerlichsten Fällen von Begünstigung.
    • Problem #3: Der Vorschlag erlaubt die Diskriminierung von Inhalten, auf Basis sogenannter Verkehrkategorien. ISPs können solche Kategorien definieren und die Übertragung der ihnen zugewiesenen Daten jederzeit verlangsamen oder beschleunigen, nicht nur bei Kapazitätsengpässen.
    • Problem #4: Der Vorschlag erlaubt es, auch eine „drohende“ Netzüberlastung zu verhindern. Das macht es einfacher für die ISPs, die Übertragungsgeschwindigkeit jederzeit herabzusetzen – nicht nur, wenn wirklich Kapazitätsengpässe vorliegen.

    Wir sollten unsere Abgeordneten auffordern, entsprechende Änderungsanträge anzunehmen, um das offenes Internet in Europa zu schützen

    Um das offene Netz in Europa zu schützen, müssen die Abgeordneten entsprechende Änderungsanträge annehmen. Dies wird nicht ohne unser Zutun geschehen. Was wir tun können:

    Aktiv werden: Fordere deine EU-Abgeordneten auf, die entsprechenden Änderungsanträge anzunehmen. Alles, was neben diesem Artikel hierzu notwendig ist, findest du hier.

    Diesen Artikel verbreiten: Teile diesen und andere Artikel zum Thema in deinen sozialen Netzwerken. Sprich mit Freund*innen, Kolleg*innen und deiner Familie darüber und fordere sie auf, auch aktiv zu werden. Du bist journalistisch tätig oder hast einen eigenen Blog? Berichte darüber, was gerade passiert.

    Wie die Änderungsanträge den aktuellen Kompromissvorschlag verbessern

    Blicken wir nun genauer auf die Probleme des Kompromissvorschlags und darauf, wie diese behoben werden können.

    PROBLEM #1:

    Der Vorschlag erlaubt es ISPs, Überholspuren für solche Unternehmen einzurichten, die über die Ausnahme der Spezialdienste dafür bezahlen.

    „Überholspuren“ im Netz gefährden Innovationen, die freie Meinungsäußerung und den demokratischen Diskurs in Europa.

    ISPs würden gerne Gebühren von Anbietern dafür verlangen, Inhalte schneller auszuliefern. Wenn einige unter ihnen eine Gebühr für eine Überholspur bezahlen können, blieben diejenigen auf der langsamen Spur zurück, die das nicht können. Das bedeutet, dass es für Europäer*innen schwieriger wird, auf Webseiten zuzugreifen, die diese zusätzliche Gebühr nicht entrichten können. Start-Ups, kleinere und nicht-gewinnorientierte Unternehmen, Künstler*innen, Musiker*innen, Schriftsteller*innen, Aktivist*innen, konfessionelle Gruppen und Nichtregierungsorganisationen wären benachteiligt. Das europäische Internet wäre nicht mehr länger ein offener Raum, in dem jede*r die gleiche Chance hätte, andere zu erreichen.

    Der Vorschlag erlaubt ISPs die Einrichtung von Überholspuren.

    Nach dem aktuellen Vorschlag können ISPs nicht ohne Weiteres Überholspuren einrichten. Doch gibt es eine Ausnahme für Spezialdienste. Dies ist bedeutend, denn sie könnte dazu führen, dass Anwendungen und Dienste entwickelt werden, die in einem offenen Internet nicht bestehen können, sondern auf eine bevorzugte Behandlung angewiesen sind.

    Die Ausnahmeregelung für Spezialdienste ist zu breit: In vielen Fällen könnten ISPs schon Überholspuren anbieten, wenn sie Dienste als Spezialdienste bezeichnen.

    Überholspuren verhindern Innovationen und machen es europäischen Start-Ups schwerer, mit marktbeherrschenden US-amerikanischen Unternehmen zu konkurrieren.

    Niedrige Übertragungsgeschwindigkeiten sind ein Desaster für Innovationen. Im Internet ist die Schwelle für Innovationen ziemlich gering: Unternehmer*innen haben keine hohen Vorlaufkosten oder benötigen kaum Genehmigungen. Dies ist ein Vorteil für europäische Start-Up-Unternehmen, denn diese haben oftmals keine Möglichkeit, viele Mittel von außen einzutreiben.

    Wenn ISPs Überholspuren einrichten können, würde sich diese Situation ändern. Etablierte Unternehmen würden dafür bezahlen, dass ihre Inhalte schneller geladen oder nicht auf das monatliche Datenvolumen angerechnet werden. Alle, die nicht zahlen können, können nicht mit ihnen konkurrieren. Die meisten der heute populären Dienste – Google, Facebook, Yahoo, eBay – wurden von innovativen Unternehmer*innen gestartet, die keine oder nur wenig Mittel der Außenfinanzierung zur Verfügung hatten. In einer Welt, in der neue Entwicklungen auf der langsamen Spur stecken bleiben, wären solche Innovationen niemals ans Tageslicht gekommen. Heute können die Gründer*innen zwar für eine Überholspur bezahlen, doch die nächste Generation von Innovationen, die mit ihnen konkurrieren will, sollte die gleiche Ausgangsbasis haben.

    Überholspuren schaden allen Sektoren einer Volkswirtschaft.

    Heute bauen viele Unternehmen auf das Internet, wenn sie ihre Kunden erreichen wollen. Daher schaden Überholspuren allen Sektoren der Volkswirtschaft. Größere Unternehmen, die für die Überholspur zahlen, haben höhere Kosten, die sie auf die Konsumenten umlegen. Diese müssten dann mehr für Produkte und Dienstleistungen bezahlen. Kleinere Unternehmen, die keine zusätzlichen Kosten stemmen können, werden vom Markt ausgeschlossen. Viele kleine Unternehmen haben gerade erst die Möglichkeiten erkannt, die ihnen das Internet bietet. Sie sollten die gleichen Chancen haben, von einem offenen Internet zu profitieren, wie ihre Konkurrenten in den USA.

    DIE LÖSUNG: Das EP sollte diejenigen Änderungsanträge annehmen, die die Definition der Spezialdienste verbessern, um entsprechende Schlupflöcher zu schließen, damit das Internet eine offene Plattform mit fairen Wettbewerbsbedingungen bleibt.

    PROBLEM #2:

    Der Vorschlag erlaubt „Zero-Rating“, bei dem bestimmte Internetinhalte nicht auf das Datenvolumen angerechnet werden. Die Regulierungsbehörden hätten kaum Möglichkeiten, dies zu kontrollieren. Damit sind Verbraucher*innen und Unternehmen nicht geschützt – außer vor den ungeheuerlichsten Fällen von Begünstigung.

    Zero-Rating stellt eine schädigende Diskriminierung dar.

    Bei Zero-Rating werden einzelne Dienste oder Anwendungen nicht auf das monatliche Datenvolumen angerechnet. Wie bei Überholspuren oder sonstiger technischer Diskriminierung erlaubt es Zero-Rating den ISPs, die Auslieferung von Inhalten zu benachteiligen, die die Nutzer*innen sehen wollen. Nicht-angerechnete Anwendungen sind attraktiver als diejenigen, die das Datenvolumen belasten. Das hat den gleichen diskriminierenden Effekt wie die Beschleunigung einzelner Datenpakete. Wie Überholspuren gefährdet Zero-Rating den Wettbewerb, das Innovationspotential und die freie Meinungsäußerung in Europa und auf der Welt.

    Der Kompromissvorschlag spricht sich nicht klar gegen Zero-Rating aus.

    Die EU-Kommission und das EP sind sich uneinig darin, ob der Kompromissvorschlag Zero-Rating regelt. Die Kommission ließ verlautbaren, Zero-Rating werde vom Vorschlag erfasst und erlaubt. Wenn Zero-Rating den zu verabschiedenden Regeln unterliegt, sind die Möglichkeiten für Behörden begrenzt, diese Praxis weiter einzuschränken: Regulierungsbehörden könnten nur noch gegen die ungeheuerlichsten Fälle vorgehen, während alles andere erlaubt wäre. EU-Mitgliedsstaaten könnten Zero-Rating nicht zusätzlich regulieren – ihnen wären die Hände gebunden.

    Abgeordnete des EU-Parlaments gaben jedoch bekannt, sie seien mit dem (EU-Minister-)Rat während der Trilog-Kompromiss-Verhandlungen darin übereingekommen, dass Zero-Rating kein Verhandlungsgegenstand ist.

    Zero-Rating führt zu einer ungleichen Behandlung.

    Studien zeigen, dass nicht-angerechnete Dienste weitaus attraktiver sind als nicht dem Zero-Rating unterliegende Angebote. In einer Studie der CTIA haben 74 Prozent der Befragten angegeben, dass sie Videos eher auf einer bestimmten Plattform ansehen würden, wenn diese vom Datenvolumen ausgenommen ist. Auch das Online-Magazin „Slate“ hat Erkenntnisse zu Zero-Rating geliefert: Dort wurde einigen Besucher*innen mitgeteilt, dass Podcasts nicht auf ihr Volumen angerechnet werden. Diese klickten eher auf einen Podcast-Link – mit 61 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit. Daher hat Zero-Rating die gleichen Auswirkungen wie technische Diskriminierung: Es ermöglicht ISPs, bestimmte Dienste attraktiver als andere zu machen und damit zu bestimmen, wer im Internet gewinnt oder verliert.

    Zero-Rating schränkt die Konkurrenz ein.

    In der EU haben viele ISPs die hauseigenen Videodienste vom Datenvolumen ausgenommen. Die ISP-Kund*innen können dort unbegrenzt Videos ansehen, während ihr Datenvolumen es ihnen nicht erlaubt, mehr als zwei bis fünf Stunden Videos anderer Plattformen anzusehen. Auf eine ähnliche Weise rechnen viele ISPs in Europa ihre eigenen Cloud-Dienste nicht auf das Datenvolumen an. Deren Kund*innen können so etwa 10 Gigabyte kostenlos in die ISP-Cloud übertragen. Doch es würde zwischen 50 und 70 Dollar kosten, das gleiche Volumen bei der Konkurrenz wie Dropbox oder GoogleDrive hochzuladen. Dies macht es fast unmöglich, mit den ISP-Diensten zu konkurrieren.

    Zero-Rating schadet den Verbraucher*innen.

    Als europäische ISPs Zero-Rating bei Diensten oder Inhalten eingeführt hatten, reduzierten sie oftmals das monatliche Datenvolumen oder erhöhten die Preise, hat eine Studie von Rewheel ergeben. Das überrascht nicht: Je niedriger das monatliche Volumen, desto attraktiver wurden die nicht-angerechneten Angebote, was Dienstanbieter wiederum dazu veranlasste, für Zero-Rating ihrer Dienste zu bezahlen. Daher schadet Zero-Rating allen, den Verbraucher*innen und den Unternehmen, deren Angebote nicht unter Zero-Rating stehen: Der Umfang sinkt und die Kosten steigen – für die Bandbreite, die frei zur Verfügung steht. Andersherum: Als die niederländische Regulierungsbehörde Zero-Rating verboten hatte, erhöhte der Provider KPN das monatliche Datenvolumen von fünf auf zehn Gigabyte – ohne zusätzliche Kosten.

    Zero-Rating erschwert Innovationen und die freie Meinungsäußerung.

    Start-Up-Unternehmen, kleinere Unternehmen und finanzschwache Aktivist*innen, haben kein Geld zur Verfügung, um für Überholspuren zu bezahlen. Sie können auch nicht für ein Zero-Rating ihrer Inhalte aufkommen. Sobald sich einzelne Unternehmen von der Anrechnung auf das Datenvolumen freikaufen können, wird es schwierig für die anderen. Daher hat Zero-Rating für Webseiten oder Dienste gegen Geld die gleichen Probleme für das Innovationspotential und die freie Meinungsäußerung wie bezahlte Überholspuren.

    DIE LÖSUNG: Wir in Europa sollten Klarheit in dieser Frage einfordern. Das Parlament sollte diejenigen Änderungsanträge annehmen, die klar machen, dass Mitgliedsstaaten zusätzliche Regelungen zur Einschränkung von Zero-Rating verabschieden können. Dies würde den Text auch in Übereinstimmung mit der von den Verhandlungsparteien geäußerten Absicht bringen und es den Mitgliedsstaaten erlauben, die schädigende Praxis des Zero-Ratings in Zukunft anzugehen.

    PROBLEM #3:

    Der Vorschlag erlaubt die Diskriminierung von Inhalten, auf Basis sogenannter Verkehrkategorien. ISPs können solche Kategorien definieren und die Übertragung der ihnen zugewiesenen Daten jederzeit verlangsamen oder beschleunigen, nicht nur bei Kapazitätsengpässen. Damit behindern ISPs den Wettbewerb, sie ersticken Innovationen, schädigen die Netzgemeinde und all diejenigen, die Verschlüsselung einsetzen: ISPs setzen den gesamten verschlüsselten Datenverkehr auf die langsame Spur.

    Der Vorschlag erlaubt ISPs die Diskriminierung über sogenannte Verkehrskategorien.

    ISPs können eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Kategorien von Datenverkehr einführen. Weiterhin können sie diese Kategorien unterschiedlich behandeln, um die Übertragungsqualität jederzeit zu optimieren – nicht nur, wenn es zu Engpässen kommt. Eine solche Diskriminierung muss auf den technischen Anforderungen der entsprechenden Anwendungen basieren. Damit können ISPs Anwendungen unterschiedlich behandeln, wenn diese verschiedene technische Anforderungen an die Übertragung stellen. So sollten bei der IP-Telefonie nur geringe Zeitverzögerungen auftreten, die bei der Übertragung von E‑Mails kein Problem darstellen. Daher könnte ein ISP der IP-Telefonie nur wenig Verzögerung einräumen, anders als E‑Mails.

    Sobald ein ISP die Macht hat, bestimmte Anwendungen zu beschleunigen oder zu verlangsamen, könnte er diese ausnutzen und einigen Diensten Vorrang einräumen. Der Kompromissvorschlag versucht, diese Gefahr einzudämmen, indem er den ISP dazu drängt, Unterscheidungen bei der Geschwindigkeit an technischen Aspekten festzumachen. Eine solche kategorienbasierte Diskriminierung erlaubt es ISPs jedoch immer noch, bestimmte Dienste zu bevorzugen, ob nun absichtlich oder versehentlich. Dies verzerrt den Wettbewerb, verlangsamt jede Übertragung von verschlüsseltem Verkehr, schädigt individuelle Verbraucher*innen, erstickt Innovationen und verursacht hohe Regulierungskosten.

    Die auf Kategorien basierende Diskriminierung erlaubt es ISPs, vorsätzlich den Wettbewerb zu verzerren.

    Sobald ISPs uneingeschränkt Kategorien definieren können, haben sie einen großen Spielraum für die Benachteiligung bestimmter Anwendungen. ISPs können diese Macht ausnutzen, um vorsätzlich den Wettbewerb zu verzerren. So könnte zum Beispiel ein ISP geringe Latenzen für Online-Spiele anbieten, um diese attraktiver zu machen. Doch könnte er dies der IP-Telefonie versagen, um dem eigenen Telefonieangebot einen Vorteil zu verschaffen. Obwohl Online-Spiele und IP-Telefonie empfindlich gegenüber Verzögerungen sind, könnten ISPs argumentieren, dass es technische Unterschiede zwischen ihnen gebe, die eine Diskriminierung rechtfertigen.

    Auf Kategorien basierendes Verkehrsmanagement kann versehentlich Anwendungen schädigen.

    Verkehrsmanagement-Techniken, die zwischen verschiedenen Anwendungenskategorien unterscheiden, resultieren oft in unbeabsichtigter Diskriminierung, die Nutzer*innen schadet, den Wettbewerb verzerrt und es Anbietern betroffener Anwendungen erschwert, Innovationen voranzutreiben. Dies muss nicht unbedingt beabsichtigt sein, da die ISPs oder deren technische Lösungen bestimmte Anwendungen falsch einstufen.

    Viele ISPs in Großbritannien beschränken etwa die Übertragungsgeschwindigkeit für P2P-Filesharingdienste, sobald es zu Kapazitätsengpässen kommt. Sie argumentieren, dass diese Dienste nicht empfindlich gegenüber Verzögerungen sind. Dies verursacht große Probleme beim Online-Gaming. ISPs greifen auf die Technologie der „deep packet inspection“ (DPI) zurück, um entsprechende P2P-Dienste zu identifizieren, aber dies funktioniert nicht sehr gut: Es ist schwierig, zwischen Online-Spielen und P2P-Filesharing zu unterscheiden, also laufen Online-Spiele dann entweder gar nicht mehr oder nicht mehr so gut, wie sie könnten. Daher haben die dortigen ISPs und Spielunternehmen ständige Ausschüsse einberufen, in denen ISPs, Technologieunternehmen und Spielunternehmen dafür sorgen, dass die Spiele in den Netzen der ISPs flüssig laufen – trotz diskriminierendem Übertragungsmanagement.

    In Großbritannien verursacht die Übertragungspraxis nicht nur Probleme für Online-Spiele, sondern auch für innovative Produkte. Will ein Anbieter von Online-Spielen ein neues Feature einführen, muss er mit den ISPs und ihren Technologieherstellern zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass dieses Feature nicht vom Umgang mit P2P-Filesharing erfasst wird. Dies ist das Gegenteil von „innovation without permission“.

    Ein vergleichbarer Fall: Auch in Kanada haben viele ISPs bis 2010 DPI-Technologie eingesetzt, um P2P-Filesharingverkehre zu identifizieren. Sie begrenzten die Bandbreite für diese Daten von 17 Uhr bis Mitternacht. Auch hier nahmen die ISPs an, die Geschwindigkeit für P2P-Filesharing begrenzen zu können, da es nicht empfindlich gegenüber Verzögerungen sei. Aber diese Annahme sollte sich als falsch herausstellen: Die Anwendung namens „Vuze“ hat Videostreaming in Echtzeit angeboten – über P2P-Filesharing-Protokolle. Echtzeitübertragungen sind äußerst empfindlich gegenüber Verzögerungen, womit Vuze schlechte Leistungen zeigt, vor allem am Abend, wenn jede*r auf das Internet zugreifen möchte. Daher kann auf Kategorien basierendes Verkehrsmanagement zu schädigender Diskriminierung führen, sogar bei den ISPs mit guten Absichten.

    Auf Kategorien basierendes Verkehrsmanagement benachteiligt die verschlüsselte Datenübertragung.

    Wird Datenverkehr verschlüsselt, kann der ISP nicht herausfinden, welchen Dienst – E‑Mail, Telefonie, Webbrowsing – ein*e Anwender*in nutzt. So weiß der ISP nicht, wie er diesen Verkehr behandeln soll. In der Vergangenheit haben ISPs dieses Problem damit gelöst, einfach allen verschlüsselten Verkehr auf der langsamen Spur zu übertragen. Das bedeutet: Jedes Mal, wenn jemand verschlüsselt Daten verschickt, dauert ihre Übertragung länger. Menschen verschlüsseln ihre Daten aus einer Vielzahl von Gründen, etwa um ihre Privatsphäre, Finanztransaktionen oder Handelsgeheimnisse zu schützen oder gegen Überwachung vorzugehen. Wenn all der verschlüsselte Verkehr automatisch gedrosselt wird, könnte dies Menschen davon abhalten, überhaupt Verschlüsselung zu benutzen.

    Auf Kategorien basierendes Verkehrsmanagement schadet den Verbraucher*innen.

    Die Diskriminierung auf der Basis von Kategorien verschiebt die Macht der Dienstleistungswahl von den Händen der Verbraucher*innen in die der ISPs. Menschen haben jedoch unterschiedliche Bedürfnisse, was Übertragungsgeschwindigkeiten im Internet angeht, dies trifft auch für eine Person zu verschiedenen Zeiten zu. Daher können sich diese Bedürfnisse von den technischen Ansprüchen an die Übertragung unterscheiden, womit ISPs nicht mehr notwendigerweise wissen, welche Leistung ein*e bestimmte*r Anwender*in braucht. Ein Beispiel: Telefonieanwendungen wie Skype profitieren von möglichst geringen Verzögerungen, daher könnten sich ISPs dafür entscheiden, sie bevorzugt zu behandeln. Das ist gut, wenn über Skype gerade ein Bewerbungsgespräch geführt wird, bei dem die beste Qualität wünschenswert ist. Aber beim Gespräch mit einem Freund über Skype ist keine kristallklare Qualität notwendig und damit auch nicht unbedingt möglichst geringe Verzögerungen. Uploads reagieren im Allgemeinen nicht unbedingt negativ auf Verzögerungen. Bei der Übertragung der Festplatte in ein Cloud-Backup dürfte es nicht tragisch sein, wenn der ISP dem niedrige Priorität einräumt. Doch die Upload-Geschwindigkeit kann auch Priorität haben: für eine Studentin, die eine Hausarbeit kurz vor der Abgabefrist hochladen möchte, für die Anwältin, die kurz vor der Frist ein Schreiben versendet, oder für die Architektin, die einen Bauplan einreichen möchte. Wenn die ISPs entscheiden können, welche Daten in welche Klasse fallen, werden die Verbraucher*innen niemals bekommen, was sie wollen. Darum schadet eine kategorienbasierte Diskriminierung ihnen oftmals.

    Auf Kategorien basierendes Verkehrsmanagement erstickt Innovationen.

    Möglichweise werden bald Anwendungen entwickelt, die einer bestimmten Behandlung von ISPs bedürfen. Unternehmer*innen und Start-Ups haben meist nicht die Ressourcen, ISPs in der gesamten EU darauf hinzuweisen, dass ihre Anwendung eine besondere Behandlung benötigt. Selbst wenn ein Start-Up die ISPs kontaktiert, müssen diese noch nicht dazu bereit sein, deswegen ihre Systeme anzupassen, was eine enorme Herausforderung darstellt – vor allem, wenn neue Anwendungen noch kaum benutzt werden. Unternehmer*innen sollten die benötigte Behandlung im Internet erfahren, ohne die Erlaubnis von ISPs einholen zu müssen.

    Auf Kategorien basierendes Verkehrsmanagement führt zu hohen Regulierungskosten.

    Wenn ISPs die Kategorien festlegen, kann diese Zuordnung nur noch durch Beschwerden bei den Regulierungsbehörden geändert werden. Die Behörde müsste feststellen, welche Arten von Verkehr so ähnlich sind, dass sie in der gleichen Kategorie behandelt werden – ein schwieriges und teures Unterfangen, das viele Anwält*innen und Zeug*innenaussagen benötigt. Dies führt nicht nur zu hohen Regulierungskosten, sondern verschiebt die Macht außerdem weg von allen, die nicht die Ressourcen für lange und teure Regulierungsprozesse haben – darunter Konsument*innen, Start-Up- und kleine Unternehmen und alle, die sich im Netz äußern möchten.

    DIE LÖSUNG: Das EP sollte diejenigen Änderungsanträge annehmen, die ISPs daran hindern, zwischen verschiedenen Kategorien zu unterscheiden – außer es ist notwendig, um Kapazitätsengpässe aufzulösen oder die Sicherheit und Integrität des Netzes aufrechtzuerhalten. Der Kompromissvorschlag enthält bereits eine Ausnahme, die es den ISPs erlaubt, zwischen verschiedenen Kategorien zu diskriminieren, wenn nur so Engpässe aufgelöst werden können. Daher würde die Streichung der Passagen im Text, die jederzeit auf Kategorien basierendes Verkehrsmanagement erlauben, zum Schutz von Konsument*innen, dem Wettbewerb und der Innovationskraft beitragen, während ISPs weiterhin Werkzeuge haben, um ihre Netzwerke zu verwalten.

    PROBLEM #4:

    Der Vorschlag erlaubt es, auch eine „drohende“ Netzüberlastung zu verhindern. Das macht es einfacher für die ISPs, die Übertragungsgeschwindigkeit jederzeit herabzusetzen – nicht nur, wenn wirklich Kapazitätsengpässe vorliegen.

    Der Kompromissvorschlag gibt ISPs sorgfältig ausgearbeitete Werkzeuge in die Hand, um mit Kapazitätsengpässen umzugehen. Im Besonderen erlaubt es ihnen, zwischen Kategorien zu unterscheiden, wenn dies notwendig ist, um mit kurzzeitigen oder außergewöhnlichen Engpässen umzugehen. Die entsprechenden Werkzeuge wurden sorgsam entwickelt, um sicherzustellen, dass diskriminierendes Übertragungsmanagement die Ausnahme und nicht die Regel darstellt.

    Der Kompromissvorschlag erlaubt es den ISPs jedoch auch, dieselben Werkzeuge bei „drohenden“ Engpässen einzusetzen. Da das Wort „drohend“ dabei nicht klar definiert ist, öffnet diese Passage einem ständigen kategorienbasierten Verkehrsmanagement Tür und Tor. ISPs werden so einfacher eine auf Kategorien basierende Diskriminierung einsetzen können – mit der Begründung, einen Engpass verhindern zu müssen, noch bevor dieser eintritt.

    DIE LÖSUNG: Das EP sollte diejenigen Änderungsanträge annehmen, die die Möglichkeiten für ISPs einschränken, wegen drohender Engpässe diskriminierend in die Übertragung einzugreifen.

    WIE ES SO WEIT KOMMEN KONNTE – UND WIE ES FÜR UNS WEITERGEHT

    Im April 2014 hat das EP für strenge Regeln zur Netzneutralität in der EU abgestimmt. Doch nach EU-Recht müssen solche Regelungen zur Netzneutralität neben dem EP auch vom Rat der Europäischen Union (EU-Ministerrat) angenommen werden. Im Verlauf des vergangenen Jahres hat der Rat jedoch durchgehend Vorschläge unterstützt, die schwächer als der EP-Beschluss sind. Im Juni 2015 haben Vertreter*innen von EP und Rat in informellen Trilog-Verhandlungen unerwarteterweise einen Kompromiss erzielt: Der Rat hat diesen Kompromissvorschlag im September formal angenommen.

    Wenn sich am kommenden Dienstag eine Mehrheit der abstimmenden EP-Abgeordneten für diesen fehlerhaften Kompromisstext ausspricht, sind die darin enthaltenen Regeln angenommen und damit Gesetz. Europa hätte dann weitaus schwächere Regeln zur Netzneutralität als die USA und der europäische Teil des Internets würde weniger frei und offen sein. Wenn jedoch eine Mehrheit der Abgeordneten für entsprechende Änderungsanträge stimmt, wird der Kompromisstext wieder dem Rat vorgelegt. Dieser kann die Änderungsanträge annehmen, womit sie zum Gesetz werden. Wenn der Rat sie zurückweist, hat ein gemeinsamer Ausschuss von EP und Rat sechs Wochen Zeit, um einen neuen Kompromiss auszuhandeln. Dieser muss dann von EP und Rat angenommen werden.

    Die Zukunft des Internets in Europa steht auf dem Spiel. Es liegt an uns, es zu retten.

    22. Oktober 2015 31
  • : Netzneutralität retten: Jetzt handeln!
    In der Abstimmung am kommenden Dienstag kann das EU-Parlament die Netzneutralität in Europa retten. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">CC BY-NC-ND 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/european_parliament/9014051025/">© European Union 2013 - European Parliament</a>
    Netzneutralität retten: Jetzt handeln!

    Der europäische Kampf um Netzneutralität geht in die letzte Runde. Am kommenden Dienstag, den 27. Oktober, stimmt das Plenum des europäischen Parlaments über den Trilog-Kompromiss ab, der im vergangenen Sommer ausgehandelt wurde. Der Text weist jedoch an entscheidenden Stellen gravierende Schwächen auf, die spürbare Folgen für alle haben:

    • Spezialdienste durch die Hintertür. Bezahlte Überholspuren werden möglich, wenn ein bestimmter Dienst ein „spezifisches Qualitätsniveau“ benötigt, das ein herkömmlicher Internetzugangsdienst nicht bieten kann. Jedoch lässt der Text die Definition eines bestimmten Qualitätsniveaus vermissen, was Netzbetreiber dazu nutzen dürften, sich die Übertragung gewisser Inhalte extra bezahlen zu lassen. Ein Vertreter von Vodafone sprach erst unlängst auf einer eco-Veranstaltung ausdrücklich von hoch aufgelöstem Videomaterial, das man auf Überholspuren auslagern könnte – kostenpflichtig, versteht sich.
    • Zero-Rating-Angebote bleiben erlaubt. Diensteanbieter können sich das Privileg erkaufen, ihre Angebote nicht auf das monatliche Datentransfervolumen anrechnen zu lassen. Entsprechend bevorzugte Anwendungen werden dadurch attraktiver, da Nutzer nicht befürchten müssen, ihr Transferlimit zu sprengen. Alle anderen Dienste, insbesondere die finanzschwacher Anbieter, müssten sich auf indirekte Diskriminierung einstellen.
    • Drosselung bestimmter Anwendungen. Netzbetreibern wird erlaubt, Datenpakete in „objektiv verschiedene Verkehrskategorien“ einzuteilen, um „die Gesamtqualität und das Nutzererlebnis zu optimieren“. Damit öffnet der Text die Tür für die Verlangsamung unliebsamer Dienste, etwa P2P-Anwendungen wie BitTorrent. Zudem könnten auch verschlüsselte Verbindungen ausgebremst werden, da sich mittels Deep Packet Inspection (DPI) nicht in die einzelnen Pakete blicken lässt, um ihren Inhalt zu ermitteln.
    • Drosselung bei „drohender Netzüberlastung“. Netzbetreiber dürfen bereits dann zu „Verkehrsmanagementmaßnahmen“ greifen, sollte sich eine Überlastung des Netzes abzeichnen. Allerdings ist nicht klar definiert, wann eine „drohender Netzüberlastung“ beginnt. Die schwammige Formulierung könnte dazu führen, dass Provider bestimmte Verkehrskategorien ständig drosseln und bei einer Beschwerde darauf verweisen, dass eine Überlastung unmittelbar bevorgestanden hätte und man deshalb eingreifen musste.

    Ein zusätzliches, generelles Problem der EU-Verordnung besteht darin, dass es einzelnen Mitgliedsstaaten nicht mehr möglich wäre, strengere Regeln zu erlassen, wie es beispielsweise in Slowenien oder den Niederlanden der Fall ist.

    Dass strenge Netzneutralitätsregeln notwendig sind, um Diskriminierung zu verhindern, wissen nicht nur Experten, Bürgerrechtsgruppen oder Blog-Betreiber. Erst gestern haben sich die Gremienvorsitzenden der Medienanstalten und der ARD dafür stark gemacht, „Netzneutralität umfassend zu sichern“. Und auch die Bevölkerung spricht sich klar für die Beibehaltung der Netzneutralität aus, unabhängig von der jeweiligen Parteipräferenz.

    Dem Parlament bleibt in der anstehenden Abstimmung eine letzte Chance, die Schlupflöcher zu schließen und das nach dem Best-Effort-Prinzip arbeitende, diskriminierungsfreie Internet zu erhalten. Seit heute liegen konkrete Änderungsanträge vor, die diese Mängel beheben und die vorhandenen Unklarheiten beseitigen.

    Damit der letzte Rettungsversuch Aussicht auf Erfolg hat, ist nun Druck auf unentschlossene EU-Abgeordnete notwendig. Einen einfachen Weg dazu bietet die Plattform Save The Internet, die es ermöglicht, Abgeordnete kostenlos anzurufen und sie dazu aufzufordern, die Änderungsanträge zu unterstützen (der Antrag A8-0300/1 der rechtslastigen EFDD-Group kann getrost ignoriert werden).

    Viel Zeit bleibt nicht mehr, deshalb: Jetzt handeln!

    22. Oktober 2015 9
  • : Europe Is About to Adopt Bad Net Neutrality Rules – Here’s How to Fix Them
    Europe Is About to Adopt Bad Net Neutrality Rules – Here’s How to Fix Them

    schewick-photo-headshotOn Tuesday, October 27, the European Parliament will vote on rules intended to protect network neutrality in the European Union (EU). However, the proposal about to be adopted fails to deliver network neutrality to the EU and is much weaker than current net neutrality rules in the United States. Fortunately, it’s not too late to change course. Members of Parliament can still secure meaningful network neutrality for Europe – if they adopt key amendments on Tuesday.

    This is a guest post by Barbara van Schewick, which first appeared at Medium. Barbara van Schewick is a leading net neutrality expert, Professor at Stanford Law School, Director of the Stanford Center for Internet and Society, and the author of Internet Architecture and Innovation (MIT Press 2010, Paperback 2012). Her writings on network neutrality have influenced regulatory debates in the United States, Canada, Europe, Latin America and India. The FCC’s Open Internet Orders in 2010 and 2015 relied heavily on her work. Parts of this text draw on her earlier writing on net neutrality.

    Unless it adopts amendments, the European Parliament’s net neutrality vote next Tuesday threatens the open Internet in Europe.

    The European Parliament understands that the future of economic growth, innovation, and free speech in Europe depends on net neutrality – the principle that has kept the Internet an open and free space since its inception. However, a compromise proposal up for vote next Tuesday contains major problems that threaten the open Internet in Europe. Contrary to some claims, the proposal is weaker than network neutrality rules in the US. European citizens deserve the same free and open Internet that Americans can enjoy.

    The good news is that members of the European Parliament will introduce amendments that would fix these problems. For the amendments to be adopted, the majority of the members (376 of the 751 members) need to vote for the amendments.

    The current proposal has major problems.

    The proposal bans Internet service providers (ISPs) from blocking or slowing down websites, or charging sites extra fees to reach people faster, i.e. creating “fast lanes” online. This is good – companies that provide gateways to the Internet shouldn’t interfere with our ability to access what we want online.

    But the current proposal contains four significant problems that still allow ISPs to engage in bad behavior that would harm Internet users, businesses, and speakers in Europe.

    • Problem #1: The proposal allows ISPs to create fast lanes for companies that pay through the specialized services exception.
    • Problem #2: The proposal generally allows zero-rating and gives regulators very limited ability to police it, leaving users and companies without protection against all but the most egregious cases of favoritism.
    • Problem #3: The proposal allows class-based discrimination, i.e. ISPs can define classes and speed up or slow down traffic in those classes even if there is no congestion.
    • Problem #4: The proposal allows ISPs to prevent “impending” congestion. That makes it easier for them to slow down traffic anytime, not just during times of actual congestion.

    We should ask the Parliament to adopt amendments to ensure an open Internet in Europe.

    To save the open Internet in Europe, members of the European Parliament need to adopt the amendments. This won’t happen automatically. Here’s what you can do to help:

    Take action: Ask your representatives in the Parliament to adopt the necessary amendments. You can find all the necessary information and tools at SavetheInternet.eu.

    Spread the word: Share this post and others on Facebook, Twitter, or anywhere else. Talk with your friends, colleagues, and family and ask them to take action. If you are a blogger or journalist, write about what is going on.

    HOW THE AMENDMENTS WILL FIX THE PROPOSAL

    Let’s look more closely at the major problems with the compromise proposal and how to fix them.

    PROBLEM #1:

    The proposal allows ISPs to create fast lanes for companies that pay through the specialized services exception.

    “Fast Lanes” on the Internet harm innovation, free expression, and democratic discourse in Europe.

    ISPs want the power to charge websites extra fees to reach people faster. If some websites can pay ISPs to be in the “fast lane,” anyone who can’t afford the extra fees will be left behind in the slow lane. That means that it will be harder for Europeans to access websites that can’t afford to pay extra fees. European start-ups, small businesses, non-profits, educators, artists, musicians, writers, activists, faith groups, and NGOs would be at a disadvantage. Europe’s Internet would no longer be an open space where everyone has an equal chance of reaching people.

    The proposal allows ISPs to create harmful fast lanes online.

    The current proposal generally bans ISPs from creating fast lanes. But it contains an exception for “specialized services.” That is important, because it allows applications to emerge that would not be able to function on the open Internet because they need special treatment that the open Internet cannot provide.

    However, the exception for specialized services is too broad: In many cases, it still allows ISPs to offer fast lanes by calling them a specialized service.

    Fast lanes would crush start-up innovation in Europe and make it harder for European start-ups to challenge dominant American companies.

    Slow lanes spell disaster for innovation. On the Internet, the costs of innovation are incredibly low. Entrepreneurs don’t need permission to innovate or a lot of upfront funding. This benefits European start-ups that often don’t have access to outside funding.

    Allowing ISPs to offer fast lanes would change that. If established companies can pay so that their content loads faster or does not count against users’ monthly bandwidth caps, then those who can’t pay don’t have a chance to compete. Many of today’s most popular applications – Google, Facebook, Yahoo, eBay – were developed by innovators with little or no outside funding. In a world where such innovations are stuck in the slow lane, they would never have seen the light of day. Today, these companies can pay for a fast lane, but the next generation of innovators that will challenge them should be assured the same level playing field.

    Fast lanes would harm all sectors of the economy.

    Today, most companies rely on the Internet to reach their customers. As a result, fast lanes would harm all sectors of the economy. Large corporations that pay to be in the fast lane will have higher costs, so we the customers will be forced to pay higher prices for their products and services. Small businesses that are unable to pay will be shut out of the market. Many small businesses in Europe are just starting to take advantages of the opportunities that the Internet has to offer. They should have the same opportunity to benefit from an Open Internet as their counterparts in the United States.

    SOLUTION: The Parliament should adopt amendments that refine the definition of specialized services to close the specialized services loophole and keep the Internet an open platform and level playing field.

    PROBLEM #2:

    The proposal generally allows zero-rating and gives regulators very limited ability to police it, leaving users and companies without protection against all but the most egregious cases.

    Zero-rating is harmful discrimination.

    Zero-rating is the practice of not counting certain applications against users’ monthly bandwidth caps. Like fast lanes or other technical discrimination, zero-rating allows ISPs to discriminate against content that users want to see. Zero-rated applications are more attractive to users than applications that are not. That means zero-rating some content over others has the same discriminatory effect as speeding up certain applications over others. Like fast lanes, zero-rating threatens the future of competition, innovation, and free speech in Europe and around the world.

    The proposal does not clearly ban zero-rating.

    The European Commission and the European Parliament disagree whether the proposal applies to zero-rating. The Commission has stated that zero-rating is subject to the rules and that the rules allow it. If zero-rating is subject to the rules, regulators’ ability to regulate zero-rating is limited: regulators could only reach the most egregious cases, while everything else would be permitted. Member states would not be able to adopt additional rules to regulate zero-rating – their hands would be tied.

    However, members of the Parliament said that they agreed with the Council during the compromise negotiations that zero-rating would be outside the scope of the rules.

    Zero-rating results in discrimination.

    Research shows that zero-rated applications are far more attractive to users than those that are not. In a study commissioned by the CTIA, 74% of users said that they would be more likely to watch videos offered by a new provider if the content did not count against their monthly bandwidth caps. When the online magazine Slate experimented with zero-rating, it told some users that the podcast did not count against their cap. People who were offered the zero-rated podcast were 61% more likely to click on the link. Thus, zero-rating has the same impact as technical discrimination: it gives ISPs power to make certain applications more attractive than others and pick winners and losers on the Internet.

    Zero-rating distorts competition.

    In the European Union, many ISPs zero-rate their own video applications. Users on these plans can watch unlimited zero-rated videos, but their bandwidth caps prevent them from watching more than 2–5 hours of video content unaffiliated with the ISPs. Similarly, many ISPs in Europe zero-rate their own cloud-storage applications. Their users can upload 10 gigabytes of traffic to the ISP’s cloud storage for free. But it costs between $50 and $70 to upload the same amount of data to other cloud storage sites like Dropbox or Google Drive. These plans make it effectively impossible for unaffiliated providers to compete with the ISP’s zero-rated application.

    Zero-rating harms users.

    When European ISPs start zero-rating certain applications or content, they often reduce overall bandwidth caps or increase the price of unrestricted bandwidth, as the European research firm Rewheel has shown. This is not surprising: the lower the bandwidth caps, the more attractive zero-rated applications become, so lower bandwidth caps motivate rich providers to pay for zero-rating. Thus, zero-rating harms users (and the providers of applications that are not zero-rated) by reducing the amount or increasing the costs of bandwidth that users can use however they like. By contrast, when a Dutch regulator banned zero-rating, the provider KPN doubled its monthly bandwidth cap for mobile Internet access from 5 to 10 GB at no additional cost.

    Zero-rating harms innovation and free speech.

    Start-ups, small businesses, and low-cost speakers in Europe and elsewhere don’t have money to pay for fast lanes; they don’t have money to pay for zero-rating, either. But if some companies can pay to be zero-rated, those who can’t pay will find it hard to compete. Thus, allowing ISPs to zero-rate websites or services against a fee creates the same problems for innovation and free speech as allowing ISPs to charge for fast lanes.

    SOLUTION: Europeans deserve clarity on this important issue. The parliament should adopt amendments that make it clear that member states are free to adopt additional rules to regulate zero-rating. This would bring the proposal in line with the negotiators’ stated intent and empower individual member states to address this harmful practice in the future.

    PROBLEM #3:

    The proposal allows ISPs to define classes and speed up or slow down traffic in those classes, even if there is no congestion. This allows ISPs to distort competition, stifles innovation, harms users, and hurts providers who encrypt traffic by putting all encrypted traffic in the slow lane.

    The proposal allows ISPs to engage in class-based discrimination.

    The proposal allows class-based discrimination: ISPs can make distinctions between different kinds of traffic and treat them differently to optimize overall transmission quality at any time, not just during times of congestion. The discrimination must be based on the technical requirements of the applications in question. Thus, ISPs could treat different kinds of applications differently if they have different technical requirements. For example, Internet telephony is sensitive to delay, but e‑mail is not, so an ISP could give low delay to Internet telephony, but not to e‑mail.

    Whenever an ISP has the power to speed up certain applications or slow down others, it might use this power to give certain applications an advantage over others. The proposal tries to mitigate this danger by forcing ISPs to consider an application’s technical requirements when making distinctions among traffic.

    However, this kind of class-based discriminatory network management still allows ISPs to give some applications an advantage over others, whether intentionally or inadvertently. It distorts competition, slows all encrypted traffic, harms individual users, stifles innovation, and creates high costs of regulation.

    Allowing ISPs to treat classes differently gives them power to deliberately distort competition.

    When ISPs are free to define classes, they have a lot of discretion to discriminate against certain applications. ISPs could use this power to deliberately distort competition. For example, an ISP could offer low delay to online gaming to make it more attractive, but it could decide not to offer low delay to online telephony because that would allow Internet telephony to better compete with the ISP’s own telephony offerings. Although both services are sensitive to delay, ISPs could argue that there are other, technical differences that justify distinguishing between them.

    Class-based traffic management can inadvertently harm applications.

    Traffic management that distinguishes among different kinds of applications often results in inadvertent discrimination that hurts users, distorts competition, and makes it harder for providers of affected applications to innovate. Traffic management technologies that distinguish among classes of applications often end up harming certain applications, even if that effect is not intended, because the ISPs or their technology misclassify certain applications.

    For example, many ISPs in the UK limit the bandwidth available to peer-to-peer file sharing applications during times of congestion, arguing that these applications are not sensitive to delay. This creates huge problems for online gaming. ISPs use deep packet inspection technology to identify these applications, but the technology doesn’t work very well: it has a hard time distinguishing between online gaming and peer-to-peer file sharing, so online games stop working or don’t work as well as they could. In the end, UK ISPs and gaming providers established standing committees where ISPs, technology vendors, and gaming providers worked together to make sure the games would work on ISPs’ networks in spite of the discriminatory network management.

    In the UK, this class-based traffic management not only creates problems for online gamers and gaming providers, whose applications perform worse than other kinds of applications, but it also creates problems for innovation. If an online gaming provider wants to introduce a new feature for its game in the UK, it needs to work with the ISPs and their technology vendors to make sure that the feature won’t be caught up in the traffic management measures directed at peer-to-peer file sharing. This is the opposite of innovation without permission.

    Similarly, until 2010, many ISPs in Canada used deep packet inspection technology to single out all peer-to-peer file sharing applications and limit the amount of bandwidth available to them from 5pm to midnight. Again, ISPs assumed that it was alright to target peer-to-peer file sharing, because it’s not sensitive to delay. But this assumption turned out to be wrong: there was an application called Vuze that used peer-to-peer file sharing protocols to stream video in real time. Real-time video is highly sensitive to delay, so the performance of Vuze suffered in the evening, when everybody wants to use the Internet.

    Thus, the class-based traffic management might result in harmful discrimination by even the best-intentioned ISPs.

    Class-based traffic management discriminates against encrypted traffic.

    If traffic is encrypted, then the ISP cannot identify what kind of application – e‑mail, telephony, web browsing – that a user is using, so it doesn’t know what kind of treatment it needs. In the past, ISPs have addressed the problem by simply putting all encrypted traffic in the slow lane. That means that any time someone sends encrypted data, it will take longer to transmit. People encrypt their data for a variety of valid reasons, for example, to protect privacy, secure sensitive financial transactions, protect trade secrets, and guard against surveillance. If all encrypted data is automatically slowed down, it would discourage people from using encryption at all.

    Class-based traffic management harms individual users.

    Class-based traffic management takes the power to choose the right kind of service out of the hands of users and puts it into the hands of ISPs. However, people have different needs for speed on the Internet, and the same person has different needs at different times. As a result, a user’s needs may differ from an application’s technical requirements, so ISPs don’t necessarily know what kind of service a user needs. For example, Internet telephony applications like Skype benefit from low delay, so ISPs may opt to give them low-delay service. That’s great if you are doing a job interview, where you want the best quality possible. But if you are talking with a friend, you don’t need crystal clear quality over Skype, so low-delay service might not be necessary. File uploads are generally considered not to be sensitive to delay. If you are uploading your hard disk to the cloud to do a backup, you will not mind that ISPs give file uploads lower priority. But if you are a student uploading homework right before it’s due, or a lawyer filing a brief before the deadline, or an architect submitting a bid, then the speed of this upload is your highest priority. As long as ISPs, and not users, have the power to decide which classes of application get what kinds of service, users will never get exactly what they need. That’s why class-based discrimination often harms users.

    Class-based traffic management stifles innovation.

    Imagine you develop a new application that would benefit from a specific kind of service. Entrepreneurs and start-ups typically do not have the resources or capacity to reach out to ISPs around the European Union to alert them that their particular application needs a certain kind of service. Even if a start-up manages to contact ISPs, they may not be interested in changing their systems for particular applications, which is a lot of work, especially when new apps don’t have any users yet. Entrepreneurs should be able to get the kind of Internet service their application needs without having to seek ISPs’ permission.

    Class-based traffic management leads to high costs of regulation.

    If ISPs get to define classes of applications, the only way to challenge these definitions is to complain to regulatory agencies. The agency would need to determine whether kinds of traffic are similar enough to be treated in the same way, a messy and costly process that would involve lots of lawyers and expert witnesses. This not only creates high costs of regulation, but also tilts the playing field against anybody – users, start-ups, small businesses, low-cost speakers – who doesn’t have the money to engage in long and costly proceedings before a regulator.

    SOLUTION: The Parliament should adopt amendments that prohibit ISPs from differentiating among classes of applications unless it’s necessary to manage congestion or maintain the security or integrity of the network. The proposal already contains an exception that allows ISPs to differentiate among classes of applications if that’s the only way to manage congestion. Thus, removing the language that allows class-based traffic management at all times protects users, competition, and innovation, while still giving ISPs the tools they need to manage their networks.

    PROBLEM #4:

    The proposal allows ISPs to start managing congestion in the case of impending congestion. That means that they can slow down traffic anytime, not just during times of actual congestion.

    The proposal gives ISPs a carefully calibrated set of tools to manage congestion. In particular, it allows them to differentiate among classes of traffic if doing so is necessary to deal with temporary or exceptional congestion. The relevant provisions have been designed carefully to ensure that discriminatory traffic management remains the exception rather than the rule.

    However, the proposal allows ISPs to use the same tools to prevent “impending” congestion. Since the meaning of “impending” is not clearly defined, this provision opens the floodgates for managing traffic at all times. It makes it easier for ISPs to discriminate among classes of applications even if there is no congestion, using the justification that congestion was just about to materialize.

    SOLUTION: The Parliament should adopt amendments that limit ISPs’ ability to discriminate against traffic to prevent impending congestion.

    HOW WE GOT HERE – AND WHAT WE SHOULD DO NEXT

    In April 2014, the European Parliament voted for strong network neutrality rules for the European Union. But under European law, network neutrality rules need to be adopted jointly by the Parliament and the Council, which consists of the representatives of the governments of each member state. Over the past year, the Council has consistently supported proposals that were significantly weaker than the Parliament’s text. In late June, representatives of the Parliament and the Council unexpectedly reached a compromise in informal negotiations. This compromise proposal was formally adopted by the Council in September.

    If a majority of the members who vote approves this flawed compromise next Tuesday, the rules are adopted and become law. Europe will have far weaker network neutrality rules than the US, and the European Internet would become less free and less open. By contrast, if a majority of the members approves amendments, the text goes back to the Council. The Council can then accept the amendments, and they become law. If the Council rejects the amendments, a joint committee consisting of representatives of the Parliament and the Council has six weeks to come up with a compromise. Any compromise would then have to be adopted by the Parliament and the Council.

    The future of the Internet in Europe is on the line. It’s up to all of us to save it.

    22. Oktober 2015
  • : Gefahr im Verzug: Abstimmung über Netzneutralität ohne Änderungsanträge geplant
    Gefahr im Verzug: Abstimmung über Netzneutralität ohne Änderungsanträge geplant

    STI-banner-bigDas neue Gesetz zur Netzneutralität in Europa steht kurz vor der Ziellinie. Der aktuelle Text bringt große Schlupflöcher für Diskriminierung im europäischen Internet und wird die Gerichte noch jahrelang beschäftigen. Rechtssicherheit im Internet und gute Bedingungen für Innovation sind in Europa damit ausgeschlossen. Am Dienstag hat der Industrie-Ausschuss im Europa-Parlament mit 50 pro- zu 10 contra-Stimmen für den Text der Trilogverhandlungen gestimmt. Die Mehrheit haben Sozialdemokraten, Konservative, Rechtsextreme und Liberale besorgt. Am 27. Oktober wird im Plenum in Straßburg nun die endgültige Entscheidung fallen. Es liegt an uns, mit SaveTheInternet.eu die Abgeordneten umzustimmen.

    Was bisher geschah

    Dieses Gesetz zur Netzneutralität wurde von der EU-Kommission im September 2013 vorgestellt und zog in seiner damaligen Fassung heftige Kritik von Regulierungsbehörden, Datenschützern und der Zivilgesellschaft auf sich. Im April 2014 hat das Europa-Parlament mit großer Mehrheit echte Netzneutralität beschlossen. Mit den damaligen Reparaturen hätten Geschäftsmodelle auf Basis von Netzwerkdiskriminierung verhindert werden können. Die EU-Mitgliedsstaaten haben sich im Rat dann wieder gegen Netzneutralität entschieden.

    Worüber wird verhandelt

    Die gemeinsame Position der drei Institutionen (Parlament, Kommission und Mitgliedsstaaten) im Trilog ist nun so formuliert, dass die wirkliche Entscheidung offen bleibt. Aufgrund der mehrdeutigen Passagen im Text entscheiden statt den gewählten Abgeordneten nun 28 Regulierungsbehörden, Kommissar Oettinger und am Ende die Gerichte. Der Text versagt bei der klaren Unterscheidung zwischen Spezialdiensten und dem offenen Internet, er versagt beim Verbot von Zero-Rating, erlaubt das Zensieren von Webseiten ohne Rechtsgrundlage oder Gerichtsbeschluss und würde das Ende des Best-Effort-Prinzips bedeuten. Mit den Passagen für Netzwerkmanagement können Provider zukünftig allen Netzwerkverkehr jederzeit in Diensteklassen unterteilen. Wer sich in der falschen Dienstklasse wiederfindet oder aufgrund von Verschlüsselung nicht eingeordnet werden kann, bleibt auf der Strecke.

    Dreckige Tricks

    Obwohl dieses Gesetz schon im Eilverfahren in nur zwei Wochen vom Ausschuss ins Plenum kommen soll, wollten manche Abgeordneten nun auch noch die letzte Möglichkeit für Änderungsanträge verhindern. Mit einer „urgent procedure“ (Leak) hat man versucht, statt einer Abstimmung über einzelne Änderungsanträge nur noch mit Ja oder Nein über das gesamte Paket mit all seinen Fehlern abstimmen zu lassen. In den beiden vorangegangenen Ausschüssen im Juli und Oktober wurden Änderungsanträge bereits verhindert. Das Europa-Parlament hat also nicht nur in den Verhandlungen mit den anderen Institutionen seine Position vor der EU-Wahl aufgegeben, sich einen fremden, unbegründeten Zeitplan aufzwingen lassen, schon in beiden Sitzungen des Industrie-Ausschusses keine Änderungsanträge zugelassen und nun soll auch noch im Plenum einfach abgenickt werden.

    Europa-Parlament am Zug

    Bis Mittwoch können noch Änderungsanträge eingebracht werden, um die originale Parlamentsposition wiederherzustellen. Ob über diese Anträge dann auch abgestimmt wird, liegt aber in den Händen von Parlamentspräsidenten Martin Schulz. Nur wenn er eine demokratische Entscheidung über den Inhalt des Gesetzes zulässt, können mit der Hälfte der Stimmen der 751 Abgeordneten noch Änderungen am Gesetz vorgenommen werden.

    Unserer Meinung nach muss das Internet gerettet werden, und es braucht Euch dazu. Schnappt Euer Headset, ruft Eure Abgeordneten an – alles was Ihr dazu braucht, findet Ihr auf savetheinternet.eu.

    Update:

    Die Änderungsanträge wurden von Grünen und Linken eingebracht. Einzelne liberale Abgeordnete (v.a. Marietje Schaake) versuchen ebenfalls noch die guten Änderungsanträge ohne politische Partei mit 40 Unterschriften einzelner Abgeordneter einzubringen. Abgeordnete, die dem Thema positiv gegenüberstehen, können und sollten hier noch mit zeichnen. Das hilft uns danach eine Mehrheit zu bekommen. Die Deadline für Änderungsanträge wurde auf Donnerstag 18:00 verschoben. Erst danach Entscheidet Martin Schulz über die Zulässigkeit der Anträge.
    Die Debatte im Plenum findet Dienstag 27.10 von 8:30 bis 10:00 statt und kann im LiveStream verfolgt werden. Die Abstimmung ist dann im Voting-Block am Nachmittag/Abend (Details folgen im Laufe der Woche hier).

    16. Oktober 2015 25
  • : #11np Review Teil 6: Thomas Lohninger erklärt die EU-Verhandlungen zu Netzneutralität
    Thomas Lohninger auf der #11np - by Theresia Reinhold <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/"> (CC BY-NC-SA 2.0) </a>
    #11np Review Teil 6: Thomas Lohninger erklärt die EU-Verhandlungen zu Netzneutralität

    Im Oktober geht der Kampf um Netzneutralität in Europa in seine Endphase. Thomas Lohninger gab uns bei der „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz einen Überblick zu den aktuellen Verhandlungsprozessen auf EU-Ebene. Gleichzeitig lohnt sich beim Thema Netzneutralität eine internationale Perspektive. Viele andere Länder, wie etwa Chile oder Kanada sind bereits vorangeschritten und haben ihre Internet-Provider zur Netzneutralität verpflichtet. Nun gilt es, dranzubleiben und zu beobachten, wie diese Länder ihre Regelungen tatsächlich umsetzen.

    Unterdessen ruft Thomas Lohninger auch dazu auf, den Trialogprozess in Europa kritisch zu begleiten. Er bewertet die Einzelbestandteile des bisherigen Kompromisses zwischen EU-Parlament, Kommission und Europäischen Rat. Dabei weist er auch auf die enormen Risiken hin, die in dem derzeitigen Entwurf schlummern. Denn in vielen Punkten hat sich die Kommission bei den Verhandlungen durchgesetzt. Noch immer besteht die Gefahr, dass durch die Hintertüre eine Bevorzugung bestimmter Anbieter möglich ist, etwa durch die unklaren Vorgaben zu bezahlten Spezialdiensten.

    Die Auseinandersetzung darüber ist allerdings noch nicht beendet. Der Vortrag hält praktische Tipps und Strategien bereit, wie Bewegung in die öffentliche Diskussion um Netzneutralität kommen kann: Die Kampagne savetheinternet.eu hilft dabei, die eigenen Abgeordneten im EU-Parlament zu erreichen.

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    Wie immer ist das Video direkt zum Download und zum Nachhören als Podcast verfügbar.

    9. Oktober 2015 1
  • : Neue Infratest-Umfrage: Deutliche Mehrheit ist für Netzneutralität
    Neue Infratest-Umfrage: Deutliche Mehrheit ist für Netzneutralität

    netzneutralitat_infratest_2015-2Das Marktforschungsunternehmen Infratest dimap hat im Auftrag von Abgeordnetenwatch 1034 Personen telefonisch zur Netzneutralität befragt (PDF). Dabei kam eine überraschend deutliche Mehrheit an Befürwortern in Höhe von 75% der Befragten raus. 13% hielten Netzneutralität für verzichtbar, 11% hatten keine Meinung und das letzte Prozent ist sicher Rundungen zum Opfer gefallen. Sehr interessant finde ich am Ergebnis, dass es kaum Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Parteipräferenzen gibt. Selbst 76% der Unions-Anhänger bevorzugen Regeln zur Netzneutralität, während sich die CDU/CSU für eine Verwässerung dieser im Sinne der Telekommunikationsunternehmen einsetzt.

    Zum Hintergrund: Entscheidende Abstimmung Ende Oktober im EU-Parlament

    Im Europaparlament steht Ende des Monats die entscheidende zweite Lesung zum „Digital Single Market“ statt, wo es neben neuen Roaming-Regeln auch um die Netzneutralität geht. In der ersten Lesung vor einem Jahr hat das EU-Parlament mit überwältigender Mehrheit für klare Regeln gestimmt. Da die Regierungen im EU-Rat und auch die Kommission eine andere Position hatten, kam es zum Trilog. Aus den Kompromiss-Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat ist ein anderer Text entstanden, der jetzt dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt wird. Änderungen sind noch möglich und auch dringend notwendig, beispielsweise um Spezialdienste genauer zu definieren. Wenn die unklaren Definitionen im Text bleiben, bekommen Telekommunikationsunternehmen einen Freifahrtsschein, ein Zweiklassen-Netz zu errichten. Mehr Informationen finden sich auf savetheinternet.eu. Gestern haben wir über den Prozess bis zur Abstimmung berichtet und einen Fahrplan beschrieben.

    Im Dezember vergangenen Jahres hatte ich bei change.org eine Petition zum Thema gestartet. Diese wurde bisher mehr als 175.000 Mal unterzeichnet. Abgeordnetenwatch kooperiert mit change.org und startet für jede erfolgreiche Petition mit mehr als 100.000 Mitzeichnern einen Petitionscheck. In diesem Rahmen ist diese Umfrage finanziert worden und Abgeordnetenwatch wird in den kommenden Tagen alle deutschen EU-Abgeordneten ansprechen, die Umfrageergebnisse kommunizieren und um eine Stellungnahme bitten.

    netzneutralitat_infratest_2015

    7. Oktober 2015 4
  • : Fahrplan zur Netzneutralität: EU-Parlament am Zug
    Das EU-Parlament kann in zweiter Lesung die Regeln zur Netzneutralität absegnen – oder sie in letzter Minute verbessern. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">CC BY-NC-ND 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/eeas/15705313487/">European External Action Service</a>
    Fahrplan zur Netzneutralität: EU-Parlament am Zug

    Diese Woche kehrt der Kompromisstext zur Netzneutralität ins EU-Parlament zurück, um die letzten Hürden vor der endgültigen Verabschiedung zu nehmen. Den Parlamentariern stehen in den nächsten Wochen noch zwei Hebel zur Verfügung, um Änderungen am Verordnungsentwurf vorzunehmen.

    Zunächst stimmt voraussichtlich am 13. Oktober der Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) über den Text ab. Der Ausschuss hat jedoch bereits im Juli den im Trilog-Verfahren ausgehandelten Kompromiss abgenickt. Ob an dieser Stelle noch etwas passieren wird, bleibt also unklar. Danach geht es weiter ins Parlamentsplenum, wo die entscheidende Abstimmung in der letzten Oktoberwoche ansteht, vermutlich am 27. oder 28. Oktober. Dort wird sich die letzte Gelegenheit bieten, Änderungsanträge einzubringen.

    Mit der Verordnung beabsichtigt die EU, verbindliche Regeln zur Netzneutralität festzuschreiben. Demnach soll jedes Datenpaket gleichberechtigt transportiert werden, unabhängig von Inhalt, Sender und Empfänger. Das soll sicherstellen, dass es zu keinen Diskriminierungen kommt und das Internet weiterhin nach dem Best-Effort-Prinzip arbeiten kann. Erlaubt bleiben jedoch Begrenzungen des Datenvolumens, damit eng verknüpfte Zero-Rating-Angebote, die Ausnahmen von der vereinbarten Grenze schaffen sowie Spezialdienste, die „keine Internetzugangsdienste sind,“ nach einem „bestimmten Qualitätsniveau“ verlangen und „keine negativen Auswirkungen auf die Verfügbarkeit oder allgemeine Qualität der Internetzugangsdienste für Endnutzer“ haben.

    Schwammige Formulierungen

    Allerdings definiert der Text nicht, wie dieses „bestimmte Qualitätsniveau“ auszusehen hat und überlässt es den nationalen Regulierungsbehörden, darüber zu entscheiden, „ob und inwieweit diese Optimierung objektiv erforderlich ist.“ Vor dieser schwammigen Formulierung warnen NGOs bereits seit Monaten, da sie leicht als Schlupfloch missbraucht werden könnte, um bestimmte Dienste und Inhalte auf zu bezahlende Überholspuren auszulagern.

    Joe McNamee von edri.org wiederholte die Kritik und fügte hinzu, dass die Verordnung zwar Neutralität unterstützen wolle, sie aber zulassen würde, dass Datenpakete unterschiedlich behandelt werden. „In der Praxis könnte das bedeuten, dass verschlüsselte Daten, insbesondere von kleineren, weniger etablierten Inhalteanbietern verlangsamt übertragen werden könnten, weil es Verschlüsselung schwer macht, festzustellen, dass es sich bei den Daten tatsächlich um Videomaterial handelt,“ so McNamee in einer Aussendung. Zudem bestehe Unklarheit über die Volumensgrenzen, da im Text ausdrücklich die Rede davon ist, dass keine Inhalte blockiert werden dürfen. Auf diese Gefahr der Diskriminierung weist auch der Digitale Gesellschaft e.V. hin: „Trotz Verbot der Blockierung einzelner Dienste wäre es nach dem vorliegenden Text zudem möglich, einzelne Dienste nach Ausschöpfen eines vorgegebenen Datenvolumens zu sperren.“

    Präzisierungen nachreichen

    In einem aktuellen Gutachten bemängelt Thomas Fetzer, Professor für Regulierungsrecht an der Universität Mannheim, die offen formulierten Passagen und hält deshalb rechtliche Auseinandersetzungen für wahrscheinlich. Zur Zulässigkeit von Spezialdiensten schreibt er etwa: „Der Entwurfstext lässt offen, woraus sich die Notwendigkeit für eine bestimmte Übertragungsqualität ergeben muss. Der VO‑E enthält keine präzise Bezugnahme auf technische Notwendigkeiten. Vielmehr ist er auch für eine Auslegung offen, bei der ein Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste unilateral oder in Absprache mit einem Dienste-/ Inhalteanbieter eine bestimmte Qualität festlegen kann, die er für ein bestimmtes Angebot unabhängig davon erreichen möchte, ob dies auch technisch erforderlich ist.“ Was Spezialdienste aus technischer Sicht auszeichnet, „etwa im Hinblick auf Jitter, Latenz und Packet Loss,“ sollte der Text klarstellen.

    Auch die Regelungen zum Verkehrsmanagement und zu den Anforderungen an den Internetzugang selbst seien unklar formuliert, was zu Rechtsunsicherheiten führen dürfte: „Aufgrund der Auslegungsoffenheit des Verordnungsentwurfs an zentralen Stellen besteht die Gefahr, dass die Verordnung die vom Normgeber verfolgten Konzepte nicht hinreichend klar umsetzt.“ Minimieren ließe sich das durch „entsprechende Präzisierungen des Normtextes,“ die Fetzer freundlicherweise mitliefert.

    Letzte Chance für Änderungen

    Nicht geschlagen geben will sich der Grün-Abgeordnete Michel Reimon, Mitunterhändler und Hauptmitglied im ITRE-Ausschuss, auch wenn es derzeit nicht gut aussieht: „Dass sich am ausgehandelten Text noch etwas ändern wird, ist nach dem aktuellen Stand der Dinge und nach dem, was aus den anderen Fraktionen zu hören ist, eher unwahrscheinlich. Eine deutliche Mehrheit scheint sicher. Ein paar Abtrünnige in EVP, S&D und ALDE werden sie – zusammen mit den Grünen, Linken und der EFDD – nicht gefährden können,“ wie er Netzpolitik.org mitteilte. Er kündigte an, „in jedem Fall im Plenum Änderungsanträge einzubringen.“ Ob er dies auch im ITRE machen könne, kläre er derzeit noch mit den Diensten ab.

    Damit sich noch einige weitere Abtrünnige finden, ruft die Initiative „Save The Internet“ dazu auf, Parlamentsabgeordnete zu kontaktieren und Druck auf sie auszuüben. In weniger als drei Wochen wird der Prozess abgeschlossen sein, und es handle sich um die letzte Chance, noch etwas zu ändern. Die Kampagnenseite biete einen „einfachen und komfortablen Weg,“ Abgeordnete „zu den nötigen Nachbesserungen an dem Gesetzestext für eine nachhaltige und starke Verankerung der Netzneutralität aufzurufen.“ In einem Monat ist es zu spät.

    6. Oktober 2015 1
  • : Internet.org: Facebook und Eutelsat starten Kooperation
    Internet.org will Gebiete in der Sub-Sahara per Satellit mit Zero-Rating-Angeboten versorgen. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/noaaphotolib/5187402041/">NOAA Photo Library</a>
    Internet.org: Facebook und Eutelsat starten Kooperation

    Facebook und der Satellitenbetreiber Eutelsat haben eine neue Initiative angekündigt, die weite Teile des afrikanischen Kontinents mit dem Zero-Rating-Projekt Internet.org versorgen soll. Die mehrjährige Vereinbarung bietet beiden Unternehmen Zugriff auf die volle Breitbandkapazität des geplanten AMOS-6-Satelliten, der von Spacecom stammt. Starten soll das Projekt in der zweiten Hälfte 2016 und vorrangig Gebiete südlich der Sahara abdecken.

    Das vor zwei Jahren gestartete Facebook-Projekt Internet.org hat sich zum Ziel gesetzt, unterversorgte Gebiete mit kostenlos nutzbaren Internet-Diensten auszustatten. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei jedoch nicht um vollwertige Internet-Zugänge, sondern um ausgewählte Angebote handverlesener Partner, die umsonst angesurft werden können – allen voran das soziale Netzwerk von Facebook. Aus diesem Grund sieht sich die Initiative anhaltender Kritik ausgesetzt, denn die Nutzer bezahlen den vermeintlich kostenlosen Zugang mit ihrer Informations- und Wahlfreiheit, ohne dass ihnen das manchmal bewusst wäre. Erste Partner in Indien haben deshalb die Kooperation bereits aufgekündigt.

    5. Oktober 2015 5
  • : brand eins: Klassenkampf im Netz
    brand eins: Klassenkampf im Netz

    In der nun freigeschalteten August-Ausgabe der brand eins findet sich ein Text des Wissenschaftsjournalisten Christian J. Meier über Netzneutralität und den Klassenkampf im Netz. Er geht dabei auf die Verhandlungen des EU-Parlaments im Juni ein und die Frage, wie sich Netzneutralität und Qualitätsdienste unter einen Hut bringen lassen. Für ihn sind bevorzugte Qualitätsdienste durchaus sinnvoll, die Schwierigkeit liege eher in der Bestimmung dieser Dienste.

    Wie eng oder weit diese [Qualitätsdienste] gefasst werden sollen, ist Teil derzeitiger Verhandlungen über Details des Ende Juni präsentierten Vorschlags. Erst danach wird klar sein, wie stark die EU die Netzneutralität wirklich aufweichen will.

    Ihre Verteidiger geben sich daher noch nicht geschlagen. Der Glaubenskrieg ums Internet geht in die Verlängerung.

    5. Oktober 2015 7
  • : EU-Kommissar Andrus Ansip verteidigt Netzneutralitätsregeln
    EU-Kommissar Andrus Ansip zeigte sich "glücklich" über die europäischen Regeln zu Netzneutralität. Foto: netzpolitik.org
    EU-Kommissar Andrus Ansip verteidigt Netzneutralitätsregeln

    Er sei glücklich über den Kompromiss zur Netzneutralität, sagte heute der Kommissar für den digitalen Binnenmarkt, Andrus Ansip, bei einem Pressegespräch in Berlin. „Ich weiß, dass es einige Leute gibt, die nicht zufrieden sind,“ aber man müsse die bisherige Situation berücksichtigen. Einige Länder wie die Niederlande oder Slowenien hätten bereits auf eigene Faust entsprechende Regelungen gesetzlich verankert. „Wenn wir nicht in der Lage gewesen wären, einen Konsens auf EU-Ebene zu finden: Was bedeutet das für uns? Sehr bald hätten wir 28 unterschiedliche Regelungen, und unser Markt wäre noch stärker fragmentiert als derzeit,“ verteidigte Ansip den Kompromiss, der aller Wahrscheinlichkeit nach noch diesen Herbst verabschiedet werden wird.

    Er finde keine Unterschiede zu den Anfang des Jahres aufgestellten Regeln der US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC). Auf beiden Seiten des Atlantik sei nun festgeschrieben, dass keine Inhalte blockiert oder gedrosselt werden dürfen, jeglicher Datenverkehr gleich behandelt werden müsse – und es keine bezahlten Überholspuren geben werde. Spezialdienste fallen für ihn nicht darunter. Er räumte ein, dass Schlupflöcher für „zeitkritische Anwendungen“ wie Telemedizin oder vernetzte Autos bewusst offen gelassen worden seien und wiederholte damit altbekannte Argumente der Telekomlobby: „Wir mussten die Definition von Netzneutralität und offenem Internet offen lassen für Innovation. Wir können nicht etwas definieren, ohne zu wissen, welche Arten von Diensten wir in zehn Jahren haben werden.“ Die Gefahr einer Fragmentierung, vor der Kritiker warnen, sehe er jedenfalls nicht.

    Zum Leistungsschutzrecht wollte sich Ansip nicht im Detail äußern, da dieses Thema nicht in seinen Bereich falle. Freilich sei es Ziel der Kommission, für eine faire Vergütung von Inhalteproduzenten zu sorgen, wenn etwa Suchmaschinen Textausschnitte von Zeitungen veröffentlichen und daneben Werbung schalten. Ob er jedoch für eine „Google-Steuer“ eintrete, ließ er offen. Zunächst müsse man die Ergebnisse der öffentlichen Konsultation abwarten und mehr Erkenntnisse sammeln, meinte Ansip mit Verweis auf Spanien. Am Ende des Prozesses müssen jedoch faire Marktbedingungen herrschen, aber im Moment „ist es noch zu früh,“ um verbindliche Aussagen zu treffen.

    29. September 2015
  • : Politik der Mikroentscheidungen: Wie Netzneutralität und NSA-Überwachung zusammenhängen
    Politik der Mikroentscheidungen: Wie Netzneutralität und NSA-Überwachung zusammenhängen

    Router und andere Knotenpunkte im Internet treffen jeden Moment eine Reihe an Entscheidungen, wie sie mit den ständig eintreffenden Datenpaketen umgehen. Welcher Pfad zum Ziel ist der Beste, wie schnell kann ich ein Paket verarbeiten, welche Priorität gestehe ich ihm zu? Der Medienwissenschaftler Florian Sprenger nennt in seinem neuen Buch dieses Phänomen „Mikroentscheidungen“, das in den Debatten rund um Netzneutralität und die Internet-Massenüberwachung durch den US-Geheimdienst NSA eine bloß marginale Rolle spielt. Diese für Menschen kaum wahrnehmbaren, kurzen Unterbrechungen des Datenflusses üben jedoch mehr Macht aus, als auf den ersten Blick erkennbar ist:

    Diese Mikroentscheidungen unterbrechen den Strom der Daten, um ihre Verteilung zu kontrollieren. Sie sind nicht an individuelle Entscheider gebunden, sondern so wirksam, weil sie automatisiert in unüberschaubarer Anzahl und kürzester Zeit nach einem festen Regelwerk vonstattengehen. Sie verschränken soziale und technische Ebenen: Ihr protokollarisches Regelwerk ist in Aushandlungsprozessen zwischen verschiedenen Interessengruppen festgelegt worden und sie erzeugen Verbindungen oder Trennungen zwischen den Menschen an den Endpunkten des Netzes, aber sie sind technisch durch verbindliche Protokolle für den Ablauf von Prozessen implementiert.

    Mikroentscheidungen würden „die kleinste Einheit wie die technische Voraussetzung einer gegenwärtigen Politik der Netzwerke“ darstellen. An diesem Punkt treffen Überwachungspraxis und die mögliche Aufhebung der Netzneutralität aufeinander: Beide würden „zu wesentlichen Teilen auf den gleichen medientechnischen Möglichkeiten von Mikroentscheidungen“ basieren und zwei Seiten einer Medaille verkörpern.

    Das Buch „Politik der Mikroentscheidungen“ ist bei meson press erschienen, unter CC-BY-SA 4.0 lizensiert und lässt sich in deutscher sowie englischer Sprache kostenlos herunterladen. Mehr zum Thema gibt’s in einem Interview mit der FAZ.

    23. September 2015 1
  • : Digitale Agenda: Bundesregierung will mehr „intelligente Vernetzung“
    Die Bundesregierung möchte die "intelligente Vernetzung" vorantreiben. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/speedoflife/8274993170/">Andy Lamb</a>
    Digitale Agenda: Bundesregierung will mehr „intelligente Vernetzung“

    Eine neue Initiative der Bundesregierung knöpft sich die „intelligente Vernetzung“ vor, bei der in Deutschland noch Nachholbedarf besteht. Die in die „Digitale Agenda“ eingebettete Strategie soll mit insgesamt 36 konkreten Maßnahmen dafür sorgen, dass Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) besser genutzt werden können.

    Dabei geht es um Infrastrukturen in den Bereichen Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung sowie Verwaltung, die systematisch miteinander vernetzt werden sollen. Durch die „zielgerichtete Verknüpfung und Koordinierung“ erhofft sich das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) Synergieeffekte, die sich bereichsübergreifend entfalten sollen. Zudem möchte das BMWi die Rahmenbedingungen verbessern, um Unternehmen Anreize für Investitionen zu liefern.

    Offener Zugang zu Bildung und Wissenschaft

    Neue Erkenntnisse im Forschungs- und Wissenschaftssektor sollen künftig nicht mehr im Urheberrechtsdschungel versickern, sondern durch eine Open-Access-Strategie „wirksam und dauerhaft“ zugänglich werden, wenn öffentliche Fördergelder im Spiel sind. Urheberrechtlich geschütztes Material soll sich einfacher nutzen lassen, indem eine lang geforderte Bildungs- und Wissenschaftsschranke eingeführt wird. Damit sollen endlich weitflächig digitale Lerninhalte in den Klassenzimmern ankommen. Flankiert wird diese Maßnahme von einer noch zu entwickelnden Strategie „Digitales Lernen,“ die Länder und Akteure aus allen Bildungsbereichen einbeziehen soll.

    Optimierungspotenziale macht das BMWi auch im Energiesektor aus. Noch 2015 sollen neue Rahmenbedingungen „für den sicheren Einsatz von intelligenten Messsystemen und Regeln für die Datenkommunikation in intelligenten Energienetzen“ geschaffen werden, was einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund zehn Milliarden Euro bringen soll. Der Informationsaustausch im Gesundheitsbereich soll sich verbessern und die eHealth-Initiative weiterentwickelt werden.

    Die Erforschung von automatisiertem Autofahren soll vorangetrieben und datenschutzrechtliche Fragestellungen gelöst werden. Erfreulicherweise fällt der öffentliche Nahverkehr nicht unter den Tisch. Einheitliche Standards und technologieoffene Lösungen sollen den Umstieg auf Bus und Bahn erleichern, indem etwa elektronische Fahrscheine mit einer digitalen Fahrplanauskunft verknüpft werden.

    Open Data als Standard

    Der Zugang zur Verwaltung soll deutlich bequemer werden. So sollen gemeinsam mit den Ländern Bürgerkonten eingerichtet werden, wo man sich mit der eID-Funktion des Personalausweises sicher authentifizieren kann. Die Wirtschaft soll vom „Prozessdatenbeschleuniger“ (P23R) profitieren, mit dem Unternehmen ihre gesetzlichen Informations- und Meldepflichten sicher und automatisiert erfüllen können. Erste P23R-Umsetzungen seien erfolgreich verlaufen und deren Projektergebnisse unter einer Open-Source-Lizenz nutzbar. Erklärtes Ziel ist es, Open Data als Standard in der Bundesverwaltung einzuführen.

    Gesetzlich verankert werden soll die Netzneutralität – allerdings mit der ausdrücklichen Einschränkung, dass Spezialdienste „unter bestimmten Voraussetzungen“ erlaubt sein müssen und überlegt werden soll, ob Datenverkehr „für bestimmte Anwendungen“ priorisiert werden darf. Als Beispiele führt das Papier selbstfahrende Autos, Steuerungssysteme in Energienetzen und telemedizinische Anwendungen an. Freilich dürfe dabei das offene und freie Internet nicht gefährdet werden. Im Grunde kündigt die Regierung in diesem Punkt also an, die demnächst kommende EU-Richtlinie umzusetzen, die praktisch deckungsgleiche Vorgaben festlegt.

    17. September 2015 11
  • : #11np Review Teil 5: Ben Wagner zu „Thinking from the Edges: Why Centralised European Internet politics don’t make sense“
    by Theresia Reinhold (CC BY-NC-SA 2.0)
    #11np Review Teil 5: Ben Wagner zu „Thinking from the Edges: Why Centralised European Internet politics don’t make sense“

    11np_benwagnerIm fünften Teil unseres Rückblicks über die „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz erklärt Ben Wagner, aus welchen internationalen Debatten Europa in puncto Netzpolitik lernen kann. Schließlich liefert der Blick über den europäischen Tellerrand wichtige Argumente für netzpolitische Debatten. Dabei schneidet er eindrucksvolle Beispiele zu den Themen Internetabschaltung, Netzneutralität und zu den Konsequenzen aus den Überwachungsskandalen an. Um die Debatte über Netzneutralität anhand empirischer Daten führen zu können, müssen gerade außereuropäische Fallbeispiele untersucht werden. Chile als erster Staat mit einem klaren Bekenntnis zur Netzneutralität ist hierbei genauso zu betrachten wie Sambia. Dort wurde das Internet.org-Projekt von Facebook erstmals gestartet und kann deshalb wichtige Aufschlüsse über die Auswirkungen von Zero-Rating-Produkten für die europäische Debatte zu Netzneutralität liefern.

    Ben Wagner forscht zu Digital Human Rights und ist am Centre for Internet & Human Rights in Berlin und Frankfurt/Oder beteiligt. Hier gibt es das Video auch bei uns zum Download.

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    16. September 2015
  • : Internet-Austauschknoten DE-CIX will „neue Dienste“ erforschen, ohne die Netzneutralität zu gefährden
    Internet-Austauschknoten DE-CIX will „neue Dienste“ erforschen, ohne die Netzneutralität zu gefährden

    Eine Mitteilung des weltgrößten Internetknotens DE-CIX ließ uns unlängst aufhorchen: Man arbeite im Rahmen des Forschungsprojekts Endeavour daran, auf Basis von Software-Defined Networking (SDN) Werkzeuge zu entwickeln, die „neue Dienste“ und „Ökosysteme“ schaffen sollen, auf denen „neue ökonomische Modelle“ aufsetzen können. Das klang für uns stark danach, als ob sich DE-CIX auf die Einführung von Spezialdiensten vorbereiten würde, also bezahlten Überholspuren, die der aktuelle EU-Richtlinienentwurf zur Netzneutralität unter gewissen Auflagen ausdrücklich erlaubt.

    Das relativ neue SDN koppelt die Kontrolle über das Netzwerk von den einzelnen Hardware-Komponenten ab und verwandelt die Infrastruktur de facto in einen Dienst, der von zentraler Stelle verwaltet werden kann. Damit soll künftig „intelligente Software“ den Datenfluss steuern und nicht mehr „dumme Hardware“, was die Administration vereinfacht und flexibler gestaltet. Laut der Mitteilung sollen davon unter anderem Video-Anwendungen wie (U)HD-Streams und Videokonferenzen profitieren, aber auch Online-Spiele, die erst dann Spaß machen würden, wenn sie „reibungslos und ruckelfrei“ laufen.

    Auch das klingt in unseren Ohren stark nach Spezialdiensten, die dann als separate Zugangsdienste angeboten werden dürfen, „wenn die Optimierung erforderlich ist, um den Anforderungen der Inhalte, Anwendungen oder Dienste an ein spezifisches Qualitätsniveau zu genügen,“ wie es im Richtlinienentwurf heißt. Dieser lässt freilich offen, was unter einem „spezifischen Qualitätsniveau“ zu verstehen ist und schanzt die Beantwortung der Frage den nationalen Regulierungsbehörden zu. So ist im schlimmsten Fall zu erwarten, dass in einzelnen Ländern bestimmte Anwendungen, die etwa eine geringe Latenz oder hohe Bandbreiten benötigen, nicht mehr über das normale Internet erreichbar sein werden. Das könnte auf lange Sicht zu einer Fragmentierung des Internets führen, wie eine aktuelle Studie der Stiftung Neue Verantwortung nahelegt.

    Austauschpunkte „Beispiele für gelebte Netzneutralität“

    Besonders verwunderlich ist an dieser Mitteilung, dass sich in der Vergangenheit sowohl DE-CIX Geschäftsführer Harald A. Summa als auch der maßgeblich am Aufbau des Knotens beteiligte eco-Vorstand Klaus Landefeld energisch für den Erhalt des Best-Effort-Prinzips und für die Netzneutralität eingesetzt haben. Die DE-CIX Management GmbH und die DE-CIX International AG sind Tochtergesellschaften von eco, dem Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V..

    Auf unsere Befürchtungen angesprochen, wehrte sich Landefeld entschieden gegen diese Einschätzung. Stattdessen ginge es darum, beispielsweise bessere Lastverteilung zu erreichen und den Datenfluss generell zu optimieren. Das spiele sich alles auf der Layer-2-Ebene ab, also eine Stufe unter der Netzwerkschicht, die Datenpakete mittels Internet Protocol (IP) vermittelt. Zudem handle es sich in erster Linie um ein Forschungsprojekt, dessen Ergebnis noch nicht vorherzusehen sei. Er selbst bliebe vorerst noch skeptisch, ob der SDN-Ansatz tatsächlich „die aktuellen Limitationen des Internet-Interconnection-Modells“ beseitigen könne.

    Ähnlich bestimmt reagierte auch Harald A. Summa, der Austauschpunkte wie DE-CIX als „Beispiele für gelebte Netzneutralität“ bezeichnete. Das Forschungsprojekt würde das Thema Netzneutralität nicht betreffen, weil es lediglich den Layer 2 berühre. Mit der Übertragung von Datenpaketen hätte DE-CIX nichts zu tun, „sondern mit der Vermittlung von generellen Datenströmen an den Netzübergängen.“ Es ginge jetzt darum, zu ergründen, welche Rolle und Techniken Austauschpunkte in einer solchen virtuellen, software-gesteuerten Netzwelt spielen können.

    Eingriffe auf höherer Ebene

    Doch was hat es nun mit den „neuen Diensten“ auf sich, die „neue ökonomische Modelle“ ermöglichen sollen? Im Blick habe man etwa „ein fein granulares Blackholing als Gegenmaßnahme gegen DDoS,“ so Summa. „Hierbei soll es Kunden an einem Austauschpunkt möglich sein, bei einer DDoS-Attacke nur einzelne Anwendungen wie zum Beispiel DNS zu blocken und nicht wie heute jede Kommunikation zum Ziel zu unterbinden (Verkehr in die Tonne umleiten).“ Für solche Zusatzdienste müsse man jedoch zwangsläufig auf höheren Schichten ansetzen, in dem Fall Layer 4. Genau das erforsche man gerade. Als kritisch erachtet das Summa nicht, denn „bereits heute werden für bestehende Zusatzdienste wie zum Beispiel Route-Server Informationen aus höheren Schichten benötigt.“

    Für den Basisdienst Peering würden jedenfalls nur Schicht-2-Informationen genutzt. Unter neuen ökonomischen Modellen im Bereich von Austauschknoten versteht Summa etwa die Idee, „eine Art Marktplatz ähnlich einer Börse zu erstellen, bei dem Netzbetreiber je nach Auslastung die Preise für Interkonnektion (zum Beispiel Transit, Transport, und so weiter) Minuten-aktuell anpassen können. Heutige Modelle sind viel starrer und basieren üblicherweise auf Monatsverträgen.“

    Neben DE-CIX beteiligen sich die Queen Mary University of London, Université catholique du Louvain (Belgien), University of Cambridge, Centre National de la Recherche Scientifique (Frankreich) und IBM Research – Zurich Lab an dem Projekt, das Anfang 2015 gestartet wurde und drei Jahre lang laufen soll. Wir werden das Forschungsprojekt beobachten und bleiben gespannt, ob das Prinzip der Netzneutralität tatsächlich nicht an einem der wichtigsten Austauschpunkte unterlaufen wird.

    [Update 15.09.2015: Informationen zum DNS-Beispiel nachgetragen]

    14. September 2015 4