Liebe Leser*innen,

seit mehreren Wochen lässt das Bundesjustizministerium Krümel fallen. Anlass ist ein geplantes digitales Gewaltschutzgesetz. In Form von Interviews droppt die Justizministerin Eckpunkte. Etwas mit Deepfakes. Etwas mit Accountsperren. Medien schnappen diese Krümel auf und nehmen sie in den Fokus.

Mich nervt das. Weil es so verkürzt ist. Es gibt da draußen so viel Expertise zu digitaler Gewalt. So viel Vorgeschichte. Wenn die Regierung Anlauf nimmt, Menschen besser vor digitaler Gewalt zu schützen, dann braucht es meiner Meinung nach Überblick statt engem Fokus. Sonst läuft man nur unkritisch einer Krümelspur hinterher.

Um etwas Überblick zu liefern, haben wir in der Zivilgesellschaft herumgefragt. Wir haben viele Antworten bekommen und Muster herausgearbeitet. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Das fehlt beim Schutz vor digitaler Gewalt.

Kommt gut ins Wochenende
Sebastian

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Unsere Artikel des Tages

1500 Euro wegen illegaler ÜberwachungWer einen Instagram- oder Facebook-Account hat, kann Schadenersatz kassieren

Meta, der Anbieter von Instagram und Facebook, schneidet über „Business Tools“ mit, was Nutzer*innen auf Drittwebsites treiben. Jetzt hat ein Dresdener Gericht vier Betroffenen je 1.500 Euro Schadenersatz zugesprochen. Einer entsprechenden Sammelklage kann man sich weiterhin anschließen.

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Tickermeldungen

Lesenswert, wichtig und spannend – hier fasst die Redaktion netzpolitische Meldungen von anderswo als Linktipps zusammen.

CIA
Die CIA stellt die Veröffentlichung des The World Factbook ein. Das Nachschlagewerk wurde erstmals 1962 als klassifiziertes Dokument publiziert, 1971 in einer unklassifizierten Version, 1997 erschien dann erstmals eine digitale Version.
The Verge
In den USA floriert ein grauer Markt mit Streaming-Boxen namens SuperBox und vSeeBox, die einen kostenlosen Zugang zu zahlreichen TV-Kanälen inklusive Sport- und Premium-Inhalten bieten. Vertrieben werden die Geräte etwa auf Bauernmärkten.
Der Spiegel
Verfassungsschutz und BSI warnen vor einer Angriffswelle "wahrscheinlich staatlich gesteuerter Cyberakteure". Im Visier stünden nicht allein Journalist:innen, sondern offenbar auch "hochrangige Ziele aus Politik, Militär und Diplomatie".
Geo
Wie arbeiten Exilmedien, wenn die Menschen, die sie erreichen wollen, mit Internetsperren von Informationen abgeschnitten werden sollen? Sie seien zur "Innovation verdammt", sagt Maral Jekta vom JX Fund, der Medienschaffende im Exil unterstützt.
Bundesregierung
Die Bundesregierung hat sich gemeinsam mit den Regierungsfraktionen im Bundestag auf einen "Investitionspakt mit Filmbooster" geeinigt. Teil davon ist auch eine Investitionsverpflichtung für Streaminganbieter und Sender.
taz
Links oder rechts – Stricken schafft Binärcode-Muster. Jacqueline Malchow erklärt, wie damit Informationen geschmuggelt wurden und welche widerständigen Ansätze Faserverarbeitung noch ermöglicht hat.
rbb24
Brandenburg arbeitet an einem Polizei-Gesetz, das Palantir-artige Datenanalysen erlaubt. Noch vor dessen Verabschiedung werden bereits Anbieter geprüft.
Verfassungsblog
ICE will "Ad-Tech- und Big-Data-Tools" nutzen, um in den USA Menschen zu jagen. Rainer Mühlhoff und Hannah Ruschemeier plädieren mit Blick auf die EU für mehr Zweckbindung, um diesseits des Atlantiks Missbrauch von Datenmacht zu verhindern.
Reuters
Gemeinsam mit Microsoft will die britische Regierung ein System zum Aufspüren von KI-Deepfakes entwickeln. Nicht-einvernehmliche sexualisierte Deepfakes sind seit Kurzem illegal, zur Verantwortung können sogar Unternehmen selbst gezogen werden.
EU-Kommission
Apple Ads und Apple Maps gelten der EU-Kommission zufolge nicht als sogenannte Gatekeeper im Sinne des Digital Markets Act. Dazu würden die Dienste in der EU zu wenig genutzt, so die Begründung.
taz
Pauline ist 31 Jahre alt, Podcasterin und hat einen Stalker, der sie seit Oktober 2025 belästigt. Die taz beschreibt die Folgen für Pauline - und wie schwierig es ist, gegen die meist patriarchale Gewalt vorzugehen.
tagesschau.de
Nur etwa vier Prozent ihrer Urteile machen Zivil- und Verwaltungsgerichte öffentlich zugänglich. Dabei könnte mehr Transparenz das Vertrauen in die Justiz stärken. Die Initiative "Offene Urteile" will deshalb in den nächsten Jahren rund eine Million Urteile anfragen und veröffentlichen.
Die Zeit
ARD und ZDF planen, bei der Ausstrahlung der Olympischen Winterspiele KI-generierte Videos mit Highlights und Zusammenfassungen zu verwenden. Die Inhalte wollen die TV-Anstalten nicht kennzeichnen, weil diese auf Original-Sendematerial basieren.
Bundesnetzagentur
Die Bundesnetzagentur hat im vergangenen Jahr Mängel an 7,7 Millionen elektronischen Geräten festgestellt. Der Großteil wurde aus dem Verkehr gezogen; betroffen waren etwa Smartwatches, wenn diese eine Blutzuckermessung nur simulierten.
Corporate Europe Observatory
Der Digital Fairness Act der EU könnte Europas erstes Gesetz gegen süchtigmachendes Design digitaler Dienste werden. Noch bevor der erste Entwurf überhaupt veröffentlicht ist, laufen die Lobby-Armeen von Big Tech Sturm gegen die mögliche Regulierung.
The Guardian
Ein Bericht über Indiens Arbeiter:innen, die für US-Tech-Konzerne traumatisierende Datenarbeit hinter KI und digitalen Diensten erledigen. Hauptzielgruppe sind hier Frauen in ländlichen Gebieten, die mit den Folgen ihrer Tätigkeit alleingelassen werden.
Good Authority
Eine Gruppe von US-Forschenden konnte keine Belege für politische Zensur von TikTok-Inhalten im Zuge der jüngsten Übernahme der US-Geschäfte durch ein Trump-nahes Konsortium entdecken. Stattdessen seien die beobachteten Ausfälle genereller Natur gewesen.
heise online
Die Medienaufsicht in Berlin und Nordrhein-Westfalen nimmt KI-Zusammenfassungen ins Visier. Nach Informationen der Zeit (€) leiten sie Verwaltungsverfahren gegen Google und KI-Suchmaschine Perplexity ein. Dabei soll es um Verantwortung und Medienvielfalt gehen.
Digital Fairness Act Newsletter
Ein Vorschlag der EU-Kommission für den geplanten Digital Fairness Act wird frühestens im 4. Quartal 2026 erwartet. Auch mögliche Regeln für Alterskontrollen sollen hierfür geprüft werden.
Bundeskartellamt
Amazon hat seine Doppelrolle als Betreiber des Amazon Marketplace und Anbieter von Produkten ausgenutzt. Das Bundeskartellamt untersagt dem Unternehmen, die Preise von anderen Händler:innen zu beeinflussen, und schöpft 59 Millionen Euro unlauterer Gewinne ab.
SWR
Eine SWR-Recherche zeigt das Ausmaß mangelnder Transparenz in der deutschen Justiz. Demnach wird ein Großteil der Gerichtsurteile in allen Bundesländern nicht veröffentlicht – in Rheinland-Pfalz sogar nur 1,5 Prozent.
taz
Die russischsprachige Zeitung Novaya Gazeta Europe hat die Kreml-Propaganda auf Telegram von 2019 bis 2024 untersucht. Zu den Feindbildern gehören demnach queere Menschen, Migrant*innen und Oppositionelle, fasst die taz auf Deutsch zusammen.

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