KW 47Die Woche, in der wir durchs Fenster gefilmt wurden

Die 47. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 17 neue Texte mit insgesamt 143.585 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

Fraktal in grau-blau
Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

ich persönlich wäre in dieser Woche ja am liebsten gleich ganz verschwunden. Unter einer dicken Bettdecke, mit einem Stapel Bücher oder einem guten Vorrat an Serien. Stattdessen stiefelte ich bei 3 Grad Celsius und Gegenwind aus einem zugigen U-Bahn-Schacht durch Berliner Häuserschluchten und dachte dabei an einen Beitrag meines Kollegen Vincent Först von vergangenem Wochenende.

Darin geht es um Menschen, die vielleicht auch gerade mal unsichtbar sein wollen. Und stattdessen ungefragt zu Statisten auf der Weltbühne werden, weil andere sie ohne ihr Einverständnis gefilmt haben, um damit auf Sozialen Medien zu punkten. „Mitmenschen als Content“ nennt Vincent das. Vielleicht lag es an meinem eigenen Bedürfnis zu verschwinden, dass mir dieser Beitrag nicht aus dem Kopf ging, aber ich fühlte irgendwie besonders mit Menschen, die Vincent für diesen Beitrag gesprochen hat. Menschen wie „Lennart“, der einfach nur an seinem Fenster eine rauchen wollte und sich kurz darauf in einem viralen Clip auf Instagram wiederfand.

Es ist eine neue Form der Überwachung, mit der wir jetzt irgendwie umgehen müssen, so als wäre nicht sonst schon genug los. Mich hat das auch an ein anderes Szenario erinnert, über das wir in der Vergangenheit berichtet haben: das Ende der Anonymität im öffentlichen Raum durch Gesichtersuchmaschinen wie PimEyes. Denn seit jede:r einfach einen Schnappschuss auf solchen Seiten hochladen kann und dadurch mit wenigen Klicks einen Namen zum Gesicht findet, bin ich noch viel misstrauischer, wenn Menschen ihr Smartphone in der U-Bahn in einem verdächtigen Winkel halten. Übertrieben? Sicher. Kommt vielleicht auch mit dem Beruf.

Kameras, die durchs eigene Fenster filmen: Damit haben wir gerade noch an anderen Stellen zu tun. Seit unserem Einzug in das neue Büro haben wir bemerkt, dass wir auch dort nicht ganz unbeobachtet sind. Auf einem der gegenüberliegenden Dächer findet sich, hinter wirklich beeindruckenden Mengen an Stacheldraht, eine Überwachungskamera. Die vom Winkel her so ausgerichtet werden könnte, dass sie zumindest theoretisch durchgehend in unser Büro filmen kann.

Wir sind natürlich neugierig, was es damit auf sich hat – womöglich lest ihr dazu bald mehr bei uns auf der Seite.

Ein hoffentlich ungestörtes Wochenende wünscht euch
Chris


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Internes ProtokollImmer mehr EU-Staaten gegen unverhältnismäßige Chatkontrolle

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