XVideosDas Porno-Imperium von nebenan

Die meistbesuchte Pornoseite der Welt operiert im Herzen von Europa. Betroffene sexualisierter Gewalt erheben schwere Vorwürfe gegen XVideos. Die Spur von XVideos führt nach Tschechien, Frankreich – und Deutschland.

Krakovská 1366/25 in Prag; die Suchmaske von XVideos.com
Krakovská 1366/25 in Prag – Adresse des weltgrößten Porno-Imperiums. – Gebäude: Google Street View; Screenshot: XVideos.com; Bearbeitung: netzpolitik.org

Neun Minuten, 53 Sekunden, Orgasmus. So tickt das Uhrwerk der größten Pornoseite der Welt, das ist die durchschnittliche Besuchsdauer auf XVideos. Abermillionen Menschen besuchen täglich diesen einen Ort im Netz, über den kaum jemand spricht. Ein heimlicher Gigant. Platz 10 der meistbesuchten Websites der Welt. Nicht einmal der Online-Händler amazon.com bekommt so viele Klicks.

Aufnahmen auf XVideos werden einer Weltöffentlichkeit präsentiert. Unzählige Nutzer:innen offenbaren mit ihren Klicks erotische Fantasien. Wer hat die Kontrolle über eine so gewaltige Plattform?

Führende Köpfe von Facebook, Google und Twitter geben Interviews. Whistleblower:innen machen Missstände öffentlich. Von XVideos hört man dagegen vor allem in Deutschland – nichts. Und das, obwohl viele Unternehmen hinter XVideos mitten in Europa sitzen: in Tschechien. Die Spuren des Porno-Imperiums führen von Prag über Frankreich bis nach Düsseldorf.

Andere Pornoplattformen erleben seit knapp zwei Jahren eine Welle von Kritik und Zorn. Allen voran Pornhub und xHamster, die wichtigsten Konkurrenten von XVideos. Gemeinsam dominieren die drei Giganten den Pornomarkt. Pornhub und xHamster haben etwa Nacktaufnahmen von Menschen verbreitet, die sich so nie öffentlich zeigen wollten. Lange Zeit lagen dort die Hürden gegen die Verbreitung sexualisierter Gewalt niedrig. Es folgte internationale Empörung, Petitionen, Gerichtsverfahren, Gesetzesvorhaben. XVideos blieb bei all dem unter dem Radar.

Diese Recherche wurde durch Spenden finanziert.

Unterstütze auch Du unseren werbefreien Journalismus.


 

Das ändert sich gerade. Inzwischen ermitteln Behörden auch gegen XVideos. Betroffene sexualisierter Gewalt gehen an die Öffentlichkeit. Die EU plant strengere Gesetze, die auch die Plattform treffen würden. Wir berichten über die Vorwürfe gegen XVideos, verfolgen den unglaublichen Aufstieg der Plattform an die Weltspitze – und zeigen, warum sich für XVideos bald einiges ändern könnte.

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe. Hier zeigen wir, wie wenig XVideos gegen sexualisierte Gewalt unternimmt. Das ZDF Magazin Royale behandelt das Thema in der Sendung vom 11. März.

Das weltgrößte Porno-Imperium sitzt mitten in Prag

Außenansicht der Krakovská 1366/25 in Prag
Krakovská 1366/25 in Prag – Waschsalon, Porno-Imperium, Stripclub. Foto: netzpolitik.org - CC-BY 4.0 netzpolitik.org

Wer einen Städtetrip nach Prag macht, wird bestimmt durch die Altstadt spazieren, über den Wenzelsplatz zum Nationalmuseum, einem prächtigen Bau mit in Gold verzierten Kuppeln. Direkt um die Ecke, rund 150 Meter Luftlinie entfernt, residiert XVideos.

Dutzende Firmen sind auf diese eine, unscheinbare Postadresse angemeldet: Krakovská 1366/25. Eine Einfahrt führt zu einem Hinterhof. Links davon ein Waschsalon, rechts ein Stripclub. An der Wand mehrere Plaketten, darunter eine mit der Aufschrift „WGCZ holding“. Das Kürzel steht für Web Group Czech, ein nichtssagender Name. „Web Group“ – irgendwas mit Internet. Doch dahinter steckt zugleich das weltgrößte Porno-Imperium.

Der mächtigste Mann hinter der Holding ist Stéphane Pacaud. Er hält 93 Prozent der Anteile, wie aus dem Jahresbericht von 2019 hervorgeht, veröffentlicht im tschechischen Handelsregister. Die restlichen sieben Prozent gehören demnach einer Firma in Hongkong. Ein aktuellerer Jahresbericht ist nicht online, die Eckdaten könnten sich seitdem geändert haben.

Ein Franzose steckt hinter der meistbesuchten Pornoseite

Wer ist Stéphane Pacaud? Während Chef:innen anderer Plattformen wie Facebook, Amazon oder Telegram öffentlich kommunizieren, meidet der Mann hinter XVideos die Medien. Über ihn ist fast nichts bekannt – außer sein Name.

Laut Dokumenten aus dem tschechischen Handelsregister wurde Pacaud 1978 geboren und hat eine Adresse in Frankreich. Das französische Wirtschaftsmagazin Challenges sieht Pacaud auf Platz 245 der reichsten Personen Frankreichs. Das Magazin schätzt sein Vermögen auf 400 Millionen Euro. Solche Schätzungen können von der Realität abweichen.

Im Jahr 2019 will ein französischer TV-Sender zumindest auf Skype Kontakt zu Pacaud hergestellt haben. Aber die Person am anderen Ende habe keine Beweise vorgelegt, dass sie wirklich Pacaud ist. Nicht einmal ein Foto. Gesicht und Stimme des mächtigsten Pornomanagers der Welt sind der Öffentlichkeit nicht bekannt.

Für die Pornobranche ist das gar nicht mal so ungewöhnlich. Nicht nur Pacaud hält sich bedeckt. Bis vor Kurzem wusste auch niemand, wem das Porno-Imperium rund um Pornhub gehört und wer hinter xHamster steckt.

Wir haben mehrfach versucht, Pacaud für einen Austausch zu erreichen, etwa über die offiziellen E-Mail-Adressen seiner Unternehmen. Auf unseren ausführlichen Fragenkatalog hat eine anonyme Person reagiert. In ihrer E-Mail-Adresse tauchte die Bezeichnung „Xvideos Admin“ auf. Ihre Identität hat die Person aber nicht offengelegt. Auch nicht, als wir ausdrücklich gefragt haben, ob sie in Wahrheit Stéphane Pacaud ist.

Spur in die Karibik: das wirre Firmengeflecht von XVideos

Über Stéphane Pacaud lassen sich viele weitere Teile des Porno-Imperiums erschließen. Er ist dem tschechischem Handelsregister zufolge etwa Vorstand eines Unternehmens, das so ähnlich heißt wie die „WGCZ Holding, a.s.“. Und zwar: „Web Group Czech Republic a.s.“. Dieses Unternehmen betreibt die Pornoseite XVideos.com. Pacaud gehören laut Handelsregister auch 93 Prozent der „NKL Associates s.r.o.“ – das ist die Betreiberin einer weiteren, riesigen Pornoseite namens XNXX.

Dem Jahresbericht der WGCZ Holding zufolge ist Pacaud zudem an der „Web Group Limited“ auf den Britischen Jungferninseln beteiligt. Der kleine Staat in der Karibik ist als Steuerparadies bekannt.

Ebenso gehören Pacaud laut Handelsregister 95 Prozent des Unternehmens hinter dem Portal „Traffic Factory“. Das ist die Anlaufstelle für alle, die auf XVideos Werbung schalten wollen. Anzeigenkund:innen können fürs Ausspielen ihrer Werbung Porno-Genres wählen, von „Anal“ über „BDSM“ bis zu „Workout“. Traffic Factory wirbt auf der eigenen Website damit, Werbung für täglich 200 Millionen Besucher:innen ausspielen zu können. Die Zahl zeigt die gigantische Reichweite des Porno-Imperiums. Das entspräche der Bevölkerung von Deutschland, Frankreich, Tschechien und Polen zusammen.

Ein Werbeclip auf dem YouTube-Kanal von Traffic Factory gibt einen seltenen Einblick hinter die Kulissen. Zwischen generischen Aufnahmen von Businessleuten mit Krawatte und Blazer, die es auch bei einem Stockfoto-Anbieter zu kaufen gibt, ist anscheinend ein echtes Büro zu sehen.

Ein Büro mit Tischen, Stühlen und Menschen, an der Wand große Uhren
Werden hier Werbeanzeigen für 200 Millionen tägliche Besucher:innen verwaltet? - Screenshot: YouTube / Traffic Factory; Verpixelung: netzpolitik.org

Weiße Schreibtische. Ein Mann im schwarzen T-Shirt hockt am Laptop. An der Wand hängen Uhren mit den Kürzeln von Weltmetropolen. Die größte hängt unter dem Kürzel „PRG“, Prag. Unsere Fragen, wo sich das Büro befindet und wie viele Menschen dort arbeiten, blieben unbeantwortet.

Je tiefer man gräbt, desto weiter breitet sich das Firmengeflecht vor einem aus. Das lässt sich anhand von Papieren aus dem tschechischen Handelsregister nachvollziehen. Neben Pacaud tauchen weitere Namen auf. Unter anderem ein tschechischer Unternehmer namens Robert William Seifert, eine Marjorie Grocq und eine Malorie Pacaud. Den Papieren zufolge hat Malorie Pacaud dasselbe Geburtsdatum wie Stéphane Pacaud. Eine Zwillingsschwester? Eine weitere Frage, die uns nicht beantwortet wurde.

Für die vier Geschäftsleute hat diese eine Adresse, Krakovská 1366/25, wohl eine besondere Bedeutung. Dutzende Unternehmen stehen allein auf den Schildern zur Straße. Bei rund 30 dieser Unternehmen haben Grocq, Seifert und die beiden Pacauds in verschiedenen Konstellationen Führungsrollen, etwa in Vorstand, Geschäftsführung oder Aufsichtsrat.

Wir haben ihnen über mehrere E-Mail-Adressen Fragen geschickt; wollten wissen, welchen Zweck das umfangreiche Firmengeflecht erfüllt, unter anderem die Firma im Steuerparadies. Nur der „Admin“ von XVideos hat reagiert. „Wir haben nicht viel Zeit, um so viele Fragen zu beantworten“, schrieb er auf Englisch. Doch an der Zeit sollte es nicht scheitern: In unserer Antwort machten wir klar, dass wir keine Gelegenheit verpassen möchten, um die Hintergründe zu verstehen, und wir „Admin“ gerne zwei weitere Wochentage für nähere Erläuterungen geben. Keine Reaktion.

Der Aufstieg des Porno-Imperiums begann vor 20 Jahren

Die wohl älteste Spur von dem, was einmal das größte Porno-Imperium der Welt werden soll, stammt aus dem Jahr 2002: Eine Website namens XNXX.com, die täglich neue Hardcore-Fotos mit „Cumshots“ und „Big Tits“ verspricht. Spätestens ab 2003 gehörte XNXX.com Stéphane Pacaud, wie aus dem Eintrag eines Domainarchivs hervorgeht. Die Plattform ist so etwas wie die ältere Schwester von XVideos, und sie existiert noch immer. Im Ranking der meistbesuchten Websites steht XNXX auf Platz 13, nur drei Plätze hinter XVideos. Das Ranking stammt vom Analyse-Unternehmen SimiliarWeb.

Die beiden meistbesuchten Pornoseiten der Welt sind seit langem eng miteinander verbunden. Im Jahr 2006 werden Besucher:innen von XVideos per Link zu XNXX geschickt. In diesem Jahr taucht auch der Name Stéphane Pacaud als Besitzer von XVideos.com erstmals in Domainarchiven auf.

2007 sieht XVideos schon fast so aus wie heute: Ein Fenster voller Videokacheln, YouTube für Pornos. „BIGGER and BETTER than the others“, lautet damals der Slogan. Das Wachstum ist rasant. Im Jahr 2008 hat die Plattform nach eigenen Angaben rund 13.000 Videos. Ein Jahr später sind es 90.000. Die Million knackt XVideos im Jahr 2011. Heute seien es mehr als zehn Millionen Videos.

ein Säulendiagramm zeigt das Wachstum der Anzahl Videos auf XVideos seit 2008 auf inzwischen rund 10 Millionen Videos
XVideos nennt auf der eigenen Startseite eine Gesamtzahl verfügbarer Videos. So lässt sich das Wachstum der Plattform durch Einträge aus dem Internetarchiv nachzeichnen. Wir haben XVideos gefragt, warum die Anzahl der Videos im Jahr 2017 offenbar zurückgegangen ist – keine Antwort. Die Zahlen wurden für 2008 bis 2021 jeweils im April abgelesen, für 2022 im Februar. - CC-BY 4.0 Datenquelle: XVideos.com; Grafik: netzpolitik.org

Pornos hochladen dürfen bei XVideos alle, die welche haben. Ob man daran auch die Rechte besitzt, ist eine andere Frage. Genau darüber streiten die Betreiber:innen von Pornoseiten in einem Branchenforum namens „Go Fuck Yourself“.

Die genervten Mitglieder schimpfen über Piraten, also Seitenbetreiber:innen, die Videos ohne Rechte verbreiten. Diesen Vorwurf muss sich auch XVideos anhören – und hält dagegen. In einer Nachricht an alle „Hater“ schreibt ein Account namens XVideos im Jahr 2014: „Wenn alle Seiten wie XVideos wären, gäbe es kein Piraterie-Problem“.

XVideos verweist auf den eigenen Uploadfilter, eine Technologie, die bei großen Pornoplattformen mittlerweile üblich ist. Rechteinhaber:innen können einen digitalen Fingerabdruck ihrer Werke hinterlegen. Alle neuen Uploads werden mit diesem Katalog aus Fingerabdrücken abgeglichen. So soll die Verbreitung geschützter Videos verhindert werden.

Riesige Investitionen machten XVideos mächtiger

Der Tonfall bei „Go Fuck Yourself“ lässt nur erahnen, wie Geschäftsleute um die Weltspitze des Online-Pornos ringen. Die Unternehmen hinter den Plattformen verleiben sich Pornostudios ein, kaufen sich gegenseitig auf und tun alles, um Menschen auf ihre Seiten zu bringen. In Branchenmedien ist die Rede von erbitterten Wettkämpfen zwischen Giganten mit „unersättlichem Appetit“.

Wer gerne einen Porno sehen möchte und nicht weiß, wo es die gibt, versucht es vielleicht einfach mal mit… porno.com. Diese Website gibt es wirklich, und sie verlinkt auf XVideos und XNXX. Um diese Links setzen zu können, ist wohl eine Menge Geld geflossen. Für umgerechnet rund acht Millionen Euro hat die Domain porno.com im Jahr 2015 die Besitzer:in gewechselt. Das war damals einer der teuersten Domainverkäufe der Internetgeschichte. Medien berichteten von einer Firma in Prag als angeblicher Käuferin. Ob Stéphane Pacaud für den Kauf verantwortlich war, wurde uns nicht beantwortet.

Noch mehr Geld legten die Betreiber:innen von XVideos im Jahr 2018 hin: Der Playboy-Konkurrent namens Penthouse stand nach einem Bankrott zum Verkauf. Für umgerechnet rund 10 Millionen Euro wurde die Marke Teil des tschechischen Porno-Imperiums.

Ein deutscher Anwalt vertritt die weltgrößte Pornoseite

Neben der Adresse mit den dutzenden Firmen in Prag gibt es einen weiteren Ort, der für das Porno-Imperium eine Rolle spielt. Er befindet sich mehr als 550 Kilometer entfernt, in Fußnähe zur Rheinpromenade in Düsseldorf. Hier sitzt eine Kanzlei, in der Dr. Daniel Kötz arbeitet, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. Auf XVideos und XNXX wird er „designierter Urheberrechtsvertreter“ genannt. Das heißt, er ist der Beauftragte fürs Urheberrecht, etwa wenn sich jemand beschwert, dass ein Video gelöscht werden sollte.

Hinweis auf die Kanzlei von Dr. Kötz im Takedown-Formular von XVideos
XVideos sagt über den Urheberrechtsbeauftragten: „Wir hätten auch jemanden auf einer abgelegenen Insel anheuern können.“ - Screenshot: XVideos.com; Bearbeitung: netzpolitik.org

Über private Videos auf Pornoplattformen hat Kötz auch einen Artikel auf anwalt.de veröffentlicht. Dort präsentieren Anwält:innen ihre Rechtstipps für Interessierte und potenzielle Mandant:innen. In dem Artikel heißt es, Kötz sehe „täglich, dass Videos mit persönlichkeitsrechtsverletzenden Inhalten hochgeladen werden und kennt sich mit deren Entfernung aus.“ Offenbar ist Kötz schon seit 2014 für XVideos im Einsatz. Das zeigt ein offizielles Dokument aus den USA (PDF), wo viele Anbieter einen offiziellen Beauftragen fürs Urheberrecht anmelden.

Auf XVideos können Nutzer:innen ein Meldeformular ausfüllen, wenn sie der Ansicht sind, dass Aufnahmen entfernt werden müssten. In der automatisch verschickten Bestätigungsmail steht die ehemalige Postadresse der Kanzlei aus Düsseldorf. Wir wollten von Daniel Kötz wissen, was genau seine Aufgabe bei solchen Beschwerden ist. Kötz hat uns mitgeteilt, dass er sich ohne eine Rückmeldung seines Mandanten nicht weiter äußern könne.

Der „Admin“ von XVideos hat uns geschrieben, Herr Kötz sei ihnen vor vielen Jahren empfohlen worden. „Seine Aufgabe besteht lediglich darin, Bescheide für uns entgegenzunehmen.“ Es gebe keine Verbindung zu Deutschland. „Wir hätten auch jemanden auf einer abgelegenen Insel anheuern können.“

Betroffene bildbasierter Gewalt erheben Vorwürfe gegen XVideos

Bis Ende vergangenen Jahres brauchte es wohl nicht mehr als eine E-Mail-Adresse, um Fotos und Filme auf XVideos zu veröffentlichen. Zugänglich für ein potenzielles Millionenpublikum. Das waren sehr niedrige Hürden für Menschen, die Aufnahmen von anderen ohne deren Einverständnis verbreiten wollten, sogenannte Voyeur-Aufnahmen oder „Rachepornos“.

Viele Betroffene kritisieren diese Begriffe, weil sie die Perspektive der Täter:innen ausdrücken. Fachleute sprechen lieber von bildbasierter, sexualisierter Gewalt. Dahinter steckt ein Verständnis von Gewalt, das sich nicht auf unmittelbar physische Gewalt beschränkt. Es wird auch als Akt der Gewalt verstanden, intime Aufnahmen einer Person gegen ihren Willen zu verbreiten. Neben möglicher sexueller Befriedigung spielt dabei auch die Befriedigung von Machtbedürfnissen eine Rolle.

In den USA klagt derzeit eine Betroffene im Rahmen einer zivilen Sammelklage gegen XVideos und seine Betreiber:innen. Mit 14 Jahren soll sie zu Sex und Pornoaufnahmen gezwungen worden sein. Die Videos seien danach auf XVideos verbreitet worden. Mehr dazu berichten wir hier.

Radikale Porno-Gegner:innen wollen das Ende von XVideos

Kritik an Pornogiganten wie XVideos kommt aus ganz verschiedenen Lagern. Zum einen kämpfen Betroffene bildbasierter, sexualisierter Gewalt für ihr Recht – während sie Pornografie an sich befürworten. Zum anderen wird die Debatte von religiös geprägten Fundamentalist:innen befeuert. Sie wollen Pornografie grundsätzlich abschaffen, also auch einvernehmlich und selbstbestimmt entstandene Aufnahmen.

Hinter der Sammelklage gegen XVideos steht etwa eine Organisation namens „National Center on Sexual Exploitation“ (NCOSE). Die Aktivist:innen betrachten sexuelle Dienstleistungen generell als gewaltsame Ausbeutung und wollen sie abschaffen, wie aus ihrer Website hervorgeht. Eine weitere Organisation namens „Exodus Cry“ steckt hinter einer Petition gegen Pornhub, die angeblich mehr als zwei Millionen Unterschriften gesammelt hat. Gegen Pornhub hat auch das NCOSE nach eigenen Angaben vor dem US-Kongress lobbyiert.

Beide Organisationen verwenden für ihre Forderungen den Begriff „Abolitionismus“. Er lässt sich mit „Abschaffung“ übersetzen. Früher war damit die Abschaffung von Sklaverei gemeint. Heute meinen die Aktivist:innen damit die Abschaffung von kommerziellem Sex und Pornografie. Offenkundig wollen sie nicht anerkennen, dass viele Menschen freiwillig ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nutzen, um Sexarbeit oder Pornografie zu machen. Große Plattformen wie XVideos dürfte es diesem Weltbild zufolge gar nicht geben.

Der öffentliche Druck durch Anti-Porn-Aktivismus hat wohl auch dazu beigetragen, dass sich Visa und Mastercard 2020 von Pornhub zurückgezogen haben. Seitdem wickeln die beiden Dienstleister für den Pornogiganten keine Zahlungen mehr ab. Für XVideos sind Mastercard und Visa offenbar weiterhin verfügbar. Auf unsere Nachfrage hin schreibt Mastercard, sich mit der zuständigen Bank in Verbindung setzen zu wollen. Eine Sprecherin von VISA schreibt: „Wir achten aufmerksam darauf, illegale Aktivitäten in unserem Netzwerk zu unterbinden.“

Der Fall Czech Casting: Vorwurf der Vergewaltigung beim Dreh

Zahlreiche professionelle Pornostudios sind mit Accounts auf XVideos vertreten, einer davon heißt Czech Casting. Die Videos haben dort mehrere Millionen Abrufe. Hinter Czech Casting steckt das Unternehmen Netlook. Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft Prag gegen mehrere Mitarbeitende von Netlook. Ihnen wird vorgeworfen, Frauen gegen ihren Willen zu Pornodrehs genötigt zu haben. Einige waren zwischenzeitlich in Untersuchungshaft und sind nun wieder frei. Der Staatsanwaltschaft zufolge geht es um Menschenhandel, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung.

Vorangegangen war ein Skandal, der in Tschechien durch die Medien ging: Polizeibeamt:innen riegeln im Sommer 2020 die Türen in einem Bürokomplex im Prager Stadtteil Vokovoce ab. Sie tragen Computer aus den Büros der Firma Netlook. 18 Frauen hatten der Polizei zuvor geschildert, wie sie zu einem Casting-Aufruf für Models erschienen sind. Vor Ort seien ihnen aber Verträge für einen Pornodreh vorgelegt worden. Man habe sie zu Sex mit einem Kameramann gedrängt und mit hohen Vertragsstrafen gedroht.

Das Unternehmen bestritt die Darstellung gegenüber Denik N, die Frauen hätten freiwillig am Dreh teilgenommen. Eine Presseanfrage von uns blieb unbeantwortet. Derzeit läuft laut Staatsanwaltschaft die Beweisaufnahme für das Verfahren. Wir haben XVideos gefragt, warum sie weiterhin Clips von Czech Casting zeigen. XVideos schrieb: „Sie sind unschuldig, bis ihre Schuld bewiesen ist.“

Der Fall LegalPorno: Angebliche Verletzungen bei Hardcore-Aufnahmen

Ein anderer Fall aus Tschechien betrifft eine Firma, die noch engere Verbindungen zu XVideos hat: GITFLIX TV, ein Unternehmen der WGCZ Holding. GITFLIX TV steckt hinter LegalPorno, einer Marke für Videos aus dem Hardcore-Genre, inzwischen umbenannt in AnalVids.

Anfang 2021 veröffentlichte die tschechische Zeitung Denik N einen Bericht über LegalPorno. Demnach soll es angeblich gewalttätige Praktiken während der Dreharbeiten gegeben haben. Der Bericht bezieht sich auf Aussagen von Darsteller:innen und lässt sich nicht überprüfen. LegalPorno hat die Vorwürfe gegenüber Denik N abgestritten.

Der Zeitung zufolge seien den Darsteller:innen Schmerzmittel verabreicht worden, damit sie trotz Blutungen und Verletzungen weiterdrehen konnten. Eine Darstellerin hätte im Anschluss im Krankenhaus behandelt werden müssen, heißt es. Aus Angst vor den Konsequenzen durch die einflussreichen Pornounternehmen habe keine der Betroffenen Anzeige erstattet.

Mit den Recherchen konfrontiert habe sich Stéphane Pacaud zunächst per Telefon gemeldet, berichtet Denik N. Danach habe die Zeitung eine E-Mail erhalten, in der es heißt, die Anschuldigungen seien frei erfunden. Ein anderer Pornoproduzent betreibe eine Desinformationskampagne und bezahle Models für falsche Anschuldigungen. Diese Darstellung bekräftigte XVideos gegenüber netzpolitik.org. Der „Admin“ schrieb zudem von einem „Haufen Müll“ und dass die Journalist:innen „höchstwahrscheinlich bezahlt“ worden seien.

Deutschland: Medienaufsicht geht gegen XVideos vor

Auch in Deutschland ist XVideos ein aktuelles Thema. Hier geht die zuständige Medienaufsicht gerade verstärkt gegen XVideos und andere Pornoseiten vor. Die Landesmedienanstalten möchten knallharte Alterskontrollen auf Pornoseiten durchsetzen. Alles, um zu verhindern, dass Minderjährige Pornos schauen können. Um den Anforderungen des deutschen Jugendschutzes gerecht zu werden, sollen Pornoseiten strenge Altersprüfungen einführen, etwa mit Ausweiskontrolle.

Wenig überraschend stößt das bei Pornoseiten nicht gerade auf Begeisterung. Solche Hürden könnten Millionen Besucher:innen abschrecken. Keiner der drei Giganten – xHamster, Pornhub, XVideos – macht da bisher mit. Deshalb bekommen sie nun Stress mit der Medienaufsicht. Generell können sich solche Verfahren über Jahre ziehen. Ganz am Ende droht eine Netzsperre. In diesem Fall könnte eine Pornoseite ohne Tricks nicht mehr in Deutschland abgerufen werden. Beim XVideos-Konkurrenten xHamster ist das Verfahren schon weiter fortgeschritten, an einer möglichen Netzsperre wird gearbeitet.

Auch XVideos wurde von der zuständigen Landesmedienanstalt NRW aufgefordert, sich an den deutschen Jugendschutz zu halten. „Das Verfahren gegen XVideos ist noch nicht abgeschlossen“, schreibt eine Pressesprecherin.

So wenig tut XVideos gegen sexualisierte Gewalt

XVideos kritisiert das Vorhaben scharf. Es werde von heuchlerischen Porno-Feinden vorangetrieben, „die Kinder nur als Vorwand benutzen, um die Pornoindustrie zu zerstören“. Die teure Alterskontrolle würde Unternehmen zerstören. Nutzer:innen würden auf andere Websites ausweichen. Um Kinder zu schützen, müsse man kostenlose Kindersicherungen auf allen Geräten anbieten. „Das Problem durch die Überprüfung von Erwachsenen statt von Kindern anzugehen, zeigt nur, dass wir in einer echten Idiokratie leben.“

Falls eines Tages auch XVideos eine Sperrung droht, wäre die Plattform wohl gerüstet. Eine Netzsperre in Deutschland richtet sich zunächst nur gegen eine Domain, beispielsweise: xvideos.com. Für die Sperrung weiterer Domains müssten erneut zähe Verfahren angestoßen werden. Bereits jetzt ist das Angebot der Plattform auch unter xvideos2.com, xvideos3.com und xvideos4.com verfügbar.

EU: Geplante Gesetze werden Pornoplattformen treffen

Auch neue Gesetze könnten die Plattform bald schärfer regulieren. Mehrere Jahre lang hat die EU an einer Art neuem Grundgesetz für das Internet gearbeitet. Nun ist es fast fertig: das Digitale-Dienste-Gesetz. Noch sind die Verhandlungen nicht beendet. Eines zeichnet sich aber schon ab: Künftig könnten sich alle, die bei Pornoseiten etwas hochladen wollen, vorher mit E-Mail-Adresse und Handynummer registrieren müssen. Zumindest in Deutschland lassen sich Handynummern und SIM-Karten offiziell nicht mehr anonym kaufen. Damit wäre also die Zeit der anonymen Uploads auf Pornoseiten vorbei.

Für XVideos könnte das einiges verändern. Aktuell ist ein weitgehend anonymer Upload auf XVideos noch möglich. Wer dort von Deutschland etwas hochladen will, muss zwar seinen Account verifizieren. Dazu reicht aber ein Video, in dem man sich ohne Gesicht zeigt und „XVideos“ sagt. Eine Telefonnummer oder weitere Angaben braucht es nicht.

Der Porno-Paragraf im geplanten EU-Gesetz sieht noch weitere Auflagen vor. Pornoplattformen sollen künftig menschliche Löscharbeiter:innen einsetzen, die darauf trainiert wurden, sexualisierte Gewalt zu erkennen. Betroffene, die ihre Aufnahmen auf Pornoseiten finden, sollen sich leichter beschweren können. Wenn Betroffene solche Inhalte melden, solle die Plattform die Bilder oder Videos „unverzüglich“ sperren, heißt es in dem Entwurf.

All das könnte für XVideos Neuland sein. Zumindest zeigen unsere Recherchen, wie leicht sich dort fragwürdige Aufnahmen finden lassen. Aufnahmen, die erhebliche Zweifel daran wecken, ob sie einvernehmlich entstanden sind. Neun Minuten, 53 Sekunden, Orgasmus – um dieses Geschäftsmodell aufrechtzuerhalten, wird sich die Plattform in Zukunft sichtbar ändern müssen.

Mehr Zeit für kritische Berichterstattung

Ihr kennt es: Zum Jahresende stehen wir traditionell vor einer sehr großen Finanzierungslücke und auch wenn die Planung und Umsetzung unseres Spendenendspurts viel Spaß macht, bindet es doch sehr viele Ressourcen; Ressourcen, die an anderer Stelle für unsere wichtige Arbeit fehlen. Um Euch also weniger mit Spendenaufrufen auf die Nerven zu gehen und mehr Recherchen und Hintergründe bieten zu können, brauchen wir Eure regelmäßige Unterstützung.

Jährlich eine Stunde netzpolitik.org finanzieren

Das Jahr hat 8.760 Stunden. Das sind 8.760 Stunden freier Zugang zu kritischer Berichterstattung und wichtigen Fragestellungen rund um Internet, Gesellschaft und Politik bei netzpolitik.org.

Werde Teil unserer Unterstützungs-Community und finanziere jährlich eine von 8.760 Stunden netzpolitik.org oder eben fünf Minuten im Monat.

Jetzt spenden


Jetzt spenden

Eine Ergänzung

  1. Wir haben mehrfach versucht, Pacaud für einen Austausch zu erreichen, etwa über die offiziellen E-Mail-Adressen seiner Unternehmen.

    Das nenne ich professionellen Investigativjournalismus vom Feinsten! Weiter so, netzpolitik! Bloggen, was ist* – und nicht Kampagne, so wie der Rest der großen Internetblase, die sicherlich bald platzt.

    *hab euch daher 100 Euro gespendet und denke, dass ich das auch im kommenden Jahr tun werde

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge! Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.