Spannervideos auf dem Fusion-Festival

Übergriff unter der Dusche

Heimliche Aufnahmen unter der Dusche: Auf der Porno-Plattform xHamster sind Videos aufgetaucht, die auf dem Fusion-Festival aufgenommen wurden. Das Material ist inzwischen gelöscht, doch für Festivalbetreiber ist das Problem kaum in den Griff zu bekommen.

Tanzende Menschen
Tausende tanzen bei der Eröffnung der großen Turmbühne auf dem Fusion-Festival. CC-BY-NC 2.0 Markus Reuter

Auf der Porno-Webseite xHamster sind Videoaufnahmen aus den Duschen des Fusion-Festivals aufgetaucht. Die Betreiber des linksalternativen Festivals berichten in ihrem Forum, dass sie Ende Januar durch eine anonyme E-Mail den Hinweis auf die Videos erhalten hätten. Die Aufnahmen, die ein Nutzer unter dem Namen „Hannes Lange“ gepostet haben soll, waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Tagen online und wurden hunderte Mal gesehen, schreibt der Verein Kulturkosmos Müritz, der die Fusion veranstaltet.

Gesichter sollen auf den Videos nicht zu erkennen gewesen sein, die Aufnahmen hätten den Körper von der Schulter abwärts gezeigt. Die Veranstalter:innen vermuten eine abgestellte Tasche, aus der heraus gefilmt worden ist. Sie stellten Strafanzeige, innerhalb von 24 Stunden soll xHamster die Videos gelöscht haben. Wenige Tage später hat der Nutzer ein weiteres Video hochgeladen, das nur für befreundete Nutzer:innen sichtbar war, auch dieses Video wurde gelöscht.

Undercover-Recherchen in der Szene

Bereits 2017 hatte die Journalistin Isabell Beer monatelang undercover auf xHamster recherchiert und sich dafür mit falschen Profilen angemeldet. Sie fand eine Szene vor, die ungehindert Tipps austauscht, wie man Frauen am besten heimlich filmt, und die mit Fotos und Videos handelte.

Erst Anfang des Jahres war durch Recherchen der Journalistin Patrizia Schlosser bekannt geworden, dass auf dem linken Festival Monis Rache in drei Jahren Frauen auf den Dixie-Klos des Geländes gefilmt wurden. Die Aufnahmen veröffentlichte ein Mitarbeiter des Festivals ebenfalls auf xHamster, hat sie dort offenbar gegen anderes Videomaterial getauscht und verkauft. Ohne Schlossers Recherchen wäre das nicht bekannt geworden. Sie hatte sich stundenlang Material angeschaut und so das Festivalbändchen identifiziert, das die Gefilmten trugen.

Bei den Videos von der Fusion war es wohl leicht zu erkennen, wo die Videos aufgenommen wurden: „Dass es diese Duschen waren, war auf den Videos für uns sofort zu erkennen. Es waren keine besonderen Recherchen notwendig. Deshalb haben wir umgehend unseren Anwalt informiert – und dann die Öffentlichkeit, als die Videos offline waren“, sagt der Kulturkosmos auf Anfrage.

Laut der taz handelt es sich um zwei Duschcontainer mit abschließbaren Duschkabinen: „Um die Duschenden zu filmen, muss man den engen Vorraum des Containers betreten.“

Bis zu zwei Jahre Haft für Täter:innen

Solche Aufnahmen sind nicht nur eine Form der sexualisierten Gewalt. Sie sind in Deutschland auch strafbar. Laut Paragraf 201a StGB stellen sie eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches dar. Wer sie aufnimmt oder verbreitet, dem drohen bis zu zwei Jahre Haft. Da die Betroffenen in der Regel allerdings nie erfahren, dass sie Opfer einer Straftat wurden, erstatten sie keine Anzeige. Die Täter:innen können ungehindert weitermachen.

Für das Festival, das sich als emanzipatorischen Gegenentwurf zur Gesellschaft versteht und viel dafür unternimmt, um Gewalt auf dem Gelände zu verhindern, ist die Entdeckung ein Rückschlag. „Wir als Kulturkosmos werden uns in den Vorbereitungen des Fusion Festivals 2020 intensiv mit diesen – für uns neuartigen – sexualisierten Übergriffen auseinandersetzen … mögliche Vorsichts- und Kontrollmaßnahmen diskutieren und zum kommenden Festival umsetzen“, schreibt der Verein. „Wir hoffen, dass diese Form sexistischer Gewalt gesamtgesellschaftlich thematisiert und die Verbreitung von Spannervideos im Netz, egal wo und wie aufgenommen, strafrechtlich verfolgt wird“, so die Betreiber:innen weiter.

Kaum zu kontrollieren

Bei einem Festival dieser Größe wird es jedoch sehr schwer sein, alle Duschen und Toiletten kontinuierlich auf versteckte Kameras zu untersuchen. Journalistin Schlosser sprach für ihre Doku auch mit einem Privatdetektiv, der ihr ein Gerät vorführt, um Kameras aufzuspüren. Selbst für Profis ist dies eine Herausforderung.

Auf xHamster, einer der meistbesuchten Websites in Deutschland, findet man Tausende Videos, die Menschen offenbar heimlich auf der Toilette oder unter der Dusche zeigen. Einige haben dafür Freundinnen und Bekannte in der eigenen Wohnung gefilmt, andere bringen Kameras in öffentlichen WCs von Kneipen oder Clubs an. Die Kameras sind dabei so winzig, dass sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Oft werden sie unauffällig als Rauchmelder oder Duftspender getarnt.

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3 Ergänzungen
  1. Auch wenn die Kameras dabei so winzig sind, dass sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind, wäre es gut ein paar Beispielbilder zu zeigen damit (über)vorsichtige Menschen zumindest eine Rolle Isolierband mitführen können um eventuelle Kameras (z.B. Duftspender) abzukleben. Selbst im Falle, dass es sich dann nicht um eine Kamera handelt beschädigt man so auch nix.

  2. Gegen diese erschreckende Art und Weise des Missbrauchs sind den Behörden leider die Hände gebunden!

    Wenn wir nur endlich den Behörden erlauben würden, eine umfassende Video-Überwachung des öffentlichen und privaten Raumes durchzuführen, *dann* könnten wir die Täter endlich dingfest machen und den Bürgern ihre rechtlich zugesicherte Privatsphäre auch praktisch herstellen.

    Und jeder der jetzt behauptet eine behördliche Videoüberwachung wäre ja mindestens genau so schlimm wie eine private, der oder die gehört ja wohl in Gefährdergewahrsam genommen!

  3. Ähm, Ihr wisst aber schon, dass es mit den AGB des Fusion Festival Karten Erwerbs verboten ist, Fotos die man macht, zu verbreiten ?? Und ihr macht ein Foto und setzt das auch noch unter CC ? Habt Ihr dafür eine Sondergenehmigung des Festivals, oder kann man Euch abmahnen ?

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