Unter Fans von Elon Musk sowie rechten und rechtsradikalen Kreisen kursiert derzeit ein Artikel, in dem behauptet wird, dass Mastodon eine Plattform sei, die von Pädophilen dominiert würde und auf der die Mehrheit der Inhalte dementsprechend sei. Der Artikel des Blogs Secjuice vom November stützt sich auf ein Ereignis aus dem Jahr 2017, als einige japanische Mastodon-Instanzen gegründet wurden, auf denen sexualisierte Zeichnungen von Kindern gepostet und toleriert wurden. Das ist tatsächlich passiert. Die japanischen Instanzen waren vergleichsweise groß im damals noch kleinen Fediverse – doch sie wurden sehr bald von der (westlichen) Fediverse-Community blockiert.
Das kommt im Artikel jedoch nicht vor, stattdessen suggeriert er, dass Mastodon heute „eine Social-Media-Plattform“ sei, auf der solche Inhalte weiterhin die Mehrheit der Postings stellen würden. Man würde diese Inhalte als Nutzer:in nur nicht sehen, weil der Mastodon-Entwickler Eugen Rochko quasi deswegen die Suchfunktion verhindert habe. Und nun seien wir alle im bösen „Pedoverse“ unterwegs – ohne es zu wissen.
Ein Pizzagate für Mastodon
Die Desinformation bei Secjuice ist recht gut gemacht: Der Artikel gibt sich einen investigativen Anstrich, es gibt viele Links, angebliche Belege und Screenshots. Alles erscheint irgendwie schlüssig, wenn man zu schnell liest. Oder einfach nur Titel und Teaser gesehen hat, ohne zu lesen. Der Artikel konstruiert damit eine Art Pizzagate für Mastodon und fügt sich ganz wunderbar in die QAnon-Verschwörungsideologie ein, in der progressive gesellschaftliche Kräfte mit Kindesmissbrauch in einen Topf geworfen werden.
Nun hat dieser englischsprachige Blog-Artikel, dessen Autor auch schon zuvor gegen Mastodon angeschrieben hat und in seinen Artikeln immer kumpelhaft vom „Elon“ redet, gleich mehrere Schwächen: Er vermengt Vergangenheit und Gegenwart unter Weglassung von Ereignissen in der Vergangenheit. Eine klassische Methode der Desinformation, in der man alte Geschichten falsch darstellt und so tut, als seien sie aktuell. Weitere Mittel der Desinformation im Artikel sind die irreführende Wiedergabe der zugrundeliegenden Technik im Fediverse, der Verantwortlichkeiten bei frei verfügbarer Software sowie die Unterschlagung der Moderationsmechaniken und der tatsächlichen Moderationspraxis im Fediverse.
Mit in Haft genommen
Mastodon ist eine frei verfügbare, quelloffene Software, die jede:r herunterladen und benutzen kann. Weder die Mastodon gGmbH noch beteiligte Entwickler:innen und erst recht nicht irgendwelche Instanzen haben einen Einfluss darauf, wer sich die Software herunterlädt, installiert und irgendwo auf einem Server im Internet zum Laufen bringt.
Es liegt nicht in der Hand von Entwicklern einer quelloffenen (Social Media) Software, wie sie später genutzt wird oder welche Inhalte Menschen auf ihren Servern teilen. Hierfür also Mastodon in Haftung nehmen zu wollen, ist vor allem eines: Bullshit. Die Durchsetzung von Recht und Gesetz oder selbst Regeln des guten Geschmacks und Umgangs miteinander kann gar nicht bei den Entwickler:innen einer frei verfügbaren Software liegen, sondern bei den Polizeien der jeweiligen Rechtsprechung, die gegen eine kriminelle Nutzung vorgehen müssen, sobald ihnen diese bekannt wird, und bei den Admins der Instanzen.
Außerdem kommt hinzu, dass Mastodon eine Software ist, die man an ein dezentrales soziales Netzwerk, das Fediverse, anschließen kann. Im Fediverse kann man unterschiedliche Software nutzen, die teilweise über ein gemeinsames Protokoll miteinander sprechen können. Und im Fediverse bestimmen alle Instanzen selbst, ob sie überhaupt mit anderen Instanzen sprechen wollen und welche anderen Instanzen bei ihnen in welcher Form angezeigt werden und welche nicht. Man hat es also nicht mit einer zentralen Plattform zu tun, auf der ein Elon Musk auf Zuruf irgendwelche Accounts sperren kann, sondern mit vielen Mitspielern, welche die Inhalte moderieren und Instanzen „deförderieren“ können, also ausschließen oder auch schwerer sichtbar machen. Und das passiert auch.
Transparente Listen, welche Instanzen blockiert werden
Eine gut gepflegte Instanz im Fediverse zeigt transparent eine Liste mit den Instanzen an, die sie blockiert hat und nennt auch die Gründe dafür, wie man am Beispiel von Mastodon.social oder chaos.social sehen kann. Instanzen-Admins tauschen sich auch darüber aus, welche Instanzen sie blockieren, und halten diese Listen aktuell. Die 2017 blockierte japanische Instanz Pawoo ist heute beispielsweise immer noch in den Blocklisten. Auch werden oft zusätzlich solche Server ausgesperrt, die solche Instanzen nicht blockieren. Es gibt also ein funktionierendes System der Moderation, das diese Probleme auf dem Schirm hat. Netzpolitik.org hat eine umfassende Sammlung von hunderten Instanz-Blocklisten einsehen können, aus der genau das hervorgeht.
Der Großteil der Community moderiert zudem auch andere menschenverachtende Haltungen wie Rassismus, Sexismus, Homophobie und Transphobie und blockiert Instanzen, die nicht aktiv gegen diese Inhalte vorgehen. Deswegen haben auch rechtsradikale Mastodon-Projekte wie Gab.ai in der Community keine Chance und verkümmern isoliert vor sich hin. Hier liegt also in der Tat die Verantwortung der jeweiligen Instanzen, dass sie bestimmte Communities im Fediverse abklemmen, sobald sie Kenntnis darüber erlangen. Und das tun sie auch.
Eine weitere Aufgabe, die bei den Entwickler:innen und der Mastodon-Community liegt, ist zudem der Ausschluss solcher Instanzen aus Listen verfügbarer Instanzen, wie sie bei joinmastodon.org oder woanders gepflegt werden. Auch hier wird zunehmend darauf geachtet, wie erste gemeinsame Regeln zeigen.
Faktenbefreite Fanboys
Für faktenbefreite Fanboys von Musk, Verschwörungsideologen und rechte Akteure ist der Artikel von Secjuice ein gefundenes Fressen, können sie doch so die angeblich „Woken“ und deren neues digitales Zuhause diskreditieren.
So auch Julian Reichelt, der ehemalige Bild-Chefredakteur: Er hat das Thema auf seiner Kampagnenseite aufgegriffen und dreht die nicht-haltbare Geschichte sogar noch weiter gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und insbesondere Jan Böhmermann und Georg Restle. Die beiden in rechten Kreisen verhassten Medienvertreter hatten einen Umzug zu Mastodon in letzter Zeit intensiv beworben. Daraus strickt Reichelts Seite nun eine Art Komplizenschaft mit kriminellen Inhalten und endet mit dem unglaublichen Satz, dass die beiden unliebsame Meinungen offenbar schwerer ertragen würden „als das“. Ganz im Stile der QAnon-Ideologie.
Den Betreibern rechter Desinformation ist offenbar jedes Mittel recht.
Anmerkung der Redaktion:
Wir haben weder den besprochenen Blogartikel noch Reichelts Kampagnenseite verlinkt, weil wir diese Publikationen nicht noch mit mehr Aufmerksamkeit füttern wollen. Wer sich dafür interessiert, konsultiere eine Suchmaschine. Dass wir überhaupt über dieses Thema schreiben, war eine Abwägung zwischen der Aufmerksamkeit, die man damit den Verbreitern von Desinformation gibt, und dem starken Umsichgreifen dieser falschen Darstellung, die unserer Meinung nach eingeordnet und debunked werden sollte, weil sie schon so weit verbreitet ist.
