Besondere MerkfähigkeitenPolizei in Hessen weitet Einsatz von „Super-Recognisern“ aus

In Frankfurt arbeiten mittlerweile zwei hauptamtliche Beamt:innen für die menschliche Gesichtserkennung. Täglich vergleichen sie aktuelle Personenfahndungen mit vorhandenen Bildern in Polizeidatenbanken. Das soll auch bei verdeckten Gesichtern funktionieren.

Das Bild zeigt einen Bahnsteig im U-Bahnhof, an der grün gekachelten Wand steht die Aufschrift "Merianplatz", an der Decke hängt eine Videokamera.
Das Frankfurter Präsidium durchstöbert seine Polizeidatenbanken auch regelmäßig mit Bildern aus der öffentlichen Videoüberwachung. CC-BY-NC-SA 2.0 universaldilletant

Seit November 2020 setzt die hessische Polizei sogenannte „Super-Recogniser“ für alltägliche Ermittlungen, zur Fahndung, bei Veranstaltungen und Versammlungen ein. Dabei handelt es sich um Menschen mit dem Talent, sich Gesichter einzuprägen und diese auf Bildern oder auch in einer Menschenmenge wiederzuerkennen.

Schätzungsweise ein bis zwei Prozent aller Menschen sollen diese Fähigkeit besitzen, fand der britische Wissenschaftler Josh Davis innerhalb der Metropolitan Police heraus. Im Rahmen seiner Studie für die Universität Greenwich fiel auf, dass immer dieselben Beamt:innen besonders viele Verdächtige in Videomaterial identifizieren konnten. Die Erkennung soll auch dann möglich sein, wenn es sich bei dem Bild der gesuchten Person um ein mehrere Jahre altes Foto handelt.

Einsätze bei Protest, auf dem Weihnachtsmarkt oder im Fußballstadion

Davis unterstützte anschließend die Polizei in München beim Aufbau einer solchen Einheit, Einsätze erfolgten seitdem unter anderem bei der Einlasskontrolle und am „Videoarbeitsplatz“ des Oktoberfestes. 2017, noch vor dem offiziellen Start der Einheit, unterstützten sechs bayerische Beamt:innen die nach dem G20-Gipfel eingerichtete Sonderkommission „Schwarzer Block“ in Hamburg bei der Sichtung von Videomaterial.

Auch Baden-Württemberg hat seit 2018 mehrere „Super-Erkenner“ in den eigenen Reihen ausgemacht, 2020 sollen sie einen erheblichen Anteil bei den Ermittlungen zur „Stuttgarter Krawallnacht“ gehabt haben. Inzwischen durchlaufen alle Polizeianwärter:innen an der Fachhochschule der Polizei Baden-Württemberg ein entsprechendes Identifikationsverfahren, Sie werden unter anderem auf dem Weihnachtsmarkt oder im Fußballstadion eingesetzt. Neben Berlin plant nun auch Sachsen ein entsprechendes Pilotprojekt.

Durchforsten von Bildern aus der Kameraüberwachung

Bislang haben bereits 1.000 Teilnehmende der Frankfurter Polizei den Test für„Super-Recogniser“ durchlaufen, bei 45 von ihnen wurde die besondere Merkfähigkeit festgestellt. Zwei Beamt:innen sind nunmehr hauptamtlich für diesen Zweck im Einsatz. Dort gleichen sie täglich aktuelle Personenfahndungen mit Bilddaten von bekannten Täter:innen oder Verdächtigen ab. In ihren Ermittlungen durchforsten die Beamt:innen auch Standbilder von Videokameras im öffentlichen Raum. Bei Bedarf werden die Hauptamtlichen von den anderen Kolleg:innen, bei denen die Fähigkeit entdeckt wurde, „nebenamtlich“ unterstützt.

Laut dem Innenministerium sollen die „Super-Recogniser“ auch die Festnahme eines Tatverdächtigen am Frankfurter Hauptbahnhof ermöglicht haben. Dieser habe versucht, eine Person mit einem Messer zu töten. Aufgrund von Bildern einer Videokamera sei er in der Bilddatenbank der Polizei gefunden worden. Hierzu hätte die zuständige Gesichts-Ermittlerin laut der FAZ „Abertausende von Einträgen“ durchgesehen.

Seit Mai 2021 wollen die hessischen „Super-Recogniser“ in über 400 Fällen Personen wiedererkannt haben. Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Beamt:innen Gesichter oder Personen auch dann identifizieren, wenn nur Fragmente des Gesichts als Bildmaterial vorliegen oder die Personen ihr Aussehen verändert haben. Dies hatte der Polizeipräsident Gerhard Bereswill bereits anlässlich der Proteste gegen den Weiterbau der A49 im Dannenröder Forst berichtet. Dort hatten sich Aktivist:innen mit Tüchern verhüllt oder ihre Gesichter bemalt.

Großeinsatz wegen „Identitätsverweigerern“ bei Umweltprotest

Im „Danni“ war die Polizei aber auch mit vielen Protestierenden konfrontiert, die bei einer Festnahme ihre Identität nicht preisgeben wollten und dazu ihre Papillarlinien auf den Fingerkuppen verklebt haben. Für die „Super-Recogniser“ folgte deshalb ein Großeinsatz. Der FAZ zufolge haben sie Fotos aus „16 Listen mit sogenannten Identitätsverweigerern“ durchgesehen, viele der dort gespeicherten 1.668 Personen waren jedoch doppelt vorhanden. Auch dies hätten die „Super-Recogniser“ erkannt.

Die „Super-Recogniser“ werden nun fester Bestandteil bei allen sieben hessischen Polizeipräsidien. Das teilte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) nach seinem Besuch des Präsidiums mit „Super-Recognisern“ am Donnerstag in Frankfurt mit. Vor zwei Wochen hatte das Innenministerium hierzu eine Auftaktveranstaltung organisiert. Im Herbst sollen landesweite Testverfahren beginnen um herauszufinden, welche Beamt:innen über die Fähigkeiten verfügen. Die Polizei nutzt dafür das im Internet verfügbare Testverfahren der Universität Greenwich.

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2 Ergänzungen

  1. Das hört sich für mich nach einer PR Aktion an. „Der Kollege Müller kann sich gut Gesichter merken. Den nennen wir jetzt „Super Recogniser“ und versuchen mit Berichten über ihn die ganze schlechte Presse zu Überwachung, Polizeigewalt und Rechtsradikalen in den eigenen Reihen zu übertönen.“ …

  2. Könnte die Möglichkeit bestehen, dass sie eigentlich AI einsetzen und die „Super Recognizer“ nur eine PR-Aktion sind, damit sich niemand über die vielen Ergebnisse wundert?

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