Hohenzollern-DebatteHistoriker:innen wehren sich mit Wiki gegen Abmahn-Adligen

Ein Nachfahre des deutschen Kaisers will vom Staat für Enteignungen entschädigt werden. Doch das klappt nur, wenn sein Vorfahre nicht dem Nationalsozialismus „erheblichen Vorschub“ geleistet hat – wofür es Belege gibt. In der Debatte darum mahnt Georg Friedrich Prinz von Preußen zahlreiche Wissenschaftler:innen und Medien ab.

Hitler, Kronprinz Wilhelm, Göring
Nicht nur am Tag von Potsdam hatte Kronprinz Wilhelm eine Nähe zum NS-Regime. (hier in der Mitte zwischen Hitler und Göring) CC-BY-SA 3.0 Georg Pahl / Bundesarchiv

Georg Friedrich Prinz von Preußen, ein Nachfahre des einstigen Kaisers von Deutschland, überzieht Historiker:innen und Medien seit Jahren mit Klagen und Abmahnungen. Mindestens 80 Fälle sind bekannt. Dagegen wehrt sich nun der Historikerverband (VDH) mit einem Klage-Wiki, welches das Vorgehen des klagefreudigen Blaublüters transparent macht. Es ist auch ein Signal, dass der Streit jetzt „nicht mehr vereinzelt“ geführt werde.

Die Informationsfreiheitsorganisation FragDenStaat.de, die zuvor auch schon einen Rechtshilfefond in der Sache gegründet hatte, unterstützt die Wissensdatenbank und schreibt in einer Pressemitteilung:

Das Wiki soll es ermöglichen, möglichst umfassend nachzuvollziehen, in welchem Umfang die Hohenzollern gegen unliebsame Berichterstattung rechtlich vorgehen, denn darin liegt die Gefahr, dass die wissenschaftliche Erforschung und die öffentliche Diskussion über die Rolle des Hauses Hohenzollern mit juristischen Mitteln erstickt wird.

Hintergrund des Streits: Die Hohenzollern versuchen vom deutschen Staat umfangreiche Restitutionen, also Entschädigungen für Kulturgüter und auch Immobilien zu erlangen. Sie können sich dabei auf einen Teilungsvertrag mit der Weimarer Republik von 1926 berufen, der den ehemaligen Herrschern großzügige Ansprüche gewährte.

„Erheblicher Vorschub“

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes 1945 wurden die Monarchen im Osten von der sowjetischen Militäradministration enteignet. Die wiedervereinigte Bundesrepublik entschied 1994, diese Güter nicht zurück zu geben, sondern die Nachfahren zu entschädigen. Unter der Bedingung, dass die damals Enteigneten nicht dem Nationalsozialismus (oder dem Kommunismus) „erheblichen Vorschub“ geleistet hätten. Auch mit dieser Frage beschäftigt sich das neue Wiki und konstatiert eine Mitwirkung des preußischen und deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen an der Zerstörung der Weimarer Republik und eine „Vorschubleistung für die nationalsozialistische Machtübernahme“.

SZ.de berichtet über die bisherigen Fälle:

Bei den meisten Klagen geht es weder um Beleidigung oder Verleumdung, noch um den strittigen Punkt, das Verhältnis zum Nationalsozialismus, so der Historiker Eckart Conze. Stattdessen verfolgen die Anwälte der Hohenzollern vor allem wenig relevante Unrichtigkeiten.

„Debatte nach Kräften unterdrücken“

Die Kläger seien auch deshalb so erfolgreich, weil immer wieder dieselben drei Richter am Berliner Landgericht zu ihren Gunsten entscheiden würden, schreibt die SZ weiter. Die beteiligten Wissenschaftler sind sich einig, dass es Strategie sei, die Debatte nach Kräften zu unterdrücken.

In einem Interview mit der Welt wehrt sich Georg Friedrich Prinz von Preußen: „Wir haben uns weder gegen Berichterstattung an sich noch gegen historische Forschung gewehrt. Wir sind lediglich aktiv geworden, als falsche Tatsachenbehauptungen veröffentlicht und weiterverbreitet wurden.“

7 Ergänzungen

  1. Vielen Dank für den Hinweis auf dieses tolle Projekt! Ich bin über Twitter hierher gestoßen.

    Etwas schade finde ich nach einer kurzen Übersicht, dass nicht auf den Verband deutscher Historikerinnen und Historiker (VDH) als Gründer und die Uni Düsseldorf als Hoster hingewiesen wird.

      1. Ich danke dir für die Ergänzung und bitte um Entschuldigung für das verknappte Ersuchen!

        Mir ging es darum, dass das Wiki von der Uni Düsseldorf (HHU) für den VDH gehostet wird. Im Absatz danach wird die Unterstützung durch Frag den Staat erwähnt. So klang es für mich zunächst so, als wäre die OKF bzw. Frag den Staat technisch da mit im Boot. Was ich verwirrend fand, weil es sich ja scheinbar erstmal nur um eine ideele Unterstützung handelt. Aber vielleicht lese ich auch zu viel Netzpolitik und hatte da ein positives Vorurteil.

        Aber auch aus wissenschaftspolitischer Sicht die Installation interessant, weil die VDH-Präsidentin HHU-Prof. ist, der Verband selbst aber an der Uni Frankfurt sitzt.

        Wie auch immer, danke nochmal für die Mitteilung! Möge das letzte deutsche Kaisergeschlecht deutlich in seine Schranken verwiesen werden.

  2. Und wenn man noch weiter in der Geschichte zurück geht dann wird man feststellen das diese Adeligen ihren Reichtum den damaligen Bauern, Handwerkern und Händlern geraubt und abgepresst haben. Da das Vermögen des Adels also aus Raub kommt, wäre es doch nur fair man würde es enteignen und in einen Fonds der dem Allgemeinwohl dient überführen !

    1. Genauso wie die jetzigen Konzernbesitzer*innen Arbeiter*innen enteignen.

      „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

      Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete, oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“

    2. Korrekt. Nach dem 1. WK die „Adligen“ nicht zu enteignen, war ein großer Fehler, denn viele nutzten in der Folgezeit ihren Reichtum und Einfluss, um Paramilizen wie die Freikorps zu finanzieren und demokratische Entwicklungen zu verhindern. Einige nahmen die Sache auch selbst in die Hand, zb Anton Graf von Arco auf Valley, der den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern eigenhändig ermordete. Auch in der Reichswehr fanden sich wie vorher viele „Adlige“, die dort selbstverständlich die Offiziere stellten und entsprechend die Prioritäten vorgaben, die Drecksarbeit durften andere machen. Die Adelskaste hat den ganzen Kontinent mehrfach ins Verderben geführt, aber nie wirklich bezahlt dafür. Millionen andere haben mit ihrem Leben bezahlt.

      Bis heute genießen diese Menschen Privilegien durch ihre geraubten und erpressten Besitztümer (Großgrundbesitz, Burgen/Schlösser usw) und generieren darüber und durch die zwar längst abgeschafften, aber bei einigen immer noch Eindruck machenden Adelstitel, ähnlich wie bei den in der Politik üblichen erlogenen Doktortiteln, ein unverdientes leistungsloses Einkommen. Viele sind auch heute noch im diplomatischen Dienst, wieso eigentlich?

      Gut, dass sich ein Historikerkollektiv gebildet hat, um sich gegen diese Plage zur Wehr zu setzen. Es müssen noch viel mehr Menschen erfahren, was diverse „Adlige“ unternommen haben, um eine faire und freie Gesellschaft zu verhindern. Und wie sie es sich obendrein auf Kosten der Gesellschaft gutgehen lassen, die sie verachten. Und immer noch nicht genug haben. Oftmals ein Fall für die Justiz, wenn dort nicht teilweise die gleiche Kaste sitzen würde. Diese Leute kümmern sich um ihre Netzwerke. Wird Zeit, sie zu entmachten.

  3. Sind die Klagen das DE Gegenstück zu den US SLAPP Suites (Strategic Lawsuit Against Public Participation)? siehe auch: https://www.youtube.com/watch?v=UN8bJb8biZU für ein wenig Wochenendunterhaltung in Böhmermanns Sommerpause

    …ansonsten gern genutzt bei uns um Meinungen zu unterdrücken: Aberkennen der Gemeinnützigkeit für Vereine, Verbände, Interessengruppen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.