Attentat in Hanau

Der Kampf um die Deutungshoheit

Einiges scheint dafür zu sprechen, dass der mutmaßliche Täter psychische Probleme hatte. Dennoch verdichten sich die Hinweise auf ein rechtsextremistisches Motiv. Dass Teile der deutschen Gesellschaft hiervon lieber nichts wissen wollen, ist eine Gefahr.

Mit der Trauer über die Opfer ist auch Kampf über die Deutungshoheit über die Tat entbrannt. (Symbolbild)
Mit der Trauer über die Opfer ist auch Kampf über die Deutungshoheit über die Tat entbrannt. (Symbolbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Ricardo Gomez Angel | Bearbeitung: netzpolitik.org

Die Bundesanwaltschaft sieht „gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund“, der AfD-Sprecher Jörg Meuthen spricht von der „wahnhaften Tat eines Irren“. Nach dem Anschlag auf Shisha-Cafés im hessischen Hanau, bei dem am Mittwochabend neun Menschen starben, läuft der Kampf um die Deutungshoheit auf Hochtouren.

Er beruht auf Dokumenten und Videos, die zuvor im Netz veröffentlicht wurden, über eine inzwischen abgeschaltete Website, die unter dem Namen des 43-Jährigen betrieben wurde. Die Ermittler:innen gehen wohl davon aus, dass er sie selbst erstellt hat.

Die Dateien liegen netzpolitik.org vor, wie auch eine Strafanzeige, die der Mann einem E-Mail-Verkehr zufolge im November an den Generalbundesanwalt geschickt haben will.*

Die Gesellschaft entzieht sich ihrer Verantwortung

Sie zeichnen das Bild eines Mannes, der offenbar Probleme hatte. Demnach glaubte der Verfasser, Geheimdienste hätten ihn Jahrzehntelang überwacht. Er habe etwa mit unsichtbaren Menschen gesprochen, jemand habe ihm im Traum Botschaften überbracht, seine Gedanken gelesen.

Der Gewaltforscher Nils Böckler sieht Hinweise darauf, dass der mutmaßliche Täter unter paranoiden Wahnvorstellungen litt. Er arbeitet am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement, hat über Amokläufer geschrieben und beschäftigt sich mit Extremisten. „Es ist problematisch, eine Entweder-Oder-Debatte zu führen: entweder psychisch krank oder politisch radikalisiert. Beides liegt im Fall Hanau offenkundig vor.“

Böckler sieht darin ein Muster: Werde eine Tat als die eines psychisch Kranken abgestempelt, falle es der Gesellschaft leichter, danach wieder zum Alltag zurückzukehren. „Man vergisst aber, dass solche Taten niemals im luftleeren Raum stattfinden.“

Die Tat eines Rassisten

Noch in der Tatnacht fand die Polizei den 43-Jährigen und seine Mutter in der eigenen Wohnung, beide waren tot. Für AfD-Politiker Meuthen scheint die Sache schon am darauffolgenden Tag erledigt. „Jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat ist ein zynischer Fehlgriff“, twittert der Chef einer Partei, die dazu neigt, Verbrechen muslimischer Täter zu politisieren.

Unter den Opfern des Anschlags sind mehrere Kurden. Der Soziologin Veronika Kracher zufolge zieht sich Rassismus als Hauptmotiv durch das Schreiben des mutmaßlichen Täters. „Da ist einerseits die geäußerte Vernichtungsfantasie gegenüber Nicht-Weißen und Juden; die in dem Traum einer Welt kumuliert, die ‚gesäubert‘ werden muss.“

Im Detail werden 24 Länder und Regionen aufgelistet, die dem Verfasser nach vernichtet werden sollen, darunter die Türkei und der Irak, auch Israel. Er schreibt von „Säuberungen“ und „Reinrassigkeit“. „Im besten Nazisprech deklariert er seine Taten als einen ‚Krieg gegen die Degeneration des Volkes‘“, so Kracher. Dabei bemühe er den Mythos des sogenannten „Großen Austauschs“, einer Ideologie der Neuen Rechten.

Die Abgründe einer rechten Ideologie

Zudem schien der 43-Jährige noch weiteren Verschwörungsmythen anzuhängen, die in rechten Kreisen verbreitet sind. Offenbar hat sich der Verfasser der Schriften selbst als Auslöser für den Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 gesehen.

„Dieser wird nicht als antisemitischer und antiamerikanischer Terroranschlag von Islamisten begriffen, sondern als ‚False Flag‘-Aktion einer geheimen Elite, die als antisemitische Chiffre auf eine jüdisch konnotierte Weltverschwörung zu erkennen ist“, so Kracher.

In einem der Videos warnt der mutmaßliche Täter selbst vor geheimen Militärbasen in den USA, in denen der Teufel angebetet und Kinder getötet würden – einer Darstellung, die an QAnon erinnert, eine Art amerikanische Superverschwörungstheorie. Ihren Ursprung hat sie im Netz, der unbekannte Kopf der Bewegung teilt seine Botschaften in Imageboards, von dort finden sie ihren Weg in die Welt.

Verschwörungsmythen haben Folgen

Auf der Website des mutmaßlichen Täters waren noch weitere Internetportale und YouTube-Videos aufgelistet, die sich mit den vermeintlichen Machenschaften finsterer Mächte beschäftigten.

„Jeder, der solche Inhalte verbreitet, trägt eine Mitverantwortung“, sagt der Gewaltforscher Böckler. Aus den Veröffentlichungen, die dem mutmaßlichen Täter zugeschrieben werden, könne man sehen, dass dieser ein Wahnsystem aufgebaut habe. Problematisch werde dies vor allem, wenn es in einem aufgeheizten Gesellschaftsklima passiere, in der Bedrohungen inszeniert würden. Wie in dieser Zeit des erstarkenden Rechtsextremismus.

„Es ist immer eine reale Gefahr, wenn ein Mensch, der in seinem Privatleben wahrscheinlich in einer Sackgasse feststeckt und in seiner psychischen Verfassung ansprechbar ist für bestimmte gewaltlegitimierende Erklärungsmuster, dass er dann auch entsprechend dieser Erklärungsmuster handelt“, so Böckler.

Ein Terroranschlag, ein Amoklauf – oder beides?

Es ist nicht das erste Mal, dass in Deutschland darüber diskutiert wird, ob ein Anschlag aufgrund von psychischen Problemen verübt wurde oder dies aus rechtsextremistischen Motiven geschah.

2016 hatte ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen getötet, die meisten von ihnen Nicht-Weiße. Die bayerischen Sicherheitsbehörden werteten den Fall zunächst als reinen Amoklauf. Bis das Landeskriminalamt ihn als das Attentat eines Rechtsextremisten einstufte, vergingen mehr als drei Jahre.

So weit wird es diesmal wohl nicht kommen. „Die Tat in Hanau ist eindeutig ein terroristisch motivierter Amoklauf“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer an diesem Freitag. „Seit dem NSU und dem Amoklauf in München zieht sich eine rechte Blutspur durch unser Land.“


* Wir veröffentlichen Dokumente im Volltext, wann immer es möglich ist. In diesem Fall haben wir uns dagegen entschieden, da wir die Botschaft des mutmaßlichen Täters nicht ohne eine journalistische Einordnung weiterverbreiten wollen.

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7 Ergänzungen
  1. Der andere Aspekt ist, was Manipulation bewirkt, und bei wem. Das sollte man dann durchaus abstrahieren, auch mit Blick auf die heutige Politiklandschaft.

  2. Warum beurteilt der braune Horst München denn weiterhin als Amoklauf? Seine eigene Behörde hat festgestellt, dass es ein Terroranschlag eines Münchener Neonazis war.
    Würdet Ihr das bitte einmal klarstellen lassen? Danke!

  3. Weder gibt es unpolitische Amokläufe, noch politische Bluttaten, die nichts mit der Psychologie des Täters zu tun haben.
    Danach dann die üblichen Rituale, die politische Korrektheit drischt auf die Rechten ein, die nur die Botschaft überbringen und selber ein Symptom tiefer liegender Mißstände sind, über die man nicht sprechen kann, ohne selber als Nazi bepöbelt zu werden, oder als Populist, Hetzer usw.-
    Die Rechten wiederum dreschen auf die „Lügenpresse“ ein (was z.T. leider nicht ganz falsch ist), und fabulieren von einer linksgrün-versifften 68-er Republik, und wundern sich dann, daß nicht alle „hurra“ schreien, ob des miesen Niveaus einer solchen Analyse.
    Und die angebliche Mitte hetzt genauso, gegen die angeblichen Ränder, und versinkt in Marktradikalismus und kulturellem Neusprech, das sich schamlos als „korrekt“ verkauft, und das zu dumm ist, zu bemerken, daß man genau damit den rechten Boden bereitet, über den man sich dann wieder lautstark beschwert.
    Und weil das immer noch nicht reicht, zieht man dann diese unerträglichen „Trauer“-Orgien ab, deren eigentlicher Subtext ein „weiter-so“ ist.

  4. Alle drei Motive (rechte Gesinnung, psychische Labilität, Verschwörungstheorien) sind zu simpel ausgelegt. Die gesellschaftlichen Strukturen machen die Menschen krank. Das geht schon in der Schule los, wo eigenständiges Denken systematisch abgestraft wird. Medien und Politik drängen uns als Erwachsene immer weiter in irgendwelche Nischen, in die wir eigentlich gar nicht wollen. Der zunehmende Leistungsdruck macht die Menschen radikal, ob links, rechts, oben, unten. Hier findet eine zunehmende kognitive Dissonanz bei den Menschen statt, da auf der anderen Seite die Freiheit und Chancengleichheit derart stark medial propagiert wird, während man diese auf der anderen Seite im Leben immer weniger findet. Viele Menschen leiden derart stark daran, dass sie innerlich schon lange tot sind. Dann kommt es zu derartigen Eskalationen, bei denen ein solch leidender Mensch dem inneren Druck Luft machen will, weil vorher jahrelang niemand hingehört hat. Wir müssen mehr darüber sprechen, was wir als Gemeinschaft FÜR die Menschen tun können, indem wir den gesellschaftlichen Druck insgesamt verringern. Bspw. durch ein bedingungsloses Grundeinkommen und Volksentscheide auf Bundesebene. Die Menschen immer mehr wie kleine Kinder zu behandeln, denen man alles verbieten und vorenthalten, aber auch drohen muss, damit sie buckeln, fördert eher Solidarität unter den „Opfern“ anstatt eine Ablehnung zu erzeugen.

  5. Ich denke das Gesellschaftliche Isolation hier noch ein wichtiger Faktor ist. Die meisten Amoktäter haben ja den Hintergrund quasi kein Freundesnetzwerk zu haben, keine Beziehungen zu Frauen etc und so fort.

    Gerade Leute die sonst nichts haben hängen dann eben oft in destruktiven Internet Communities ab, zusammen mit anderen um ihren Frust über die Welt/Gesellschaft dort kollektiv auszuleben. Daraus kann dann eine Radikalisierungsspirale entstehen.

    Tritt dies gehäuft auf so deutet es auch auf tiefgreifende bisher ungelöste gesellschaftliche Probleme hin. Eine rein Strafrechtliche Behanldung des Problems würde dann ja durchaus zu kurz greifen.

  6. Es war das Jahr 2011, als Horst Seehofer seine unsägliche Saat ausgebracht hat.

    „Bis zur letzten Patrone“ wolle man sich dagegen wehren, „eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen“, sagte Horst Seehofer beim politischen Aschermittwoch der CSU. Dafür wurde er wegen Volksverhetzung nach § 130 StGB angezeigt.

    Nun hat ein Wirrkopf vollzogen, was der heutige Bundesminister des Inneren damals vorgedacht und ausgesprochen hat.

    Man sollte Herrn Seehofer bei jeder Gelegenheit an seine eigenen Worte erinnern. Der Erfolg des Herrn Innenministers ist unerträglich.

  7. Einwurf ….

    Schön, dass sich so viele an der Psychoanalyse des Täters versuchen, wie auch in den Talkshows.

    Das hatte mich dann auch daran erinnert, als es darum ging,eine gewisse Psysche vorzugaukeln, um als Ergebnis zB mildere „Stafen“ zu erreichen oder „krank“ geschrieben zu werden oder eher in den „Vorruhestand“ zu kommen, um mal ein paar Beispiele zu nennen.

    Mir persönlich waren die ausgelegten „Fährten“ zu einfach und eine kritischere Sicht auf des Täters „Hinterlassenschaften“ würde doch vielleicht ein anderes Bild abgeben.

    Auch konne ich ein Interview verfolgen, wo ein Psychologe sich sehr entsetzt äußerte, ob des bereits fertig gelieferten Psychoprofil des Täters durch Politik, Journalisten, Interviewpartner (innen) (zB „Lanz“) usw., obwohl dazu „normalerweise“ entsprechende Gespräche mit den Täter notwendig sind, um überhaupt ein (ärztlich) korrektes Bild seiner Psyche zu erhalten.

    Gab es z.B. Helfer, was sehr oft der Fall ist ?
    War er vielleicht nur ein „raffinierter“ Terrorist ?

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