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Ausgebucht: Microsoft löscht verkaufte eBooks

Es erschien wie eine tolle Idee: Digitale Inhalte mit Kopierschutz verkaufen. Was konnte da schon schief gehen? Microsoft zeigt anschaulich, warum eBooks nicht vergleichbar mit Büchern sind: Der Konzern löscht verkaufte eBooks wieder. Das hat man bereits mit Musikdateien gemacht. Nachhaltig und zukunftsfähig ist das nicht. Ein Kommentar.

Analoge Bücher sind auch noch lesbar, wenn der Verkäufer pleite ist. CC-BY 2.0 Herbert Frank

In den Anfangszeiten von netzpolitik.org, Mitte der Nullerjahre, gab es eine politische und technologische Debatte über Kopierschutzsysteme für Online-Inhalte, das sogenannte Digital Rights Management (kurz DRM).

In der Zeit nach Entstehung der ersten Tauschbörsen, Napster und Co., trauten sich viele Inhalte-Anbieter nicht, ihre Inhalte ohne DRM zu veröffentlichen. Das war eine absurde Situation: Wer legal Inhalte wie Musik oder Bücher kaufen wollte, musste dafür Kopierschutz mit sämtlichen Restriktionen und Inkompatibilitäten in Kauf nehmen. Wer sich die Inhalte über Tauschbörsen organisierte, bekam diese in der Regel ohne Kopierschutz und konnte sie überall nutzen.

In der damaligen Urheberrechtsdebatte wiesen wir immer wieder auf die absurde Situation hin, die auch dazu führte, dass es nicht viel Nachfrage nach den legalen Inhalten gab. Denn wer wollte sich schon eBooks oder Musik kaufen, die dann nur auf bestimmten Geräten liefen? Und vor allem stand die Frage der Nachhaltigkeit ungeklärt im Raum: Wie lange wird man die gekauften Inhalte denn abspielen können, wenn man von zentralisierten DRM-Systemen abhängig ist? Denn eine Schallplatte kann man immer noch anhören, wenn man einen Plattenspieler hat, auch wenn das Plattenlabel und der Vertrieb längst pleite sind.

„Plays for sure“ hieß damals schon: Kann eher nicht abgespielt werden.

Nachdem Apple mit dem iPod und iTunes den Markt für digitale Musik erobert hatte, wollte Microsoft nicht nachstehen. Der Konzern präsentierte einen eigenen Musikstore: „Plays for sure“ sollte zum Markenzeichen werden. Der Name sollte suggeriert, dass die Inhalte überall abgespielt werden könnten – was natürlich nicht stimmte. Denn sie funktionierten nur auf Microsoft-Systemen und da auch nicht überall.

Statt MP3s verkaufte Microsoft WMA-Dateien, ein eigener Standard mit eingebautem Kopierschutzsystem auf DRM-Basis. Besonders technologisch vorwärts gewandt war das damals nicht. Wer sich legal bei Microsoft Musik gekauft hatte, bekam recht bald schon die Mitteilung, dass man das gerne nochmal machen dürfe: Weil Microsoft die Kopierschutztechnologie geändert hatte und die neue Version leider nicht abwärtskompatibel war. Microsoft schlug sogar tatsächlich vor, man könne sich ja die Musik auf CDs brennen und damit weiterhören. Es gab einen Aufschrei, der allerdings eher klein ausfiel, denn nicht viele Konsumenten waren so blöd gewesen, sich bei Microsoft Musik zu kaufen. Plays for sure wurde zwei Jahre später eingestellt. Damit war klar, dass Microsoft bei digitaler Musik Apple nicht das Wasser reichen kann.

Die eigenen DRM-Systeme waren wie ein Schuss ins Knie.

An diese Debatte erinnerte ich mich, als ich die Tage die Info sah, dass Microsoft seinen eBook-Store zumacht. Abgesehen davon, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass Microsoft einen eBook-Store hatte, war die Geschichte aber dieselbe: Microsoft wollte im eBook-Markt mitmischen und viele Verlage bestanden darauf, dass ihre Inhalte nur mit Kopierschutz verteilt werden dürfen. Also verkaufte Microsoft DRM-geschützte Inhalte, die immer beim Lesen erst mal mit einem zentralen Schlüsselserver klären mussten, ob auch eine Erlaubnis vorliegt. Wenn dieser sich nicht meldete und die Erlaubnis gab, war das Buch nicht zu öffnen. Den zentralen Schlüsselserver schaltet Microsoft nun im Juli ab. Mit anderen Worten: Die Bücher sind nicht mehr lesbar.

Es gab drei Monate Übergangsfrist, wo man sich zumindest das Geld wiederholen konnte. Wer in seinen Microsoft-eBooks Notizen gemacht hat, bekommt darüber hinaus als Trostpreis 25 Dollar zurück. Die Notizen sind aber weg. Glückwunsch, guter Service, gerne wieder!

Das Beispiel zeigt anschaulich, dass digitale Inhalte auch gekauft nicht uns gehören. Das war zwar früher mit der Musik rein rechtlich schon genauso (Hallo Urheberrecht!), aber zumindest war die Schallplatte immer abspielbar und konnte verkauft oder vererbt werden. Das ist mit kopiergeschützten Inhalten anders. Die sind weg und wenn man Glück hat, bekommt man wenigstens noch sein Geld zurück. Das ist der Grund, warum ich bis heute keine kopiergeschützten eBooks kaufe, die überdies in der Regel fast genausoviel kosten wie gedruckte Bücher.

Ich bin mal gespannt, wie lange man noch eBooks mit Adobe-DRM öffnen kann, wenn man denn überhaupt die richtigen Geräte dafür hat. Und wann diese Bücher sich in Luft auflösen werden.

Wenn Ihr jetzt denkt, das geht Euch nichts an, weil Ihr ja nicht bei Microsoft Kunden gewesen seid, sondern etwa Amazon Prime nutzt: Da gibt es dieselben Probleme: Amazon verkauft beispielsweise Filme online und bei den Kunden entsteht der Eindruck, das wäre vergleichbar mit einer gekauften DVD. Aber auch diese Online-Filme können schnell verschwinden, beispielsweise wenn ein Lizenzdeal zwischen einem Filmstudio und Amazon ausgelaufen ist.

Digital-Rights-Management-Systeme waren und sind ein schönes Beispiel für: Digital ist eben nicht immer besser.

11 Ergänzungen
    1. Aber sicher. Das Urheberrecht regelt die Verwertung – nicht den Service der Aufbewahrung.

      Das ist i.A. dann in den Nutzungsbedingungen geregelt, die keiner liest.

    2. Es wurden glaube ich nicht die Notizen der Urheber gelöscht, sondern die, die die Leser selbst in das e-book (oder zu dem e-book?) geschrieben haben.

      Da man ja im Grunde das e-book nicht besitzt, dürfen die das denke ich schon.

  1. > Das Beispiel zeigt anschaulich, dass digitale Inhalte auch gekauft nicht uns gehören. Das war zwar früher mit der Musik rein rechtlich schon genauso (Hallo Urheberrecht!) […]

    Jain. Der Datenträger (Schallplatte oder Buch) gehört mir als Käufer, das geistige Eigentum darauf aber nicht.

    Sonst stimme ich dem Artikel zu 100% zu. Es ist eine sauerei wie mit uns Kunden umgegangen wird.

    1. „Digitaler Inhalt“ ist vielleicht schwammig, da hier offenbar DRM-verwaltete digitale Inhalte gemeint sind. Dabei ist das „DRM-verwaltet“ der Knackpunkt, da dieses den „digitalen Inhalt“ definitiv zu einem Containerformat macht, was den Vergleich mit der Schallplatte aus meiner Sicht legitimiert.

  2. Der Vorteil von Adobe DRM ist, dass es offline funktioniert und nicht beim Lesen „nach Hause telefoniert“. Die Titel werden lokal gespeichert. Bei „geliehenen“ Büchern werden die Titel durch Zeitablauf unlesbar. – Andererseits kann man sich nie ganz sicher sein, wie Adobe DRM in Zukunft funktionieren wird. Deswegen sollte man wohl die E-Books sicherheitshalber auch ohne DRM abspeichern…

  3. Es gibt schon seit 2015 das Problem, dass Adobe Digital Editions auf macOS nicht mehr richtig funktioniert z.B. von Büchereien via Onleihe ausgeliehene Bücher nicht richtig heruntergeladen werden. Man bekommt von der Onleihe nur einen Schlüssel, mit dem ADE dann das eigentliche Buch lädt. Leider beendet die Version seit 2015 den Download nicht und muss zwangsweise abgeschossen werden

  4. Ohne Kopierschutz sind digitale Inhalte wahrscheinlich oft beständiger als analoge (eine entsprechende Backup-Strategie vorausgesetzt). Eine Schallplatte/CD/DVD/Bluray kann schnell zerkratzt werden oder man vergisst sie in der Sonne und sie ist dann kaputt.
    Ich würde sagen: IMMER wenn man nur eine Kopie von etwas besitzt, kann die sehr schnell weg sein. Das tolle an digitalen Inhalten ist, dass man sie mit wenig Aufwand kopieren KANN. Das muss man als Chance begreifen.
    Für mich führt an der Umgehung des Kopierschutzes kein Weg vorbei, wenn ich meine gekauften (!) Inhalte nicht verlieren und nicht dauerhaft vom Wohlwollen/dem wirtschaftlichen Interesse eines Konzerns abhängig sein will. Meiner Meinung nach ist das digitale Notwehr. Denn ein Konzern vergreift sich hier unrechtmäßig an meinem Nutzungsrecht.
    Hätte er mich zum Kaufzeitpunkt darauf hingewiesen, dass das passieren kann, hätte ich das nicht gekauft. So prinzipientreu bin ich dann schon.
    Inhalte, bei denen man den Kopierschutz nicht umgehen kann kaufe ich erst gar nicht (z.B. PC-Spiele, für die es noch keinen Crack gibt).

  5. Bei Tolino/Kobo scheint das anders auszusehen – grundsätzlich funktionieren die zwar auch nur mit Adobe DRM, werden aber zur Zeit ohne Kopierschutz verkauft (z. B. bei http://www.buecher.de). Da sollte es doch keine Probleme geben, oder? Weiters funktioniert Adobe DRM offline – ich brauche auf dem Tolino keine Netzverbindung, um geschützte Bücher lesen zu können. Damit blieben, wenn ich das richtig sehe, die Inhalte verfügbar, solange das Gerät nicht online geht.
    Und Cracker-Programme gibt es unter Umständen auch …

    1. > grundsätzlich funktionieren die zwar auch nur mit Adobe DRM, werden aber zur Zeit ohne Kopierschutz verkauft

      Das verstehe ich nicht ganz. Adobe-DRM ist doch ein Kopierschutz und dazu noch ein harter, sodass ich ohne Adobe-Account die Dateien nicht lesen kann; oder wurde das inzwischen gelockert?

  6. Ist mit anderen Inhalten wie Spielen oder Filmen doch genauso. Es zeigt nur auf, dass Verbraucher kaum noch Rechte haben. Verbraucher dürfen konsumieren aber bitte nur zu Regeln die vorgegeben werden. Sie dürfen nur da einkaufen wo es ihnen bestimmt ist, zu der Währung die ihnen diktiert wird. In ausgewiesenen „Läden/Onlineshops“ mit Regionlocks.

    Gekaufte Lizenzen sind nur zum „mieten“ da und können jederzeit widerrufen werden. Inhalte werden nach Gutdünken verändert und dazu gibt es für Verbraucher nachteilige Knebelverträge in denen sich selbst legitimisiert wird. Das Beste daran? Die Mehrheit juckt es nicht solange sie konsumieren dürfen. Tolles System.

    Letztens mal alte SecuROM Produkte mit Games for Windows Live rausgekramt die bis heute nicht gepatcht wurden weil Entwickler es nicht für nötig halten sich um eigene Produkte zu kümmern. War spannend. Läuft ein Dienst aus wie GFWL von Microsoft oder auch von Microsoft’s Ebook-Geschichte, stehen Verbraucher mit dem Schaden da. Leider ist das kein Einzelfall sondern weit verbreitet und „weitesgehend“ akzeptiert.

    Ansonsten? Besitz? Ist gar nicht erst vorgesehen. Bücher (digital oder Printmedien), Softwarelizenzen oder andere Dinge weiterverkaufen oder Verschenken? Nichts da. Nicht vorgesehen. Vor allem wird das noch schlimmer wenn sich die Streamingpläne durchsetzen an denen im Hintergrund eifrig gearbeitet wird.

    Vorreiter sind da wie immer die Branchenriesen wie Microsoft Corporation (wie im Artikel erwähnt), Sony Entertainment mit diversen Gängelungen im Bereich DRM, Adobe Inc, Amazon.com Inc, Alphabet Inc und viele mehr.

    Was wir halt in diesen Zeiten haben ist ein
    a) Copyright jenseits von Gut und Böse welches Firmen erlaubt diesselben Inhalte jahrzehntelang als Neuauflage zu servieren, sich an Namens und Markenrechte zu klammern und somit einen dauerhaften „ist“ Zustand fördern, in dem sämtliche Innovation auf der Strecke bleibt

    Kopierschutzmechanismen wie auch DRM als Rahmenbedingung sind komplett sinnlos.
    b) Im Endeffekt kann man sagen, dass alles! kopiert und nachgeahmt wird. Das ist seit jeher so gewesen und wird immer so sein. Faktor Mensch… Aber eben auch dieser Faktor Mensch verschwendet hier Unsummen an Ressourcen für nutzlose Dinge die sich nicht ändern lassen. Mehr noch, es werden Millionen von Menschen mit schwachsinnigen Restriktionen belegt. Hier regiert leider die Kleingeistigkeit auf beiden Seiten…

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