Wissen

Neuer Vertrag, neue Zeitschrift: Immer mehr Wissenschaft wird Open Access

Ein Konsortium deutscher Wissenschaftseinrichtungen hat sich mit dem Großverlag Wiley auf ein wegweisendes Open-Access-Modell geeinigt. Damit steigt der Druck auf andere Großverlage wie Elsevier, ebenfalls mehr Open Access zu ermöglichen. Hinzu kommen immer mehr Wissenschaftler, die Elsevier den Rücken zukehren und eigene Open-Access-Wege gehen.

Auf Papier liest wissenschaftliche Zeitschriften eigentlich niemand mehr. CC-BY-SA 3.0 Vmenkov

Seit 2016 verhandelt ein großes Bündnis deutscher Wissenschaftseinrichtungen unter „Projekt DEAL“ mit den drei Großverlagen Elsevier, SpringerNature und Wiley über einen kollektiven Umstieg vom bisherigen Abo-Modell zu einem Publish&Read-Modell mit freiem Open-Access-Zugang für alle Neuveröffentlichungen. Anstatt also mit Abogebühren die großteils mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschung quasi wieder zurückzukaufen, soll in Zukunft eine Pauschale pro veröffentlichtem Artikel bezahlt und damit auch der Volltextzugriff auf das gesamt Digitalarchiv der Verlage abgegolten werden. Die Artikel der beteiligten Einrichtungen wiederum sollen sofort – also ohne Embargo-Frist – unter offener Lizenz weltweit frei zugänglich sein, sofern die Autorinnen und Autoren im Einzelfall nicht widersprechen.

Am 15. Januar vermeldete Projekt DEAL nun den ersten Abschluss eines solchen Vertrages mit Wiley, dem kleinsten der drei Großverlage (Videos von der Pressekonferenz). Die konkrete Einigung sieht eine Publish&Read-Gebühr in Höhe von 2.750 Euro vor,

die zum einen die Veröffentlichung der […] Artikel (publish) im Open Access und zum anderen den Lesezugang auf das gesamte Portfolio (read) an Subskriptionszeitschriften abdeckt. Der Gesamtpreis für den bundesweiten DEAL-Vertrag mit Blick auf das Publizieren und Lesen in den Subskriptionszeitschriften ergibt sich aus der Multiplikation der [Publish&Read]-Fee von 2.750 € mit der Zahl der Artikel, die von Submitting Corresponding Authors der grundsätzlich teilnahmeberechtigten Einrichtungen veröffentlicht werden. Zusätzliche Kosten für den lesenden Zugriff (reading fee) fallen nicht an. Hinzu kommt lediglich eine Einmalzahlung für den retrospektiven Lückenschluss für das Archiv (Anschluss an die Nationallizenzen bis 1997).

Nicht nur die Einigung selbst, auch die Vertrags- und Kostentransparenz ist wegweisend. So soll der Vertrag im Volltext online zugänglich gemacht werden. Transparenz über die Zahlungen ist wiederum Voraussetzung für die Verrechnung innerhalb der an Projekt DEAL beteiligten Einrichtungen. Vor allem aber ist ein doppelt verbesserter Zugang die Folge: die von Projekt DEAL erfassten Einrichtungen bekommen in der Regel Zugang zu einem viel größeren Teil des digitalen Wiley-Archivs und die Beiträge ihrer Wissenschaftler stehen sofort und für alle frei im Netz. An den Mechanismen wissenschaftlicher Qualitätskontrolle wie anonymisierten Begutachtungsverfahren („Peer Review“) vor Veröffentlichung ändert sich durch die Vereinbarung nichts.

Druck auf Elsevier & Co steigt

Der Druck auf SpringerNature und Elsevier, sich zu vergleichbaren Konditionen auf eine derartige Open-Access-Vereinbarung einzulassen, steigt durch diese Einigung beträchtlich. Im Fall von Elsevier ist es sogar so, dass über 200 Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland ihre Verträge mit dem größten Wissenschaftsverlag gekündigt haben. Im Dezember 2018 entschied sich als letzter großer Player in Deutschland auch die Max-Planck-Gesellschaft, ihren Vertrag mit Elsevier zu kündigen. In der Pressemeldung zur Entscheidung wurde diese explizit mit der Unterstützung für Projekt DEAL begründet.

Neben dem ent- und geschlossenen Auftreten von Seiten der etablierten Wissenschaftseinrichtungen setzt sich 2019 auch der Exodus von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei Elsevier fort. Ähnlich wie beim Fall der sprachwissenschaftlichen Fachzeitschrift Lingua gab jetzt auch der Herausgeberkreis der Elsevier-Zeitschrift „Informetrics“ kollektiv seinen Rücktritt bekannt (Rücktrittsschreiben im Wortlaut), um kurz darauf mit der neugegründeten Open-Access-Zeitschrift Quantitative Science Studies weiterzumachen. Im Fall von Lingua gelang es der neugegründeten Open-Access-Alternative Glossa problemlos, in deren Fußstapfen zu treten. Bei Quantative Science Studies dürfte es genauso sein.

Fälle wie Lingua/Glossa und jetzt Informetrics/Quantitative Science Studies sind deshalb so aufschlussreich, weil sie dokumentieren, dass Verlagsmacht nur von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den Herausgeberkreisen geliehen ist. Ihre Reputation und ihre Netzwerke sind entscheidend für die Reputation einer Zeitschrift. Der Verlag ist im besten Fall ein professioneller Dienstleister, viel zu oft nicht einmal das.

Alles super?

Die Vereinbarung zwischen Wiley und dem Projekt-DEAL-Konsortium ist jedenfalls eine Verbesserung im Vergleich zum Status quo. Ob der Preis von 2.750 Euro pro veröffentlichtem Artikel angesichts sinkender Publikationskosten dank digitaler Technologien und Wegfall von Printversionen angemessen ist und ob in Zukunft übermäßige Preissteigerungen wie beim Abo-Modell vermieden werden können, ist nicht so einfach zu beantworten.

Die guten Erfahrungen der Projekt-DEAL-Mitglieder mit dem vertragslosen Zustand im Fall von Elsevier stärken aber jedenfalls ihre Verhandlungsposition bei zukünftigen Verhandlungen – ganz zu schweigen vom Vorteil, das alle gemeinsam als Kollektiv und nicht jede Einrichtung einzeln verhandelt. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang außerdem, den Trend zu Open-Access-Universitätsverlagen sowie bibliotheksbasierten Veröffentlichungsangeboten weiter zu forcieren. Schließlich stellt sich die Frage, wann und zu welchen Konditionen Projekt DEAL auch für andere Verlage und deren Digitalangebote geöffnet wird. Kleinere Verlage bleiben derzeit noch außen vor.

5 Ergänzungen
  1. Dass es wirklich so begrüßenswert ist, dass man in Zukunft fast 3000 Euro für das Veröffentlichen eines Artikels zahlen muss, kann ich nicht finden – oder habe ich da etwas nicht verstanden? Auf jeden FAll scheint mir diese Vereinbarung alle Wissenschaftler auszuschließen, die nicht an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung arbeiten, die solche irre Summen bezahlt. Aber, wie gesagt, möglicherweise verstehe ich da etwas nicht. Der TExt richtet sich leider eher an eine Zielgruppe, die mit der Materie schon einigermassen vertraut ist.

    1. Tut mir leid, wenn das nicht klar genug herausgekommen ist. Also, wer nicht an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung ist und trotzdem einen Artikel in einer solchen Fachzeitschrift einreicht, für den ändert sich durch diese Vereinbarung erstmal gar nichts, außer dass er/sie Neuerscheinungen von Autoren dieser Einrichtungen in Zukunft ohne Abo oder sonstige Kosten lesen kann.

      Wer also einen Artikel veröffentlichten will in einer der Zeitschriften, muss – von der Minderheit reiner Open-Access-Zeitschriften abgesehen, die auch heute schon Publikationsgebühren verlangen – in diesen Zeitschriften weiterhin nichts bezahlen, der Artikel ist dafür aber im Unterschied zu jenen von Forschenden an den Projekt-DEAL-Einrichtungen auch nicht Open Access verfügbar. Dafür – also nur für die offene Zugänglichkeit – würden bzw. fallen auch heute schon Gebühren in etwa dieser Höhe an.

      Was die Höhe der Summe betrifft: die Gesamtsumme, die an Wiley nach dieser Kalkulation bezahlt wird, entspricht laut Angaben der an Projekt DEAL beteiligten Verhandler, ungefähr dem, was heute auch schon an Wiley für bloße Abos bezahlt wird, bei der die Artikel der eigenen Wissenschaftler nicht frei zugänglich sind.

      1. Ich muss sagen, wenn ich als Studentin von zuhause aus irgendwelche Paper gesucht habe, und dann entnervt feststellen musste, dass betreffendes Dokument nur über Abo zugänglich ist (ich es also nur im Uninetz herunterladen konnte), habe ich mich schon öfter gefragt, mit welcher Begründung nicht alle Paper open access sind. Insofern begrüße ich diesen Schritt.

        So wie der Prozess der Veröffentlichung sich mir in der Antwort darstellt, verstehe ich das so, dass man also als Wissenschaftler an der Uni ein Paper einschickt, und sofern man nichts weiter bezahlt, wird es auch nicht öffentlich zugänglich. Wenn man letzteres aber will, muss man diese 2000 und Keks Euro entrichten?

        Sollte ich das so richtig verstanden habe, sehe ich das sehr kritisch. Wer mit knapp bemessenen Hochschulmitteln regelmäßig Paper einreicht, könnte so an der Stelle aus Kostengründen gegen Open Access entscheiden. Sowas wäre gerade in der Grundlagenforschung der Fall, wo weniger Drittmittel eingeworben werden können. Insofern wäre es eigentlich wünschenswert, wenn für die Universitäten dafür eine Lösung gefunden würde, die die Budgets für die Forschung nicht zusätzlich belastet.

        1. Nein, so war es vor dem Vertrag mit Wiley: bislang fielen für die Veröffentlichung keine Kosten an, um einen Artikel quasi „freizukaufen“ mussten zusätzliche Open-Access-Gebühren bezahlt werden. Diese Situation ist doppelt problematisch: die Bibliotheken zahlen für Abos und die Verlage Kassieren quasi on-top noch Open-Access-Gebühren.

          Im Read&Publish-Deal sind automatisch alle Artikel von AutorInnen der beteiligten (bis zu 700) wissenschaftlichen Institutionen sofort Open Access für die ganze Welt zugänglich. Gleichzeitig haben alle Beteiligten Institutionen Zugriff auf alle Wiley-Zeitschriften. Der Betrag von 2750 € pro Artikel dient zur Abrechnung der Kosten zwischen DEAL-Konsortium und Wiley; wie das DEAL-Konsortium die Kosten intern aufteilt, ist wieder eine andere Frage. Aber die Gesamtkosten für die an DEAL beteiligten Institutionen sollen laut Verhandlern eben nicht höher sein als bisher für Abos angefallen sind. Das ist also jedenfalls eine klare Verbesserung zum Status quo.

  2. Tilman Baumgärtel hat ganz schön recht! Dieser Artikel von Dobusch ist mehrfach unverständlich und undeutlich.
    Probe aufs Exempel: Wer versteht den folgenden Satz beim 2. oder 3. Durchlesen: Der Gesamtpreis für den bundesweiten DEAL-Vertrag mit Blick auf das Publizieren und Lesen in den Subskriptionszeitschriften ergibt sich aus der Multiplikation der [Publish&Read]-Fee von 2.750 € mit der Zahl der Artikel, die von Submitting Corresponding Authors der grundsätzlich teilnahmeberechtigten Einrichtungen veröffentlicht werden.

    Auch höchst unverständlich, da ungenau, kurzsichtig, schludrig formuliert: Hinzu kommt lediglich eine Einmalzahlung für den retrospektiven Lückenschluss für das Archiv (Anschluss an die Nationallizenzen bis 1997).

    Wissenschaft ist seit deren Bestehen in arger Bedrängnis von verschiedener Seite.
    Dass ab ca. den 80ern eine schleichend Globalisierung oder genauer gesagt, eine Amerikanisierung der Ausbildung ab Hochschulniveau stattgefunden hat, ist ein der vielen heutigen Formen der Qualitätsminderung in der Wissenschaft. Durch die amerikanische Globalisierung hat eine Vereinnheitlichung, Standartisierung und Konzentration auf ein System stattgefunden.
    Vielfalt ist dadurch an allen Orten und in allen Etagen auf der Strecke geblieben. Vielfalt, die für eine wissenschaftliche Qualitätskontrolle unersetzbar ist.
    Wo Menschen arbeiten, gibt es immer Fehler. Fehler nicht als solche zu benennen ist denn erst ein Fehler. Für Fortschritt ist Fehler machen dürfen unabläsig. Es ist nötig, für Enwicklung und Weiterkommen, dass Laboratorien und Werkstätten einer möglichst grossen Zahl von Menschen offen stehen.
    Wer sich mit Wissenschaft gerne und länger beschäftigt, hat erfahren, dass viele grosse Entdeckungen nicht durch beabsichtigtes Forschen, sondern zufällig, also als Nebenprodukt der eigentlich abgezielten Forschung, gemacht wurden.
    Das Leben bzw. der Kosmos ist alt und voller abertausend sternenfunkelnder Unerklärlichkeiten. Geheimnisse der Natur des Lebens, dessen Entstehung und jene der Lebewesen auf diesem Planeten bergen unermessliches Ptential. Die Umwandlung von Sonnenlicht und Sauerstoff zu u.a. Energie und CO3 (Ozon) bei der Fotosynthese können wir bis heute nicht wirklich erklären. Die Photovoltaik mag noch in den Kinderschuhen der technischen Evolution stecken. Einiges hat sie bereits leisten können, hin zu einer friedlicheren, individuelleren, vielfältigeren Welt. Vieles jedoch hindert den Fortschritt, blockiert in gar arglistig und absichtlich. Wer ist das?
    Menschen neigen in einer technisch hoch entwickelten Zivilisation bei einem engen Setting des Alltages zu Höhenflügen à la Ikarus. Der Wettbewerb ist eine der entscheidenden Faktoren. Vielfalt mager gesäät. Dabei spielen viele Traditionen, Überlieferungen und gesellschaftlich Selbstverändlichkeiten wie Tabus die entscheidende Rolle.
    Was wir in den raren Momenten fern ab der gewohnten Strukturen, im fremden Kulturen, selten erfahren können, dann im Augenblick des Bewusstwerdens, der Erkenntnis jedoch ungemein intensiv. Die Plus und die Minus unserer Heimat, unseres angestammt gewohnten Millieus wird deutlicher.
    Mit der Wissenschaft verhält es sich ähnlich. Gewisse Gebiete und Landschaften dieser universellen Organismuses entfachen Tag für Tag in mir ein Funke, ein inneres Feuer der Begeisterung, der Neugierde bis hin zu ungeahnten Arbeitssexzessen. Hingabe und Leidenschaft wachsen und spriessen wie Blumen, Sträucher, ja ganze Wälder.
    Doch andere Gebiete und Orte auf den Landkarten der Wissenschaft verströhmen andersweitige Assoziationen und Gefühle. Tiefe, lange, weit verzweigte Stollen und ein Netz von stickiig finsteren Gänge warten da auf uns. Kaum jemand getraut sich in ihre Nähe. Alle fürchten sich, ohne es zu zeigen.
    Die Wissenschaft steht an einer Weggabelung der Menschheitsgeschichte, wie sie dies fast jeden Tag tut. Was will ich? Was wollen die anderen? Wer sind überhaupt die andern? Und wer bin ich denn eigentlich? Homo sapiens? Homo what the f*** goes on?
    Was ist überhaupt Wissen? Was Fühlen? Wo fängt es an, wo hört es auf?
    Die Wissenschaft ist und war bisher nicht offen. Es war v.a. ein elitärer Kreis. Kreise der Studentenverbindungen, der Politik, der Kirche und der Wirtschaft führen zu diesen zurück.
    Die Wissenschaft der Wirtschaft ist vielleicht das Bsp., wo anhand der letzten 4 Jahrzehnte einfach ersichtlich ist, was sich v.a. verändert hat. Eine enorm ungesunde Konzentration, die mit Mitteln und Köpfen von den natinalen Zentren der Landesverteidigung, sehr stark kooperieren.
    Frau und Mann schaffen etwas wirklich Neues zusammen – in der Wissenschaft kann dies auch nur 1. Frau oder 1. Mann getrennt über tausende Killometer, sofern der Zugang zu den essentiellen Informationen leicht zugänglich ist.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.