Nutzerrechte

Twitter verlangt die Geburtsurkunde von Minderjährigen und Firmen

Seit Ende Mai sperrt Twitter reihenweise Konten von Jugendlichen – eine Folge der neuen Datenschutzregeln für Europa. Die Daten von unter 16-Jährigen dürfen seither nur noch mit Zustimmung der Eltern gespeichert werden. Das schockiert nicht nur jugendliche Nutzer*innen, deren Sozialleben im Netz jäh endet. Auch Firmen und Blogs sollen jetzt ihre Geburtsurkunde vorzeigen.

Rostiger grünes Gatter mit Vorhängeschloss
Eltern haften für ihre Kinder? Twitter sperrt alle aus, die vermeintlich noch keine 16 sind. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Jason Blackeye

Das Kind der Bloggerin Nele Heise hatte am 25. Mai keinen guten Tag. Heulend fand sie es abends auf dem Bett zusammengekauert. Das Kind hatte vor dem Schlafengehen nochmal Instagram aufgemacht und festgestellt, dass sein Profil gelöscht worden war: der soziale Tod.


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

Im Vergleich dazu war der Schmerz, den wir als Redaktion spürten, als am gleichen Tag unser Twitter-Account @netzpolitik_org gesperrt wurde, eher gering. Absurd war es dennoch. Von der Maßnahme zum vermeintlichen Datenschutz waren nämlich nicht nur tatsächliche Jugendliche betroffen, sondern auch zahlreiche Nutzer*innen, die für ihre Firmen, Vereine oder Podcasts Twitter-Konten angelegt hatten – mit dem Gründungsdatum als Geburtstag.

Wer ist die Erziehungsberechtigte eines Vereins?

Auch netzpolitik.org war noch keine 16 (ja, wir wissen, man sieht uns unser Alter nicht an). Unser Account wurde gesperrt mit dem Hinweis: „Dein Account wird von Twitter entfernt, es sei denn ein Elternteil oder ein Erziehungsberechtigter gibt in deinem Namen seine Zustimmung.“ Ein lustiges Missverständnis, das sich schnell aufklären lassen dürfte, dachten wir zu diesem Zeitpunkt noch.

Mehr als einen Monat später muss man sagen: Ließ es sich nicht. Es sollte mehr als dreißig Tage dauern.

Das Problem: Twitter fordert Nutzer*innen unter 16 Jahren auf, den Kontakt eines Erziehungsberechtigten anzugeben; diese Person muss dann einen Personalausweis hochladen. Aus Sicht des Datenschutzes ist das als würde man ein Veilchen mit dem Wasserwerfer gießen. Wir versuchten es stattdessen mit einem Auszug aus dem Vereinsregister, das Gründungsdatum von netzpolitik.org darauf deutlich erkennbar. Ein Textautomat teilte uns daraufhin mit, dies reiche nicht, Twitter brauche den Personalausweis eines Erziehungsberechtigten. Eine Option „Sie haben leider die Falschen, wir sind in Wirklichkeit eine Gruppe volljähriger Journalist*innen“ gab es im Formular nicht.

Nach drei Wochen ohne Redaktions-Account knickten wir schließlich ein: Eine Person aus der Redaktion erklärte sich bereit, den eigenen, teils geschwärzten Personalausweis hochzuladen – und wurde daraufhin aufgefordert, die Geburtsurkunde des „Kindes“ nachzureichen. Wir gaben auf und gingen am Ende den Weg über die Presseabteilung in Irland, in der sich persönlich jemand um die Sache kümmerte.

Wer kann sich leisten, Daten nicht mit Twitter zu teilen?

netzpolitik.org sendet also wieder. Allerdings geht das Problem über unsere persönliche Geschichte hinaus.

Die als Beifang versehentlich gesperrten Accounts gehörten teils Firmen und Personen, deren Geschäftsmodell darauf basiert, Aufmerksamkeit auf ihre Texte, Videos oder Podcasts zu lenken, und die nun vor der Entscheidung standen, einen Personalausweis hochzuladen oder auf einen Teil ihres potentiellen Publikums verzichten zu müssen. Wenn Follower sich direkt in Einnahmen übersetzen, wer kann sich dann leisten, die eigenen persönlichen Daten nicht mit Twitter zu teilen?

Damit wären wir aber erst bei einem Teil des Problems. Der andere: die massenweise unangekündigte Sperrung von Jugendlichen auf Twitter. Vor dem 25. Mai galt: Nutzerinnen und Nutzer müssen mindestens dreizehn Jahre alt sein, so schreibt es Twitter in seinen Geschäftsbedingungen. Die neuen Datenschutzregeln für Europa (Datenschutzgrundverordnung, DSGVO) sehen für Jugendliche unter sechzehn Jahren allerdings die Zustimmung eines Erziehungsberechtigten vor. Daran hat Twitter seine Bestimmungen aus nachvollziehbaren Gründen angepasst. Nicht nachvollziehbar ist, warum das über die plötzliche Sperrung der Accounts geschah. Dass die neuen Regeln in der EU am 25. Mai in Kraft treten würden, war lange bekannt. Warum wurden die Jugendlichen nicht vorher aufgefordert, die Zustimmung ihrer Eltern einzuholen?

Die neuen Datenschutzregeln waren doch eigentlich auch dazu gedacht, gerade sie zu schützen. Stattdessen tragen sie jetzt dazu bei, dass Jugendliche ausgesperrt werden aus den Netzdiskussionen. In welchem Ausmaß das passiert ist, sieht man etwa an den Accounts von YouTube-Stars wie Simon Unge, die für ein junges Publikum senden: Er verlor auf einen Schlag 40.000 Follower auf Twitter.

Das ist nur teilweise die Schuld der Unternehmen. Ihnen bleibt keine Wahl als das neue geltende EU-Gesetz zu beachten. Expert*innen für digitalen Jugendschutz wie danah boyd machen die Verordnung selbst verantwortlich. Indem die EU-Parlamentarier das Mindestalter für digitale Mündigkeit von 13 auf 16 angehoben haben, machen sie es für Teenager unter 16 faktisch sehr schwierig, Social Media zu nutzen. Besonders verheerend ist das für Jugendliche, die die Zustimmung ihrer Eltern mit gutem Grund nicht einholen können: Jungs, die auf Jungs stehen und das vor ihren Eltern verbergen; Kinder, die in ihrer Familie Gewalt erleben oder die sich womöglich einfach über Sex und Verhütung informieren wollen. Ihr Recht auf Privatsphäre missachtet das Gesetz. Statt diejenigen zu schützen, die es besonders nötig hätten, trägt es so eher dazu bei, sie zu isolieren.

Dass die neuen Bestimmungen auch weniger drastisch umgesetzt werden können als Twitter dies tat, zeigt etwa Facebook. Dort wurden unter 16-Jährigen aufgefordert, die E-Mail-Adresse eines Erziehungsberechtigten anzugeben. Wer hinter der Adresse steckt, überprüft Facebook nicht. Noch einfacher machte es die Facebook-Tochter WhatsApp. Hier mussten Nutzer*innen nur einmal wischen, um zu bestätigen, dass sie das Mindestalter von 16 Jahren erreicht hatten.

Manche werden dabei auch geschummelt haben. Gegen Geschäftsbedingungen zu verstoßen, ist keine Straftat. Wer allerdings auffliegt, dem droht die Maximalstrafe: die Löschung des eigenen Accounts.

14 Kommentare
  1. Im letzten Absatz steht „Gegen Geschäftsbedingungen zu verstoßen, ist keine Straftat.“
    Das würde ich auf keinen Fall so stehen lassen.

    Zu den Geschäftsbedingungen meiner örtlichen Straßenbahn gehört (unter anderem) der Kauf und das entwerten eines Fahrscheins. Wenn ich dagegen verstoße, gibts ne Menge Ärger.

  2. „Wer kann sich leisten, Daten nicht mit Twitter zu teilen?“

    Jeder. Mit Ausnahme derer natürlich, die glauben (wollen), dass sie es nicht könnten. Dabei ist es wirklich bloß eine Frage des Wollens, nicht des Könnens.

  3. So verschafft sich Twitter Inormationen, die es sonst nicht bekommen hätte. Ich wurde nur nach dem Geburtsdatum für die Person gefragt, die den Account nutzt. Vielleicht lasg es ja an der „Alterskompetenz“. ?

  4. okok, das mit twitter kann man jetzt so oder so dramatisieren, wenn man bock drauf hat. muss man aber irgendwie auch nicht.

    aber die einleitung hat mich echt erschreckt.. bitte schickt die eltern in eine erziehungschule. wer die löschung eines twitter kontos als „sozialen tod“ definiert.. bei dem laufen einfach grundlegende sachen grundlegend falsch.

    hat das mädchen keine realen sozialen kontakte die sich außerhalb von twitter organisieren können? und wieso legt sie (ein kind!) so einen großen wert in ein einziges soziales medium? wie können menschen die kontrolle über ihr leben so leichtfertig an firmen und unternehmen verkaufen und sich dann ERNSTHAFT im nachhinein darüber beschweren, dass diese firma, denen du leichtfertig deine daten schenkst, mit diesen daten macht, was es will. ich meine, was ist das für ein verständnis vom leben? was ist das für eine logik die dahinter steckt, und leute dazu bingt solche artikel-attrappen in die tastatur zu hauen.

    „„Wer kann sich leisten, Daten nicht mit Twitter zu teilen?“

    Jeder. Mit Ausnahme derer natürlich, die glauben (wollen), dass sie es nicht könnten. Dabei ist es wirklich bloß eine Frage des Wollens, nicht des Könnens.“

    dieser kommentar trifft es auf den punkt. ihr seid junkies. die realität außerhalb eurer blase ist eine 180 grad wende eurer gefühlten realität.

    kleiner tipp: mehr rausgehen und smartphone zu hause lassen. nur so merken menschen wie ihr, das es auch ohne geht.

    1. Ich kann die Intention dieses Kommentars nur unterstützen: Sicherlich, Twitter hätte auch etwas früher sowie in anderer Art und Weise reagieren können. Auch die Anforderung von Belegen mit weiteren personenbezogenen Daten ist grenzwertig. Allerdings haben auch die Eltern in einer digitalisierten Welt ihren Kindern gegenüber eine besondere Verantwortung. Dies gilt nicht nur für analoge (z.B. Straßenverkehr, Drogenabhängigkeit) sondern dann natürlich auch für digitale Gefahren (z.B. Online-Spielsucht, Abhängigkeit von Konzernen/Plattformen).

      Ich finde es schade, dass die Autorin dieses Artikels so einseitig argumentiert. Um einen Vergleich ins Analoge zu bringen: „Spirituosenladen verlangt Altersnachweise von Minderjährigen und bei unbekannten Firmenadressen“. Wäre hier auch unter dem Motto „ohne Alk geht’s heute nicht mehr“ und „andere Geschäfte prüfen die Ausweise nicht“ argumentiert worden?

      1. Vielen Dank für den Kommentar und die Kritik. Zu ihrem Vergleich: im Gegensatz zu Alkohol ist das Recht auf Privatsphäre ein Menschenrecht, das auch Kindern und Jugendlichen zusteht. So steht es etwa in der UN-Kinderrechtskonvention, die auch Deutschland und die anderen EU-Staaten unterschrieben haben. Zum ersten Punkt: Natürlich tragen Eltern die Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder. Nur welche Konsequenzen hat das in Bezug auf digitale Mündigkeit? Die Wissenschaftlerin dana boyd, die seit Jahren zum Thema forscht, hat einen sehr interessanten Denkanstoß dazu gegeben. Das Problem, sagt sie, besteht darin, dass ein Großteil der Eltern selbst nicht in der Lage ist, für sich eine mündige Entscheidung im Umgang mit den eigenen Daten zu treffen. Wie sollten diese Eltern dann für ihre Kinder entscheiden? https://brightthemag.com/what-if-social-media-becomes-16-plus-866557878f7

        1. zu meinen, man könnte seine privatsphäre eben nur in twitter ausleben und das noch ernsthaft hier in einem artikel zu vertreten ist schon eine erhebliche verdrehung der tatsachen, oder? ich meine, zu denken das diese firmen wirklich etwas bieten, dass man ‚privatsphäre‘ nennen könnte, liegt fern, oder?

          1. Wir schreiben nicht, dass man nur auf Twitter ein Recht auf den Schutz der Privatsphäre hat. Hingegen haben auch Nutzerinnen und Nutzer von Twitter Rechte, was ihre Daten betrifft. Und in diesem Fall legt Twitter die Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung eben sehr zu Ungunsten seiner Nutzer*innen aus.

  5. Aber irgendwie ist das doch schön. So eine geglückte Demaskierung der sozialen Medien war doch für die Jugend (huch, ich bin alt) echt überfällig. Zu verstehen, was da passiert, technisch und gesellschaftlich, kann nicht schlecht sein.

    Guck mal, Junge/Mädel, die können mit „Deinen“ Bildern und „Deinen“ Nachrichten und „Deinem“Account machen was sie wollen, DU hast die Rechte daran aufgegeben, als Du den Account gemacht hast. Und wie die Firmen Sachen machen, lässt sich als Kunde nicht beeinflussen.
    Wenn ihr in Nachbars Garten ohne zu fragen Äpfel pflückt, dann könnt ihr euch nicht darauf verlassen, die Äpfel zu behalten. Wenn ihr gegen die AGB verstoßt müsst ihr mit Accountlöschung oder Hausverbot (bei H&M) rechnen.
    Wenn man einen Account macht unter Vortäuschung falscher Tatsachen (Ja, ich bin 16!), dann darf man nicht damit rechnen, dass der auf Dauer existiert. Und weil es sich dabei um ein völlig gesichtsloses Monster handelt, das nur mit Hilfe von Chatrobotern kommuniziert, habt ihr wohl auch schlechte Chancen, wenn ihr um Nachsicht bitten wollt – das geht beim Bäcker um die Ecke vielleicht, aber nicht bei Twitter.

    Also, beißt die Zähne zusammen und lest ab heute die AGB, wenn euch etwas wirklich wichtig ist.

  6. Es bleibt dabei: Twitter und Facebook nicht benutzen ist (und bleibt) die beste Lösung. Wer meint, es gäbe keine besseren Alternativen, belügt sich selbst.

    1. Welche „besseren Alternativen“ gibt es denn?
      Und jetzt bitte nicht mit „Real Life“, „Freunde“ etc. kommen, dann das ist Subjektiv und keine „Wahrheit“.

  7. Gilt das auch für Foren?
    Man google mal „Terminal-Decision“.
    Klar dass der Staat die Seite generell nicht gerne sieht (in Deutschland aber legal), aber da wird sicher keine Alterskontrolle im geplanten Forum eingeführt werden.
    Fehlt auch noch, dass der Staat verlangt dass man Ausweiskopien sammelt, und dann auf Verlangen raus gibt.

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