Öffentlichkeit

Hass im Netz: Wer nichts kommentiert, macht was falsch

„Flüchtlinge“, „Kopftuch“ und „Asyl“: Wer in Deutschland zu kontroversen Themen auf Facebook schreibt, erntet wütende, hasserfüllte Kommentare. Den rechten Schreihälsen kann man nicht den Mund verbieten. Stattdessen hilft: Beharrlich bleiben, selber mitmischen und vor allem mehr Platz einnehmen. Ein Kommentar

Hass im Netz - viel Lärm um Nichts?
Was im Netz alles auf uns hereinprasselt: Der fantastische Oliver Hinzmann hat das Thema für uns gekonnt visualisiert. CC-BY 2.0 Oliver Hinzmann

Wer schon mal eine Diskussion moderiert oder ein Seminar geleitet hat, weiß: Es sind immer dieselben, die als Erste das Wort ergreifen. Sie reden gerne lange und kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen, wobei es fast immer bei denselben Floskeln bleibt. Das ist ermüdend und nimmt denen die Chance zu sprechen, die einen Moment zögern. Dabei sind es eben diese Teilnehmer*innen, die noch abwägen und deren Gedanken uneindeutig sind, die eine Diskussion bereichern können.


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Genauso funktioniert es im Netz: Einige wenige wiederholen unermüdlich dieselben Großerzählungen von vermeintlicher Sicherheit und angeblicher Invasion. Sie sorgen dafür, dass bestimmte Themen abschrecken, während der Großteil der Nutzer*innen schweigt. Wir haben rund 10 000 Kommentare auf Twitter und Facebook ausgewertet und festgestellt, dass der Hass im Netz nicht diffus ist: Es handelt sich in erster Linie um Hass gegen Migrant*innen und das Feindbild des Islam. Die Kommentare, die beleidigen, erniedrigen und zu Gewalt aufrufen, sie stammen vor allem aus dem rechten Lager und bedienen stets die gleichen stereotypen Bilder.

Platz einnehmen

Das Problem sind also einige Schreihälse. Ihre hasserfüllten Kommentare sind selten originär und tiefgehend genug, um überhaupt einer echten Debatte wert zu sein. Sie nehmen sich Öffentlichkeit, obwohl ihre Gesprächsbeiträge für niemanden eine Bereicherung sind.

Mit aller Wahrscheinlichkeit kommentieren die wenigsten von uns auf öffentlichen Facebook-Seiten und Twitter die Posts von Politiker*innen. Zu sehr Wagnis, zu komplex das Thema. Genauso wie die meisten Teilnehmer*innen nie auf einer Diskussionsveranstaltung das Mikro in die Hand nehmen. Dabei gehen viele Gedanken verloren und die Stimmung kippt ins Einseitige.

Erstredner*innen ermutigen

In Uniseminaren und auf Diskussionsveranstaltungen gibt es im Idealfall eine Moderation, die Erstredner*innen ermutigt, das Wort zu ergreifen. Die Erfahrung zeigt, dass dieser erste Redebeitrag die größte Hürde ist. Danach folgen fast immer weitere Beiträge. Das muss keine ausgereifte Meinung sein, das kann auch eine spontane Assoziation sein, ein flüchtiger Gedanke, der zum Weiterdenken anregt. Eine Veranstaltung ist gelungen, wenn alle Teilnehmer*innen sich gehört fühlen und sich beteiligen können.

Bei aufgeladenen, rechten Debatten im Netz sollte man sich verhalten wie auf einer einseitigen Diskussionsveranstaltung: Den Schreihals abmahnen und selber losreden. Wer auf Facebook nur passiv konsumiert, der macht was falsch.

23 Kommentare
  1. Das ist wahr, viel mehr Menschen sollten ihren Unwillen formulieren, diese Politik zu unterstützen. Damit wir aus der Sackgasse rauskommen: Meinungsäusserung => rechts und rechts => Hass. Die Menschen in anderen Regionen der Welt bestimmen auch, was sie in ihrer Heimat wollen und was sie nicht wollen.

    1. Linke und Rechte sind beides Hetzer.

      Die einen wollen die Armen, Schwachen und Asylanten lynchen, die Anderen die Reichen, ihre Schergen und Helfershelfer.
      Rücksichtslose gewaltbereite Prügelvereine und hardcore ideologische Truppen haben beide Seiten.

      Wer das nicht sehen kann oder will, ist einer von beiden Seiten anhängig.

      Unterm Strich ist die politische Ausrichtung vor allem eine Frage des psychosozialen Charakterzustandes. Persönliche Reife, Lebenserfahrungen, Ängste, Haltungen zur Welt und dem eigenen Mensch-Sein.

      Das Projektionsverhalten beider Seiten in ihren Extremen steht dem irgendwelcher radikaler Esoteriker in nix nach.

    1. Sehe ich auch so. Wenn ich Videos von den AfD-Gegendemos in Berlin vom letzten Sonntag anschaue, und zwar solche, die nicht im ÖR gezeigt wurden, oder Bilder von dem Anschlag auf den Bus von AfD-Teilnehmern, dann ist Haß kein Privileg der sog. Rechten, ganz im Gegenteil.

  2. Bei allem Verständnis für die aufgezeigte Position — Kante zeigen, nicht schweigen, wird eine wichtige Seite des Problems nicht erkannt. Es sind besonderes die aufgeklärten und freidenkende, die oft auch gebildet und wortgewandt sind, welche Facebook, Twitter & Co. meiden und gar nicht benutzen.
    Da ist eher eine andere Meinung zu finden — lass sie in deren Sumpf weiter pöbeln, das ist zwar nicht schön, aber man muss ja nicht in jeden Schweinestall hineingehen und etwas mitteilen, besonderes wenn es nichts nützt…

    1. Exakt. Schlaue Menschen nutzen den Dreck nicht. Allerdings kann man ja auch Accounts bei den üblichen Käseblättern anlegen, da gibt es genügend Mist zu kommentieren.

      Das Problem an FB etc ist, dass man dort eben überwacht wird und ich für meinen Teil möchte nicht namentlich mit meinen politischen Ansichten in FB stehen – in meiner Stadt gelten friedliche Demonstranten bereits als linksextrem und ich möchte gar nicht wissen wer hier bereits auf diversen Listen von Verfassungsschutz & Co steht.

    1. Ich wollte schon schreiben, „gewöhne Dich daran“, aber tue es bitte nicht. Leider will sich der Rechtschreibrat in den nächsten Tagen und Wochen mit Genderschreibweisen beschäftigen, und da der Rat noch nie mit Intelligenz geglänzt hat, ist das Schlimmste zu befürchten. Ich hoffe, die Schweizer und Österreicher stellen noch ihren Fuß in die Tür, denn bei denen ist noch ein bißchen Restintelligenz vorhanden. Die Genderschreibweisen wären das i-Tüpfelchen auf der schwachsinnigen und gescheiterten Rechtschreibreform politisch verbohrter, drittklassiger Sprachwissenschaftler, über die die Bürger schon mit den Füßen abgestimmt haben – indem sie sie einfach weitestgehend ignorieren und nur noch „frei Schnauze“ schreiben. Das muß übrigens besonders demütigend für die „Reformer“ sein, da die Rechtschreibschwachen ja das Hauptargument waren.

  3. Hmmm. Kein einfaches Thema. Früher gab es mal die Richtlinie „don’t feed the trolls“. Das deswegen, weil den Trollen jede Art von Feedback, auch Kritik, genehm ist. Das ist ähnlich wie bei abgehalfterten Stars, bei denen jede Art von Publicity besser ist als gar keine. Wenn man einem Troll Kontra gibt, fängt er erst so richtig an zu trollen.

    Andererseits ist es heute so, dass die Trolle, gerade durch die sozialen Netze, eine viel größere Reichweite haben. Die Trolle erreichen sich also gegenseitig. Das heisst, sie können sich gegenseitig Feedback geben, sich gegenseitig hochschaukeln. Da hilft Ignorieren nicht mehr. Heute ist es also so, ob man die Trolle ignoriert, oder ihnen Kontra gibt, Beides ist falsch. Man kann es also nur falsch machen. Wenn Irgendjemand eine Idee hat, wie man die Trolle in den Kindergarten, in den sie gehören, zurückschicken kann…

    1. Nun kann man den politisch motivierten Brückentroll schlecht mit dem lustigen Brachlandtroll vergleichen. Bei letzteren galt und gilt bis heute ein striktes Fütterungsverbot. Der gemeine Brü kentroll hingegen kommt bereits übersättigt (Leibspeise Mediensalat) daher. Die Chance jene Subspezies zu überfüttern bis sie platzt sollte also unbedingt wahrgenommen werden.
      Happy feeding.

  4. Ganz schön arroganter Kommentar. Hassprediger haben in Deutschland schon immer gehabt. In der katholischen Inquisition, bei den nationalistischen Hereromördern in Deutschsüdwest und in den 30/40er Jahren als wir Deutsche 25 Mio Russen abgeschlachtet haben. Das hat mit Internet nichts zu tun. Der Moderatorenansatz nach dem Modell der katholischen Zensur ist arroganter Oberseminarquatsch aus der unhistorischen Filterblase. Ich halte es da lieber mit Umberto Eco, der meinte, dass man keine andere Chance hat, als Jugendlichen so viel Bildung zu geben, dass selbst entscheiden können. Die Moderatorenarroganz mit dem Führermodell funktioniert empirisch gesichert nicht. Nicht in Italien. Nicht in Deutschland.

  5. Das setzt voraus, dass man sich überhaupt politisieren lässt. Mir geht das Gefasel ALLER Parteien sonstwo vorbei. Sie sind entweder nicht Willens etwas zum Guten zu verändern oder können es mangels Masse noch nicht. Wer irgendwelchen Hinterbänklern auf „sozialen“ Medien folgt und die dazu abgesonderten Kommentare oft unterbelichteter Figuren ernst nimmt, ist entweder sehr jung und naiv oder gar dumm. Hat auf jeden Fall zu viel Zeit.

  6. Volle Zustimmung zu @Elise

    Daneben haben ich das Gefühl, dass die Autorin meint, die Noch-Nicht-Erstredner*innen teilten allesamt ihre eigenen Ansichten. Dem dürfte nicht so sein. Im Gegenteil vermute ich, dass nicht wenige auch deswegen bis heute nicht zur Erstredner*in (wo auch immer, facebook, twitter etc., hat wenig mit Rede zu tun) wurden, weil sie weder Lust haben, von der herrschenden Meinung weil abweichend gebrandmarkt, noch mit anderen, wirklich unerträglichen Meinungen in einen Topf geworfen zu werden, weil es sich die medial jeweils beherrschende Meinung mangels eigener Argumente auf dieses billige Art bis heute einfach macht. Dass man in PoWi-Seminaren an der HU besser gelegentlich statt Rede die Klappe hält, kann ich mir aufgrund verschiedener dort entstandener Shitstorms lebhaft vorstellen.

  7. …ich beobachte auch Facebook, dass nicht unbedingt die Rechten, sondern eher die „Guten“ meterweise Pöbeleien (Nazikeule) abliefern. Postet einer ein Link zu den Machenschaften von Nestle – KEIN einziger Kommerntar. Kritisiert jemand die Flüchtlingspolitik, beobachte ich „meterweise“ unsachliche Pöbeleien.

  8. „„Flüchtlinge“, „Kopftuch“ und „Asyl“: Wer in Deutschland zu kontroversen Themen auf Facebook schreibt, erntet wütende, hasserfüllte Kommentare. Den rechten Schreihälsen kann man nicht den Mund verbieten.“

    Das Geschriebene zu Beginn suggeriert, es gäbe dieses Phänomen nur bei „rechten“ und klammert die linksideologischen Schreihälse völlig aus. Zumal gerade bei Twitter oder Facebook die linken Schreihälse mindestens genauso, wenn nicht sogar – meiner Wahrnehmung nach – stärker vertreten sind, keine offenen Diskussionen wollen, nur rumpöbeln und mit fadenscheinigen und sachlich unhaltbaren Nazi-Vorwürfen um sich werfen.

    Solch einseitige Artikel mit stark meinungslenkenden Kurzeinführungen bin ich sonst eher von Bild und Co. gewohnt – das könnt ihr definitiv besser … oder sind diese Zeiten auch bei Euch jetzt vorbei?

    Schönen Gruß

  9. als ein problem bei regulierungsansaetzen wie dem NetzDG koennte die begrenzte kenntnis der politiker, was workflows und designprozesse angeht, bzw. der (nicht)priorisierung bestimmter nutzunsweisen bei softwareentwicklung.
    in diesem fall, ausgehend von der annahme der moeglichkeit dass echo-kammern und filterblasen als teilursache „zuviel hass im netz“ erkannt wurden, nun der alten usenet-maxime „tools not rules“ folgend, nicht die kontrolle durch unsichtbare algorithmen zu fetischisieren, sondern selbstverstaendlich auch die machtrelationen in datenstrukturen zu analysieren, und deren oekonomisierung in geschaeftsmodellen und soziokynernetischen kreislaufprozessesen, um dabei nicht bloss plakativ ueber BIAS zu empoeren, also das ideal der technischen neutralitaet zu wiederholen, um daraufhin das internet immer wieder, jahrzehntelang, der sprichwoertlichen oma zu erklaeren, sondern auf die schmerzend fehlenden demokratischen funktionen im facebook feed den finger zu legen. herr minister haben sie schonmal etwas von platform governance gehoert?

    das bedeutet hier, ganz besonders bei geschlossenen facebook gruppen, die als radikale hassschleudern dienen, eine antagonistische protestfunktion einzubauen, bei der man im schichtbetrieb sportlich dagegen halten kann, ohne dass einen die voelkischen trollkraefte aus dem kanal schmeissen duerfen. statt suggested sponsored news: suggested opinions by political opponents. ein solches obligates diskordisches design element koennte sogar bei der mir zustehenden freien meinungsbildung helfen.
    versagen da die minister oder eher die berater und aktivisten, beim skribblen von geeigneten verbesserungsvorschlaegen einer demokratischeren facebook UX?

    1. Es geht nicht darum, an Facebook oder irgendeinem anderen Netzwerk teilzunehmen. Unser Argument war, Hass nicht unwidersprochen stehen zu lassen, ob am Stammtisch oder sonstwo. Das kann natürlich nicht die alleinige Lösung sein, vor allem dann, wenn die Black Box der Algorithmen den Wutpostern eine fette Bühne bietet.

      1. Da wo Algorithmen Inhalte pushen, ist das gar keine Lösung, weil man da einfach nicht hingeht, wenn man ein wenig Verantwortungsbewusstsein hat.
        Und da wo Inhalte von keinem Algorithmus gepusht werden, gibt es das Problem gar nicht.
        Und wer nicht Facebook meint, schreibt nicht gleich in den ersten Satz, dass er es doch meint.

  10. Grüezi!

    „Stattdessen hilft: Beharrlich bleiben, selber mitmischen und vor allem mehr Platz einnehmen“

    Wo der Meister da oben recht hat, da hat er wohl recht… daher sei angemerkt das jeder kleine stinkende Minion, welcher ganz Muttigetreu immer weiter die Konservativen (ergo CDU/CSU, falls dem ein oder anderen Hirntoten das mal wieder entfallen ist) hier im Land wählt und damit im Endeffekt nur die Multimillionen Dollar Konzerne unterstützt.

    Denn begreifen tut Ihr es nicht: Mehr Einwanderung = Billigere Arbeitsplätze = mehr Profit = mehr Ausbeutung = Höhere Arm/Reich Spaltung, keine Mittelschicht, mehr Leute unter der Armutsgrenze – was zwangsweise wieder zum Anstieg
    In Kurzfassung also der konservative Traum schlechthin. Und ihr deutschen seit zu verblendet inzwischen um es überhaupt in Erwägung zu ziehen. Abgesehen davon das euch eure Kultur noch nie wichtig war und ihr euch lieber versteckt hinter Floskeln, Parolen und einer großen Meute.

    Der Vorteil: In ein paar Jahren steht Deutschland alleine da (evtl mit den Fröschen), falls man sich mal die Regierungen drumherum so anschaut. :)

    Liebe Grüße aus der Schweiz!

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