Überwachung

Edward Snowden: „Die Welt braucht Deutschland jetzt“

Quelle: CC BY 2.0, via flickr

Im aktuellen SPIEGEL (20/2015) vom 09.05.2015 findet sich ein neues Gespräch mit Edward Snowden. Im knapp zweiseitigen Interview erläutert er einiges zu den Problematiken der BND-Affäre aus Insider-Perspektive. Zu Beginn erklärt er den momentan kursierenden Selektoren-Begriff:


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Man kann sich diese Selektoren wie ein Fischernetz vorstellen, das Geheimdienstmitarbeiter in diesem Ozean an Kommunikation auslegen, der durch die Massenüberwachung entsteht. Es gibt enge Selektoren, die ein spezielles Smartphone einer einzelnen Person überwachen – oder weiter gefasste, die beispielsweise ein ganzes Unternehmen oder das E-Mail-System eines Ministeriums ins Visier nehmen.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs legt er erneut die gravierenden Kontrollmängel gegenüber NSA-Analysten offen, deren Suchen nur in Höhe eines „einstelligen Prozentsatzes“ von anderen Personen überprüft würden. Und auch das nur nachträglich und „auf Zufallsbasis“.

Mangelnde Kontrolle auf beiden Seiten des Atlantiks (zum Vergleich das NSAUA- bzw. BNDUA-Protokoll von letzter Woche) erklärt denn auch die „atemberaubende“ Anzahl der vom BND gefundenen Selektoren:

Ich halte es für absolut möglich, dass NSA-Mitarbeiter gemerkt haben, dass der BND die Suchbegriffe nicht ernsthaft überprüft. Und dass sie deshalb gute Chancen sahen, nicht erwischt zu werden, und das 2002 geschlossene Abkommen strategisch verletzten. Insofern ergibt auch die Menge der Suchbegriffe Sinn.

Angesichts vermehrter parlamentarischer Bemühungen weltweit, Massenüberwachungs-Praktiken auszuweiten (z.B. in Frankreich und Österreich), plädiert Snowden außerdem für eine „moralische Führungsrolle“ Deutschlands. Es gebe schließlich „richtige und falsche Wege“, nationale Interessen zu wahren und Deutschland könnte im Idealfall „Vorschläge machen für die nationale und globale Regulierung der Nachrichtendienste.“

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10 Kommentare
  1. Ich kann mich noch an ein Video erinnern, wo ein NSA-Mann als Antwort auf die Anschuldigungen nur mit einem hämischen Grinsen meinte, die anderen Geheimdienste würden auch sicher etwas tun. — Das bekommt unter den neusten Enthüllungen auch nochmal einen ganz anderen Klang.

    Aber natürlich… die Amerikaner sind ja unsere „Freunde“!

    1. Den Begriff Führungsrolle in die rechte Ecke ziehen ist sicherlich ein bisschen arg gewagt & thematisch fern, vor allem weil es wohl die Übersetzung einer englischen Formulierung ist. „Vorbildfunktion“ wäre vielleicht unverfänglicher gewesen. Die Verwendung des Grusses vor dem (Melden) ist übrigens eine strafbewehrte Äusserung und nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Nur mal zur Info

  2. Natürlich können wir eine Führungsrolle\Vorbildfunktion einnehmen wenn wir das wollen. Um den Willen sichtbar zu machen braucht es politischen Druck hin auf eine Veränderung. Konstanten politischen Druck. Ansonsten wird sich auch nichts ändern. Was nicht heisst das wir nicht auch mit unseren europäischen Nachbarn reden sollten.

  3. „moralische Führungsrolle“ Deutschlands. Es gebe schließlich „richtige und falsche Wege“

    Die Welt braucht weder Deutschland noch die USA, sondern Bürger, die sich nicht anschmieren lassen.
    Wie es klingt, wenn Deutschland von Führungsrollen träumt, konnte man kürzlich in München auf der Sicherheits-Konferenz: Der Gauckismus wurde in die Welt gesprochen.
    Der Snowden ist ja ein lieber Kerl, aber was er da von sich gibt bezeichnet man im angelsächsischen Sprachraum als Bullshit. Der Idealist sollte mal einen Schluck Skeptizismus zu sich nehmen.
    Im Übrigen, wer sitzt denn noch immer auf Snowdens Dokumenten und rückt diese nicht heraus? Die Netzgemeinde sollte sich mal aufraffen und die Zensur bekämpfen. Wir sollten uns nicht artig für die ranzigen Salamistückchen bedanken, sondern endlich nach der ganzen Wurst greifen.

  4. Mit anderen Worten: Mit der Selektorenliste könnte man dann auch die Massenüberwachung belegen. Und deshalb dürfen wir – nicht einmal geheimhaltungspflichte Parlamentarier – diese nicht sehen. Nehmen wir also getrost an, dass es den ‚Selektor‘ „all“ oder „*“ gibt.

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