Die Böhmermann-Debatte zum Urheberrecht: Eine kurze Rundschau [Update]

Die von Jan Böhmermann losgetretene Debatte rund um die Abmahnung der Verbreitung urheberrechtlich geschützter Fotos auf Twitter geht auch eine Woche nach Böhmermanns erstem Tweet zur Causa munter weiter. Eine kurze Zusammenschau von Beiträgen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Dirk von Gehlen, der als einer der ersten Verständnis für Böhmermanns Position geäußert hatte, verbloggte einen Nachtrag:

Mir reicht es nicht zu sagen: Böhmermann muss sich an das Urheberrecht halten. Das stellt niemand in Frage. Ich frage mich: Warum halten sich so wenige Menschen dran? Vielleicht weil das Gesetz sich immer weiter von der Lebensrealität der Menschen entfernt hat. Wenn das Gesetz darauf nicht reagiert, wird seine Legitimation immer weiter schwinden – sehr zum Schaden der Urheber und Verwerter. Wenn wir diesen abwenden wollen, müssen wir also über eine Reform des Urheberrechts sprechen.

Böhmermann selbst veröffentlichte einen gemeinsam mit seinem Sidekick William Cohn realisierten Remix des anlassgebenden Fotos auf Twitter und Facebook:

Der Fotograf, der Böhmermann und andere für die Twitter-Nutzung seines Werkes abmahnen hatte lassen, erzählte seine „Geschichte zum Thema Urheberrecht im Internet“ in Form eines Gastbeitrags bei kwerfeldein und schloss mit einem Frageblock:

Nun steht mein Name dort in der Öffentlichkeit am Pranger; ich habe nichts falsch gemacht, bin aber der Arsch. Auf Twitter, auf Facebook, im halben Internet bin ich die „Kapitalistendrecksau“. […] Zuletzt bleiben für mich nur noch offene Fragen: Woher kommt dieser Hass gegen mich? Wieso sagt oder tut das ZDF nichts gegen seinen Mitarbeiter? Wer hat hier eigentlich einen Grund, sich aufzuregen? Die Internetnutzer, der Fernsehmoderator Herr Böhmermann, der ungefragt mein Bild verwendet und mich anschließend an den Pranger stellt oder ich, dessen Rechte im Laufe der Zeit nicht nur dieses eine Mal verletzt wurden?

Auf diese Fragen antwortete Jan Böhmermann ausführlich in Form eines Kommentars und thematisiert dabei u.a. die Verhältnismäßigkeit der bestehenden Rechtslage:

Ich bezweifle übrigens generell, dass das Posten eines Fotos bei Twitter mit den gleichen Maßstäben zu behandeln ist, als hätte eine kommerzielle Print-Publikation ein Foto von Ihnen ohne zu zahlen und zu fragen abgedruckt und vervielfältigt. Natürlich können Sie meinem Account eine gewisse Publikationsnähe unterstellen, die 150.000 Follower, die Tatsache, dass ich in der Öffentlichkeit arbeite, aber wenn das Ihre Rechtsposition ist, wieso mahnen Sie dann Privatpersonen in der selben Höhe ab, bei denen all diese Faktoren nicht gegeben sind?

Blogger Robert Basic hat das PR-Spiel im Allgemeinen bzw. jenes von Böhmermann im Besonderen durchschaut:

Er macht eine Nummer draus, was ein Vollprofi nun einmal eben tun würde. Der zwar keinen Blassen vom Urheberrecht, aber durchaus ein Gespür für die Massen-PR hat. […] Als Blogger kenne ich dieses banale Spiel, wie man kleine Internetmassen simpel bewegen kann. Schön zu sehen, dass es funktioniert:)

„Unlogisch“ findet Felix Schwenzel die Rechtfertigung des abmahnenden Fotografen in einem Beitrag auf seinem Blog wirres.net:

eigenartig finde ich auch den wiederholten hinweis des fotografen, dass er sich im rahmen des gesetzes bewege und gar nicht verstehe, warum sich da jemand drüber aufregt oder ärgert. ich finde das doppelt erstaunlich, weil der fotograf unter anderem sehr tolle (keine ironie) fotos für greenpeace gemacht hat. greenpeace beschäftigt qua satzung damit, konzerne oder organisationen „anzuprangern“ die in der regel nichts anderes machen, als sich an gesetze zu halten. beispielsweise hielt sich shell vor einigen jahren mit der geplanten versenkung der brent spar auch an alle geltenden gesetze. so wie der fotograf jetzt sagt: „ich habe nichts falsch gemacht“, hat auch shell (anfangs) argumentiert: die versenkung der ölplattform entspreche geltendem recht, wurde jahrelang auf alternativen geprüft und war von den britischen behörden genehmigt.

Am Ende seines Beitrags weist Schwenzel noch darauf hin, dass er in seinem Beitrag mit dem Posten des Bilds von Jan Böhmermann und William Cohn auch eine Urheberrechtsverletzung begangen habe: „egal ob vollprofi, als freier mitarbeiter beim ZDF oder RBB, als hobby-blogger mit kommerziellen einspregseln: in urheberrechtliche fallen tappen wir alle, immer wieder“.

[Update, 30.01.2015, 12:10 Uhr] Mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann veröffentlichte ein weiterer prominenter Twitterer seinen Abmahnung Schriftverkehr das Foto betreffend:

Jan Böhmermann meldete sich nochmal via Facebook zu Wort und entschuldigt sich für die Nennung des Namens des abmahnenden Fotografen:

Dass ich den Namen des abmahnenden Fotografen bei Twitter veröffentlicht habe, war allerdings ebenso unverhältnismäßig. Das bringt die Debatte nicht weiter und war wirklich nicht sehr schlau. Sorry for that!

Und schließlich gibt es einen dritten Beitrag von Dirk von Gehlen zur Debatte, an dessen Ende er noch einmal betont, was eigentlich selbstverständlich sein sollte:

Es scheint übrigens geboten, darauf hinzuweisen, dass eine Auseinandersetzung über eine Reform des Urheberrechts nicht auf dem Rücken des Fotografen Martin Langer geführt werden sollte. Ihn anzugehen oder zu bedrohen, ist Schwachsinn!

[/Update]

Der Vollständigkeit halber sei festgehalten, dass auch dieser Beitrag hier gleich mehrfach das Urheberrecht verletzt. Denn die Zitate der verlinkten Blogeinträge sind nicht durch das sehr restriktive Zitatrecht in seiner bestehenden Form gedeckt: mein eigener Beitrag ist im Verhältnis zu den Zitaten zu kurz und die Zitate erfüllen vor allem eine illustrative und nicht die geforderte Belegfunktion. Was dagegen helfen würde? Eine Flexibilisierung des Zitatrechts oder noch besser eine offene Schranke nach Vorbild des US-Fair-Use.

75 Kommentare
    • Thomas Kuhn 30. Jan 2015 @ 13:25
      • Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 12:16
  1. Felix aus Frankfurt 30. Jan 2015 @ 12:09
      • Achim Duwentäster 30. Jan 2015 @ 16:29
      • Achim Duwentäster 30. Jan 2015 @ 16:56
      • Achim Duwentäster 30. Jan 2015 @ 17:02
      • Achim Duwentäster 30. Jan 2015 @ 23:13
      • Achim Duwentäster 30. Jan 2015 @ 23:20
    • Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 12:26
    • Felix aus Frankfurt 30. Jan 2015 @ 12:44
      • Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 13:19
    • Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 12:39
    • Felix aus Frankfurt 30. Jan 2015 @ 13:00
    • Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 13:24
      • Thomas Kuhn 30. Jan 2015 @ 13:39
    • Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 13:22
      • Achim Duwentäster 30. Jan 2015 @ 16:19
    • Volker Rieck 31. Jan 2015 @ 16:17
    • Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 15:43
      • Ganzwichtig 30. Jan 2015 @ 22:03
      • steno RT kaluba 31. Jan 2015 @ 21:27
  2. Marcus Cyron 30. Jan 2015 @ 15:44
    • Thomas Siedler 1. Feb 2015 @ 14:57
  3. Thomas Siedler 1. Feb 2015 @ 14:54
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