Der Talk von Laura Poitras und Jacob Appelbaum beginnt mit einem Videoausschnitt der Hackerkonferenz DEF CON 2012. Der damalige NSA-Chef Keith Alexander betritt die Bühne und beteuert, dass die NSA weder Akten über Amerikaner anlegt, noch Millionen oder hunderte Millionen Dossiers von Menschen erstellt. Während er dies behauptet poppen für Milisekunden immer wieder die von Edward Snowden geleakten NSA-Folien auf – und belegen die dreisten Lügen von Alexander.
Doch auch der restliche Talk hat es in sich. Parallel zum Talk wurden zwei Artikel auf SPON veröffentlicht, die sich mit dem Vortrag überschneiden und neue Dokumente aus dem Fundus von Edward Snowden enthalten.
Todeslisten
Ein weiteres Video: Ein ehemaliger Guantanamo-Gefangener kommt zurück zu seiner Familie. Er ist tot. Sein Sohn, sein Onkel und weitere Familienangehörige nehmen ihn in Empfang. Auf der Leichentasche steht keine Name. Nur eine Nummer.
Die Entmenschlichung und Rechtsstaatsferne, wenn nicht gar Rechtlosigkeit, im sogenannten Krieg gegen den Terror schockiert ein weiteres mal.
Ebenfalls mit Nummern arbeitet eine Todesliste der NATO, die der Spiegel veröffentlicht hat. Auch hier wird durchnummeriert und aufgelistet, für wen der Tod durch Exekution entschieden wurde. Ohne Anklage, ohne Verteidigung, ohne Beweise. Doch die Entscheidung trifft nicht nur die Menschen auf der Todesliste selbst, sondern auch Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren, die verwechselt wurden, die von Schüssen oder Raketen getroffen werden, die daneben gingen. Einkalkulierter Kollateralschaden!
„Als Faustregel galt, dass der Isaf-Kommandeur in Kabul bei einem geschätzten Kollateralschaden von bis zu zehn Zivilisten entscheidet, ob das Ziel das Risiko rechtfertigt“, zitiert der Spiegel einen Isaf-Offizier, der jahrelang mit den Listen gearbeitet hat.
Crypto is dead, long live crypto!
Nachdem die NSA und GCHQ Entschlüsselungsprojekte Bullrun und Edgehill vor über einem Jahr veröffentlicht wurden, legen Laura Poitras und Jacob Appelbaum mit weiteren Snowden-Dokumenten nach:
Auf internen Folien stellt die NSA spezielle Programme vor, die VPN, insbesondere IPsec und PPTP, SSL/TLS (damit auch OpenVPN) und SSH knacken können. Mit SSL/TLS machen sie das im großen Stil: Ende 2012 hatte die NSA vor rund 10 Millionen SSL/TLS verschlüsselte Verbindungen zu knacken – pro Tag!
Unter welchen Bedingungen die NSA die betroffenen Verschlüsselungsprotokolle knacken kann, bleibt weiter unklar. Auch welche Implementierungen und welche Verschlüsselungsstandards betroffen sind geht aus den Folien nicht hervor. Klar wird aus ihnen allerdings, dass die NSA sich die Handshakes, also den Austausch der Schlüssel, besonders genau anschaut und sowohl diese, als auch nicht gebrochene verschlüsselte Inhalte für später abspeichert.

Laut einer Präsentation auf der Sigdev-Konferenz bekommt die NSA selbst bei ihren „Highest Priority“-Zielen einen Großteil der Kommunikation nicht mit, wenn die Chatverschlüsselungssoftware OTR, der Anonymisierungsdienst Tor, zoho.com-Webmail oder die Verschlüsselungssoftware TrueCrypt* zum Einsatz kommt. Außerdem werden Smartphones genannt – unklar bleibt, was damit gemeint ist.
Als katastrophal bezeichnet es die NSA, wenn verschiedene Anonymisierungs- und Verschlüsselungsprogramme kombiniert werden. Die Kommunikation des Ziels entziehe sich der NSA dadurch nahezu komplett. Als Beispiel-Kombination wird von der NSA Tor in Kombination mit den anonymen Services der Trilight Zone, dem Chat Cspace und mit ZRTP verschlüsselte Internettelefonie genannt. Auf einer weiteren Folie wird die anonyme Live-Distribution Tails von der NSA als Problem angesehen. Jacob Appelbaum empfiehlt zusätzlich Redphone und Signal von Open Whispersystems.
Die beiden besten Nachrichten die man aus den Folien ziehen kann betreffen die E‑Mailverschlüsselungssoftware GnuPG und die Chatverschlüsselung OTR – beide können von der NSA nicht geknackt werden! Sie sind der Teil der sicheren Infrastruktur die uns noch verbleibt.

Kombiniert mit den Tools von oben, kann man also tatsächlich noch ein kleines Stück Privatsphäre im Internet haben. Aber die Crypto-Wars sind noch lange nicht vorbei!
Der komplette Talk via media.ccc.de:
Das Video direkt auf media.ccc.de oder mit Tracking bei Youtube.
Der Ankündigungstext:
Reconstructing narratives
transparency in the service of justiceSurveillance, cryptography, terrorism, malware, economic espionage, assassination, interventions, intelligence services, political prisoners, policing, transparency, justice and you.
Structural processes and roles are designed to create specific outcomes for groups. Externally facing narratives are often only one of many and they seek to create specific outcomes by shaping discourse. We will cover a wide range of popular narratives surrounding the so-called Surveillance State. We intend to discuss specific historical contexts as well as revealing new information as part of a longer term research project.
* Die Entwicklung von TrueCrypt wurde eingestellt. TrueCrypt sollte nicht mehr eingesetzt werden.
