Im August hatten wir berichtet, dass der Trojaner-Hersteller FinFisher gehackt wurde und 40 Gigabyte Daten an die Öffentlichkeit gelangten. Darunter waren auch drei Videos, in denen die Firma die Ausnutzung von Sicherheitslücken in gängigen Software-Typen präsentierte. Die hatten wir auf unseren YouTube-Account geladen und in unsere Berichterstattung eingebunden.
Vor zwei Wochen haben wir eine Mail von YouTube erhalten, dass diese Videos gesperrt wurden, weil sie irgendein Copyright von Microsoft verletzen sollen:
Due to a copyright takedown notice that we received, we had to take down the following videos from YouTube:
Video title: FinSploit Sales: Windows 7 SP1 – Browsers Exploit
Takedown issued by: Microsoft CorporationVideo title: FinSploit Sales: Windows 7 SP1 – Microsoft Office 2010 DOC XLS Exploits
Takedown issued by: Microsoft CorporationVideo title: FinSploit Sales: Windows 7 SP1 – Acrobat Reader PDF Exploit
Takedown issued by: Microsoft CorporationThis means that your video can no longer be played on YouTube, and you may have lost access to some features of YouTube.
Nun sind massenhafte Takedowns aufgrund von Algorithmen nichts neues, wir berichten regelmäßig über die Privatisierung der Rechtsdurchsetzung und Googles System Content ID.
Auf YouTube hochgeladene Videos werden geprüft und mit einer Datenbank verglichen, in der Dateien gespeichert sind, die von Rechteinhabern an uns übermittelt wurden. Urheberrechtsinhaber entscheiden darüber, was geschieht, wenn Inhalte in einem Video auf YouTube mit einem ihrer eigenen Werke übereinstimmen.
Die Wikipedia weiß:
Vonseiten vieler YouTube-Benutzer wird das Content-ID-System heftig kritisiert; die Algorithmen erkennen häufig auch legal hochgeladene und monetarisierte Videos und YouTube prüft nicht ob der Uploader der Referenzdatei tatsächlich der Urheber der Datei ist, was Missbrauch zulässt.
Also haben wir bei Microsoft und Google angefragt:
- Ist das manuell passiert oder hat YouTube Content ID da ausgeschlagen?
- Welche Rechte von Microsoft werden dabei verletzt?
- Haben Sie eine Abwägung getroffen, ob eventuell verletzte Rechte wichtiger sind als die öffentliche Aufklärung über Schadsoftware?
- Haben Sie eine Abwägung getroffen, ob eventuell verletzte Rechte wichtiger sind als unsere Rechte als Presse?
- Wollen Sie diesen Fall nochmal überprüfen und die Videos ggf. wieder freischalten?
Irgendwann im Laufe der letzten zwei Wochen wurden die Videos glücklicherweise wieder freigeschaltet, wahrscheinlich weil wir direkt über die Presseabteilung gegangen sind. Eine Antwort haben wir leider nicht erhalten. Deswegen haben wir gestern nochmal nachgehakt und endlich eine Antwort von Google bekommen:
vielen Dank für Ihre Fragen an Microsoft, die die Kollegen dort an uns weitergegeben haben. Solche Sperrungen erfolgen automatisiert über Content ID – manuelle Überprüfungen wären bei mehr als 100 Stunden Video-Uploads pro Minute auf YouTube nicht zu leisten.
Da die Videos inzwischen freigegeben sind, vermute ich, dass sich Ihre Fragen im Wesentlichen erledigt haben.
Hatten sie natürlich nicht, deswegen haben wie unsere Fragen nochmal gestellt. Ergebnis:
bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu konkreten Einzelfällen nicht äußern können – allgemeine Informationen dazu, wie wir Urheberrechtsfragen auf YouTube klären, finden Sie hier und hier.
Na super. Ein Algorithmus sperrt Inhalte, weil Videos einen Screencast auf Windows beinhalten. Dass Microsoft darauf kein Copyright hat, wird ebenso wenig überprüft, wie die Fragen, ob die Veröffentlichung von der Pressefreiheit gedeckt ist oder ob es Microsoft nicht sogar hilft, über Schadsoftware aufzuklären. Nur weil wir hartnäckig sind und vielleicht sogar bei den zuständigen Stellen bekannt sind, wird der Inhalt wieder freigeschaltet. Eine Erklärung oder sogar Entschuldigung gibt es nicht.
FragDenStaat.de hatte für das Innenministerium ein schönes Wort erfunden: Zensurheberrecht.
