Unser Blog soll schöner werden: Die Redaktion (II)

In einer Artikelserie wollen wir mit unseren Leserinnen und Lesern die Weiterentwicklung dieses Blogs diskutieren. Dies ist Teil II.

platform-berlin-office-openAm Freitag haben wir einige Einblicke gegeben, wer uns hier liest. Aber wer schreibt hier eigentlich? Das war am Anfang einfacher zu beantworten als heute. Ein Vorläufer dieses Blogs entstand 2002/2003 unter derselben Domain. Damals bloggte ich über die Kampagne gegen Softwarepatente auf EU-Ebene und den UN Weltgipfel zur Informationsgesellschaft. Ich wusste damals aber noch nicht, dass ich bloggte, ich dachte, ich CMSte. Mitte 2004 ging dann das jetzige Blog mit Hilfe von WordPress online. Das lief mehr oder weniger parallel zur Gründung meiner Firma newthinking, die damals noch aus dem newthinking store und newthinking communications bestand.

Die erste Zeit trug ich hier alles an interessanten Links zusammen, was ich in den Vorjahren über Mailinglisten verteilt hatte. Meine Intention war, mein Wissen zu teilen und einen Ort für diese Informationen zu schaffen, den es so noch nicht gab. Mit der Zeit konnte ich einige Freunde motivieren, diesen Ort hier ebenfalls dafür zu nutzen, Wissen zu verteilen, Informationen zu aggregieren, Gesetzesprozesse zu analysieren und kritisch zu begleiten um damit einen Knotenpunkt für das Thema zu schaffen und diesen auszubauen. Die ganze Entwicklung läuft seitdem eher nach dem Learning-by-Doing-Prinzip ab. Einfach Knöpfe drücken und schauen, was passiert, wenn man mit neuen Medienformen experimentiert und sich dabei selbst Journalistische Praxis beibringt. Und zum Medium wird, um für eine bessere Netzpolitik und mehr Grundrechte zu werben.

Knapp neun Jahre später ist daraus ein Blog mit rund 12.000 Beiträgen und 135.000 Kommentaren entstanden, was insgesamt von 71 Nutzer-Accounts befüllt wurde. So viele sind zumindest im System angelegt. Einige haben nur einen oder wenige Artikel geschrieben, wenige haben die meisten Artikel verfasst. Bei vielen liegt der letzte (und manchmal erste) Artikel lange zurück, knapp ein Dutzend schreiben momentan mehr oder weniger regelmäßig. Dabei besteht die „feste Redaktion“ eigentlich nur aus zwei Personen: Andre Meister ist der einzige Festangestellte Redakteur mit einer 30 Stunden Stelle und mich gibt’s immer noch. Der Rest schreibt, wann sie oder er Zeit und Lust haben.

Wie wird man Redakteur?

workspace-berlin-office-open71 Personen können hier bloggen. Die wenigsten machen davon leider Gebrauch. Das liegt mitunter daran, dass sie sich mittlerweile mit ganz anderen Dingen beruflich und privat beschäftigen und/oder keine Zeit oder Lust mehr zum bloggen haben. Einen Schreibzugang haben im Laufe der Zeit nur Personen erhalten, zu denen ich/später wir ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Das kam in der Regel dadurch zustande, dass man gemeinsam seit längerem in den unterschiedlichsten netzpolitischen Zusammenhängen gearbeitet hat und einen gemeinsamen Wertekonsens besitzt. Dabei sind uns Sachen wie Parteizugehörigkeit, Geschlecht, Alter oder sonstiges herzlich egal. Hauptsache, wir können einer Person vertrauen, dass sie argumentieren und ihren Standpunkt vertreten kann, Fachwissen und Engagement mitbringt und ihr Bürgerrechte am Herzen liegen. Das muss nicht meiner Meinung entsprechen. Ich behalte mir auch immer das Recht vor, eine Gegenmeinung zu bloggen, was ich aber bisher wohl erst eine handvoll Mal gemacht habe. Im übrigen hat dieses Recht natürlich auch jede andere Person mit Schreibzugang.

Die einzige Regel ist: Blogge nichts, was ich nicht auch bloggen würde. Gemeint sind damit keine Beleidigungen, keine falschen Tatsachenbehauptungen und bei eher riskanten Sachen kontaktieren wir einfach einen Juristen vor dem Posten und nicht erst hinterher. Damit sind wir bisher sehr gut gefahren. Ich erinnere mich nur noch dunkel an ganz wenige Einzelfälle, wo wir auch mal ein Posting runter genommen haben. Wobei das auch so lange her ist, dass ich das nicht mehr ganz rekonstruieren kann.

Die Redaktion funktioniert weitgehend selbstorganisiert. Wer Lust und Zeit hat, schreibt einfach. Außenstehende, vor allem solche mit journalistischem Hintergrund, können manchmal nicht verstehen, dass das so funktionieren kann – tut es aber. Natürlich haben Einzelne ihre Spezialthemen, wo sie Experten sind und wozu es dann mehr oder längere Artikel gibt. Andere sind Allrounder und können zu Vielem schreiben. Aber wir arbeiten (zumindest noch) nicht mit Redaktionsplänen und hier muss auch niemand sein Soll erfüllen, wie man das vielleicht aus dem redaktionellem Alltag eines Mediums kennt. Manchmal kommt es vor, dass zwei gerade am selben Thema sitzen, aber das fällt spätestens auf, wenn beide auf Veröffentlichen geklickt haben. Und dann schauen wir, welcher Artikel besser ist.

Wie viele lesen uns?

Wie viele uns hier lesen ist bei uns zu einem Running Gag geworden. Wir wissen es einfach nicht. Früher gab es mal genauere Statistiken, aber seitdem wir mal vor bald zwei Jahren Werbung und IVW-Zählpixel eingeführt haben, wird nur noch getrackt, wie oft Werbung eingeblendet wird. Und das ist nicht soviel, wie hier mitlesen. Weil viele den vollen RSS-Feed lesen. Und wohl noch mehr mit Anti-Tracking-Tools und/oder Werbeblockern ausgestattet sind. Wahrscheinlich gibt es nur wenige redaktionelle Angebote mit mehr Leserinnen und Lesern, die Anti-Tracking-Tools nutzen. Wir sind aber auch nicht unfroh darüber, nicht genau zu wissen, wie viele uns lesen. Uns reicht zu wissen, dass ausreichend Menschen uns lesen, so dass es motiviert, hier viel Zeit und Energie reinzustecken. Ohne Quotendenken bloggen zu müssen, befreit ungemein. Man muss nicht ständig über Apple, Google oder Piraten bloggen, nur weil man weiß, dass das Klicks bringt. Und man muss auch nicht jede Geschichte bringen, die gerade per RSS oder Twitter vorbei rauscht und bei der man weiß, sie bringt zwar Klicks, ist aber eigentlich unrelevant und macht auch keinen Spaß. Aber man kann, wenn man gerade Zeit und Lust dazu hat. Wobei wir aber gerne mehr Artikel zu relevanten Themen publizieren würden.

Wir schwanken im Moment auch noch zwischen dem Anspruch, möglichst alles zu berichten, was rund um Netzpolitik relevant ist (Schaffen wir momentan aber redaktionell und vom Design nicht) und dem Anspruch, möglichst viel selbst recherchiert und redaktionell aufwändig zu bloggen. Dazu aber mehr in einem Extraposting.

Mehr Arbeit als es aussieht

working-area-berlin-office-openIm Hintergrund passiert auch viel mehr als es nach außen aussieht. Die meiste Zeit besteht darin, zu lesen, Nachrichtenströme und Diskussionen zu verfolgen und auf dem Laufenden zu sein, was gerade wo und wie passiert. Sehr oft geht man Sachen nach, wo sich dann irgendwann im Verlauf der Recherche herausstellt, dass das keinen Artikel wert ist. Dann sind wir mittlerweile auch zu einer Anlaufstelle für viele rund um netzpolitische Fragen geworden. Das sind Journalisten, Politiker und Organisationen, aber auch immer mehr Bürgerinnen und Büger wenden sich mit Fragen an uns. Viele davon beantworten wir auch. Wenn wir Journalisten Fragen beantworten, helfen wir dabei, dass das Thema bekannter wird, mehr in die Breite geht und mehr Menschen erreicht. Das kostet natürlich Zeit. Aber dieses quasi über Bande bloggen hilft uns ja auch meist bei unserem Ziel, dass es eine bessere Netzpolitik und bessere Rahmenbedingungen für ein offenes Netz geben sollte.

Netzwerken braucht auch viel Zeit. Also das Austauschen mit anderen Menschen, online, offline oder am Telefon. Das Besuchen von Konferenzen, Anhörungen im Bundestag, das Verfolgen von Live-Streams aus dem Europaparlament oder sonstigen Koordinierungs- und Vernetzungstreffen aller Art. Aber all das hilft, dass wir hier gute Artikel, Analysen oder Hintergrundberichte schreiben und uns in gesellschaftliche Debatten einmischen und dazu einen Service bieten können, den wir auch selbst gerne in Anspruch nehmen würden. Ich glaube, das beschreibt am ehesten die Gesamtmotivation hinter diesem Blog.

Das Verhältnis zu newthinking

schematic-explaining-newthinking-berlin-office-openWie ich oben schon schrieb: Dieses Blog wäre nicht möglich, ohne das Unternehmen dahinter (zu erwähnen). Vor bald zehn Jahren habe ich zusammen mit Andreas Gebhard newthinking gegründet, beides ist zusammen gewachsen und wird vor allem durch meine Person verbunden. Der Großteil der hier Schreibenden hat nichts mit newthinking zu tun, ebenso wie der Großteil der newthinking-Mitarbeiter hier nichts bloggt. Mit der Zeit war auch klar, dass ich den Spagat zwischen Beratung, Projektmanagement und Kundenbetreuung auf der einen Seite und journalistischer netzpolitischer Arbeit auf der anderen Seite alleine schon zeitlich nicht schaffe, weil das hier immer mehr zu einem Vollzeitjob wurde. So habe ich mich immer mehr auf netzpolitik.org konzentriert, weil hier mein Herz drin steckt. Ohne newthinking im Hintergrund und ohne die Querfinanzierung hätte ich nicht die Zeit dafür gefunden. Hinzu kommt, dass wir sowohl auf die Systemadministration als auch Buchhaltung, Räume und Bürobedarf auf Ressourcen zurückgreifen können, die man als einzelner Blogger nicht hätte.

Das hat auch Vorteile für newthinking gebracht. Die Entwicklung der re:publica, an der wir neben Spreeblick zu 50% beteiligt sind, wäre ohne netzpolitik.org nicht denkbar gewesen. Aber sonst gibt es sehr unterschiedliche Interpretationen über den möglichen Mehrwert dieses Blogs für das Unternehmen. Gerne kommt von außen der Vorwurf, wir würden das hier nur machen, um ordentlich Kohle zu verdienen. Dann müsste ich allerdings als Social Media Berater oder dergleichen meine Zeit verkaufen, worauf ich keine Lust habe. In der Binnensicht verbrennen wir Geld: Ich falle weitgehend aus dem Beratungsgeschäft raus, wo wir mit meiner Expertise und Know-How sicher einiges mehr an Geld verdienen könnten. Zuviel politisches Profil ist auch eher hinderlich bei der Neukunden-Aquise und wir haben auch schon größere Förderungen für Projekte wegen meines politischen Engagements explizit nicht erhalten. Mitunter haben wir aber auch gerade deswegen Kunden gewonnen, z.B. im Non-Profit-Sektor. Aber alle Gesellschafter und Mitarbeiter finden digitale Bürgerrechte wichtig und unsere Blog-Arbeit gut und wir finden auch deswegen motivierte Mitarbeiter, wenn wir Jobs ausschreiben, was sicherlich ein Standortvorteil ist. Wie man als Leserinnern und Leser sicher bemerken kann: newthinking taucht hier eher weniger auf, weil wir immer etwas zurückhaltend in der Selbstvermarktung sind. Und wenn wir irgendwo auftauchen, dann auch als Blogger von netzpolitik.org und nicht direkt als Vertriebler mit der Firmen-Visitenkarte winkend, auch wenn ich davon sicherlich monetär mehr hätte. Aber da ist unser Anspruch ein anderer.

Es gibt die Redaktion, die unabhängig agiert und es gibt noch ein Geschäft, das in diesem Fall mit Softwareentwicklung, Eventmanagement und Beratung Geld verdient. Das ist bei vielen Verlagen von Heise bis Springer ähnlich, wenn auch mit anderen Geschäftsfeldern. Nur dass wir als eine Art Community-Projekt mit einer politischem Haltung nochmal ganz anders funktionieren als so eine Redaktion in einem kommerziellen Umfeld.

Und die Digiges?

Seit bald zwei Jahren gibt es auch den Digitale Gesellschaft e. V., was nach außen hin vielleicht manchmal etwas verwirrend ist, weil teilweise dieselben Personen dahinter stecken. Aber nicht nur. Die Hälfte unserer aktiven Redaktion hat mit der Digiges nichts zu tun und ist in anderen zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen aktiv. Die Digiges haben wir mal gestartet, um eine NGO aufzubauen, die sich politisch auch um die Themen kümmert, die sonst eher liegen gelassen werden. Das war zu einer Zeit, wo dieses Blog hier immer mehr als politischer Akteur wahrgenommen wurde und wir mit Anfragen von Politiker und Parteien überhäuft wurden, ihnen als Ansprech- und Diskussionspartner zur Verfügung zu stehen. Wir waren der Meinung, dass dies besser getrennt werden sollte. Also hier die redaktionelle Berichterstattung mit eindeutiger Haltung und journalistischem Anspruch und dort die politische Nichtregierungsorganisation und Kampagnenplattform als einen dedizierten Verein, der im Optimalfall z.B. auch mal unabhängig von mir funktionieren wird. Und wo z.B. auch Menschen einen Job erhalten um z.B. all die politischen Termine wahrzunehmen, zu denen man hin müsste, weil sonst nur die ganzen Lobbyisten mit anderen Positionen hingehen. Es war klar, dass so etwas Aufbauarbeit bedeutet und ich habe vor allem in den letzten 1,5 Jahren eine Menge Freizeit in die Digiges gesteckt und ich hoffe, dass ich bald wieder mehr Zeit für dieses Blog habe.

Wie wird man nun Teil der Redaktion?

meeting-room-berlin-office-open_2Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Wie schon geschrieben, Vertrauen spielt bei uns eine große Rolle. Ein Einstieg kann ein Praktikum sein, um quasi von der Pike aus unsere Strukturen, Arbeits- und Vorgehensweise aber auch Netzwerke kennen zu lernen. Andre Meister hat das z.B. mal vor Jahren gemacht und ist jetzt unser einziger Festangestellter Redakteur. Sein Vorgänger Linus Neumann war auch vorher Praktikant. Andere sprechen wir gezielt an, weil wir sie und ihre Arbeit kennen und uns vorstellen können, dass sie einen Mehrwert beitragen können und selbst auch was davon haben. Dann bekommen wir regelmäßig Anfragen, aber dann wird es schon schwieriger. Wenn wir jemanden nicht persönlich kennen (Und sei es netzpersönlich, also dass man sich zwar noch nie getroffen hat, aber sich trotzde täglich im Netz begegnet), fehlt erstmal das Vertrauensverhältnis. Was aber nicht heißt, dass man sich nicht melden sollte, wenn man unbedingt mitschreiben möchte und sich für qualifiziert fühlt.

Darüberhinaus: Wir freuen uns z.B. über jeden Hinweis auf Themen, Artikel oder Zusatzinformationen, die per Mail, Twitter oder Kommentare zu uns kommen. Auch wenn uns manchmal die Zeit fehlt, alle einzeln zu beantworten.

Mehr zum Thema gibt es dann im dritten Teil dieser Reihe. Dann wird es wieder konkreter.

(Die Bilder stehen unter der CC-BY-ND-Lizenz und stammen von einem Fotoportrait über newthinking der Plattform Wovox).

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