Bewaffnung polizeilicher Drohnen schreitet voran – Neues zum EU-Forschungsprojekt AEROCEPTOR

http://www.dreamstime.com/-image28607083Im Projekt AEROCEPTOR finanziert die EU-Kommission Forschungen zur Nutzung einer Helikopterdrohne („Vertical Takeoff and Landing“, VTOL) zum Einsatz gegen „nicht kooperierende Fahrzeuge“. Gemeint sind Boote oder Kraftfahrzeuge. Ausgerüstet würde die Drohne mit sogenannten „Wirkmitteln“: Sie könnte Netze abwerfen, in denen sich Räder von Fahrzeugen oder Propeller von Booten verwickeln.

Die Rede ist auch von einem „Spezial-Polymerschaumstoff“, der auf der Windschutzscheibe verhärtet und FahrzeuglenkerInnen zum Halten zwingt. Sofern dies nicht weiterhilft, könnten die Fahrzeuge mit „Durchstechen der Reifen“ angehalten werden. Auch eine Störung der Bordelektronik sei denkbar. Allerdings bleibt offen, mit welcher Technik denn die Fahrzeuge gestoppt werden sollen. Möglich wären Störsender („Jammer“), die alle elektrischen Felder in der Umgebung beeinflussen und damit die Bordelektronik der Fahrzeuge lahmlegen. Technisch umsetzbar ist aber auch die komplette Übernahme der Bordelektronik, indem sich die Polizisten über im Fahrzeug verbaute SIM-Karten die Kontrolle verschaffen und den Motor lahmlegen.

Das Akronym AEROCEPTOR kann als „Unterbrechung aus der Luft“ interpretiert werden. Als Adressat wird der Kampf gegen „organisierte Kriminalität“ angeführt. Dabei geht es wohl um Fahrzeuge, in denen unerwünschte Migranten oder Drogen geschmuggelt würden. Laut der Projektbeschreibung seien derartige Maßnahmen immer mehr erforderlich. Als „Endnutzer“ gehören die Innenministerien Israels und Spaniens zu AEROCEPTOR.

Das Projekt ist brisant, denn erstmals geht es bei der polizeilichen Nutzung von Drohnen nicht mehr nur um Überwachung. Die Gesamtkosten werden auf 4,8 Millionen Euro taxiert. Die Generaldirektion „Unternehmen und Industrie“ der EU-Kommission übernimmt davon rund zwei Drittel, der Rest wird von den beteiligten Projektpartnern aus der Rüstungsindustrie, Innenministerien und Instituten übernommen.

Nun hat die EU-Kommission auf eine weitere Nachfrage der Europaabgeordneten Sabine Lösing geantwortet. Zu den neuen Details gehört die Information, dass wohl Helikopterdrohnen des Typs „Yamaha Rmax“ genutzt werden. Laut der Kommission gehörten diese einem der Mitglieder des AEROCEPTOR-Konsortiums.

Gemeint ist wohl das französische Forschungslabor Onera, das 2005 zwei der Yamaha-Drohnen für umfangreiche Forschungen beschafft hatte. Bislang ging es dort aber lediglich um das Flugverhalten, für die neuen EU-Forschungen wird Onera mit 200.000 Euro entschädigt.

Im Sommer 2015 sollen in AEROCEPTOR erste Testflüge stattfinden. An welchem Ort ist noch nicht klar, allerdings sollen sie entweder in Frankreich an einem Standort der Onera oder in Spanien beim Institut INTA stattfinden, das mit der Leitung des Gesamtprojekts betraut ist. Zu den weiteren Partnern gehören der israelische Drohnenhersteller IAI oder die polnische Firma PIAP, die bereits im Auftrag der EU-Grenzschutzagentur FRONTEX als Prototypen zwei Landroboter für die Grenzüberwachung gebaut hatte.

Eine weiterer Teilnehmer von AEROCEPTOR ist die französische Firma Etienne Lacroix, die auf Pyrotechnik spezialisiert ist. Zum Portfolio der Firma gehören Leuchtraketen ebenso wie Blendschockgranaten, Sound-Granaten oder der Einsatz von Rauch und Gas. Die Technik erinnert an frühe Gerüchte angesichts der Einführung von Mikrodrohnen für polizeiliche Zwecke. Damals hieß es, Drehflügler-Drohnen könnten womöglich mit Elektroschock-Pistolen oder grellen Lichteffekten bestückt werden.

Bundespolizei betreibt seit Jahren ähnliche Tests

Ähnlich wie die französische Onera führte die Bundespolizei auf der Ostsee Tests mit Helokopter-Drohnen durch, genutzt wurde der Flugroboter „NEO S-300“ des Schweizer Herstellers Swiss-UAV. Wie der „Yamaha Rmax“ kann der „NEO S-300“ rund 30 Kilogramm Nutzlast befördern. Die Bundespolizei bereitet gerade weitere Flüge vor, diesmal auf der Nordsee. Geplant ist eine deutsche Machbarkeitsstudie zu „maritimen Überwachungsmissionen“.

Das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist über ein Konsortium mit seinem niederländischen Pendant an einem weiteren Projekt zur Integration von Drohnen beteiligt. Geflogen wird dort eine „Heron“ des israelischen Herstellers Israel Aerospace Industries (IAI), im Frühjahr fand erstmals ein Flug im spanischen zivilen Luftraum statt. Gleichwohl erklärt die Bundesregierung, keines ihrer Bundesministerien würde derzeit Drohnen mit einer Abflugmasse über 25 Kilogramm nutzen oder erproben.

In Spanien haben sich mittlerweile zwei standorte zu Drohnen-Teststrecken gemausert: Die „Heron“ wird von einem Flugplatz nahe der Stadt Murcia geflogen. In Matacán bei Salamanca unterhält das Militär eine weitere Einrichtung, von wo umfangreiche Tesatflüge von Drohnen verschiedener Hersteller ausgeführt werden. Zu den Partnern gehört auch EADS. In Matacán führt die spanische Luftwaffe inzwischen Schulungen durch, in denen sich Interessierte zu zertifizierten Drohnen-PilotInnen ausbilden lassen können. Das Luftfahrtgesetz wurde hierzu in den letzten Jahren mehrfach geändert.

In zahlreichen anderen Forschungsprojekten der EU, aber auch der Bundesregierung wird die zivile Nutzung von Drohnen vorangetrieben. In Dutzenden Vorhaben profitieren vor allem Rüstungskonzerne. Häufig begünstigte Zuwendungsnehmer sind die Firmen EADS, EADS Cassidian, EADS Astrium, Diehl BGT Defence GmbH & Co. KG, EMT Ingenieurgesellschaft Dipl.-Ing. Hartmut Euer mbH, Elektroniksystem und Logistik GmbH (ESG), Industrieanlagen Betriebsgesellschaft mbH (IABG), Carl Zeiss Optronics GmbH, OHB Systems GmbH, Atlas Elektronik GmbH, Rheinmetall Defence, die Universität der Bundeswehr in München sowie etliche weitere Universitäten.

Seitens anderer beteiligter Einrichtungen finden sich vor allem die DFS Deutsche Flugsicherung GmbH, der deutsch-niederländische Zusammenschluss AT-One und das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR), das als Knotenpunkt zu internationalen Forschungen fungiert und entsprechende Ergebnisse in nationale Vorhaben einbringt.

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