Überwachung

DLR experimentiert mit israelischen „Heron“-Drohnen für Grenzsicherung der Bundespolizei

Die Bundespolizei soll demnächst größere Drohnen über der Nord- und Ostsee einsetzen. Das ist das Ziel des Forschungsprojekts „Demonstration of Satellites Enabling the Insertion of Remotely Piloted Aircraft Systems in Europe“ (Desire) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das Institut arbeitet hierfür mit der spanischen Küstenwache zusammen, die seit über 10 Jahren das Grenzüberwachungssystem „Sistema Integrado de Vigilancia Exterior“ (SIVE) betreibt. SIVE stützt sich neben Satellitenaufklärung auch auf Radar und Drohnen. Industriepartner sind die Rüstungskonzerne Thales und INDRA, die Komplettsysteme zur satellitengestützten Grenzüberwachung produzieren. Das DLR plant ab Sommer 2013 umfangreiche „unbemannte Erkundungsflüge“ rund um die südspanische Stadt Murcia und über dem Mittelmeer. Jetzt meldet das deutsche Institut den erfolgreichen Abschluss von virtuellen Testläufen. Diese sind verpflichtend, bevor die spanischen Luftfahrtbehörden dem Projektkonsortium die Genehmigung eines Erstflugs erteilen. Geflogen wird dann mit einer „Heron“-Drohne des israelischen Herstellers Israel Aerospace Industries (IAI), die auch von der Bundeswehr eingesetzt wird.

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„Desire“ ist eigentlich ein Vorhaben der European Space Agency (ESA). Ziel ist die erfolgreiche Einbindung von Drohnen in den allgemeinen zivilen Luftraum. Bislang ist dies nur für kleinere Drohnen, etwa sogenannte „Quadrocopter“ gestattet. Voraussetzungen hierfür sind das Fliegen auf Sichtkontakt und weit weg von der zivilen Luftfahrt. Der autonome Flug per GPS ist in Deutschland nicht gestattet. Größtes Hindernis für die Integration größerer Drohnen in den regulären Flugverkehr ist das in der Luft- und Seefahrt geltende Prinzip „See and avoid“, wonach kleinere Fahrzeuge größeren ausweichen müssen. Bei „Desire“ wird dies durch „satellitengestützte Führung“ umgesetzt. Probleme bereiten dabei die Zeitverzögerung in der Signalübertragung per Satellit oder die Entwicklung von Verfahren, die einen sicheren Flug auch bei Unterbrechung der Funkverbindung gewährleisten.

Zur Simulation in Spanien reiste seitens der Bundespolizei der Referatsleiter Achim Friedl an. Friedl ist beim Bundesministerium des Innern zuständig für Technik und Logistik. Bislang verwaltet sein Ressort lediglich vier kleinere, batteriebetriebene Drohnen: Zwei Senkrechtstarter „FanCopter“ und eine „abbildende luftgestützte Aufklärungsdrohne im Nächstbereich“ (ALADIN). Beide werden von der Firma EMT in Penzberg gefertigt. Bezüglich der größeren Drohnen, mit den die Bundespolizei jetzt liebäugelt, könnte es sich um Typen wie die LUNA handeln, die ebenfalls von EMT verkauft wird. Sie verfügt über eine Flugdauer von bis zu 8 Stunden und wird seit 12 Jahren vom Militär eingesetzt, darunter im Kosovo, in Mazedonien und Afghanistan. Wahrscheinlicher ist aber, dass entsprechende Forschungen Drohnen der Klasse „Medium Altitude Long Endurance“ (MALE) im Blick haben, zu denen auch die israelische „Heron“ oder die US-amerikanische „Predator“ gehört.

Die Forschungen von „Desire“ sollen bei Auslandseinsätzen genutzt werden. Denn das DLR bringt dessen Ergebnisse in das Vorhaben „Forschung und Entwicklung für die Maritime Sicherheit und entsprechende Echtzeitdienste“ ein, das von zwei Bundesministerien und vier Bundesländern mit 70 Millionen Euro gefördert wird. Die Projektwebseite nennt als Szenario die „Bekämpfung von Piraterie“. Als zukünftige Nutzer gelten das Technische Hilfswerk und die Bundespolizei. Stefan Zoller, Vorstandsvorsitzender der EADS-Rüstungssparte Cassidian, lobt den Nutzen der zivilen Forschung auch für das Militär: Es würde „in Zukunft kaum ein UAV geben, das nur für militärische oder nur für zivile Anwendungen eingesetzt wird“. Aufgrund ihrer Fähigkeiten könnten diese „Missionen auf beiden Gebieten abdecken“.

„Desire“ stellt aber auch auf die Aufrüstung der Aufklärungsfähigkeiten des EU-Grenzüberwachungssystems EUROSUR ab, das ab nächstem Jahr in Betrieb geht. In EUROSUR werden bereits existierende, multilaterale Überwachunssysteme zusammengeschaltet. Hierzu gehört die „Baltic Sea Region Border Control Cooperation“ (BSRBCC) zur Grenzsicherung auf der Ostsee. An die Plattform sind Polizei-, Zoll- und Grenzbehörden aller Ostsseeanrainer angeschlossen, darunter auch der deutschen Bundespolizei. In einer Mitteilung der EU-Kommission werden auf mehreren Ebenen Forschungsvorhaben zum Einsatz von Drohnen in EUROSUR angeregt:

Gezielte Forschung und Entwicklung, um die Leistungsfähigkeit von Überwachungsinstrumenten und Sensoren (wie Satelliten, unbemannte Luftfahrzeuge / UAVs) zu steigern und die gemeinsame Anwendung von Überwachungsinstrumenten zu fördern. Durch die Kombination nachrichtendienstlicher Erkenntnisse mit Informationen, die aus Überwachungsinstrumenten gewonnen werden, könnte ein gemeinsames Informationsbilds des Grenzvorbereichs entwickelt werden.

Dass deutsche Polizeien auf „größere Systeme“ unbemannter Luftfahrzeuge schielen, wurde im März auf einer Tagung der Drohnen-Lobby in Berlin deutlich. Zutritt hatten nur geladene Gäste aus Industrie, Politik und Verwaltung. Die Eröffnungsrede sollte der Staatssekretär des Bundesinnenministeriums Ole Schröder halten. Weil dieser verhindert war, las der Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Klaus-Dieter Scheurle dessen Traktat vor. Demnach würden die kleinen Geräte seit Jahren bei Erpressungen ebenso wie zur Sicherung von Bahnanlagen erfolgreich genutzt. In mindestens einem Fall hätten die fliegenden Kameras bei einem Diebstahl von Kupferkabel zu Festnahmen geführt. Ob es sich dabei um die tatsächlichen Täter gehandelt hatte, ließ der Staatssekretär aber offen. Auch zur Bekämpfung unerwünschter Migration werden die kleinen Drohnen eingesetzt.

Allerdings seien die verwendeten „Miniaturkameras“ für polizeiliche Zwecke nur noch bedingt geeignet. Deshalb forderte Scheurle, Drohnen der nächsten Generation müssten hochauflösende, schwere Kameras tragen. Außerdem sollten sie allerorten in Deutschland sofort verfügbar sein, um im Bedarfsfall sofort Bilder liefern zu können. Ähnliches gilt für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): Dort wünscht man sich Drohnen zum Einsatz bei Waldbränden, Deichbrüchen in havarierten Atomanlagen. Auch hier wird laut über die Beschaffung größerer Systeme nachgedacht: Die Drohnen müssten Lasten tragen, Hilfsgüter abwerfen oder mit Sensoren und Messgeräten ausgerüstet werden. Die Thyssen AG will laut ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Homann mit Drohnen zukünftig ihre 218.000 Kilometer langen Gastransportleitungen abfliegen.

Ein Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Bundestages hatte in einer Studie „Stand und Perspektiven der militärischen Nutzung unbemannter Systeme“ umfangreiche Informationen zum technischen Stand der fliegenden Aufklärungssysteme zusammengetragen. Die Verfasser orakeln dort ebenfalls vom Einsatz größerer Drohnen:

Ausgehend von einem vergleichsweise geringen technologischen Entwicklungsstand unbemannter Seesysteme zielen Entwicklungsprogramme auf die Erweiterung des Größenspektrums ab. Es ist davon auszugehen, dass nach erfolgreichem Abschluss entsprechender Tests in den nächsten Jahren mit Beschaffung und Einsatz größerer Systeme zu rechnen ist. Ferner wird die Erschließung weiterer Funktionen angestrebt. Neben der Bekämpfung von Minen sind Aufgaben im Bereich der Aufklärung bis hin zur großräumigen Ozeanüberwachung sowie der Einsatz als Kommunikationsknoten in einem Networkcentric-Warfare-Szenario bei vernetzten Operationen von großem militärischem Interesse. Übergreifend ist schließlich ein Trend zur Erhöhung der Autonomie der Systeme zu konstatieren.

Die Forschungen zur Integration größerer Drohnen in die allgemeinen zivile Luftfahrt steht im Zusammenhang mit Planungen der Europäischen Union, diese ab 2016 in allen 27 Mitgliedstaaten einheitlich zu regeln. Für ein Abfluggewicht über 150 Kilogramm ist hierfür die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) mit Sitz in Köln zuständig. Die EASA betreibt selbst mehrere entsprechende Forschungsvorhaben. Zur Vorbereitung des Rechtsaktes für Drohnen über gab die Agentur unter dem Titel „Towards a European strategy for the development of civil applications of Remotely Piloted Aircraft Systems“ einen Bericht heraus, der Rahmenbedingungen und die nächsten Schritte umschreibt. Laut Kommission handele es sich bei der Drohnen-Industrie um den am dynamischsten wachsenden Sektor der Luftfahrtindustrie im letzten Jahrzehnt.

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17 Kommentare
  1. Das ist ja alles sehr cool, ich wünsche allen die daran arbeiten viel Erfolg, aber was hat das eigentlich mit Netzpolitik zu tun?

    Ein paar von den Links 404en übrigens.

  2. ich frag mich auch was die fortschritte der luftfahrt mit netzpolitik zu tun haben. die eigentliche innovation betrifft ja das fliegen, weniger die so transportierte überwachungstechnik. oder gings mehr darum, dass ein teil davon im „bösen“ israel produziert wird?

    1. Das Problem ist der Einsatz von Drohnen zur Grenz und Inlandssicherung (eine technik die nur „durchs netz“ und mit „geilen algorythmen“ funktioniert)

      Israel interessiert daran doch kein schwein.

      1. Weil Piloten endlich sind, Drohnen praktisch nicht. Weil der Einsatz eines Flugzeugs mit Pilot schätzungsweise das hundertfache kostet, und schon aus diesen Gründen eine 500prozentige Totalüberwachung damit nicht möglich ist, mit Drohnen schon. Mal abgesehen vom gesunden Menschenverstand und so Bilder wie, dass man gerade vom Boot aus nackt badet und dabei von einer Drohne überwacht wird, ist nicht jeder so drauf wie du.

      2. Weil der Pilot als Mensch, wenn er 2 beim Rammeln sieht, die Kamera woanders hin ausrichtet, während der Mensch im Überwachungszentrum extra draufhält und seine Kollegen ruft, inkl Chips und Cola.

        Weil man nicht _automatisch_ im nächsten Hafen als schwerkrimineller Umweltverschmutzer verhaftet werden will, weil man seine Essensreste über Bord gekippt hat, was nur dann nicht der Fall wäre, wenn die Kameras derart hochauflösen sind, dass man damit auch virtuelle Rektaluntersuchungen durchführen kann.

        Weil man Fehler der Geschichte nicht unendlich oft wiederholen muss.

        Weil man sich nicht selber die Hand verbrennen muss um zu wissen, dass man seine Hand nicht auf die heiße Herdplatte legt.

        Such dir was aus.

        Ich würde ja über jeden Wohnsitz von Regierungsmitgliedern und Verwaltungsbeamten und den entsprechenden DLR-Mitarbeitern rund um die Uhr je eine Drohne fliegen lassen, schließlich sind das wichtige Leute die wir mit allen Möglichkeiten schützen müssen, da lohnt sich der Aufwand.

  3. Es stimmt, dass der Artikel sehr auf das Fliegen fokussiert. Für Netzpolitik dürfte interessant sein, dass erstmals auch das Navigieren der Aufklärungseinheit ohne Sichtkontakt erlaubt sein soll. Was die „Führung“ durch Satelliten angeht geht es dabei nicht um schlichtes GPS-basiertes Fliegen, sondern dem Ausweichen anderer Luftfahrzeuge. An den zahlreichen millionenschweren Forschungsvorhaben dazu ist neben dem DLR auch EADS beteiligt.

    Was nochmal eine ganz eigene Recherche wert wäre ist die Frage, wofür eigentlich der Bedarf an mehr Zuladung genutzt werden soll. Also, welche Überwachungstechnik tragen die Drohnen für polizeiliche Zwecke?

    Dass sie mit hochauflösenderen Kameras bestückt werden, liegt auf der Hand. Auch Nachtsicht- und Wärmebildkameras dürften zum Repertoire gehören. Die im Artikel erwähnte Firma EMT stattet ihre Drohnen mit Sensoren aus, die etwa Radioaktivität erkennen sollen. Auf diese Weise könnten auch Spuren anderer Teilchen in der Luft aufgespürt werden, darunter Alkohol (im Fußballstadion) oder Sprengstoffe. Allerdings weiß ich nicht, ob diese Technik, wie sie etwa von der Firma Bruker für polizeiliche Zwecke beworben wird, bereits entsprechend miniaturisiert ist.

    Es ist nicht leicht an derartige Informationen zu gelangen. Die Bundesregierung hüllt sich dazu in Schweigen und hinterlegt sogar Antworten zur Ausrüstung der neuen 52 Kamerafahrzeuge für die Bundesländer in der Geheimschutzstelle des Bundestages. So bleibt unklar, ob diese optional mit IMSI-Catchern ausgerüstet werden können.

    Ähnliches gilt für die drei riesigen Aufklärungsdrohnen „Euro Hawk“, die von der Bundeswehr derzeit in Manching in Dienst gestellt werden. Es ist bekannt, dass das Fluggerät SMS und andere funkbasierte Dienste abhören kann. Um welche Technik es sich dabei handelt, bleibt aber bislang verborgen. Oder weiß jemand mehr dazu?

    1. das ist egal. einfach davon ausgehen, dass überall und alles abgehört und beschnüffelt wird in diesem land. was jucken denn gesetze? handyüberwachung dresden millionenfach….na und?

  4. ich finde diesen Artikel wie auch andere hier
    sehr lesenswert und begrüße sie als logische
    Erweiterung des themenspektrums. Ich finde es sehr naheliegend
    diese bestimmt recht aufwendig recherchierten und wertvollen
    infos mit blick auf die aüßerst dynamischen Entwicklungen in der
    „Netzpolitik“ zu verknüpfen, was hier sehr gut gelungen ist.
    Zum Beispiel denke ich, dass zukünftige Networkcentric-Warfare-Szenarien am Ende doch etwas mit rechtstaatlichen prinzipien zu tun hat. Da fängt es erst an.
    liebe grüße

  5. Das hat schon was mit Netzpolitik zu tun, zum einen weil diese Dinger Daten aufnehmen, die dann via Netz mit anderen Daten abgeglichen und sicher auch gespeichert werden, zum anderen dienen die doch bestimmt dem Kampf gegen Terrorismus und Kinderpornografie.

  6. Die „Welt“ hat mal nachgefragt, die Tests wurden bestätigt: http://www.welt.de/politik/deutschland/article112252357/Bundespolizei-erprobt-Drohnen-beim-Kuestenschutz.html

    Allerdings haben die Überschriftenmacher der „Welt“ behauptet, es sollten israelische Drohnen nicht für Tests genutzt, sondern sogar beschafft werden. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, denn es gab ja bislang nicht mal eine „Marktsichtung“ oder ein Vergabeverfahren.

    Kein Wunder dass die Bundesregierung in einer Agenturmeldung dementiert: http://www.zeit.de/news/2012-12/28/deutschland-bundesregierung-dementiert-plaene-fuer-einsatz-israelischer-drohnen-28162610

    1. Grrr, keinen Screenshot gemacht. Die Überschrift bei der „Welt“ heißt nun nicht mehr, „israelische Drohnen“ sollten beschafft werden, sondern „Bundespolizei erprobt Drohnen beim Küstenschutz“.

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