Demokratie

Google-Kampagne: Der Feind meines Feindes ist mein Freund

CC-BY-NC-SA @PHOTO
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Das war ja klar. Der Google-Beißreflex schlägt wieder zu. Nachdem Google in allerletzter Minute eine offene Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht fährt, wird dies nicht als Chance begriffen, endlich das Thema einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, sondern erst einmal angegangen.


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Sollten Netzaktivisten die Kampagne nicht super finden? Google mobilisiert auf der deutschen Startseite für ein Thema, das die „Netzbewegung“ nie richtig auf die Tagesordnung setzen konnte. Ein Thema, bei der die klassische Presse aus Eigeninteresse niemals richtig gegen das Leistungsschutzrecht anschrieb. Ein Thema, das die Grenzen der Netzbewegung nicht nur bei der Petition deutlich aufzeigte.

Und jetzt bietet sich die Möglichkeit, zusammen mit der geballten Power von Google in einem letzten Anlauf gegen das Gesetz vorzugehen. Doch das einzige, was passiert, ist Distanzierung.

Natürlich ist richtig, dass Google hier aus rein kapitalistischen Interessen handelt. Natürlich verwundert es, wenn ein Konzern politische Kampagnen fährt. Natürlich ist es ungewöhnlich und neu, wenn eine Firma Menschen politisch mobilisieren will.

Aber kann mir das nicht egal sein, wenn das Ziel richtig ist? Das Leistungsschutzrecht ist ein von Verlegerinteressen geprägtes, gegen die freie Verbreitung von Information gerichtetes Gesetz, das für mich als Blogger und für viele andere Menschen Rechtsunsicherheit schafft. Es subventioniert kapitalistische Konzerne wie den Axel-Springer-Verlag, die keinen Deut besser sind als Google, nur dass es eben für mich und das Netz insgesamt negative Auswirkungen hat. Deswegen habe ich kein Problem damit, mit einem Konzern gegen andere Konzerne zu mobilisieren und eine solche Kampagne zu unterstützen.

Dass Google eine hässliche Datenkrake ist, die mit der Auswertung des Privaten, der Erstellung von Profilen und der Vermarktung von personalisierter Werbung Geld verdient, steht auf einem anderen Blatt. Dass Google mit Lobbyisten weltweit seine Interessen vertritt, ist klar. Dass Google intransparent Suchergebnisse anpasst, ist klar. Dass Google nicht über den Weg zu trauen ist, ist klar.

Natürlich muss man Google angehen und auch gesetzlich Grenzen setzen. Aber das sind zwei grundverschiedene Dinge. Ich kann Google aus Datenschutzsicht scheisse finden – und gleichzeitig in anderen politischen Fragen zusammenarbeiten. So ist eben politische Bündnisarbeit. So war sie immer. Man musste immer auch mal in den sauren Apfel beißen.

Viele Netzaktivisten haben Angst mit Google in einen Topf geworfen zu werden. Eine Finanzierung von NGOs durch Google ist ein heikles Thema, da es die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Finanzierten unterminiert. Hinzu kommt, dass etliche Journalisten momentan mögliche Verbindungen des Konzerns mit der Zivilgesellschaft recherchieren. Auch das erklärt die Abwehrreflexe vieler gegenüber der Google-Kampagne.

Doch wer keine wirtschaftlichen Verbindungen zu Google hat, kann diese Kampagne getrost unterstützen. Sie ist gut aufgesetzt, sie ist emotional und trifft die richtigen Aussagen. Sie kämpft mit offenem Visier und verschleiert nicht den Absender. Solange Google bei Kampagnen nicht die Führung übernimmt oder Astroturfing versucht, ist eine Zusammenarbeit durchaus sinnvoll, wenn die Zielrichtung stimmt.

Vertrauen sollten politische Aktivisten dem Konzern Google jedoch niemals: Google wird immer nach Profitinteressen handeln und kann deshalb immer nur temporärer Partner für jede zivilgesellschaftliche Bewegung sein.

Crosspost von Metronaut.

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30 Kommentare
  1. So sehe ich das auch! Daher habe die Kampagne unterstützt. Was nicht bedeutet, dass ich Google deswegen jetzt sympathischer finde. Die Überschrift zu diesem Beitrag trifft es genau. ;-)

  2. Genau das, was ich in dem ersten Artikel zu der Kampagne meinte: Politik bedeutet eben mit den Feinden meiner Feinde zusammenzuarbeiten.

    Aber auch die Digitale Gesellschaft formuliert es in ihrem Newsletter lieber als „besser das LSR als Googles Kampagne“ statt das ganze als Chance zu sehen in einem politischen Konzil das Wir deutlich zu machen.

  3. Wenn Google nicht mit (teilweise) Totschlagargumenten und Angstmacherei argumentieren würde, sondern das Kind „Wir wollen nichts zahlen“ beim Namen nennen würde, wäre alles gut und man könnte das vlt auch unterstützen. So ist es eine polemische Kamapagner, der zu Recht vorgeworfen werden kann, dass sie mit demselben Dreck wirft, mit dem auch die LSR-Verfechter seit Jahren schmeißen.

  4. Ich hatte es die Tage im Zusammenhang mit der ITU Konferenz schon mal geschrieben und es stimmt auch hier.

    Wenn Google das Richtige tut, dann sind mir die Gründe warum sie das machen vollkommen egal.

      1. Es gibt nur leider nicht nur Schwarz-Weiss wie es anscheind die bequemen Netzaktivisten gerne hätten.

        Da muss man sich entscheiden:
        Entweder das 3/4-Gute mit Google oder das 100%-Schlechte mit den Verlagen weil man alleine nicht gehört wird.

  5. Genau das dachte ich mir auch nach den Google-feindlichen Kommentaren. Im Moment ist es einfach nur wichtig dieses Gesetz zu stoppen. Danke für diesen Beitrag, und danke auch an Google, zumindest für diese Kampagne.

  6. Ohne wissenschaftlichen Anspruch habe ich den Eindruck, dass sich Google bisher und auch jetzt nicht dazu verleiten hat lassen, etwa die Suchergebnisse oder die Newsseite beim Thema LSR zu instrumentalisieren, sonst würde es natürlich anders aussehen.

    Aber sie machens nicht hintenrum, und so wie Politiker aus machttaktischen Gründen gegen Google gegiftet haben, haben sie auch das Recht dazu. Es ist einfach auch mal wichtig, diesen sperrigen Titel „Leistungsschutzrecht“ (LSR) jetzt weitreichend zu etablieren. Im Gegensatz dazu sind so Versuche, wie dieses gefährliche und weitreichende Vorhaben möglichst geräuschlos durch das Gesetzgebungsverfahren zu schmuggeln, auch nicht gerade hilfreich.

    Ich denke, das LSR für Presseverleger ist ein Sonderfall, da hier die 4. Macht selber betroffen ist, und im Angesicht von Springer, Burda und Co mit ihren direkten Einflussmöglichkeiten ist Google ein angemessener Verhandlungspartner ;)

    Mit Vertrauen hat das nichts zu tun, die Kritik ist völlig verständlich, aber es gibt bessere Zeiten, guugel vermehrt aufs Korn zu nehmen.

  7. Ich habe keine Probleme mit Google und ich habe keine Probleme sie beim Kampf gegen das LSR zu unterstützen.

    Goolge, genauso wie Facebook, hat die Daten, die ich über mich freigegeben habe. Viele der Schnüffler, die auf anderen Webseiten versteckt sind, kann man ausschalten und somit verhindern, dass Google ein anonymes Profil erstellt. Wenn ich mich darüber nicht Informiere, dann ist es meine eigene Doofheit, denn Google wird sich sein eigenes Geschäftsfeld nicht kaputt machen.

    Das der Datenschutz im Internet verbessert werden kann, ist durchaus richtig. Aber das muss eben unabhängig von den Unternehmen geschehen. Wenn zum Beispiel jeder Telekommunikationsanbieter eine Broschüre verschicken würde, in welcher die Erweiterungen und Möglichkeiten vorgestellt werden, sich anonym im Netz zu bewegen, wäre dass ein Schritt in die richtige Richtung. Nur, wenn ich mir die Behördenanfragen so ansehe, ist es wahrscheinlich staatlich nicht einmal gewünscht, dass das geändert wird.

    Zurück zum Thema: Ich habe gar kein Problem damit Google dabei zu Unterstützen, denn es hilft ja auch dabei, meine eigenen Interessen zu verteidigen.

  8. > Natürlich verwundert es, wenn ein Konzern politische Kampagnen fährt.

    Nicht mehr als es verwundert, wenn Verlagskonzerne politische Kampagne machen.

    >Dass Google eine hässliche Datenkrake ist, die mit der Auswertung des Privaten, der Erstellung von Profilen und der Vermarktung von personalisierter Werbung Geld verdient, steht auf einem anderen Blatt.

    Sorry, aber sowas auf einem Blog zu schreiben, der selbst Doubleclick zur Vermarktung nutzt ist schizophren.

  9. Ich finde, Google ist mit seinen Kampagnen taktisch unklug vorgegangen: Es gibt ja sowohl zum Thema ITU als auch zum LSR bereits öffentliche Kampagnen. Wieso unterstützt Google nicht diese (nicht, indem sie den federführenden Organisationen Geld gibt, sondern indem sie die Kampagnen Publik macht), anstatt eine eigene Kampagne aufzusetzen?
    Bei SOPA/PIPA haben sie sich doch auch „fremden“ Kampagnen wie dem SOPA Blackout angeschlossen und sicherlich erheblich zu deren Erfolg beigetragen, ohne selbst Zielscheibe der Kritik zu werden.
    Wieso jetzt also den Solo-Weg gehen?

    1. Bei der ITU (genauer WCIT) gibt’s ja noch ein schönes Randdetail: Entscheiden tun dort die Länder Delegationen, und jetzt raten wir alle Mal, wer alles in die US Delegation (ausser Ministerien und anderen Bedenkenträgern) eingeladen wurde?

  10. Lustig ist auch CDU-Jarzombeck, der auf SPIEGEL online verkuendet, dass das alles ja gar nicht so schlimm sei, weil ja nur der „Milliardenkonzern Google an den Milliardenkonzern Springer“ Kohle ueberweist. Und sich wahrscheinlich im gleichen Atemzug darueber wundert, dass erfolgreiche Startups immer aus Amiland kommen, noch bevor jemand „Markteintrittshuerde“ sagen kann.

  11. Wie gut das ich kein „Netzaktivist“ oder sowas bin und jetzt gegen Google hetzen muss.
    Daher wars mir möglich die Google-Aktion einfach mit zu zeichnen, ganz egal, dass es Google vermutlich vorallem um kapitalistische Ziele geht, das geht mir mal sonstwo vorbei, zumal, um was für Ziele, glauben die „Ihh, Google ist aber böse“-Rufer denn, verfolgen die Anhänger eines LSR? Ein Tipp: denen gehts nicht um eine bessere und fairere Welt, außer fairer ist gleich zu setzen mit „mehr Geld für die eigene Tasche“.

  12. Sogar dieser Artikel zeigt was für gute „Arbeit“ die Verlage geleistet haben.
    Seien wir uns ehrlich, bevor Spiegel, Heise und co. ihren täglichen Google rant losgelassen haben war Google für die Netzgemeinde ein nettes sympathisches Startup das es zu erfolg gebracht hat ohne auf die Wurzeln zu vergessen offen, sozial, pro open source und vieeeel zu unorganisiert.

    „Dass Google eine hässliche Datenkrake ist, die mit der Auswertung des Privaten, der Erstellung von Profilen und der Vermarktung von personalisierter Werbung Geld verdient“ – steht jetzt in einem Pro Goolge Artikel – nicht zu fassen da:

    1.) 1:1 übernommene Argumente aus der Anti- Goolge Kampagne.
    2.) Gelogen, Verleumdet und schlicht nicht war (oder zumindest von evil google so gut verschleiert das nicht beweißbar) jetzt mal abgesehen davon das Google von Werbevermarktung lebt.
    3.) „Datenkrake“ Spindoctor begriff

    OK – Google ist in einer Beziehung sicher kein Freund, auf Datenschutz wird geschissen zum einen weil sie diesbezüglich einfach „ungläubig“ sind zum anderen weil es für Google beim daly biz nur lästig ist. Ja, da kann man gerne mal auf die Finger klopfen.

    Aber der Rest? Jeder sollte als erstes wenn man morgen in der Früh aufsteht sich fragen wer will mich heute manipulieren und am Abend wenn man ins Bett geht sich fragen wer hat mich manipuliert.

    Ich verlange nicht das ihr mir glaubt, ich verlange nicht das ihr mir vertraut – ich appelliere aber an jeden mal zu hinterfragen woher den der eigene Standpunkt kommt.

  13. eigentlich sollte es selbstverständlich sein argumentativ und nicht ideologisch zu diskutieren. täte man das generell, müsste man keine umständlichen artikel crossposten, wenn google etwas richtig macht.
    im übrigen ist mir die private datenkrake google (da hab ich die wahl) als das staatliche monster dämlicher gesetze (da hab ich keine).

  14. Mit etwas Unverständnis habe ich diesen Artikel und manche Kommentare gelesen…

    Zu dem Titel:
    Im Krieg ist es wirklich so, dass man ein Bündnis mit dem Feind meines Feindes schließt um meinen Feind zu bekämpfen. Es setzt aber gewisse Neutralität zu dem »Feind meines Feindes« besteht, oder, falls es auch mein Feind ist, es so schlimm wird, dass man vorübergehend den Frieden mit dem Feind abschließen muss um gemeinsam im Bündnis überhaupt überleben zu können. Im Falle von Google, gibt es keinen Frieden, die arbeiten halt in alle Richtungen, auch gegen unsere Freiheiten im Netz. In diesem Fall könnte man ein anderes Bild nehmen, nämlich – man füttert nicht den Kraken, der mit dem freien Arm meinen Feind würgt, aber mein Hals trotzdem nicht in Ruhe lässt!

    Zu dem Argument »…So ist eben politische Bündnisarbeit. So war sie immer. Man musste immer auch mal in den sauren Apfel beißen…«
    Nein so ist es nicht und es war nie so. Wenn zwei Parteien komplett entgegengesetzte Ansichten vertreten, werden sie niemals in einem Bündnis zusammen arbeiten. Sie können bei einer Abstimmung für die gleiche Sache stimmen, aber bloß nicht mehr. Man würde so vorgehen, wie es in dem vorherigem Artikel¹ richtig gemacht wurde. Man zeigt einerseits wofür man ist, schreibt auch Kritik gegen Google, sagt aber trotzdem, dass diese Sache, für die auch Google ist (mit der Benennung der Eigeninteressen des Konzerns), sehr wichtig ist. Damit braucht man kein Bündnis mit Google einzugehen und deren Vorhaben unterstützen, dafür aber die Sache an sich betonen und unterstützen
    Ich könnte mir kaum vorstellen, dass die halbwegs normalen Parteien plötzlich ein Bündnis mit NPD eingehen würden, nur weil man für eine Sache kämpft, was aber nach der Aussage dieses Artikels »eben politische Bündnisarbeit« ist.

    Die primäre Problematik der Zusammenarbeit mit Google ist nicht die Abwertung der eigenen Glaubwürdigkeit, sondern die Aufwertung der von Google und das soll, in Zeiten des Desinteresses der meisten User gegenüber der Netzkonzernen, sehr kritisch betrachtet werden!

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