US-Astroturfing: Netzneutralität ist wie chinesische Zensur

In den USA ist die Netzneutralitäts-Debatte wieder entbrannt. Mit dabei sind verschiedene Astroturf-Organisationen, die von Telekommunikationsunternehmen wie AT&T und Comcast finanziert werden und irgendwie so aussehen sollen, als ob damit der Bürgerwille vertreten werden soll. Diese bezeichnen Netzneutralität nun z.B. als „Obamacare for the Internet“, die Anhänger von Netzneutralität seien Kommunisten und Marxisten und überhaupt sei Netzneutralität vergleichbar mit der chinesischen Zensur. Das Blog ThinkProgress hat eine Powerpoint-Präsentation zugeschickt bekommen, wo die Astroturfing-Strategie gut beschrieben wird: Telecoms’ Secret Plan To Attack Net Neutrality: Target Video Gamers And Stoke Fear Of Chinese Censorship. Hier sind einige Ausschnitte:


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

– Slides 7-8 calls for the campaign to target “libertarian minded internet users and video gamers” and “social conservative activists” with anti-government messages and a rebranding of net neutrality as “Net Brutality.”
– Slide 9 calls for a strategy of creating a Chinese blog to compare net neutrality to Chinese government censorship, outreach via social networking platforms like Twitter and Facebook.
– Slides 10-11 detail how representatives met at Grover Norquist’s infamous “Wednesday morning meeting” to orchestrate the new campaign. Norquist is known to use his Wednesday meetings to plot strategy and conservative coalition building towards lobbying goals.

Die Handlungsempfehlungen sind sicher auch sinnvoll für die deutsche und europäische Debatte.

Ein sehr empfehlenswertes Buch über Astroturfing ist übrigens „Giftmüll macht schlank„. Nach dem lesen ist einem zwar etwas schlecht, aber man ist auch etwas besser auf die Realität vorbereitet.

Update: Nach Angaben von CNet ist die Story eine Ente und basiert auf einem studentischen Planspiel: ‚Secret‘ telecom anti-Net neutrality plan isn’t.

7 Kommentare
  1. Sie haben ja nichtmal Unrecht – Das Sinnbild eines freien Netzes, in dem der unbedarfte Blogger seine Daten genauso schnell übertragen darf wie ein Multimilliarden-Unternehmen, passt eben nicht in einen Kapitalismus, in dem Macht gleichbedeutend mit Reichtum ist.
    Alle haben die gleichen Rechte, egal wer man ist, wieviel Geld man besitzt, oder wieviel Einfluss man hat.
    Gleiche Rechte für alle? Stimmt schon, das ist Kommunismus. In einer Demokratie hat so ein Grundsatz nichts verloren.

    (Wobei, den Punkt mit der chinesischen Zensur verstehe ich nicht. Die Argumentationskette, wie man Freiheit als Zensur verkauft würde mich echt mal interessieren. Muss ja abenteuerlich sein!)

  2. Hi Thomas,

    ich versuche einmal so eine Argumentationskette herbeizufantasieren:

    1. Wenn alles neutral ist, ist nix zesiert.
    2. Wenn nix zensiert ist, gibt es auch „illegales“, „rechtsfreiräumiges“ o. ä. Zeug.
    3. Wenn es so Zeug gibt, muss die Polizei da sein, um zu verhindern, dass jemand illegales Zeug macht/nutzt/Straftaten begeht o. ä.
    4. Weil das Internet sehr groß ist und es wegen (1.) viel (2.) gibt, muss überall Polizei sein, damit (3.) erfüllt ist.
    5. Nominelle Neutralität führt so faktisch zu einem Überwachungssystem wie in China, wo es nominell und faktisch Zensur gibt.
    6. QED: Nicht-Zensur = Zensur

    Ist das „abenteuerlich“/hirnverbrannt genug? :-)

  3. Passt grad dazu:

    Sind Umweltschützer Schuld an der Ölkatastrophe?
    Fast 10 Prozent der US-Amerikaner sollen dies nach einer Umfrage glauben, über 20 Prozent sind sich „unsicher“

    Artikel bei Telepolis

    Würde mich nicht wundern, wenn nach dem Erfolg von Tea-Parties, Birther-Irrsinn und der „Nazi-Kommunist Obama bringt mit Health-Care deine Oma um!“-Kampagne auch NoNetBrutality Millionen Anhänger finden könnte. Genügend denkschwache, dauer-aggressive und autoritäre Individuen gibts anscheinend. Wenn man sich die Kampagnen von Republikanern und Fox der letzten Zeit so anschaut, muss man sich wirklich Sorgen um die USA machen. Deren Hetze ist inzwischen so offensichtlich wahnsinnig, dass selbst die Bush-Administration dagegen im Nachhinein wie ein Zusammenschluss liberaler Intellektueller wirkt.

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