Dieser Artikel ist mehr als 3 Jahre alt.

KW 2Die Woche der unsichtbaren Arbeiter*innen hinter den Konzernkulissen

Die 2. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 21 neue Texte mit insgesamt 131.233 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Freund*innen von netzpolitik.org,

gleich drei Artikel in dieser Woche handeln von einem Thema, das, wie ich finde, zu selten in den Blick gerät: Wie hinter den Kulissen der großen Tech-Konzerne lausig bezahlte Arbeiter*innen ein Milliardengeschäft möglich machen.

Wenn ich die Augen schließe und an Amazon, Facebook und Google denke, dann sehe ich da zuerst die Logos der Konzerne. Der schwarze Schriftzug und der gelbe Pfeil bei Amazon; das weiße Facebook-„f“ auf blauem Grund; die bunten Google-Buchstaben. Ich erinnere mich, wie ich durch die Websites scrolle, denke an die unvorstellbar reichen Männer Mark Zuckerberg und Jeff Bezos, und an die vor Reichtum strotzenden Konzern-Zentralen mit Gratis-Restaurants für privilegierte Angestellte. Das ist die polierte Außenseite, die Tech-Konzerne gerne vorzeigen.

Ein anderes Bild geht aus den drei jüngsten Nachrichten hervor. Denn die Abermillionen Amazon-Pakete rollen nicht allein auf fröhlichen Fließbändern durchs Lager; dahinter steckt auch der Knochenjob unzähliger Schicht-Arbeiter*innen. Ende Dezember starb in einem US-amerikanischen Amazon-Lager ein 61-jähriger Mann an Herzversagen. Anna Seikel hat aufgeschrieben, wie die Arbeit im Lagerhaus nach dem Todesfall einfach weiterging.

Zweitens: Die Abermillionen Facebook-Posts werden nicht von einer vollautomatischen Text- und Bild-Erkennung moderiert; dahinter steckt auch die psychisch belastende, teils traumatisierende Arbeit von Content-Moderator*innen. Nun hat eines der in Afrika größten Unternehmen dieser Branche die Zusammenarbeit mit Facebook beendet. Über die Suche nach einer Nachfolge schreibt Tim Wurster.

Und drittens steckt hinter den Ergebnissen der Google-Suche nicht allein ein pfiffiger Algorithmus, sondern die unermüdliche Klickarbeit Tausender Sichter*innen. Für andere Nutzer*innen unsichtbar testen, bewerten und verbessern sie die Ergebnisse. Einer von ihnen bezeichnet sich und seine Kolleg*innen als „Rückgrat der Suchmaschine“. Jetzt haben einige der Arbeiter*innen bessere Löhne erstritten – und mich freut es, dass der Rückblick mit einer guten Nachricht enden kann.

Eine lohngerechte Woche wünscht

Sebastian

Unsere Artikel der Woche

Irgendwas mit InternetDie scheinheilige US-Debatte über TikTok

In den USA wird über die Risiken von TikTok diskutiert. Aus europäischer Perspektive wirkt das putzig, weil wir jedes gegen TikTok vorgebrachte Argument auch gegen Facebook und Co. verwenden können. Und doch lassen sich aus der Debatte in den Vereinigten Staaten wichtige Lehren ziehen.

DegitalisierungDie letzte Generation

Überall ist Krise, doch in fast keinem Bereich haben wir einen Überblick. Wenn sich das für die nächsten fünf Weltkrisen ändern soll, müssen Menschen in unserer Verwaltung schnell umdenken – und für mehr Vernetzung und Austausch sorgen, schreibt unsere Kolumnistin.

AI ActBundesregierung setzt sich auf EU-Ebene für mehr Gesichtserkennung ein

Im Rat der Europäischen Union hat sich die Bundesregierung dafür eingesetzt, dass biometrische Überwachung teilweise erlaubt wird. Bürgerrechtsorganisationen kritisieren „gefährliche Schlupflöcher“ für neue Möglichkeiten der Massenausspähung. In ihrem Koalitionsvertrag hatte die Ampel noch versprochen, biometrische Erkennung im öffentlichen Raum auszuschließen.

Joseph Weizenbaum zum 100.„Please go on“ – Joes Computer spricht Englisch

Joseph Weizenbaum gilt als Pionier der kritischen Informatik. Am Sonntag wäre der selbsternannte „Dissident“ und „Ketzer der Informatik“ 100 Jahre alt geworden. Sein gesellschaftskritisches Werk, das das Denken nicht den Computern überlassen wollte, ist heute aktueller denn je.

Law & RoboterDie KI als Verteidigerin

In den USA soll im Februar erstmals eine „Künstliche Intelligenz“ die Verteidigung in einem Gerichtsprozess übernehmen. Das Experiment des Unternehmens DoNotPay erfolgt ohne Wissen des Gerichts und dient vor allem dem Marketing. Dessen ungeachtet wird der Einsatz des „Roboteranwalts“ einschneidende Folgen weit über die US-amerikanische Justiz hinaus haben.

Sturm auf brasilianischen KongressWie Rechtsextreme Soziale Medien zur Mobilisierung nutzten

Zur aufgeheizten Stimmung in Brasilien haben auch soziale Netzwerke beigetragen. Trotz scharfer Regulierung von Online-Diensten finden sich dort offene und verklausulierte Mordaufrufe. Mit antidemokratischer Stimmungsmache lässt sich auch Geld verdienen.

Gute Vorsätze im neuen JahrKeine Ausreden!

Jeder Jahreswechsel bietet die Chance, schlechte Angewohnheiten zu überdenken und sich vorzunehmen, in Zukunft vieles besser zu machen. Damit aber nicht schon im Februar alle guten Vorsätze wieder vergessen sind, hier die Anleitung für 2023: Lauter gute Taten! Wer auch nur die Hälfte durchzieht, hat das gesamte Jahr gute Laune.

AmazonEntsetzen über Umgang mit Todesfall in Lagerhalle

In den USA starb ein Lagermitarbeiter von Amazon kurz vor Ende seiner Schicht. Doch die Arbeit im Lager lief einfach weiter, Arbeiter:innen ahnten nichts von einem Leichnam im Gebäude. Erst im August ereignete sich ein ähnlicher Fall im Amazon-Logistikzentrum in Leipzig.

KlimaprotesteSchikanen und Übergriffe gegen Presse in Lützerath

Die Klimaproteste rund um Lützerath sind weltweit Thema in den Medien. Dennoch schränken der Energiekonzern RWE und die Polizei die Pressefreiheit vor Ort ein. Die Journalist:innengewerkschaft dju schickt deshalb jetzt einen Beobachter ins Protestgeschehen.

Facebook in AfrikaNeue Inhaltemoderation gesucht

Facebook verliert mit Samasource einen seiner wichtigsten Partner für Inhaltemoderation in Afrika. Die Geschäfte könnte künftig Majorel übernehmen, das zu großen Teilen der Bertelsmann-Gruppe gehört. An den desaströsen Arbeitsbedingungen dürfte dies kaum etwas ändern.

Zentrum für Politische SchönheitBundeswehr nahm Aktionskünstler ins Visier

Bei einem Projekt zur Beobachtung feindlicher Propaganda überwachte die Bundeswehr offenbar Aktionskünstler:innen aus Deutschland. Der „digitale Einsatz im Innern“ war dabei auch intern umstritten.

Aufschrei unter Künstler*innenSind Bild-Generatoren böse?

Ein Text-Befehl genügt, schon erschaffen KI-Systeme wie Stable Diffusion beeindruckende Kunstwerke. Trainiert wurden sie mit Abermillionen Bildern aus dem Netz. Sie stammen teils von Kreativen, die jetzt um ihre Jobs bangen. Ist das fair? Das sagen Fachleute.

Romantisierung und StereotypeOrganisation fordert „Apache“ zu Namensänderung auf

Eine Organisation indigener Informatiker:innen aus den USA fordert den Open-Source-Giganten „Apache Software Foundation“ dazu auf, seinen Namen zu ändern. Sie bemängeln einen Verstoß gegen Apaches Verhaltenskodex sowie kulturelle Aneignung.

Neues aus dem Fernsehrat (93)Durchbruch für freie Lizenzen in der ARD

Erklärvideos der Tagesschau, das neue Bildungsportal des Bayrischen Rundfunks: freie, Wikipedia-kompatible Lizenzen sind 2023 auch in der ARD angekommen. Was allerdings immer noch fehlt, sind die tarifvertraglichen Voraussetzungen für frei-lizenzierte Eigenproduktionen.

"Rückgrat der Suchmaschine"Mehr Lohn für Arbeiter*innen hinter den Kulissen von Google

Hinter den Ergebnissen der Google-Suche steckt die Klickarbeit tausender Arbeiter*innen, die nicht direkt bei Google angestellt sind. Ihre Bezahlung sei ein „Hungerlohn“, beklagt eine US-amerikanische Gewerkschaft. Jetzt hat sie einen Sieg errungen.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Sebastian Hinweise schicken | Sebastian für O-Töne anfragen | Mastodon


Veröffentlicht

Kategorie

Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

4 Kommentare zu „Die Woche der unsichtbaren Arbeiter*innen hinter den Konzernkulissen“


  1. Anonym

    ,

    Und der bald zurücktretenden Verteidigungsministerinnen!
    https://www.tagesschau.de/inland/medienberichte-lambrecht-ruecktritt-101.html
    https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/lambrecht-amtszeit-fehltritte-101.html

    Wobei, 101, ich eigentlich mich wundere, warum 5000 Helme derart lächerlich gemacht werden. Schutzwestenmaterial ist konkret wegen Ukraine knapp, real, nach einem Jahr noch, und die Helme sind ja keine Papphüte. Natürlich hätten wir gerne anderes liefern dürfen, und PR-Geschick ist sicherlich auch für irgendwas wichtig, mich wundert dennoch die nicht vorhandene Einordnung. Stattdessen „Stimmen von Rednern“ nach Zufallsauswahl.


    1. Anonym

      ,

      Und in welchem jüngeren Artikel, in dem die Helme thematisiert werden, wird auch erwägt, dass die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung, zumal bei damals noch stattfindenden Gaslieferungen, irgendwie vorsichtig und den eigenen Einsatz herunterspielend ausgefallen sein könnte?

      Nicht dass wir laut Schmähartikeln, falls mal einer nachzählt, dann am Ende noch zuviel geliefert haben!


  2. Es sind nicht nur die immer wieder genannten Tech-Konzerne, die sich wie Schmarotzer aufführen und damit Milliarden scheffeln. Ich konnte es kaum glauben, als mir der Herr in der UPS Annahmestelle kürzlich sagte, was er eigentlich dafür bekommt, dass er seine Arbeit in der Werkstatt unterbricht, ein Paket annimmt, es online einbucht, in seinem Laden bis zur Abholung lagert und dem Kunden eine Eingangsbestätigung erstellt: Es sind 30 Cent! Für diese Dienstleistung zahlt UPS allen Ernstes 30 Cent!! – und schämt sich vermutlich noch nicht einmal dafür!


  3. Irene Latz

    ,

    Habt Ihr den Artikel von Heribert Prantl zur IBAN bei der Registermodernisierung gelesen ( „Big Brother is paying You“ ) ? Er endet mit dem großartigen Satz:

    „der Datenschutz, der das“ [enorme Überwachungspotential] „verhindert, muss nicht weggeräumt, sondern noch erfunden werden.“

    Ich habe resigniert, Heribert Prantl nicht. Sehr stark,
    daher hier noch der Link (allerdings beziehe ich die SZ gedruckt, d.h. hier nur der paywall-Link aus dem Netz für Euch : )
    https://www.sueddeutsche.de/meinung/personenkennziffer-steuer-id-jahressteuergesetz-volkszaehlung-bundesverfassungsgericht-peer-steinbrueck-kolumne-von-heribert-prantl‑1.5730845?reduced=true

Dieser Artikel ist älter als 3 Jahre, daher sind die Ergänzungen geschlossen.