Facebook in AfrikaNeue Inhaltemoderation gesucht

Facebook verliert mit Samasource einen seiner wichtigsten Partner für Inhaltemoderation in Afrika. Die Geschäfte könnte künftig Majorel übernehmen, das zu großen Teilen der Bertelsmann-Gruppe gehört. An den desaströsen Arbeitsbedingungen dürfte dies kaum etwas ändern.

Das Logo von Sama und Facebook ist vor einer Verzweigung von Schienen zu sehen.
Facebook und Samasource gehen in Zukunft getrennte Wege. – Alle Rechte vorbehalten Logos: Facebook, Samasource; Gleise: Imago / Frank Sorge

Einer der größten Partner von Facebook für Inhaltemoderation in Afrika, Samasource, stellt den Dienst für den Meta-Konzern ab März 2023 ein. Aufgrund des aktuellen ökonomischen Klimas wolle Samasource seine „strategische Vision“ schärfen und aus dem Geschäft mit Inhaltemoderation aussteigen, berichtet das Time Magazine. Rund 3 Prozent der Mitarbeitenden verlieren ihren Arbeitsplatz. Meta bestätigte gegenüber Time das Ende der Zusammenarbeit.

Die auch als Sama bekannte Firma hat seinen Hauptsitz in Kalifornien und nennt sich selbst ein „ethisches KI“ Outsourcing-Unternehmen. In der kenianischen Hauptstadt Nairobi betreibt Sama seit 2019 einen großen Bürokomplex, eine Art Epizentrum der Moderation auf Facebook. Die hier angestellten Mitarbeiter:innen übernehmen für Facebook die Inhaltsmoderation südlich der Sahara, vorwiegend in Ostafrika – eine Arbeit, die Mitarbeitende als „psychische Folter“ beschreiben.

Die Mission von Sama sei, so das Unternehmen, Menschen wie in Nairobi mit „würdevoller digitaler Arbeit“ zu versorgen. Kritiker:innen sehen hingegen in dem Auslagern von psychisch belastender Arbeit an Menschen, die dafür teilweise nicht mal zwei Dollar pro Stunde verdienen, einen Fall von digitalem Kolonialismus.

Facebook und die Menschenrechte

Facebook steht wegen der möglichen negativen gesellschaftlichen Folgen der Plattform immer wieder in der Kritik. Diesen Problemen ist man sich auf Konzernseite inzwischen auch bewusst, kehrt sie allerdings tunlichst unter den Teppich – das zeigten etwa die Enthüllungen der ehemaligen Angestellten Frances Haugen.

Hinzu kommt, dass zwar ein Großteil der Nutzenden von Facebook außerhalb von Europa und Nordamerika leben, sie bei der Moderation von Inhalten jedoch stiefmütterlich behandelt werden. So ließ sich Facebook internen Dokumenten zufolge die Moderation von Inhalten in weiten Teilen Afrikas durch Samasource im Jahr 2022 lediglich rund 3,9 Millionen Euro kosten, berichtet Time.

Mangelnde Moderation auf der Plattform und das Geschäftsmodell von Facebook, das von starken Emotionen und gebundener Aufmerksamkeit profitiert, kann verheerende Folgen haben. Die Liste des Versagens ist lang: Myanmar, Sri Lanka, Äthiopien, Kenia, USA, und erst kürzlich Brasilien.

In allen Fällen waren Hassbotschaften und Aufrufe zu Gewalt leicht über die Plattform zu finden, mutmaßlich auch aufgrund ungenügender Moderation – beispielsweise wegen zu wenig Personal oder fehlender Sprachkenntnisse. Daher kann Facebook seine eigenen Plattform-Regeln oft gar nicht umsetzen. Meta selbst stellte sich erst vergangenes Jahr ein gutes Zeugnis beim Schutz der Menschenrechte aus.

Das Team von Samasource ist unter anderem auch für das krisengeschüttelte Äthiopien zuständig, wo es allem Anschein nach nicht gut genug moderiert hatte. Cori Crider von der Nichtregierungsorganisation Foxglove sieht Time zufolge die Verantwortung dennoch hauptsächlich bei Meta und anderen Anbietern sozialer Medien:

Wir haben die Folgen der Billigmoderation [auf Facebook] im Äthiopienkrieg gesehen – und gerade diese Woche beim Angriff auf die brasilianische Demokratie. Diese Krisen wurden durch soziale Medien angeheizt – und beide ereigneten sich an Orten, an denen Meta und andere soziale Unternehmen die Moderation auf Sparflamme betreiben. Wir werden die Online-Sicherheitsdebatte nicht lösen, solange dieses Arbeitsproblem nicht gelöst ist.

Foxglove unterstützt aktuell den ehemaligen Samasource-Angestellten Daniel Motaung in einer Klage gegen Facebook und Sama. Er wirft beiden Unternehmen vor, die kenianische Verfassung gebrochen zu haben. So sollen die Angestellten in ausbeuterischen Verhältnissen arbeiten, wobei jegliche Versuche, sich gewerkschaftlich zu organisieren, verhindert worden seien. Motaung selbst wurde entlassen, nachdem er versucht hatte, eine Gewerkschaft zu gründen. Der offizielle Grund: er hätte Kolleg:innen schikaniert und genötigt.

Majorel soll Moderation übernehmen

Laut Crider soll nun Majorel, ein in Luxemburg angesiedelter Dienstleister, den Vertrag von Samasource übernehmen. Das knapp zur Hälfte der Bertelsmann-Gruppe gehörende Unternehmen war letzten Sommer in die Kritik geraten, weil in seinem Moderationszentrum in Marokko menschenunwürdige Bedingungen herrschen sollen. Gegenüber dem Time Magazine haben sich weder Meta noch Majorel dazu geäußert.

Crider sieht die gegen Meta und Sama anhängige Klage im direkten Zusammenhang mit dem Vertragsende zwischen den beiden Unternehmen:

Metas Entscheidung, den Sama-Vertrag zu kündigen, als die Facebook-Moderatoren gerade dabei waren, sich für bessere Arbeitsbedingungen zu organisieren, zeigt, wie feige sie sind. In dem Moment, in dem es so aussieht, als ob Meta wegen seiner furchtbaren Arbeitsbedingungen in rechtlich brisantes Fahrwasser gerät, versteckt sich das Unternehmen hinter einer anderen Firma.

Die Juristin sieht primär Meta in der Verantwortung, denn Meta habe dieses ausbeuterische System entwickelt – und behandle die Moderator:innen, die darunter leiden, als austauschbar. So ist auch nicht zu erwarten, dass sich die Arbeitsbedingungen von Facebooks Moderator:innen, die bei externen Dienstanbietern angestellt sind, in naher Zukunft verbessern.

Verfahren stehen noch aus

Der von Samasource entlassene Daniel Motaung hofft zumindest auf eine finanzielle Entschädigung. Er versucht mit seiner Klage darüber hinaus zu erzwingen, dass extern angestellte Moderator:innen den direkt bei Meta beschäftigten gleichgestellt werden. Am 6. Februar soll ein:e Richter:in entscheiden, ob ein Gericht in Nairobi die Zuständigkeit hat, seine Klage weiterzuverhandeln. Meta versucht dies bislang zu verhindern.

Im Dezember vergangenen Jahres hatten zudem zwei Äthiopier eine Klage gegen Meta beim Obersten Gerichtshof in Kenia eingereicht. Der Vorwurf? Facebook verbreite Hass und Gewalt, um Werbegewinne zu erzielen.

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