Rechter OpfermythosDie Geschichte einer Razzia

Jahrelang kämpft ein tapferer Videoblogger gegen Zensur, bis an einem Morgen im Februar das Bundeskriminalamt vor seiner Tür steht – so lautet die Erzählung über den Rechtsradikalen Torsten Donnerstein. Der Haken daran: Sie ist erfunden.

Torsten Donnerstein nach einer Demonstration
Schwarze Jacke, Digitalkamera, Deutschland-Anstecker: Torsten Donnerstein nach einer Demonstration in Hamburg – Alle Rechte vorbehalten Exif-Recherche | Bearbeitung: netzpolitik.org

Zuerst hätten die Hunde verrückt gespielt, also habe er aus dem Fenster geschaut. Da sei ihm gleich klar geworden, was los war. In einer Nachricht, die in rechten Kreisen verbreitet wurde, schildert der unter dem Namen Torsten Donnerstein bekannte Videoblogger offenbar sein Versagen. Eine Person aus seinem Umfeld liest das Lebenszeichen vor, sie will die Nachricht von dem Abgetauchten empfangen haben, damit sie veröffentlicht wird. Es geht um einen vermeintlichen Zugriff der Polizei in Schleswig-Holstein an einem Donnerstagmorgen Mitte Februar mit dem Ziel, seine Videoplattform „Donnersender“ abzuschalten, eine Art YouTube-Alternative für die rechte Szene. „Tatsächlich wurde der Einsatz vom Dezernat SS – also Staatsschutz – geleitet“, berichtet er.

Donnersteins Erzählung klingt beinahe heldenhaft. Noch bevor die Ermittler:innen die Wohnung betreten hätten, habe er begonnen, Festplatten mit einem Holzspalter zu zerstören. Kurz darauf hätten sie seinen Server übernommen und ein Beschlagnahme-Banner vorgeschaltet. Flankiert von den Logos des Bundeskriminalamts (BKA) und der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main hieß es auf der Website des „Donnersenders“ tatsächlich: „Die Plattform und der kriminelle Inhalt wurden beschlagnahmt.“ Eine Botschaft, scheinbar so unmissverständlich wie die Einblendung in einem Videospiel: Game over.

Beschlagnahme-Banner
Die Website des „Donnersenders“ am Tag der Abschaltung - Alle Rechte vorbehalten Screenshot

Die rechte Szene hat diese Entwicklung aufmerksam verfolgt. Der Rechtsextremist Attila Hildmann, zur Zeit offenbar selbst auf der Flucht wegen eines Haftbefehls, erkundigte sich auf Telegram: Wer könne ihm sagen, wohin der verschollene Donnerstein gebracht worden sei? „Die da oben haben Angst, weil sie ganz genau wissen, dass sie uns mit diesen Lügen da draußen eine Zeit lang verarschen können“, schimpfte der Reichsbürger Dennis Ingo Schulz in einem Video und verriet: Donnerstein befinde sich in Untersuchungshaft. In einer Art Gedenkvideo wird der Blogger als „unvergessener Held der Meinungsfreiheit im deutschen Netz“ verehrt, auch der Holocaust-Leugner Nikolai Nerling, besser bekannt als „Volkslehrer“, hat es geteilt.

Märtyrer-Status trotz Ungereimtheiten

netzpolitik.org hat versucht, die Hintergründe einer Razzia zu recherchieren, die Rechtsradikale so weit verunsicherte, dass sie einander rieten, zügig „die Bude aufzuräumen“, und zugleich etwas zu gründlich schien. Wir sind den Spuren eines Mannes gefolgt, dessen Schicksal ihm augenscheinlich eine Art Märtyrer-Status bescheren sollte, aber zahlreiche Ungereimtheiten aufweist. Sie beginnen damit, dass es beim BKA – anders als behauptet – gar kein „Dezernat SS“ gibt, weil die für den Staatsschutz zuständige Abteilung die Abkürzung „ST“ nutzt. Wir sind auch auf Verbindungen zu der Nachhilfeschule eines ehemaligen NPD-Politikers gestoßen und auf ein Verhaltensmuster, das die rechte Szene längst als Erfolgsrezept erkannt hat: den Opfermythos.

Etliche Spuren, die Donnerstein über die Jahre hinterlassen hat, sind verschwunden, sein Telegram-Kanal ist deaktiviert. Vielleicht soll man den Eindruck gewinnen, die Ermittler:innen, die angeblich erst Donnersteins Hunde und dann die rechte Szene aufgeschreckt haben, hätten alles daran gesetzt, dass es aussieht, als hätte es den Blogger nie gegeben.

In seinen Videos warnte Donnerstein vor einem angeblich drohenden Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung. Eine 19-teilige Serie sollte seine Anhänger:innen auf dieses Ereignis vorbereiten. Er riet ihnen unter anderem, sich zu bewaffnen und schonmal auf dem Schießstand zu üben. Seine Botschaften sind offen rechtsradikal, bereits im Intro seiner Videos ist Adolf Hitler zu sehen. Als Profilbild nutzte Donnerstein das Beispielbild für das Aussehen einer „nordischen Rasse“ nach Hans F. K. Günther, der als Begründer der NS-Rassenideologie gilt. Eine Zeit lang verkehrte der Blogger im Umfeld von „Reconquista Germanica“ und warb für das rechtsextreme Netzwerk als „größte Offensive in der Geschichte der Bundesrepublik“, der sich seine Anhänger:innen anschließen sollten.

Der Kampf gegen angebliche Zensur

Wie ein roter Faden zogen sich durch die mittlerweile gelöschten Videos aber seine Klagen über die vermeintliche Zensur rechter Akteur:innen. Dass YouTube volksverhetzende Inhalte sperrte, ärgerte ihn offenbar so sehr, dass er mit dem „Donnersender“ eine eigene Plattform entwarf. Also die Plattform, die das BKA nun abgeschaltet haben soll. Zu beurteilen, wie bedeutend sie wirklich war, ist schwierig. Vor rund einem Jahr hostete die Plattform nach eigenen Angaben mehr als tausend Videos. Zahlreiche Verweise darauf fanden sich auch in Imageboards und einschlägigen Telegram-Gruppen.

Der Anspruch, den Donnerstein bei all dem an sich selbst zu stellen schien, war hoch. Einem anderen Akteur, der eine ähnliche Videoplattform betrieb und sich dafür Geld spenden ließ, warf er Gier vor. Doch der ehrliche Kämpfer für die rechte Szene, als der sich Donnerstein ausgab, war bloß eine Kunstfigur. Recherchen zeigen, dass er auch seinen Anhänger:innen nicht immer die Wahrheit gesagt hat.

Laut der Nachricht, die seit seinem Verschwinden kursiert, sei es einem Vertrauten in letzter Sekunde gelungen, ein Programm auszulösen, das Datenspuren vom Server des „Donnersenders“ löschte. Eine Art heroischer Akt, der all diejenigen vor dem Zugriff der Ermittler:innen schützen sollte, die beim „Donnersender“ zuvor selbst rechtsradikale Videos eingestellt hatten.

Aus seinem Umfeld heißt es, er habe zuvor erzählt, der Server der Plattform stehe in Russland, um sich dem Zugriff deutscher Behörden zu entziehen und die Nutzer:innen vor Strafverfolgung zu schützen. Die IP-Adresse des „Donnersenders“ und damit dessen Serverstandort hatte er versucht, mithilfe des Diensts Cloudflare zu verschleiern, laut der Datenbank des Unternehmens SecurityTrails führte sie jedoch spätestens seit November 2019 zu einem Rechenzentrum in der Nähe der finnischen Hauptstadt Helsinki. Betreiberfirma ist ein großer Hosting-Anbieter aus Mittelfranken. Das deutet darauf hin, dass die russische Länderkennung der Domain von „donnersender.ru“ wohl eher eine Nebelkerze war.

Die Spur führt nach Rendsburg

Mit der Zeit hat Donnerstein offenkundig gezielt falsche Spuren gelegt. Im Netz verbreitete er widersprüchliche Angaben über sein Alter. Ein Foto, auf dem der Blogger zu sehen sein soll, zeigt einen schlanken und blonden jungen Mann. Wer die Person ist, bleibt unklar – jedenfalls nicht Donnerstein, eigentlich ein braunhaariger Mann mit gedrungener Statur. Wir haben ihn auf Bildern identifiziert, die bei Demonstrationen entstanden sind, an denen er teilnahm.

Eines dieser Videos wurde kurz vor der Bundestagswahl 2017 bei einem Wahlkampfauftritt von Angela Merkel an der Ostseeküste aufgenommen. Der Blogger steht inmitten einer Gruppe, welche die Rede der Bundeskanzlerin mit Trillerpfeifen zu stören versucht. Ihre Größe ist überschaubar, die Lokalzeitung schätzt sie auf rund 20 Personen. Donnerstein filmt die Szene mit seiner Sony-Kamera, die Aufnahmen wird er später ins Netz stellen.

Das Video, das ihn selbst zeigt, hat jemand anders gedreht: Heinz Brochonski, Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Rendsburg-Eckernförde. Zeitweise steht Donnerstein direkt vor ihm. Auf Anfrage teilt Brochonski mit, der Mann sei ihm „völlig unbekannt“.

Auch die Spur des Bloggers führt nach Rendsburg. Bei der Bundestagswahl 2017 sowie der Europawahl 2019 war er dort nach eigenen Angaben als Wahlbeobachter tätig. Mit einem Begleiter sei er von Wahllokal zu Wahllokal gezogen, von ihm selbst veröffentlichte Fotos sollten dies belegen. Eigentlich würde Donnersteins Verbindung dorthin keine Rolle spielen – wäre da nicht ein weiteres Puzzleteil, das Fragen aufwirft.

Ein NPD-Politiker und seine Nachhilfeschule

Eine Reihe technischer Merkmale von Domains des Bloggers offenbart Überschneidungen mit der Website einer Rendsburger Nachhilfeschule. Augenscheinlich teilten sich die Internetauftritte die Infrastruktur. Als der „Donnersender“ abgeschaltet wurde, ging auch die Nachhilfeschule vom Netz. netzpolitik.org ist auf Belege gestoßen, dass auf der Website der Nachhilfeschule, die Kinder und Jugendliche betreute, zeitweise sogar Inhalte des rechtsradikalen Bloggers ausgespielt wurden – womöglich aufgrund einer Fehlkonfiguration.

Website der Rendsburger Nachhilfeschule im Dezember 2019 mit Torsten-Donnerstein-Inhalten
Website der Rendsburger Nachhilfeschule im Dezember 2019 - Alle Rechte vorbehalten Screenshot

Laut Daten, die bei der für Domains mit der Länderkennung „.de“ zuständigen Registrierungsstelle DENIC hinterlegt sind, lief „donnerstein88.de“ auf die Nachhilfeschule. „Donnerstein88“ war auch der Name von Donnersteins eigenem „Donnersender“-Videokanal, der Zahlencode 88 steht in der rechten Szene gemeinhin für „Heil Hitler“.

Vielleicht ist die Nähe des Bloggers zu der Nachhilfeschule aber auch keine Überraschung. Denn deren Betreiber – ein Mann namens Jens G. – ist kein Unbekannter. Bei der Bundestagswahl 2005 trat er als Direktkandidat der rechtsextremistischen NPD an.

Wir haben versucht, Jens G. zu kontaktieren. Wir wollten ihm Gelegenheit geben, die Verbindung zwischen Donnerstein und seiner Nachhilfeschule zu erklären. Aber drei Telefonnummern, die noch Anfang Februar auf ihrer Website standen, sind nicht mehr vergeben. Ein Brief, den wir an die im Impressum angegebene Adresse geschickt haben, konnte nicht zugestellt werden.

Könnte es etwa sein, dass die Nachhilfeschule – wenn es sie überhaupt noch gibt – von der Durchsuchung ebenfalls betroffen war? Die Wahrheit ist: Das ist äußerst unwahrscheinlich.

Inszenierte Durchsuchung

Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, die laut Beschlagnahme-Banner auf der Website den Auftrag für die Maßnahme erteilt haben soll, teilt netzpolitik.org auf Anfrage mit an, kein Verfahren im Zusammenhang mit dem „Donnersender“ zu führen.

Das BKA schreibt uns, man könne den Sachverhalt nicht zuordnen.

Die für Rendsburg zuständige Polizeidirektion Neumünster gibt an, nichts von einer Durchsuchung zu wissen, wie Donnerstein sie in seiner Nachricht schilderte.

Wir haben intensiv nach Belegen dafür gesucht, dass es diese Durchsuchung wirklich gegeben hat und keinen einzigen gefunden. Stattdessen spricht alles dafür, dass Torsten Donnerstein seine Ergreifung durch die Sicherheitsbehörden inszeniert hat. Damit befeuert der Blogger wohl ein letztes Mal den Opfermythos, den er mit dem Kampf gegen angebliche Zensur zu seinem Hauptmotiv erklärt hat. Eine Strategie, die in der rechten Szene alles andere als unüblich ist.

Bedrohung als Kernthema

„Wenn wir uns die rechtsextremen Erfolge des vergangenen Jahrzehnts anschauen, dann sind Opfermythen im Narrativ der extremen Rechten ein zentrales Muster“, sagt Holger Marcks, der am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg forscht und ein Buch darüber geschrieben hat, mit welchen Techniken Rechtsextreme in den sozialen Medien versuchen, Ängste zu verstärken („Digitaler Faschismus“, gemeinsam mit Maik Fielitz). Im Zentrum der Opfermythen habe vor allem die vermeintliche Bedrohung durch Migration und einen „Bevölkerungsaustausch“ gestanden, häufig verknüpft mit der Behauptung, die Freiheit sei insgesamt gefährdet – etwa durch staatliche Zensur, sagt Marcks. „Spätestens seit Corona sehen wir anstelle einer äußeren Bedrohung häufiger dieses Teilnarrativ, dass der Staat selbst zur Bedrohung wird.“

Auch Donnerstein hatte eine ominöse Bedrohung zu einem Kernthema gemacht, wie man seiner Videoserie über den angeblich kommenden Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung entnehmen kann, die er zum Teil als Krisenvorsorge betitelte. Sie handeln zum Teil von Geflüchteten, aber auch einem vermeintlichen Geheimplan, die Menschen immer dümmer zu machen, damit der Staat sie leichter beherrschen könne.

Es ist denkbar, dass Torsten Donnerstein nun glaubt, einen Weg gefunden zu haben, um mit all dem abzuschließen, ohne dass sein Ansehen darunter leidet, und er deshalb ein Beschlagnahme-Banner auf seiner Website platziert hat. Eine BKA-Sprecherin teilt netzpolitik.org mit: „Dass gefälschte BKA-Seizure-Banner oder Banner anderer Behörden verwendet werden, ist insbesondere im Zusammenhang mit sogenannten Exit-Scams ein bekanntes Phänomen.“

Wir hätten den Blogger gerne gefragt, ob hinter seinem Verschwinden mehr steckt, als ein solcher Exit-Scam. Wir haben uns an eine Person gewandt, in deren Telegram-Gruppe er zuvor aktiv gewesen war. Aber sie schreibt uns: „Torsten lehnt aktuell jede weiteren Auskünfte ab.“

Wir haben keinen Weg gefunden, ihn zu kontaktieren. Seine Social-Media-Konten sind deaktiviert, seine Domains stehen längst zum Verkauf, auf der Website war das Beschlagnahme-Banner nur für wenige Stunden zu sehen. Nur die reißerische Erzählung, wie das BKA die Wohnung in Schleswig-Holstein gestürmt haben soll, kursiert noch immer.

0 Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.