In der Debatte um das Umgehen von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung haben sich jetzt auch die Wissenschaftlichen Dienste (WD) des Bundestags zu Wort gemeldet. Die Forderung nach Hintertüren in Messenger-Diensten sei praktisch kaum umsetzbar. In einem am Freitag veröffentlichten Papier kritisieren die Wissenschaftler:innen des Bundestags, dass der EU-Vorschlag nicht ausreichend auf tatsächliche technische Implementierungen von Messengern eingeht.
Bereits im Sommer hatte die EU-Kommission vorgeschlagen, Online-Dienste wie Facebook und GMail sowie verschlüsselte Messenger stärker überwachen zu wollen. Damit solle die Verbreitung von Bildmaterial von Kindesmissbrauch bekämpft werden. Wissenschaftler:innen der TU Dresden und der Ruhr-Universität Bochum haben sich nun für die WD den zugehörigen Entwurf angeschaut.
Laut der Einschätzung der Experten liegt ein zentrales Problem in der technischen Umsetzbarkeit der geplanten Hintertüren. Alle Vorschläge setzten voraus, dass Nutzer:innen „mitspielen“, was bei tatsächlichen kriminellen Vorgängen unwahrscheinlich ist. Die Lösungsvorschläge seien zu leicht umgehbar.
Fehlende technische Implementierung
Grundsätzlich wird zwischen verschiedenen Typen von Messengern unterschieden. Dienste, deren Inhalte gar nicht oder nur auf dem Transportweg verschlüsselt werden, ließen sich bei Internetanbietern oder Dienstbetreibern abhören. Dafür müsste lediglich eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden, sofern sie in den Mitgliedsländern nicht schon besteht.
Kompliziert wird es bei Diensten wie WhatsApp, Telegram, Signal oder Threema, die alle oder einen Anteil der Nachrichten Ende-zu-Ende-verschlüsseln. Im Falle einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung können die Anbieter maximal Metainformationen, nicht aber Inhalte auslesen. Der erste gebotene Lösungsansatz ist die Installation von Spionagesoftware auf dem Endgerät eines Verdächtigen, ähnlich dem Einsatz des Bundestrojaners. Die Wissenschaftler kritisieren hierzu, „dass prinzipiell alle Nutzer der Dienste unter Generalverdacht gestellt würden“. Gleichzeitig wäre es für Kriminelle recht unkompliziert, die vorgeschlagene Methode der Erkennung von Hashwerten zu umgehen, indem sie beispielsweise Bilder nur minimal verändern.
Der zweite Ansatz ist die homomorphe Verschlüsselung. Diese würde es zulassen, verschlüsselte Inhalte nach bestimmten Materialien zu durchsuchen, ohne Zugriff auf die entschlüsselte Quelle zu haben. Das wäre zwar datenschutztechnisch weniger bedenklich, die sehr rechenaufwändige Methode der Verschlüsselung wird aber bei gar keinem relevanten Messenger-Dienst angewandt.
Eine angehende Diskussion
Anfang November wurde auch mit der Veröffentlichung eines Resolutionsentwurfs des EU-Ministerrats eine breitere öffentliche Diskussion über Hintertüren losgetreten. Auch nach jahrelanger Debatte werden längst widerlegte Argumente ignoriert – wieder werden vage Vorschläge zu technisch (und mathematisch) kaum umsetzbaren Lösungen gemacht.
Zuletzt zeigt sich Angela Merkel auf dem Digitalgipfel des Wirtschaftsministeriums scheinbar einsichtig und sprach sich gegen Hintertüren bei Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aus: „Ist zwar für die, die Terror-Fahndung machen und Ähnliches nicht so gut, wenn alles verschlüsselt wird, aber der Kunde möchte es natürlich ohne Fehlstellen haben.“
