Empfehlungen des Strategieprozesses Wikimedia 2030

Wie groß ist der Erneuerungsbedarf bei Wikipedia & Co?

Braucht es ein neues globales Leitungsgremium für Wikipedia und ihre Schwester-Communities, etwa nach Vorbild der Vereinten Nationen? Die Einrichtung eines „Global Council“ ist nur einer von unzähligen Vorschlägen des jüngsten Strategieprozesses der Wikimedia Foundation. Ein Interview mit der Projektleiterin Nicole Ebber.

Riesenspatz / Svenja Kirsch, Anna Lena Schiller, riesenspatz.de, Timeline for Phase I, II, and III of the Movement Strategy
Stilisierte Zeitleiste für die Phasen I, II, und III des Wikimedia-Strategieprozesses CC-BY-SA 4.0 Riesenspatz / Svenja Kirsch, Anna Lena Schiller
Bild von Nicole Ebber (Wikimedia Deutschland)
Nicole Ebber, Head of International Affairs, Wikimedia Deutschland CC-BY-SA 4.0 Jason Krüger

Fast zwei Jahre lang hat sich die Wikimedia Foundation, die gemeinnützige Organisation hinter Projekten wie Wikipedia, Wikidata oder Wiktionary, Zeit genommen, um einen möglichst partizipativen Strategieprozess unter starker Mitwirkung der freiwillig Beitragenden zu organisieren. Seit kurzem liegen die Ergebnisse dieses Strategieprozesses in Form von Empfehlungen und daraus abgeleiteten Maßnahmen vor (siehe auch das PDF des vollständigen Berichts in Englisch sowie eine kompakte Zusammenfassung im Blog von Wikimedia Deutschland). Projektleiterin für den jüngsten Strategieprozess war mit Nicole Ebber erstmals jemand aus dem deutschen Wikimedia-Verein. Mit ihr habe ich über den Prozess und das Ergebnis ein Interview geführt.

netzpolitik.org: Die Empfehlungen für die strategische Weiterentwicklung von Wikimedia und Wikipedia sind „in einem fast zweijährigen Prozess von fast 100 Wikimedianern und Wikimedianerinnen aus der ganzen Welt entwickelt“ worden. So steht es auf der Webseite mit den Ergebnissen dieses Prozesses. Du hattest während dieser ganzen Zeit die internationale Projektleitung inne – was waren da Deine Hauptaufgabengebiete?

Nicole Ebber: Zunächst hatten wir einmal die Frage zu beantworten, wie man überhaupt loslegt, wenn man einen radikal offenen und partizipativen und globalen Strategieprozess bauen und begleiten möchte. Das ganze unter Einbeziehung von vielen unterschiedlichen Ansprüchen und Polaritäten. Das nächste war der Aufbau, die Leitung und das Management eines globalen Kernteams mit Menschen aus Indien, Uganda, Jordanien, Moldawien, Estland, Deutschland, Kanada und den USA. Dieses Team über viele Zeitzonen und viele Kulturen hinweg zu managen und die virtuelle Zusammenarbeit zu gestalten war meine Hauptaufgabe. Das war total interessant, sehr herausfordernd, und ich habe jeden Tag etwas neues gelernt, sowohl über meine Teammitglieder als auch über mich selber.

netzpolitik.org: Wie war dann das Verhältnis zwischen diesem Kernteam und der Community aus Freiwilligen?

Nicole Ebber: Mein Team und ich haben uns als Ermöglicher und Unterstützer in Rahmen des ganzen Riesenprojekts verstanden. Wir haben die komplette Umgebung, Struktur und Unterstützung gebaut, gepflegt, immer wieder korrigiert und adaptiert, damit andere die Inhalte erstellen können. Diese anderen waren etwa 100 Arbeitsgruppenmitglieder, und tausende Menschen aus allen Ecken der Wikimedia-Bewegung – des Movements, wie wir das nennen. Diese Menschen haben sich online auf verschiedensten Kanälen oder bei Events an den Debatten und der Entwicklung der Empfehlungen beteiligt.

netzpolitik.org: Diese Empfehlungen sind relativ allgemein gehalten, es werden allerdings durchaus auch ganz konkrete Maßnahmen daraus abgeleitet. Wenn Du Dir drei konkrete Maßnahmen aussuchen müsstest, die Dir besonders wichtig für die Zukunft der Wikimedia erscheinen, welche wären das?

Nicole Ebber: Meine drei wichtigsten Maßnahmen sind die Erstellung einer „Movement Charter“ sowie die Einrichtung von regionalen und thematischen „Hubs“ und eines „Global Council“.
Alle drei Vorschläge stammen aus den Empfehlungen zu “Equity in decision making”, wo für mich insgesamt die meiste Musik spielt. Da geht es ganz viel um eine sinnvollere Verteilung von Machtstrukturen und Privilegien, aber auch darum, endlich mal das althergebrachte und aufgrund von uralten Geschichten und persönlichen Streitigkeiten etablierte System neu, bedarfsgerecht und dezentralisiert zu gestalten.

netzpolitik.org: Dann lass uns gleich etwas genauer über den Vorschlag reden, einen „Global Council“ einzuführen, der repräsentativer für die Wikimedia-Bewegung sein und auf Perspektive Aufgaben des Stiftungsvorstands, dem aktuell höchsten Gremium, übernehmen soll. Gibt es schon Ideen, wie dieser „Global Council“ beschickt bzw. gewählt werden wird…

Nicole Ebber: Nein, leider noch nicht. Diese konkreten Debatten haben wir auf die Implementierungsphase geschoben, damit sich die Empfehlungen nicht zu sehr in Details verlieren. Außerdem müssen für verschiedene Initiativen auch verschiedene Stakeholder befragt und eingebunden werden, und das benötigt wieder unterschiedliche Arten der Konsultation. Das steht als nächstes an. In der Entwicklung der Empfehlungen wurden natürlich unterschiedliche Formen der Repräsentation besprochen; soll es zum Beispiel eine Art UN-Modell werden? Wie können wir sicherstellen, dass alle Teile des Movements – Projektmitarbeitende, Organisationen, Gruppen und auch Partner – repräsentiert werden, und dieses Gremium arbeitsfähig ist. Eine Überlegung ist auch, den Wikimedia Summit, der vor Corona jährlich von Wikimedia Deutschland in Berlin veranstaltet wurde, zur Plattform für die Zusammenkunft des Global Councils zu machen, so dass dort die relevanten strategischen Entscheidungen getroffen werden können.

netzpolitik.org: …und wird es eine Frauenquote im „Global Council“ geben?

Nicole Ebber: Guter Punkt mit der Frauenquote! In den Empfehlungen steht, dass der Gendergap bis 2030 eliminiert werden soll. Und in den Prinzipien zu Inklusion bekennen wir uns dazu, fehlende Repräsentation verschiedener Gruppen und Inhalte überwinden zu helfen, um allen Stimmen Gehör zu verschaffen – auch in den formalen Entscheidungsprozessen. Unsere Herausforderung ist also im Grunde noch viel größer als “nur” der Gendergap. Bei der Zusammensetzung des Gobal Councils muss aus meiner Sicht hier natürlich dringend eine gerechte Verteilung der Sitze herrschen, und das lässt sich hoffentlich über gute Kriterien für die Auswahl und Besetzung steuern.

netzpolitik.org: Neben dem Global Council soll es auch einen – ebenfalls globalen – Technology Council geben, der über die Weiterentwicklung der Software von Wikipedia und ihren Schwesterprojekten entscheiden soll. Gerade der Umbau der Mediawiki-Software war in der Vergangenheit des öfteren Grund für heftige Auseinandersetzungen zwischen Wikimedia und Teilen der Community (z.B.  Superprotect-Streit). Wie soll der Technology Council sowas in Zukunft vermeiden helfen und ist es nicht ein Problem, dass vermeintlich technologische oft sehr politische Fragen sind, für die eigentlich der Global Council das richtige Forum wäre?

Nicole Ebber: Gute Frage, der wir uns sicherlich in den Implementierungsdebatten widmen werden. Der Vorschlag zum Technology Council muss noch viel weiter konkretisiert werden. Es gibt sicherlich schon einige sehr gute Beispiele, wie user-zentrierte Softwareentwicklung bei Wikimedia gemacht wird (z.B. Technische Wünsche). Bisher sind solche politischen Fragen oft ans Board of Trustees der Wikimedia Foundation herangetragen worden, welches im Grunde aber der Vorstand dieser Organisation ist, und nicht der Vorstand des Movements. Das hat oft zu Unstimmigkeiten und Unklarheiten hinsichtlich dessen Verantwortlichkeiten geführt. Auf Dauer versprechen wir uns natürlich, dass ein mit technologischem Wissen und Expertise ausgestatteter Technology Council hier in Zusammenarbeit mit den technischen Communities und den Nutzenden gerechtere und zukunftsorientiertere Entscheidungen treffen kann, und sich im Zweifel dann auch mit dem Global Council berät.

netzpolitik.org: Noch einmal zurück zur Frauenquote: eines der meistdiskutierten Themen der letzten Jahre war rund um Wikipedia war die vergleichsweise geringe Diversität unter den freiwilligen Autor:innen. Gemeinsam mit der Community soll jetzt ein „Code of Conduct“ erarbeitet werden. Erstmal war ich angesichts der vielen, vielen Regeln in der Wikipedia verwundert, dass es so einen Code of Conduct nicht schon lange gibt. Eine Professionalisierung des Community-Managements zählt jedoch nicht zu den Empfehlungen – warum nicht?

Nicole Ebber: Die Auseinandersetzungen um ein Code of Conduct gibt es schon sehr lange, die Lager sind sehr gespalten, und man konnte sich bisher nicht auf eine Lösung einigen. Durch die globale Arbeit der Arbeitsgruppen (hier insbesondere “Community Health”) war es aber möglich, auch weniger repräsentierte Communities zu befragen und dort wünschen sich wirklich sehr viele einen universellen Code of Conduct. Ich glaube, was dazu bei uns abgeht ist in etwa ein Spiegel dessen, was auch in anderen Communities zum Thema hitzig diskutiert wird. Für viele Mitarbeitende scheinen diese Maßnahmen gar nicht nötig, sie wollen einfach so weiterarbeiten wie bisher. Aber wenn wir ein Movement sein möchten, dem sich alle, die unsere Vision teilen, anschließen können, müssen wir dringend Schutz bieten vor Belästigung und Übergriffen, das ist aus meiner Sicht unabdingbar.

netzpolitik.org: Wie soll dann die Entwicklung eines einheitlichen Code of Conduct dieses Mal gelingen? Und könnte dieser dann eine Basis für ein professionelleres Community Management sein?

Nicole Ebber: Die Wikimedia Foundation will nun erneut die Diskussion zur Implementierung des Code of Conduct anstoßen. Wichtig ist dabei, dass die lokalen bzw. Projekt-Communities bei der Gestaltung dessen gut einbezogen werden. Die Professionalisierung des Community Managements kam jedoch tatsächlich nicht zur Sprache. Warum kann ich gar nicht sagen, es war wohl einfach nicht akut genug. Was diskutiert wurde, ist ob man bestimmte Beiträge Freiwilliger doch entlohnen sollte. Dabei geht es keineswegs um inhaltliche Arbeit und Beiträge in den Projekten, sondern zum Beispiel um organisatorische Aufgaben. In vielen Teilen der Erde ist die Freiwilligenkultur viel weniger ausgeprägt als bei uns. Da haben Menschen dann einfach keine Zeit, in ihrer Freizeit eine Veranstaltung zu organisieren, einen Community-Workshop zu planen oder die Zusammenarbeit mit Museen zu koordinieren.

netzpolitik.org: Sowohl bei der Entwicklung der strategischen Empfehlungen als auch bei der Implementierung wird sehr stark die Einbindung der Community, also der freiwillig Beitragenden betont. Angesichts dessen, dass in den meisten Sprachversionen die Community in den letzten Jahren bisweilen stark geschrumpft ist, könnte es nicht ein Problem sein, wenn dann vor allem diese kleiner werdende Communities so stark die Richtung vorgibt? Bräuchte es nicht eher mehr Input von Außen?

Nicole Ebber: Input wurde ja nicht nur von den freiwillig Beitragenden sondern auch von vielen Angestellten und Boardmitgliedern aus Organisationen und Gruppen eingeholt. Einige wenige Partnerorganisationen waren auch dabei, und wir haben uns externen Rat, Unterstützung und Forschung geholt. Zum Beispiel zum Thema Gleichheit, Organisationsentwicklung oder Verteilung von Ressourcen, um eben die nicht-vertretene Perspektiven auch zu berücksichtigen.

Nicole Ebber: Und dennoch: Ja! Für die nächsten Schritte und die Planung der Implementierung sollte Wikimedia neben den internen Konsultationen unbedingt auch externe Expertise einholen, und darüber hinaus auch noch stärker die Partner aus dem Ökosystem des Freien Wissens sowie Wissenschaftlerïnnen und Beratende, Spenderïnnen und Leserïnnen als Inputgebende einbeziehen.

netzpolitik.org: Vor gut einem Jahr war diskutiert worden, die Wikimedia Foundation in Wikipedia Foundation umzubenennen und überhaupt Wikipedia zur Dachmarke zu machen. Im Strategiedokument habe ich dazu jetzt nichts gefunden – war das kein Thema oder ist die Idee mittlerweile wieder beerdigt?

Nicole Ebber: Die Idee ist nicht beerdigt, aber sie läuft komplett unabhängig von unserem Prozess. Bald startet dazu eine Konsultation.

netzpolitik.org: Zum Schluss noch die Frage, wann endlich der Wikipedia-Relaunch kommt? Zumindest am Desktop wirkt die Wikipedia inzwischen schon sehr aus der Zeit gefallen?

Nicole Ebber: Aber das Wissen ist faktenbasiert, einem neutralen Standpunkt verpflichtet und oft topaktuell, und das ist ja wohl, worauf es ankommt.

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2 Ergänzungen
  1. „netzpolitik.org: Zum Schluss noch die Frage, wann endlich der Wikipedia-Relaunch kommt? Zumindest am Desktop wirkt die Wikipedia inzwischen schon sehr aus der Zeit gefallen?“
    Falls ihr damit das Erscheinungsbild meint finde ich das es ein für ein Wiki sehr gut bedienbares „Layout“ hat klar könnte man noch hier und dort den Aufbau standardisieren oder z.B. einen Nachtmodus einbauen aber rein Optisch ist das doch eher weniger zu bemängeln(meiner Meinung nach).

    1. Sehe ich genauso, mich würde auch interessieren, wieso für den Autor „Wikipedia inzwischen schon sehr aus der Zeit gefallen“ wirkt

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