Torsten Kleinz berichtet in einer Serie von Beiträgen bei heise.de über eine Auseinandersetzung zwischen Wikimedia Foundation und ehrenamtlichen Wikipedia Administratoren rund um die Implementierung des neuen Benutzerstatus „Superprotect“ in Wikipedias MediaWiki-Software. Durch die Einführung von „Superprotect“ versetzte sich die Wikimdia Foundation in die Lage, Änderungen wie einen neuen Medienviewer auch gegen den Widerstand von Administratoren in lokalen Länderversionen durchzusetzen. In der deutschsprachigen Wikipedia gibt es inzwischen bereits einen längeren Wikipedia-Artikel zu „Wikipedia: Superschutz“ samt „Karikatur aus der Protestbewegung gegen Superschutz“.
Wie auch Torsten Kleinz schreibt, geht es bei dem Streit um Superprotect um die grundsätzliche Frage des Verhältnisses zwischen Wikimedia Foundation und Freiwilligen-Community, die auch in Deutschland kürzlich zu einer Strategiedebatte und der Ablösung des Vorstands von Wikimedia Deutschland geführt hatte.
Bis zu einem gewissen Grad ist der Streit in der Wikipedia aber sogar noch grundsätzlicher und exemplarisch für community-basierte, freie Projekte im Allgemeinen – vor allem, wenn sie erfolgreich sind und ihren Nutzerkreis über jenen der unmittelbar zum Projekt Beitragenden hinaus vergrößern (wollen). In solchen Fällen kommt es scheinbar zwangsläufig zu Konflikten darüber, ob die Bedürfnisse und Interessen der Kern-Community oder jene der (potentiellen) Nutzer im Vordergrund von Weiterentwicklungen stehen sollen. Im Bereich Freier und Open-Source-Software fiele beispielsweise Canonicals Linux-Distribution Ubuntu in diese Kategorie. Auch dort tobt eine heftige Auseinandersetzung um die neue Benutzeroberfläche „Unity“, die Ubuntu einsteigerfreundlicher machen sollte, viele Entwickler aber zur Schwesterdistribution Linux Mint abwandern ließ. Ganz allgemein ist das geringere Interesse von Open-Source-Entwicklern an Usability-Fragen sicher mit ein Grund, warum sich Linux am Desktop bis heute so schwer tut.
Dementsprechend ist es kein Zufall, wenn die Hauptkonfliktlinien zwischen Wikimedia Foundation und Wikpedianern rund um Fragen von Usability, Design und ideologische Prinzipien verlaufen:
- Bildfilter-Streit: Lesern sollte die Möglichkeit gegeben werden (Opt-in), einzelne Bilder, oder Bilder bestimmter Filterkategorien (z.B. Nacktbilder) auszublenden. Nach Protesten aus der Community liegt das Projekt derzeit auf Eis.
- Visual Editor: Der Visual Editor erlaubt die Berarbeitung von Wiki-Seiten ohne Kenntnis der Wiki-Syntax entsprechend dem WYSIWYG-Prinzip und sollte vor allem Neulingen den Einstieg in Wikipedia erleichtern. Entgegen ursprünglichen Plänen ist der Visual Editor in Deutschland immer noch nicht die Standardbearbeitungsmethode, sondern muss explizit im Nutzeraccount freigeschalten werden, was aber natürlich gerade den Hauptzweck niedrigerer Einstiegshürden vereitelt.
- Medienviewer: Wie beim Visual Editor geht es auch in dieser jüngsten Auseinandersetzung darum, ob der neue Medienviewer als Default zum Einsatz kommt oder im Nutzeraccount freigeschalten werden muss.
Schickes Aussehen und Einsteigerfreundlichkeit sind für die erfahrensten und aktivsten Mitglieder der Wikipedia-Community von bestenfalls untergeordneter Bedeutung. Erlernte Kompetenzen und Gewöhnungseffekte von Intensivnutzern erschweren Neuerungen. So wie Linux-Cracks kein Problem mit Umwegen über die Kommandozeile haben, stört sie Wikisyntax nicht – eher im Gegenteil, es erlaubt schnelleres, präziseres und teilweise automatisiertes bearbeiten. Das erklärt wohl auch, warum die Wikipedia 2014 immer noch wie eine Webseite aus Ende der 1990er Jahre aussieht.
Für die Wikimedia Foundation ist diese konservative Tendenz von zumindest signifikanten Teilen ihrer Kerncommunity die zentrale Herausforderung. Einerseits sollen bessere Software und neue Regeln Autorenschwund und mangelnde Diversität lindern helfen, andererseits gelingt es der Foundation bislang nur schlecht für Akzeptanz ihrer Maßnahmen unter bestehenden Administratoren zu sorgen.
In der aktuellen Auseinandersetzung folgt die Einführung eines Superprotect-Status durch die Wikimedia Foundation einer Schmittschen Logik: Wenn Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet, dann bedeutet das im Kontext der Wikipedia also offensichtlich: Souverän ist, wer über Root-Zugriff verfügt.
Die Folgen der Superprotect-Nutzung dokumentieren aber gut die Grenzen einer solchen Vorgehensweise in Community-basierten Projekten wie Wikipedia. Die Diskussion über den Medienviewer wurde mit der Maßnahme nicht beendet, sondern eskalierte zur Grundsatzdebatte. Streikende Administratoren versehen ihre Benutzerseiten mit einem Protestlogo und rechtfertigen eigene technologische Umgehungsstrategien mit Meinungsbildern zum Medienviewer.
Bis zu einem gewissen Grad ist der Streit um Superprotect eine (weitere) Machtprobe zwischen Foundation und Community, die zeigt, dass sich das Problem divergierender Interessenlagen nicht mit roher technischer Gewalt wird lösen lassen. Es fehlt der Foundation einfach an Legitimität und der Rückgriff auf Root unterminiert diese Legitimität nur noch weiter. Vielleicht würde es stattdessen eher helfen, Wikipedia-Banner nicht nur zur Spendenakquise sondern auch verstärkt für (Usability-)Abstimmungen unter Wikipedianutzern einzusetzen.
