In den letzten Wochen häufen sich bei mir wieder die Interviewanfragen zum Thema Autorenschwund in der Wikipedia (z.B. hier bei detektor.fm). Seit 2007 geht die Zahl der aktiven WikipedianerInnen langsam aber stetig zurück. Ungefähr seit damals werden auch immer dieselben beiden Fragen gestellt: Was ist der Grund für den Rückgang? Was ließe sich dagegen unternehmen?
Zu den meistgenannten Gründen zählen eine wenig herzliche Willkommenskultur, die steigende Zahl an Regeln sowie technische Hürden. Zu den bislang ergriffenen Gegenmaßnahmen zählen die Einrichtung von „Teahouses“ für einen freundlichen Einstieg samt Einführung in die wichtigsten Regeln sowie die seit Jahren andauernde Entwicklung eines WYSIWYG-Editors. Soweit, so bekannt (siehe auch „Wikipedia: Grenzenlose Exklusion?“).
Eine Frage des Journalisten Johannes Fischer in einem Hintergrundgespräch hat mich jetzt aber noch einmal über eine Sache neu nachdenken lassen, die zwar vielleicht nicht für den AutorInnenschwund selbst, sehr wohl aber für dessen schleppende Bekämpfung mitverantwortlich ist: die Kluft zwischen der Community von Wikipedia-AutorInnen auf der einen und der Wikimedia Foundation bzw. nationalen Wikimedia-Vereinen („Chapters“) auf der anderen Seite. Denn die Frage von Johannes Fischer war eigentlich naheliegend: Wenn die Wikipedia ein Problem mit der Community-Kultur hat, warum werden dann nicht einfach ein paar Community-Manager eingestellt?
Spendengelder für Community-Manager?
Die Frage ist umso berechtigter, weil das Geld dafür da wäre. Die Wikimedia Foundation eilt von einem Spendenrekord zum nächsten. Aktuell sitzt die Wikimedia Foundation auf Barreserven von 55,3 Millionen US-Dollar (vgl. FAQs zum Financial Statement). Das ist viel mehr als für den technischen Betrieb der Wikipedia erforderlich ist. Die Wikimedia Foundation und die mit ihr über Verträge verbundenen Wikimedia-Vereine sind in der eigentlich beneidenswerten Situation, den größten Teil ihrer Spendengelder relativ frei einsetzen zu können.
Dennoch ist es nicht wahrscheinlich, dass auch nur ein Teil der Spendengelder in naher Zukunft für Community-Manager ausgegeben wird. Der Grund dafür ist, dass sich Wikimedia Foundation und Vereine bewusst und vollständig aus der Erstellung der Wikipedia-Inhalte heraushalten. Die vielgescholtenen Relevanzkriterien, an denen gerade motivierte Neulinge mit ihren Beitragsvorschlägen zu scheitern pflegen, werden unabhängig von Foundation und Vereinen durch „die Community“ entwickelt. Das letzte Wort bei den berüchtigten Löschdiskussionen haben folgerichtig auch keine Wikimedia-Funktionäre oder ‑Angestellte sondern von der Community gewählte AdministratorInnen. Überhaupt ist die mehrstufige Wikipedia-Bürokratie unabhängig von der Stiftungs- und Vereinsbürokratie der Wikimedia. (Umgekehrt gilt das nicht ganz, so werden zwei drei Mitglieder im Vorstand der Wikimedia Foundation durch die Community gewählt).
Die Ursachen für diese strikte Trennung sind historischer Natur. Die Wikimedia Foundation wurde gegründet, um die Unabhängigkeit der Wikipedia sicherzustellen und weiteren Abspaltungen, wie jener der Enciclopedia Libre Universal en Español im Jahr 2002, vorzubeugen. Die freie Lizenz, unter denen die Wikipedia-Inhalte stehen, macht solche Abspaltungen prinzipiell möglich. Die weitreichende Autonomie der ehrenamtlichen Wikipedia-Community fußt schließlich auch darin, dass sie es ist, die sämtliche Inhalte bereitstellt sowie die laufende Qualitätskontrolle betreibt. Und in den ersten Jahren war das Modell der Selbststeuerung auch eine Erfolgsgeschichte – zumindest was das absolute Wachstum an Beitragenden und Artikeln betrifft. Allerdings war auch in dieser Phase das Wachstum kein ausgewogenes, fanden beispielsweise nur wenige Frauen den Weg in die Wikipedia-Community.
Schattenseiten der Selbststeuerung
Mittlerweile lassen sich die Schattenseiten des Selbststeuerungsmodells aber immer weniger ignorieren. Das immer komplexere Regelwerk, das sich unter Beteiligung der Community über die Jahre herausgebildet hat, erschwert den Einstieg für potentielle Neulinge. Selbiges gilt für den bisweilen rauen Umgangston, der besonders Frauen von der Mitarbeit abschreckt. Die Einführung von durch die Wikimedia Foundation bezahlten Community-ManagerInnen ist aber dennoch kein Thema. Jede Einmischung der Wikimedia in die Erstellung der Wikipedia-Inhalte sowie Bezahlung sind Tabus.
Wenn in großen Wikimedia-Vereinen Menschen beschäftigt werden, die für Community-Angelegenheiten zuständig sind (vgl. z.B. das „Team Communitys“ von Wikimedia Deutschland), dann ist deren Rolle bzw. sind deren Befugnisse nicht mit bezahlten Community-Managern in anderen Online-Foren vergleichbar. Sie haben keine Sonderrechte was die Kuratierung von Wikipedia-Inhalten betrifft – eher im Gegenteil, als Wikimedia-Angestellte stehen sie mit ihren Wikipedia-bezogenen Tätigkeiten unter besonderer Beobachtung durch die Community. Es ist deshalb auch üblich, dass sich WikipedianerInnen, die einen Job bei Wikimedia antreten, einen Zweitaccount zulegen, um diese Trennung auch klar und transparent zu machen.
Überhaupt ist das Verhältnis zwischen Community und Verein von wechselseitigem Misstrauen geprägt. Bei den jährlichen Wikimania-Konferenzen ist das gespannte Verhältnis zwischen Wikimedia Vereinen und Wikipedia-Community regelmäßig Thema, wie eine Liste von gegenseitigen Vorurteilen präsentiert bei der Wikimania 2010 in Gdansk illustriert (meine Übersetzung):
Was Wikimedia über die Community denkt:
- „Sie schätzen unseren Einsatz nicht.“
- „Sie sitzen zu Hause in ihren Pyjamas und schreiben doofe Artikel.“
- „Sie missverstehen die ewige Weisheit der Wikimedia Foundation und kennen wichtige Leute nicht.“
Was die Community über Wikimedia denkt:
- „Ein Haufen sich selbst zu wichtig nehmender Arschlöcher, die Regierungsjobs haben möchten.“
- „Das letzte Mal, dass die Wikipedia editiert haben, war im Frühjahr 2006.“
- „Sie haben nichts besseres zu tun.“
- „Sie wollen auf der Welt herumfliegen und Cocktails schlürfen.“
- „Sie nehmen Anweisungen von verschiedensten Leuten mit ausländischen Namen entgegen.“
- „Wofür brauchen wir dieses verdammte Ding eigentlich?“
Parallelstrukturen überdenken?
Der Konflikt zwischen Community und Wikimedia ist dabei in den Parallelstrukturen angelegt. Wer in der Wikipedia etwas zu sagen hat, muss deshalb in der Wikimedia noch lange keine Rolle spielen und vice-versa. Während die Community die Inhalte erstellt, sammelt Wikimedia die Spendenmillionen. Über die Verwendung der Mittel entscheidet zwar formal ein von der Community beschicktes „Funds Dissemination Committee“ (FDC), in der Realität sind es aber vor allem die Foundation und die Wikimedia-Vereine über ihre Finanzpläne.
Ob diese Parallelstrukturen aber überhaupt noch in dieser Form zeitgemäß sind, ist mehr als zweifelhaft. Vor Gründung der Wikimedia Foundation, als die Server und die Rechte an der Marke „Wikipedia“ noch Eigentum von Jimmy Wales’ Firma bomis.com waren, war die Trennung sicher ein großer Vorteil. Je stärker aber der Einfluss der Wikipedia-Community auf die Führung der Wikimedia Foundation ist, umso weniger gerechtfertigt scheint die hermetische Trennung der beiden Sphären. Warum sollte es nicht in den größeren Sprachversionen zumindest ein paar Vollzeit-AdmininstratorInnen geben, zu deren Kernaufgaben auch Community-Management gehört? Vom Prinzip, kein Geld für das Schreiben von Artikeln zu bezahlen, müsste dafür nicht abgewichen werden. Und gleichzeitig würde auf diese Weise das Spendengeld auch unmittelbarer in die Wikipedia zurückfließen, als das derzeit der Fall ist.
Denn der bisherige Mitteleinsatz hat jedenfalls keine sichtbare Verbesserung der Situation gebracht. Obwohl die Bekämpfung des AutorInnenschwunds seit Jahren offiziell oberste Priorität hat, haben die bisherigen Wikimedia-Aktivitäten an diesem Trend nichts geändert. Die Kluft zwischen Wikimedia und Wikpedia-Community ist dafür zumindest mitverantwortlich. Vielleicht ist es an der Zeit, die strikte Trennung zu überdenken und den bestehenden Graben zu überbrücken – und zwar von beiden Seiten aus: Mehr Mitbestimmung für die Community in der Wikimedia und im Gegenzug echte Community-ManagerInnen, bezahlt aus Spendengeldern.
