Nach längerer, teil heftig geführter Debatte über eine Neuordnung von Fundraising und Mittelverteilung in der Wikimedia („Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung“ bzw. „Wikimedia-Vereine gegen Zentralisierung des Fundraisings“), kam es in der Nacht von Gestern auf Heute zur Entscheidung im Vorstand der Wikimedia Foundation. Dabei setzte sich Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner in nahezu allen wesentlichen Punkten mit ihrem, vor allem von den größeren nationalen Wikimedia-Vereinen wie Wikimedia Deutschland kritisierten, Vorschlag durch. Die beschlossene Resolution findet sich auf Englisch am Blog von Vorstandsmitglied Stu West und enthält im wesentlichen die folgenden Eckpunkte:
- Alle über Wikimedia-Projektseiten – also vor allem die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia – gesammelt Spenden gelten in Zukunft als „Geld der Bewegung“ („movement money“), über dessen Verwendung „breit und partizipativ, in Übereinstimmung mit Mission, Vision und Werten“ entschieden werden soll.
- Damit verbunden ist die Einrichtung eines zentralen, von Freiwilligen getragenen („volunteer-driven“) Funds Dissemination Committees (FDC), für dessen konkrete Ausgestaltung Sue Gardner bis 30. Juni diesen Jahres einen einen Vorschlag vorlegen soll. Ausgenommen von der Mittelverteilung durch das FDC sind nur Gelder für Kerngeschäft und Betriebsmittelrücklagen der Wikimedia Foundation. Alle anderen Ausgaben müssen hinkünftig durch das neue Gremium. Antragsberechtigt sind alle Akteure in der Bewegung („movement entities“), also Einzelpersonen, Wikimedia-Chapter, andere Vereine und die Wikimedia Foundation selbst chapters, für Aktivitäten zur „Unterstützung der gemeinsamen Mission“.
- Das FDC legt auch das Spendenziel fest. Beides, Spendenziel und Plan zur Mittelverteilung müssen vom Vorstand der Wikimedia Foundation abgesegnet werden.
- Die neuen Strukturen sollen in zwei Stufen bis zur Spendenkampagne 2013/2014 eingeführt und 2015 evaluiert werden.
- Mit Ausnahme der vier Wikimedia Chapter in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und dem Vereinigte Königreich, die das heute bereits tun, dürfen vorerst keine weiteren Wikimedia-Vereine eigenständig Spendengelder einsammeln. Diese Möglichkeit soll in Zukunft nur offenstehen, wenn damit ein substantieller Beitrag für die Bewegung verbunden ist, der die damit verbundenen Aufwände auf Seiten von Chapter und Foundation übersteigt. Ob das so ist, beurteilt die Wikimedia-Geschäftsführung.
Dieser letzte Punkt war das einzige, aber durchaus wesentliche Zugeständnis an die großen Wikimedia Chapter, allen voran Deutschland. Denn auf diese Weise wird es in Deutschland auch in Zukunft möglich sein, Spenden an die Wikimedia steuermindernd geltend zu machen.
Für die Beurteilung der Folgen dieser Resolution wird es notwendig sein, den Vorschlag von Gardner für die Ausgestaltung des FDC sowie die verschiedenen Typen von Förderungen abzuwarten. [Update] Besonders Zusammensetzung und Beschickung des Gremiums sowie dessen Verhältnis zum Wikimedia Vorstand sind noch unklar: Wird das FDC ein kleiner Ausschuss oder eine Art „Wikimedia Parlament“, das größtenteils aus Freiwilligen besteht und auch von diesen gewählt wird? Wie elian in einem Kommentar angemerkt hat, gibt es bereits einen Entwurf für die Struktur des FDC, der ein winziges Gremium von 5–7 Personen vorsieht, wobei bis zu einem Drittel der Mitglieder Angestellte der Foundation sein sollen. Das FDC soll vom Vorstand der Foundation bestellt werden. Was daran besonders „volunteer-driven“ sein soll, erschließt sich zumindest auf den ersten Blick nicht. Und auch eine angemessene Repräsentation der Wikipedia Community erscheint schon alleine auf Grund der Größe des Gremiums unmöglich. [/Update]
Ebenfalls unklar ist, wer in Zukunft jenseits der Wikimedia Chapter größere Beträge aus den Spendengeldern erhalten wird. Denn abgesehen von den länderbasierten Chaptern gibt es bislang keine anerkannten Wikimedia-Vereine oder Institutionen, die Gelder beantragen könnten.