Kultur

Wikipedia: Grenzenlose Exklusion?

Abbildung 3: Verschiedene Erklärungsansätze für Exklusion in der Wikipedia (eigene Darstellung)

„Welcome to Wikipedia, the free encyclopedia that anyone can edit.“ Diese freundliche Begrüßung findet sich auf der Startseite der englischen Wikipedia. Ganz ähnlich die Vision auf der Seite der gemeinnützigen Wikimedia Foundation, der Organisation hinter der Wikipedia: „Imagine a World in which every single human being can freely share in the sum of all knowledge.“

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Beide Sätze stehen für digitale Inklusionsutopien. Jede/r – „anyone“ – soll die Möglichkeit haben, in der Wikipedia am Weltwissen mitzuwirken. Jeder einzelne Mensch – „every single human being“ – soll sich frei am digitalen Wissensaustausch beteiligen können. In den ersten Jahren von Wikipedias rasantem Aufstieg zur zentralen Anlaufstelle für das Weltwissen und zur einzigen nicht-profitorientierten unter den zehn meistbesuchten Webseiten wurde deshalb auch diskutiert, ob bei soviel Offenheit nicht Qualität und Seriosität auf der Strecke bleiben müssten? Die meistgestellte Frage lautete in etwa so: Wie Qualität und Neutralität wahren, wenn jederzeit irgendjemand irgendetwas ändern, ergänzen oder löschen kann? (vgl. z.B. den Focus-Artikel „Dilettanten und Fälscher bei Wikipedia“)

Die Antwort auf diese Frage gaben einerseits Studien, die in Wikipedia nicht mehr Fehler fanden als in der renommierten Encyclopedia Britannica (z.B. Giles 2005). Andererseits entwickelte sich die Wikipedia weiter, führte beispielsweise „gesichtete Versionen“ ein, die von erfahrenen WikipedianerInnen geprüft wurden. Und auch wenn immer wieder einmal Meldungen von manipulierten oder falschen Wikipedia-Einträgen die Runde machen, so steht spätestens seit dem Ende von Printenzyklopädien und der völligen Einstellung des Brockhaus die wiki-basierte Online-Enzyklopädie als Sieger fest. Heute gibt es kaum eine Internetsuche, die nicht eine prominent in den Ergebnissen platzierte Wikipedia-Seite zu Tage fördert. Die normative Kraft des Faktischen macht Wikipedia zum zentralen Wegweiser durch das Weltwissen.

Gleichzeitig hat sich die Kritik an Wikipedia geändert, ja paradoxerweise ins Gegenteil verkehrt. Nicht übermäßige sondern mangelnde Offenheit gelten heute als das größte Problem der Wikipedia. Zwar kann immer noch jede/r Wikipedia editieren, tatsächlich tut es aber letztlich nur eine kleine Minderheit. Die Situation wird in der Wikipedia selbst auf der Seite zu „Systemic Bias“ detailliert ausgeführt:

„The average Wikipedian on the English Wikipedia is (1) a male, (2) technically inclined, (3) formally educated, (4) an English speaker (native or non-native), (5) aged 15–49, (6) from a majority-Christian country, (7) from a developed nation, (8) from the Northern Hemisphere, and (9) likely employed as a white-collar worker or enrolled as a student rather than being employed as a laborer.“

Oder, in den Worten von Sarah Stierch, die sich im Auftrag der Wikimedia Foundation näher mit Diversitätsfragen in der Wikipedia auseinandergesetzt hat: „[I]t’s being written by middle-aged white guys.“ Wie dramatisch niedrig beispielsweise der Anteil weiblicher Editorinnen ist, zeigt ein Vergleich mit anderen Online-Communities: Während mehr Frauen als Männer soziale Netzwerke im Internet nutzen und auch in techniklastigen Plattformen wie Google+ oder Reddit 27 bzw. 16 Prozent der Nutzer/innen sich weiblich verorten, traf das in der letzten Editor-Survey 2011 gerade einmal auf 9 Prozent der aktiven Wikipedianer/innen zu – ein Rückgang von 13 Prozent im Jahr davor und damit noch weniger als in anderen Studien zuvor gemessen worden war.[1]

Als wäre das noch nicht schlimm genug, stagniert seit mittlerweile fünf Jahren die Zahl der aktiven Wikipedianer/innen im Allgemeinen: Alle können mitschreiben, aber immer weniger tun es. Angesichts der weltweit immer noch zunehmenden Zahl an InternetnutzerInnen und Lücken in potentiell großen Sprachversionen ist diese anhaltende Stagnation umso erklärungsbedürftiger. Vor allem aber führt diese Stagnation dazu, dass der vorhandene Bias im Wikipedia-Wissen nur schwer durch neu hinzuströmende EditorInnen verringert werden wird. Wikipedia-Wissen bleibt deshalb weiß, westlich und männlich.

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Abbildung 1: Anzahl aktiver Wikipedia-AutorInnen im Zeitverlauf (aktiv = mehr als 5 Editierung/Monat), Quelle: the Atlantic, http://bit.ly/OJvS3p

Demgegenüber steht eine immer noch zunehmende Bedeutung der Wikipedia als Wissensressource. Unternehmen und Politiker/innen sind häufig entweder unglücklich darüber, weil sie noch über keine Wikipedia-Einträge verfügen (vgl. z.B. die jüngste Kritik an Benachteiligung der Piratenpartei) oder versuchen bestehende Einträge zu schönen (vgl. z.B. den Fall der Daimler AG). Historisch betrachtet ist die Herstellung von Wissen immer schon Ergebnis von Aushandlungs- und Legitimationsprozessen. Das technologische Potential, diesen Aushandlungsprozess nicht nur transparent sondern auch inklusiver als vor dem Internet zu gestalten, wird jedoch bislang auch von der Wikipedia nicht eingelöst. Weite Teile der Bevölkerung nehmen trotz technologischer und rechtlicher Offenheit an dieser Möglichkeit kollektiver Wissensherstellung nicht teil. Paradoxerweise wird so aus der Inklusionsutopie einer grenzenlosen Enzyklopädie, die jede/r ändern kann, ein Untersuchungsobjekt für Exklusionsdynamiken. Als Ursachen für Exklusion im Kontext der Wikipedia lassen sich eine Reihe Aspekte anführen, die sich teilweise wechselseitig verstärken:

  • Spiegelbild-These: Bis zu einem gewissen Grad ist die fehlende Diversität unter den Wikipedia-AutorInnen durchaus ein Spiegelbild der Gesellschaft. Auch dort ist Deutungsmacht alles andere als gleich verteilt, hat es etwas mit gesellschaftlicher und sozialer Stellung und Habitus zu tun, sich selbst Autorität in einem bestimmten Wissensgebiet zuzusprechen. Die Spiegelbild-These kann allerdings nicht erklären, warum beispielsweise der Frauenanteil in der Wikipedia noch niedriger ist als in anderen Online-Communities und -Foren.
  • Hackerkultur-These: Die Wikipedia-Ideologie des freien Wissens sowie die verwendete offene Urheberrechtslizenz weisen starke Bezüge zur männlich dominierten Hacker-Kultur im Bereich der Freien- und Open-Source-Software auf. Und tatsächlich ist der Anteil von Frauen in Open-Source-Software-Projekten noch geringer als jener in der Wikipedia. Hinzu kommt, dass auch bei Befragungen die meisten Beschwerden von Frauen die allgemeine Atmosphäre und den Umgangston in Wikipedia betreffen (vgl. einen Blogeintrag von Wikimedia CEO Sue Gardner dazu). Diese Erklärung verschiebt die Frage allerdings nur, nämlich zur Frage, warum der Anteil weiblicher Programmiererinnen in Open-Source-Software-Projekten niedriger ist als der Anteil weiblicher Programmiererinnen in Informatikstudiengängen und kommerziellen Softwareprojekten? (Vgl. den Vortrag von Hanna Wallach zum Thema Frauen in Freier und Open-Source-Software.)
  • Troll-These: Eine Konsequenz von völliger Offenheit ist, so auch Wikipedia-Forscher Joseph Reagle im Gespräch mit der New York Times, dass Wikipedia „open to very difficult, high-conflict people, even misogynists“ ist. Schon eine Minderheit an Trollen kann aber das Klima vergiften und gerade weibliche AutorInnen vertreiben, beispielsweise durch Beschimpfungen wie sie in der Studie „Women and Wikipedia 2011“ berichtet wurden. Der raue Umgangston in Lösch- und Relevanzdebatten wurde auch von Seiten der Wikipedia als Problem erkannt, weshalb mit Projekten wie dem „Teahouse“ gegengesteuert werden soll. Das Teahouse soll ein betont „freundlicher“ Ort sein, um neue EditorInnen an die Wikipedia-Kultur heranzuführen, Fragen zu beantworten und erste Bekanntschaften zu schließen.
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Abbildung 2: Beschimpfungen, die Frauen in der Wikipedia laut eigener Angabe in der Studie „Women and Wikimedia 2011“ erfahren hatten. Größe des Wortes steht für Häufigkeit (vgl. http://bit.ly/14LdgXL)
  • Pfadabhängigkeitsthese: Verwandt mit Hackerkultur- und Trollthese ist die Pfadabhängigkeitsthese, wonach ein geringer Frauenanteil dazu führt, dass auch weniger neue Frauen hinzukommen und vice-versa. Hat sich also einmal ein stark männlich assoziierter Umgangston etabliert, ist es nur sehr schwer möglich, diesen zu verändern, weil er genau jene Menschen abschreckt, die eine solche Veränderung vorantreiben bzw. unterstützen könnten.
  • Freizeit-These: Da Mitarbeit in der Wikipedia aber für die allermeisten AutorInnen ein ehrenamtliches Engagement darstellt, Frauen aber immer noch den größten Teil der (unbezahlten) Reproduktionsarbeit leisten, haben diese schlicht weniger (Frei-)Zeit für die Mitarbeit in der Wikipedia. Ähnlich auch die Erklärung für geringere Beteiligung in ärmeren Ländern: selbst wo Zugang zu Computern und Internet besteht, verfügen die Menschen dort einfach über weniger freie Zeit für Engagement in der Wikipedia.
  • Geschlechterdifferenz-These: Geringe Beteiligung von Frauen in der Wikipedia wird bisweilen mit Geschlechterdifferenzen erklärt, deren Wurzeln bereits in frühkindliche Sozialisierungsprozesse zurückreichen, in der Schule verstärkt werden und auch unterschiedliche Präferenzen bei Studien- und Berufswahl zur Folge haben. Wikipedia wäre demnach ein Beispiel für eine technik-affine Gemeinschaft, der geringe Anteil weiblicher AutorInnen eine Folge von gesellschaftlich institutionalisierter Zweigeschlechtlichkeit. Jetzt geht es bei Wikipedia aber in erster Linie um das Verfassen und Redigieren von Texten für eine Enzyklopädie, weshalb dieses Argument nur teilweise greift (siehe auch den nächsten Punkt zur Usability).
  • Usability-These: Bis vor kurzem war für die Mitarbeit in der Wikipedia zumindest ein rudimentäres Verständnis der Wiki-Syntax, d.h. von Formatierungsbefehlen in Textform, erforderlich. Hinzu kommt, dass Usability und Gestaltung der Wikipedia-Seiten mittlerweile stark veraltet wirken. Beides zusammengenommen könnte zumindest einen Teil sowohl des allgemeinen AutorInnen-Rückgangs als auch, zusammen mit der Geschlechterdifferenz-These, des Geschlechter-Bias in der Wikipedia erklären. Um hier Abhilfe zu schaffen ist seit kurzem in der englischsprachigen Wikipedia standardmäßig ein neuer „Visual Editor“freigeschaltet, der ein Bearbeiten von Seiten wie in Textverarbeitungssoftware und ohne Kenntnis von Wiki-Syntax erlaubt. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die Einführung dieses Werkzeugs auf die Diversität unter den Wikipedianer/innen auswirken wird.
  • Bot-These: Technisch versiertere Wikipedianer/innen haben früh damit begonnen, wiederkehrende und eher langweilige Aufgaben wie Kategorisierungen oder Rechtschreibkorrekturen mit Hilfe von Skripten – sogenannten „Bots“ – zu automatisieren (vgl dazu auch Müller-Birn et al. 2013). Eine These besagt nun, dass die steigende Zahl an Bots einfache Editierungsarbeiten übernehmen, die zuvor von NeueinsteigerInnen erledigt wurden. Weil dadurch aber die Einstiegshürde steigt, finden weniger neue EditorInnen ihren Weg in die Online-Enzyklopädie.
Abbildung 3: Verschiedene Erklärungsansätze für Exklusion in der Wikipedia (eigene Darstellung)
Abbildung 3: Verschiedene Erklärungsansätze für Exklusion in der Wikipedia (eigene Darstellung)

In Abbildung 3 habe ich die verschiedenen Thesen zur Erklärung von Exklusion im Kontext der Wikipedia entlang der zwei Achsen Spezifität (Wie Wikipedia-spezifisch ist die Erklärung?) und Technizität (Handelt es sich um eine technisch adressierbare Erklärung?) verortet.[2] Nimmt man an, dass jede These zumindest einen Teil der Erklärung für Exklusionsdynamiken liefert, dann wird durch diese Darstellung zweierlei klar erkennbar. Erstens handelt es sich mehr um sozio-kulturelle als um technologische Ursachen. Der neue Visual Editor mag einen Beitrag für eine inklusivere Wikipedia leisten, er ist aber mit großer Wahrscheinlichkeit keine Antwort auf die verschiedenen sozio-kulturellen Exklusionsmechanismen. Zweitens sind mehr als die Hälfte der Erklärungen eher Wikipedia-spezifisch. Daraus folgt, dass sich die Wikipedia-Community nicht auf allgemeine Erklärungen zurückziehen sondern eine Verbesserung der Situation bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand hat.

Für eine Erhöhung der Diversität in der Wikipedia braucht es neben einer Steigerung der technischen Zugänglichkeit vor allem eine Transformation der Netzkultur. Deren bisweilen exkludierende Dynamiken sind ja auch außerhalb der Wikipedia regelmäßig Gegenstand von Diskussionen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Kommentarkultur in Blogs. Kulturelle Grenzen entpuppen sich dabei als schwer zu überwinden – und auch die vermeintlich grenzenlose Wikipedia zieht ihre schärfsten Grenzen im Bereich ihrer Kultur. Im Ergebnis geht es für die Wikipedia Community also einerseits darum, ihre Grenzen zu erweitern was die Technologie betrifft, zum Beispiel durch Verbesserung von Usability und Senkung von Einstiegshürden. Andererseits geht es aber auch darum, klarere Grenzen im Bereich der Kultur zu ziehen und exkludierende Praktiken konsequenter zu bekämpfen, um zu einer Kultur des Respekts und gegenseitiger Wertschätzung zu gelangen.

Dieser Essay wurde zum Themenschwerpunkt „Exklusion“ eines Gesprächskreises der Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst.


[1] Allerdings basieren beide Zahlen auf Befragungen, die, einer aktuellen Studie von Benjamin Mako Hill und Aaron Shaw zu Folge, den Frauenanteil unter den Editor/innen wohl leicht unterschätzen, vgl. http://mako.cc/copyrighteous/the-wikipedia-gender-gap-revisited

[2] Klarerweise hat jede Technologie auch eine soziale Dimension und führen Innovationen dazu, dass sich die technologische Adressierbarkeit von Problemen im Zeitverlauf ändern kann. Kurzfristig kann diese Unterscheidung allerdings als Heuristik zur Ableitung von konkreten Maßnahmen dienen.

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28 Kommentare
  1. Zur „Geschlechterdifferenz-These“. Wieso soll Wikipedia ein Beispiel ausgerechnet für eine technik-affine Gemeinschaft sein? Wikipedia ist vor allem mal eine enzyklopädie-affine Gemeinschaft. Und da sehe ich durchaus ein Anwendungsgebiet für die Geschlechterdifferenz-These. Wieviele Käufer/Leser/Herausgeber/Schreiber von allgemeinen Papier-Nachschlagewerken waren eigentlich weiblich (so lange es die noch gab)? Aus meiner Erfahrung ist die typische weibliche Haltung, sobald es um Faktenwissen aus Lexikon oder Atlas geht: schlag Du (Mann) das mal nach.

    1. Da stellt sich die Frage, wann öffnete sich der Arbeitsmarkt überhaupt für Frauen und wann öffeneten sich Berufe wie Herausgeber/Schreiber von Papier-Nachschlagewerken? Die Antwort ist: Lange nach der Zeit als Enzyklopädien wie Brockhaus entstanden.

      Deine Frage, wer Enzyklopädien und Bücher jeglicher Art liest und kauft, kann dir jeder Verlag und jeder Buchhandel beantworten: Frauen.

      http://www.telegraph.co.uk/culture/culturenews/5033672/Women-more-avid-readers-of-books-than-men-survey-says.html

      1. „Enzyklopädien und Bücher jeglicher Art“ sind eben nach meiner Erfahrung zwei paar Stiefel. So wie Frauen eher keine Eisenbahnbücher lesen, lesen Männer eher keine Liebesromane. Aber wer begeistert sich für Lexika? Das würde ich einfach gerne wissen, und ich halte es für grundlegend, bevor man die armen Wikipedianer als mysogyne Obermachos abstempelt.

      2. Schreibt z.B. Ian McEwan Liebesromane? Warum assoziierst du Frauen automatisch mit Liebesromanen? Einer Umfrage zufolge lesen Frauen mehr als Männer in allen Kategorien außer Geschichte und Biographie: http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=14175229

        Wikipedia ist vie mehr als nur Geschichte und Biographie. Selbst wenn das nicht so wäre, dann müssten gleich viele Frauen mitschreiben wie Männer. Dein Vorurteil über „die typische weibliche Haltung“ ist wirklichkeitsfremd.

      3. Einer Umfrage zufolge lesen Frauen mehr als Männer in allen Kategorien außer Geschichte und Biographie

        Laut dem von dir verlinkten Artikel (npr) lesen Männer fünf Bücher im Jahr, Frauen neun. Allerdings ist der größte Unterschied im „Fiction“-Markt, wo Männer nur einen Anteil von 20% haben. Bei Nonfiction-Büchern sind Männer laut einer Umfrage von Harris Interactive circa gleichauf, bis auf Politik, Wirtschaft und Geschichte, wo Männer dominieren.

        Ich halte aber diese Auflistung immer noch für zu grobgranular, um brauchbare Aussagen treffen zu können – Auch Koch- und Strickbücher fallen unter Nonfiction-Bücher (um mal etwas ganz Stereotypes auszupacken) und die Diversität ist auch nicht genannt, vergleiche ein hunderttausendfach verkauftes Sachbuch mit hundert je tausendfach verkauften Sachbüchern, Letztere dürften weit mehr Inhalt haben, der auch in Wikipedia landen kann, trotzdem würde sich bei den gekauften Sachbüchern, wenn das Erste ausschließlich von Männern und die hundert ausschließlich von Frauen gekauft würden, bei der Aufschlüsselung nach Geschlecht eine Fifty-Fifty-Verteilung ergeben.

      4. Nochmal zu DominikShrebaty: Du drehst mir die Worte im Munde herum. Ich behaupte nirgendwo, dass Frauen nur Liebesromane lesen, was für ein Quatsch. Nein, ich frage ganz einfach: ist vielleicht die Textform Enzyklopädie insgesamt für Frauen (rein statistisch) nicht so attraktiv wie für Männer? Und wenn ich „aus meiner Erfahrung“ schreibe, ist das eben auch kein Vorurteil, sondern ein Erfahrungswert, gewonnen aus zahlreichen Erlebnissen. Ich kenne übrigens fast ausschließlich Akademikerinnen. Und eben auch da: fürs Faktennachschlagen ist der Mann zuständig. (Ausnahme: Bibliothekarinnen). Ich sag ja nicht, dass ich das gut finde, aber wenn das eventuell in der Gesellschaft das gängige Rollenbild ist, dann sind die ach so bösen „middle-aged white men“ der Wikipedia nicht das passende Feindbild.

    2. Ich denke es ist ein Beispiel für technik-affine Gesellschaft. Klar, Wikipedia benutzen, um Informationen nachzuschlagen, das machen vermutlich fast alle Leute, die öfter im Internet sind. Das ist nicht geschlechtsabhängig. Es geht nicht ums Nachschlagen, es geht ums Ändern, ums Mitarbeiten.

      Wie groß ist die Hürde, um allein schon auf einen Editieren-Knopf zu drücken? Dazu muss Person erst einmal wissen, dass es den Knopf gibt. Nein, ohne Quatsch, viele technisch nicht versierte User gucken niemals an den Rand von Anwendungen. Sie schauen auf den Inhalt und ignorieren alles andere weg – das ist Werbung, das ist nutzlose Information, das stört.

      Als nächstes muss Person wissen, was sie zu erwarten hat, wenn sie darauf drückt. Klar, als Person, die oft und viel auf Knöpfe drückt, weiß ich, ich werd’s schon sehen, wenn ich drauf geklickt habe, und wenn mich das stört kann ich immer noch was anderes machen. Aber was, wenn du unsicher bist? Wenn dir der Knopf erstmal suspekt vorkommt – wow, ich kann da was ändern? Was kommt dann? „Quellcode“? Das kann ich nicht. Muss ich mich da registrieren? Was, wenn ich was falsch mache?

      Und selbst danach, sagen wir mal, technisch unbedarfte Person hat auf den Knopf gedrückt. Boom, hier, Text! Unformatierter Text mit komischen Formatierungszeichen.

      Technisch unbedarfte Person gehört möglicherweise zu den Personen, die versehentlich den Inhalt von Word-Dokumenten löschen und nicht wissen, wie sie den wiederherstellen. Eine technisch unbedarfte Person braucht Minuten, um den Knopf zu finden, um was zu speichern, und ist unsicher, ob sie das richtig gemacht hat. Traut so eine Person sich das zu, das zu speichern? Weiß diese Person, ob sie jetzt nicht die ganze Wikipedia kaputtgemacht hat oder ob der Computer jetzt irgendwas macht, was die Person nicht mehr unter Kontrolle hat?

      Ich weiß, ist auch eher unsachliche Schilderung. Aber das könnte dir vielleicht aufzeigen, warum Wikipedia-Autorinnen definitiv „technisch versiert“ sein müssen – und wie niedrig angesetzt dieser Begriff ist. Es geht nicht drum, Programmiersprachen zu beherrschen und den eigenen Laptop zerlegen zu können. Es geht drum, die grundlegende Interaktion mit Websites zu verstehen.

  2. Erst einmal eine Nachfrage: Gilt dies für alle Spracheditionen der Wikipedia? Wie sieht es beispielsweise mit der spanischen oder portugiesischen Version aus?

    Manche von den Erkenntnissen in diesem Artikel sind großartig:

    „Bitch“ wird unter Wikipediaautoren gegen weibliche Autoren als häufigstes Schimpfwort gebraucht. (Es wird nicht éin Mal eine absolute oder relative Zahl genannt, wie häufig jemand beschimpft worden ist.)

    Dann:

    „„The average Wikipedian on the English Wikipedia is (1) a male, (2) technically inclined, (3) formally educated, (4) an English speaker (native or non-native), (5) aged 15–49, (6) from a majority-Christian country, (7) from a developed nation, (8) from the Northern Hemisphere, and (9) likely employed as a white-collar worker or enrolled as a student rather than being employed as a laborer.““

    Die meisten entwickelten Länder sind „majority Christian countries“ und ein großer Teil davon liegt auf der nördlichen Halbkugel, und in diesen Ländern gibt es verhältnismäßig weitaus häufiger Menschen, die eine umfassende Schulbildung genossen haben.

    Desweiteren sind wissenschaftlich interessierte Menschen häufiger „formally educated“ und dies schlägt sich auch in ihrer Beschäftigung nieder, und dass Menschen mit Universitätsabschluss und wissenschaftlichem Interesse besser die häufigste Sprache in der modernen Wissenschaft können, ist ebenso wenig verwunderlich.

    Ich will hier nichts schönreden, denn natürlich ist es wünschenswert, dass eine möglichst breite Gruppe an Menschen an einem solchen gruppenbasierten Projekt teilnimmt, aber aus eigentlich nur zwei Punkten (die wiederum untereinander auch noch einmal korrelieren) neun zu machen, damit es dramatischer klingt, finde ich faszinierend. Achja, es steht auf Wikipedia, natürlich kann man es ohne nachzudenken zitieren.

    Ähnlich ergeht es mir bei diesen Thesen, obwohl du ja – das muss ich sagen – dies immerhin selbst andeutest, dass einige der Thesen sehr eng verwandt sind (oder in einzelnen Fällen im Grunde identisch). Sehr lustig fand ich ja die „Spiegelbild-These“ und die „Freizeit-These“ und dass du bei der Geschlechterdifferenzthese dich ausschließlich auf Sozialisationsursachen beziehst (ohne an dieser Stelle darauf eingehen zu wollen, weil es zu komplex wäre, eine große Diskussion über Feminismus zu führen).

    Was auch noch relevant wäre, wäre zu wissen, wieviel Prozent aller Wikipediaartikel denn von Frauen aufgerufen werden, denn womöglich spiegelt ein geringer Prozentsatz von Autorinnen an den Autoren auch so ein bisschen die Nutzerbasis wider. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Anteil der Nutzerinnen an der Gesamtnutzerzahl bei 9% liegt, aber wenn er bei z.B. nur bei 30% liegt, könnte dies auch ein relevanter Faktor sein. Hier müsste man gucken, ob eine Art Teufelskreis vorliegt.

    Zwei weitere Thesen, die ich ins Feld führen möchte (allerdings nicht unbedingt geschlechtsspezifisch, sondern mehr um den Rückgang an neuen Autoren allgemein zu erklären, aber vielleicht kann man mithilfe der Geschlechterdifferenzthese auch noch was geschlechtsspezifisches draus basteln), sind einerseits die Es-ist-eigentlich-alles-gesagt-These und eine These, für die ich keinen rechten Namen habe.

    Du schreibst selbst, dass bei Suchergebnissen fast immer irgendwo ein Wikipediaartikel auftaucht, und wenn ich mich über eine Sache informieren will, ist Wikipedia häufig mein erster Anlaufpunkt. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass „alles gesagt ist“. Natürlich ist nicht alles gesagt, und gerade wenn man sich Artikel über politische oder soziale Themen durchliest, sind die häufig sehr einseitig in der Darstellung, aber in vielen Feldern ist fast alles Wichtige in den größeren Editionen der Wikipedia abgedeckt, und je spezifischer die Dinge werden, umso „freakiger“ muss man sein und umso mehr Ahnung muss man haben, um dazu einen Artikel zu recherchieren und verfassen, und die Leute, die daran Interesse haben, sind womöglich bereits Wikipediaautoren.

    Dann, die zweite These, das ist etwas, das mir selbst unterlaufen ist, als nicht registrierter Editor. Ich habe einen linguistischen Artikel editiert, in dem fälschlicherweise das Wort „Phonem“ anstelle des Wortes „Phon“ stand. Am nächsten Tag hatte jemand „Phon“ durch — ich glaube — „Laut“ ersetzt, mit der Anmerkung, es gebe das Wort „Phon“ nicht (https://de.wikipedia.org/wiki/Phon_%28Linguistik%29). Diese Person war kein Troll und höchstwahrscheinlich auch nicht an einem Editwar interessiert, aber wenn ich ein Autor sein sollte und mir erst in mühevoller und langer Kleinstarbeit ein Renommee aneignen soll (hier ging es nur um ein Wort, aber bisweilen geht es ja um ganze Abschnitte oder Artikel), damit meine Edits von Leuten akzeptiert werden, bei Themen, von denen sie ganz offensichtlich überhaupt keine Ahnung haben, dann muss ich sagen, da kann ich meine Zeit auch besser auf andere Dinge verwenden.

    Zum Schluss möchte ich das Fazit bringen, was ich dachte, eigentlich den meisten Leuten klar sein sollte:

    Wikipedia ist kein objektives Lexikon und wird es nie sein — ob nun, wie Leonhard Dornbusch hier anführt, ein globaler Bias besteht, oder in einzelnen Artikeln oder Themenfeldern ein ‚lokaler‘, so sollte man sich niemals auf Wikipedia als definitive Quelle verlassen. Dass es Autoren aus den verschiedensten Bereichen geben sollte, und damit meine ich nicht nur Fachgebiete, sondern auch Bereiche der Sozialisierung und was es noch alles gibt, sollte allerdings auch klar sein.

  3. Ich hab einmal einen Artikel in der Wikipedia untergebracht. Aber das war so eine frustrierende Erfahrung, auf sowas hätte ich kein zweites mal mehr Bock gehabt.

    Es ging um den GNU Pascal Compiler (GPC). Zunächst wollte man nicht glauben, dass der existiert. Ja, man bestand sogar darauf, dass der nicht existiere. Dann hab ich auf die Homepage verwiesen und auf Artikel in den anderen Wikipedias. Dann ging es um die Benennung des Systemes als „GNU/Linux“. Nun das Paket ist ein GNU Paket und sehr Abhangig von anderer GNU-Software. Ich argumentierte damals damit, dass zumindest die GNU libc immer erforderlich ist. Aber nein, da wurde mir lang und breit erklärt, das man theoretisch Linux auch ohne die betreiben kann — Android gab es da aber noch nicht, insofern empfand ich die Diskussion als sehr theoretisch. Als ob nur die rein theoretische Möglichkeit es ohne GNU zu betreiben, es rechtfertigen würde, dass GNU nicht mehr erwähnenswert wäre…
    Später hab ich übrigens herausgefunden, dass es tatsächlich vorher schon mal einen Artikel zum GPC gab, der aber gelöscht wurde…

    Auf solche Machtkämpfe hab ich echt keinen Bock mehr! Einmal reicht mir!

    P.S.: Der GPC wird heute nicht mehr weiterentwickelt und ist nicht mehr zu empfehlen. Aber das war zu der Zeit noch anders.

    1. Und was hat das mit dem Thema „Gender und Wikipedia“ zu tun? Ein extrem geekiger Artikel zu einem für 99% der Bevölkerung völlig unwichtigen Produkt, geschrieben von einem White Middle-Aged Man?

      1. Das war halt meine persönliche Erfahrung. Ich wollte nicht alle möglichen Punkte abarbeiten, zumal ich nicht zu allem etwas sagen kann, sondern nur zu dem, was ich halt persönlich erlebt habe.

      2. Erst einmal nichts. Aber es könnte ein Hinweis sein. Vorsicht, wilde Spekulation: Da Männer tendenziell mehr Wert auf ihren Status legen und eher bereit sind dafür Konflikte auszutragen, könnte es sein, dass sie wesentlich öfter so eine „Lappalie“ ausfechten, anstatt einfach den Götz zu zitieren und Wikipedia Wikipedia sein zu lassen. Und wenn sie das ein paar mal erfolgreich gemacht haben, ist ihre Reputation gut genug, dass sie nicht mehr um jeden Pups kämpfen müssen. Und tada, noch mehr männliche Wikipedia-Autoren.

        Leider hab‘ ich keine praktikable Lösung dafür. Der überwiegende Anteil von Edits durch „IPs“ oder frisch registrierte ist halt von Trollen oder wohlmeinenden Deppen, und die Geduld von Mods/Admins ist irgendwann auch mal erschöpft. Da wird dann schon mal abgelehnt bevor richtig gelesen, nachgedacht und recherchiert wurde. Sollte nicht so sein, aber so ist das nun mal wenn man mit Menschen arbeitet.

      3. Ich spekuliere mal aus meiner völlig subjektiven Perspektive: Frauen* haben oft weniger Bock auf Konfrontation als Männer*. In unserer Gesellschaft werden Jungs eher so sozialisiert dass Streit und Wettbewerb vorteilhaft sind, während von Mädchen erwartet wird, dass sie sehr stark auf andere eingehen und für Zusammenhalt und Frieden sorgen. Das wirkt sich auch später noch aus. In meiner Erfahrung geben die Frauen* schneller auf, wenn es zu Streit kommt, und ziehen sich aus der Affäre, besonders, wenn das Streitthema nicht persönlich für sie relevant ist.

  4. Ich kann mir weitere Gründe für zurückgehende Editorzahlen vorstellen:

    Es gibt schon viele Artikel in der Wikipedia. Einen neuen Artikel anzulegen, bei dem völlig klar ist, dass er unbedingt reingehört, ist nicht einfach. Früher, als es nicht so viel gab, ist das leichter. Heute gibt es auch die Relevanzkriterien, die den Einstieg nochmal schwieriger machen, da man die Wikipedia-Lesart dieser Kriterien verstehen muss, bevor man seine Angst, dass das eigene Werk gleich wieder gelöscht wird, ablegen kann.

    Ich selber schreibe grad keine Artikel dort, sondern bebildere da nur mit eigenen Fotos. Da kann ich mir recht sicher sein, dass keine inhaltlichen Streitereien entstehen und mir auch egal, wenn ein Bild eben wieder rausgenommen wird.

    Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass die Wikipedia für alte Hasen ein Zeitvertreib ist um dort Dinge totzudiskutieren und damit Leute zu vergraulen, weil sie a) Recht haben b) „Ihre Wikipedia“ schützen wollen oder c) demonstrieren müssen, dass Wikipedia eine ernste Sache mit viel Überlegungen dahinter ist und damit ihre eigene investierte Zeit vor sich selbst wertvoller definieren müssen, in dem sie „ihre Wikipedia“ so verteidigen (vermeintlich). Ist aber auch alles nur reine Überlegung, kann auch ganz anders sein.

    1. So ähnlich ist es mir auch ergangen, ein von mir erstellter Artikel wurde wegen „mangelnder enzyklopädischer Relevanz“ wieder gelöscht, obwohl vergleichbare Artikel durchaus zugelassen waren. Halt mit dem Unterschied, dass das eine Event in Deutschland war und das andere, gelöschte in Österreich. Außerdem kommt man sich vera… vor, wenn man einen Hinweis kriegt, dass der Artikel nicht relevant ist und gleichzeitig wird man aufgefordert, ihn zu verbessern. Was denn nun, ist er relevant oder nicht? Wenn er nicht relevent ist, dann nutzt auch eine Verbesserung nichts, man arbeitet von vornherein für die Tonne. Ich habe den Artikel dann auf pluspedia veröffentlicht, die Arbeit daran allerdings nicht mehr fortgeführt, weil pluspedia doch nicht so bekannt ist und ich mich schließlich anderen Interessen zugewendet habe. Es ist ja nicht so, dass ich vor lauter Langeweile nichts besseres zu tun habe, als in Wikipedia zu editieren.

      Bei den Fotos ist es genau umgekehrt, ein einmal hochgeladenes Foto kriegt man kaum wieder gelöscht, im Gegensatz zu einem Wikipedia-Artikel. Da kann man noch so argumentieren, auch wenn es nirgends verwendet wird und qualitativ nicht so besonders ist, wird es nicht mehr gelöscht.

  5. Mag ja sein, dass bei wikipedia alles ganz furchtbar ist, aber wieviel furchtbarer war es bei Brockhaus und Co. Bei wikipedia hat jede(r) die Möglichkeit am Status Quo etwas zu ändern: Wie gross waren denn die Chancen für die afrikanische 70-jährige Frau beim Editorenteam des Brockhaus anzuklopfen und zu sagen: „Hey, ich habe hier eine Korrektur aus erster Hand zum Thema Genitalverstümmelung. Macht ma rein.“

    1. DIese Korrektur „aus erster Hand“ ist bei Wikipedia aber ebenfalls nicht willkommen. Wikipedia will nur anderweitig etabliertes Wissen abbilden.

  6. Ich finde es auch seltsam, wie manchmal argumentiert wird.

    Da bauen weisse, mittelalte Europäer und Amerikaner ein kostenloses Nachschlagwerk im Internet auf. Das machen diese freiwillig und unentgeltlich. Mein erster Gedanke als ich wikipedia entdeckt habe war, „da mache ich mit“ – dass die Schreib- und Streitkultur die dort herrscht aber nicht unbedingt einfach ist, habe ich auch bemerkt. Trotz allem muss man das ganze als eine großartige Sache betrachten. Die eine jahrhundertjahre alte Tradition, den Brockhaus u.ä. Nachschlagwerke zum Einsturz brachte. Heutzutage kann jeder, sofern er Internetzugang hat, sich mehr Wissen aneignen, als jede Generation davor.

    Von wem wurde eigentlich der Brockhaus geschrieben?

    Kann man Verbesserungen in unserem Leben und Umfeld – und in diesem Fall ist es eine unglaublich grosse Verbesserung – nicht einfach als solche anerkennen?
    Ich will Wikepedia nicht missen und halte diese wissenschaftlichen Theoriedebatten für gefährlich. „Exklusionsdynamiken“ – wenn so einen Quatsch schon lese.

    1. Wie undankbar von diesen Wissenschaftlern, solche Dinge wie systematische Unterrepräsentativiät bestimmter Gruppen und Verzerrung der Artikel anzusprechen und dabei Fachtermini zu verwenden.

  7. @Antworter und @Faldrian Danke für die Kommentare; genau dies wollte ich auch gerade schreiben.

    Ein weiteres, gar nicht angesprochenes Problem sind die unstrukturierten, unlogischen und inkonsistenten Relevanzkriterien.
    Durch die Unstrukturiertheit und Inkonsistenz wird all den Trollen Vorschub geleistet, welche die notwendige Transferleistung auf nicht abgebildete Sachverhalte nicht erbringen wollen oder können.
    Beispiel: relevante Personen können sein: Künstler aller Art, Politiker und Amtspersonen, ShowBiz+Sportler; jedoch keine Ingenieure, Ärzte oder sonstige Personen, außer sie fallen unter die absurd hohen Hürden für „Wissenschaftler“.
    Die Regel bestehen primär aus Fallbeispielen, statt aus abstrakten Normen.

    Teilweise sind die Relevanzkriterien schlicht Willkür, siehe Topleveldomains: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Relevanzkriterien#Top-Level-Domains

  8. Danke für den interessanten und fundierten Artikel. Allerdings hat sich bei dem Satz über die zeitliche Entwicklung des Frauenanteils leider ein Fehler eingeschlichen:

    „….traf das in der letzten Editor-Survey 2011 gerade einmal auf 9 Prozent der aktiven Wikipedianer/innen zu – ein Rückgang von 13 Prozent im Jahr davor.“

    Auf einen „Rückgang“ lässt sich hier nicht schließen, weil diese Umfragen verschiedene Wikipedia-Sprachversionen umfassten – der Frauenanteil unterscheidet sich erheblich zwischen den Sprachversionen oder auch Ländern (in der Editor Survey vom Dezember 2011 etwa zwischen 3% in Indien und 14% in den USA). Mein Kollege Oliver hat diesen verbreiteten Fehlschluss vor einiger Zeit in einem Blogposting
    auseinandergenommen.
    Außerdem stammten die 13% von 2008, nicht von 2010.

    T. Bayer
    Wikimedia Foundation

      1. Die UNU-MERIT-Umfrage mit den 13% wurde im Oktober und November 2008 durchgeführt, aber die endgültigen Resultate wurden erst 2010 veröffentlicht. Ist zugegebenermaßen weder auf wikipediasurvey.org noch in dem von mir verlinkten Blogposting klar ersichtlich, steht aber z.B. im Abstract des Papers von Mako und Aaron.

  9. Wikipedia-Wissen bleibt deshalb weiß, westlich und männlich.

    Mir ist zwar klar, dass das eine Zuspitzung ist und vielleicht auch polemisch sein soll. Ich finde dennoch, dass man das so nicht stehen lassen kann.

    Zunächst sollte man anerkennen, dass „Wikipedia-Wissen“ sekundär ist, sogar den Anspruch hat das ausschließlich zu sein. Es stellt sich also die Frage, inwiefern die ursprüngliche Wissensproduktion nicht ähnliche oder in gleicher oder anderer Richtung noch extremere Verteilungsungleichgewichte aufweist. Nehmen wir das Beispiel der formalen Bildung. Die Wissensproduktion ist ohne diese häufig nicht möglich. Da ist es durchaus naheliegend, dass die enzyklopädische Darstellung dieses Wissens auch einen gewissen Grad an formaler Bildung oder Äquivalent erfordert. Tatsächlich nimmt der Qualifizierungsgrad in der nachgeordneten Wissensdarstellung vermutlich eher ab als zu. Nehmen wir das Themenfeld feministischer Literatur, dessen Werke meinem Eindruck nach mit einem deutlichen Übergewicht durch Frauen verfasst wurden. Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn ein solches Themenfeld in der Wikipedia hauptsächlich durch Frauen gepflegt wird.

    Wikipedia-Wissen sollte nicht durch Attribute der verantwortlichen Autoren beschrieben werden. Natürlich ist es möglich, dass durch die Perspektive von Autoren die Darstellung eines Themas hinter dem Objektivierbaren zurückbleibt bzw. unvollständig bezüglich relevanter Sichtweisen auf das Thema ist. Weiterhin kann eine eingeschränkte Perspektive Lücken im Wikipedia-Wissen hinterlassen. Bei beiden Aspekten würde ich aber darauf hinweisen, dass das möglich aber nicht zwingend ist. Deshalb wäre es durchaus sinnvoll, die Größe der „Einseitigkeitslücke“ wenigstens einmal abzuschätzen.

    Dort, wo es Probleme gibt, ist ein (hier ausgelassener) Lösungsansatz, in der bestehenden Autorenschaft das Verständnis für andere Perspektiven zu schärfen. Das ist auf anderen Ebenen zum Beispiel zur Gewährleistung der Verständlichkeit von Artikeln ja genauso notwendig.

    Schließlich das Geschlechterungleichgewicht: Ich glaube, die Linse durch die man das Problem grundsätzlich am besten verstehen kann, ist die Erstellung der Wikipedia als ein historisches nun seit einigen Jahren abgeschlossenes Projekt zu betrachten, dessen Entwicklung von stetig steigenden Anforderungen an die Mitarbeiter geprägt war. Initial gab es vermutlich deutlich mehr Männer unter den Early Adoptern. Dadurch war dann in allen weiteren Wachstumsstufen der Grundstock männlicher Nutzer, die mit dem steigenden Anforderungsniveau mitgewachsen sind, größer. Gleichzeitig ist der Anteil von Männern unter den Personen, die außerhalb der Wikipedia Erfahrung mit Wikis, insbesondere mit eigenen, gesammelt haben, größer. Zum Beispiel dürften technische Fächer mit Männerüberschuss als erstes den Umgang mit Wikisoftware vermittelt haben. Die dadurch geringeren persönliche Hürden machen sowohl das Ausprobieren sowie das Verbleiben beim Wikipediaprojekt wahrscheinlicher. An die Männerkultur glaube ich weniger, obwohl es sein mag, dass Frauen aus ihrer klassischen Rolle heraus einen unterstützenden Stil einem konfrontativen vorziehen. (Beleidigungen stehen nocheinmal auf einem anderen Blatt.) Entscheidender ist meiner Ansicht nach aber eine Form von selbsterfüllender Prophezeiung, wo sich durch den initialen Männerüberschuss bei vielen Frauen nie das Gefühl einer Miteignerschaft am Projekt eingestellt hat (zumindestens bezogen auf Geschlechtszugehörigkeit).

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