Steile Behauptung

Nein, keine 65.000 Software-Entwickler überprüften die Corona-Warn-App

Die Telekom verbreitet, dass 65.000 Software-Entwickler:innen die Corona-Warn-App angeschaut und überprüft hätten. Das ist falsch. Über eine Ente, warum sie keinen Sinn ergibt und warum welche Zahlen nun tatsächlich stimmen. Ein Kommentar

Eine Ente. (Symbolbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Mevlüt Şahin

Samstagmorgen vor einer Woche. Eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) dreht ihre Runde durch die Medienlandschaft. Demnach sei die Corona-Warn-App so gut wie fertig. Toll. Ebenso gut: Die Entwickler:innen von Telekom und SAP konnten sich auf zehntausende Freiwillige verlassen, die das Projekt auf Fehler überprüft hätten. In den Meldungen klingt das so:

In dem Open-Source-Projekt hätten sich bislang mehr als 65.000 freiwillige Software-Expertinnen und -experten die bereits veröffentlichten Quellcodes angesehen und eigene Vorschläge für Verbesserungen gemacht.

65.000 Software-Expertinnen und -experten. Fantastisch. Leider stimmt dies nicht so ganz, so erfreulich es doch wäre. Auf Nachfrage via Twitter bestätigt Harald Lindlar, Pressesprecher von der Deutschen Telekom, dass dies nicht stimmt und er sich womöglich vertan hat:

Ich habe Besucher von GitHub mit Software-Exoerten [sic] gleichgesetzt, weil das ja eine Entwickler-Plattform ist … mag sein, dass in diesem Fall und aufgrund der Popularität der Software auch einige „nur mal gucken“ wollten. Wollte damit aber niemanden in die Irre führen.

Tatsächlich gemeint: Besucherzahlen

Quasi zeitgleich zu dieser Antwort schickte mir ein leitender Mitarbeiter der dpa das ursprüngliche Statement von Telekom und SAP. Dort lautet es gleich wie in der Meldung dargestellt. Nur die Aussage ändert die dpa-Meldung von Indikativ zu Konjunktiv. Gab es daran Zweifel? Nachhaken wäre besser gewesen.

Eine einfache Suche nach der Zahl ergab, dass ein anderer Mitarbeiter von SAP auf LinkedIn unabhängig von der Meldung erklärt, dass es sich bei dieser Zahl um einzelne Besucher handelt. Der Quellcode ist auf GitHub verfügbar und Administratoren eines Repositories können einsehen, wieviele Klicks sie erreichen.

Seit der Veröffentlichung des ersten Repository am 18. Mai haben wir 400.000+ Views auf den Repositories, über 65.000 einzelne Besucher sowie 260 Meldungen (Issues) und 285 Verbesserungsvorschläge (Pull requests) verzeichnet.

Doch da steckt das Interessante: 260 Meldungen und 285 Verbesserungsvorschläge. Klingt das so sexy wie 65.000? Nein. Vielmehr verrät dies, dass die eigentliche Meldung hätte sagen sollen: Es gab also soundso viele Meldungen und soundso viele Verbesserungsvorschläge. Auf die Anzahl der Freiwilligen lassen diese Zahlen nicht schließen.

Allein die Zahl. Die Höhe. 65.000. Ich bezweifle stark, dass es in Deutschland 65.000 Software-Entwickler:innen gibt, die ein System mit App für iOS und für Android sowie ein Server-Backend fachgerecht überprüfen können.

Falschmeldung hält sich penetrant

Doch die Ente hält sich: Vor fünf Tagen meldete sie der SPIEGEL, vor vier Tagen Heise Online, vor drei Tagen Die Welt, vor einem Tag tagesschau.de. Alle übernehmen sie die Formulierung des Pressesprechers. Und das bedeutet in der Regel „Kopieren & Einfügen“.

Der Fehler war seit Sonntag ein Diskussionsthema auf Twitter. Dennoch verbreitete er sich in deutschen Nachrichtenseiten munter weiter. Die dpa wurde per E-Mail informiert, sie hat ihre Meldung inzwischen korrigiert.

Dass die unglaubwürdige Aussage tagelang unwidersprochen in den Nachrichten zitiert wird, ist kein Ruhmesblatt. Eine solche Ente muss kontextualisiert werden. Die Presseagentur und die Medien sollten aufpassen, nicht unhinterfragt fantastische Zahlen von Unternehmen zu übernehmen. Und abschließend: Das waren keine Fake News, sondern ein mangelhaft hinterfragtes Zitat. Solche Fehler passieren, das ist menschlich. Schön sind sie aber nicht.

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7 Ergänzungen
    1. Wenn eine Fehlinformation unabsichtlich abgesetzt wird ist es ein bedauerlicher Fehler, wenn dies absichtlich geschieht dann ist eine Fake-News. Doch wer kann zwischen Fehler und Absicht unterscheiden: Nur der Absender! Oder aber man schaut auf die Vergangenheit nach dem Motto: Wer einmal lügt dem glaubt man nicht…

  1. Gute Tag,

    ich möchte auch auf einen Fehler in diesem Beitrag hinweisen. Sie schrieben: „Ich bezweifle stark, dass es in Deutschland 65.000 Software-Entwickler:innen gibt, die eine in Java geschrieben Software mit App für iOS und für Android sowie ein Server-Backend fachgerecht überprüfen können.“

    Die Apps sind nicht in Java geschrieben. Lediglich der Server. Die iOS ist in Swift und die Android App in Kotlin programmiert.

  2. „Die Entwickler:innen von Telekom und SAP“
    Aus den Snowden-Dokumenten ging hervor das SAP mit der NSA direkt zusammenarbeitet. Die Deutsche Telekom arbeitet wenigstens mit den deutschen Diensten sehr eng zusammen. Aber sicherlich auch mit der NSA.
    Ich denke damit hat sich das Thema erledigt. Das ist ganz großes Kino.
    In Israel baute übrigens der Inlandsgeheimdienst Shinbeth die Corona-App!

  3. Guter Idee, mal hinter Zahlen und Aussagen zu schauen.
    Unabhängig von der Anzahl der SW-Entwickler in D macht es auch gar keinen Sinn, dass da nun so Viele beitragen sollten, das wäre doch auch eine organisatorische Last – insbesondere von Beitragenden mit weniger Erfahrungen auf speziellem Gebiet. Aber während SW-Qualität schwer messbar ist, lässt sich so ein einfacher Zähler schnell mal raushauen.
    Gerade bei SW-Entwicklung, Doku und Test sowie Daten-/Infosammlungen (wie OpenStreetMap) sollte Politik sich mit der 80/20-Regel beschäftigen, um diese guten und hilfreichen Aktivitäten nachhaltig zu fördern.

  4. Warum wird nur der „Quelltext“ der App veröffentlicht, aber die Software-Erweiterungen im Betriebssystem der Handys (auch auf Netzpolitik.org) verschwiegen?

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