Samstagmorgen vor einer Woche. Eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) dreht ihre Runde durch die Medienlandschaft. Demnach sei die Corona-Warn-App so gut wie fertig. Toll. Ebenso gut: Die Entwickler:innen von Telekom und SAP konnten sich auf zehntausende Freiwillige verlassen, die das Projekt auf Fehler überprüft hätten. In den Meldungen klingt das so:
In dem Open-Source-Projekt hätten sich bislang mehr als 65.000 freiwillige Software-Expertinnen und ‑experten die bereits veröffentlichten Quellcodes angesehen und eigene Vorschläge für Verbesserungen gemacht.
65.000 Software-Expertinnen und ‑experten. Fantastisch. Leider stimmt dies nicht so ganz, so erfreulich es doch wäre. Auf Nachfrage via Twitter bestätigt Harald Lindlar, Pressesprecher von der Deutschen Telekom, dass dies nicht stimmt und er sich womöglich vertan hat:
Ich habe Besucher von GitHub mit Software-Exoerten [sic] gleichgesetzt, weil das ja eine Entwickler-Plattform ist … mag sein, dass in diesem Fall und aufgrund der Popularität der Software auch einige „nur mal gucken“ wollten. Wollte damit aber niemanden in die Irre führen.
Tatsächlich gemeint: Besucherzahlen
Quasi zeitgleich zu dieser Antwort schickte mir ein leitender Mitarbeiter der dpa das ursprüngliche Statement von Telekom und SAP. Dort lautet es gleich wie in der Meldung dargestellt. Nur die Aussage ändert die dpa-Meldung von Indikativ zu Konjunktiv. Gab es daran Zweifel? Nachhaken wäre besser gewesen.
Eine einfache Suche nach der Zahl ergab, dass ein anderer Mitarbeiter von SAP auf LinkedIn unabhängig von der Meldung erklärt, dass es sich bei dieser Zahl um einzelne Besucher handelt. Der Quellcode ist auf GitHub verfügbar und Administratoren eines Repositories können einsehen, wieviele Klicks sie erreichen.
Seit der Veröffentlichung des ersten Repository am 18. Mai haben wir 400.000+ Views auf den Repositories, über 65.000 einzelne Besucher sowie 260 Meldungen (Issues) und 285 Verbesserungsvorschläge (Pull requests) verzeichnet.
Doch da steckt das Interessante: 260 Meldungen und 285 Verbesserungsvorschläge. Klingt das so sexy wie 65.000? Nein. Vielmehr verrät dies, dass die eigentliche Meldung hätte sagen sollen: Es gab also soundso viele Meldungen und soundso viele Verbesserungsvorschläge. Auf die Anzahl der Freiwilligen lassen diese Zahlen nicht schließen.
Allein die Zahl. Die Höhe. 65.000. Ich bezweifle stark, dass es in Deutschland 65.000 Software-Entwickler:innen gibt, die ein System mit App für iOS und für Android sowie ein Server-Backend fachgerecht überprüfen können.
Falschmeldung hält sich penetrant
Doch die Ente hält sich: Vor fünf Tagen meldete sie der SPIEGEL, vor vier Tagen Heise Online, vor drei Tagen Die Welt, vor einem Tag tagesschau.de. Alle übernehmen sie die Formulierung des Pressesprechers. Und das bedeutet in der Regel „Kopieren & Einfügen“.
Der Fehler war seit Sonntag ein Diskussionsthema auf Twitter. Dennoch verbreitete er sich in deutschen Nachrichtenseiten munter weiter. Die dpa wurde per E‑Mail informiert, sie hat ihre Meldung inzwischen korrigiert.
Dass die unglaubwürdige Aussage tagelang unwidersprochen in den Nachrichten zitiert wird, ist kein Ruhmesblatt. Eine solche Ente muss kontextualisiert werden. Die Presseagentur und die Medien sollten aufpassen, nicht unhinterfragt fantastische Zahlen von Unternehmen zu übernehmen. Und abschließend: Das waren keine Fake News, sondern ein mangelhaft hinterfragtes Zitat. Solche Fehler passieren, das ist menschlich. Schön sind sie aber nicht.
