Proteste gegen Polizeigewalt

Polizeibehörden in den USA können mit Gesichtserkennung Protestierende identifizieren

Viele US-Städte setzen eine Überwachungstechnologie der Canon-Tochter BriefCam ein. Diese kann einzelne Personen anhand ihres Gesichtes erkennen und verfolgen – auch in der Masse einer Demonstrationen.

Demonstranten auf einer Demo in San Francisco
Demonstrierende auf einem BlackLivesMatter-Demo in San Francisco am 7. Juni. In der Stadt wird die Überwachungstechnologie von BriefCam nicht eingesetzt. CC-BY-ND 2.0 vhines200

Dutzende Städte in den Vereinigten Staaten nutzen eine Gesichtserkennungssoftware des Anbieters BriefCam. Sie kann Personen in Menschenmengen anhand von Überwachungsaufnahmen erkennen und identifizieren. Die Technologie soll sowohl für Liveaufnahmen wie im Nachhinein funktionieren.

Buzzfeed News berichtet, dass einige der Städte wie New Orleans und St. Paul Schauplatz extremer Polizeigewalt waren. Beamt:innen setzten dort Gummigeschosse, Tränengas und Schlagstöcke gegen Demonstrant:innen ein. Darüber hinaus würden Behörden in Chicago, Boston, Detroit, Denver, Doral (Florida), Hartford (Connecticut), und Santa Fe County (New Mexico) die Technologie ebenfalls einsetzen. Das hat Buzzfeed anhand von Regierungsunterlagen rekonstruiert. Einige Städte verneinten jedoch gegenüber Buzzfeed, dass sie BriefCam während Demonstrationen einsetzen.

Motorola und Canon an BriefCam beteiligt

Das 2007 in Israel gegründete und von Motorola als Investor geförderte Überwachungsunternehmen BriefCam gehört zum Canon-Konzern, der die Gesichtserkennungsfirma 2018 kaufte. Nach eigener Aussage wird das Überwachungssystem in mehr als 40 Ländern und von hunderten Strafverfolgungsbehörden weltweit eingesetzt.

Zuletzt hatte BriefCam ein Tool vorgestellt, mit dem Strafverfolger angeblich die Einhaltung von Abstandsregeln und das Tragen von Schutzmasken überwachen können. Diese Technologie ist nach Auskunft des Unternehmens mit Gesichtserkennung kombinierbar. Ob BriefCam tatsächlich kann, was das Unternehmen selbstbewusst verspricht, ist allerdings unklar. Die Firma steht nicht auf der Liste der registrierten Hersteller von Gesichtserkennung des National Institute of Standards and Technology (NIST). Die Behörde bietet Leistungstests an, mit der anschließend viele Hersteller ihre Produkte bewerben.

Debatte über Verbot von Gesichtserkennung

Bislang gibt es in den USA keine Regulierung zur Frage, ob und wie Überwachungstechnologien wie BriefCam eingesetzt werden dürfen. Befeuert durch die BlackLivesMatter-Proteste ist in den USA in den vergangenen Wochen eine rege Debatte um Gesichtserkennung entstanden – auf die viele Hersteller reagiert haben.

Während das Unternehmen IBM ganz aus der Technologie aussteigen will, setzen Amazon und Microsoft den Verkauf an die Polizei nur vorübergehend aus.

Die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) fordert in einer Stellungnahme „ein landesweites Verbot für den Einsatz der Gesichtserkennung durch die Regierung“, genau wie die Organisation „Fight for the Future“.

Grundrechtsfeindliche Technologie

Bei der Kritik an Gesichtserkennung geht es um mehrere Aspekte: Weil Gesichtserkennungssysteme bei People of Color eine höhere Fehlerquote als bei weißen Personen haben, sind diese vom Einsatz der Technologie besonders betroffen. Jeder Fehlalarm kann dazu führen, dass eigentlich unverdächtige Personen überwacht, durchsucht und festgehalten werden, was für diese traumatisierend und stigmatisierend sein kann.

Doch nicht nur die rassistische Verzerrung der Technologie ist ein Problem: Gesichtserkennung erhöht mit„dem Nummernschild im Gesicht“ die allgegenwärtige Überwachung und bedroht Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit. In Deutschland setzt sich unter anderem das Bündnis „Gesichtserkennung stoppen!“ gegen diese Hochrisikotechnologie ein. Dem Bündnis gehören zahlreiche Digital- und Bürgerrechtsorganisationen an.

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3 Ergänzungen
  1. Verhaltensanalse via gestreamter Bilddaten ist im öffentlichen Raum (z.B. predictive policing) in Verruf gekommen, weil sie mit Hautfarben auffällig geworden ist. IBM waren die ersten, die ihre Software nicht mehr an Polizei liefern wollen. Andere fühlten sich dadurch gezwungen, nachzuziehen. Doch die Technologie ist längst nicht am Ende.

    Zur Entwicklung von KI/Big Data werden riesige Datenvolumen gebraucht. Doch woher nehmen? Wo fallen große Datenmengen an und wo steht am Ende ein klares Ergebnis nach einem komplexen und dynamischen Geschehen? Natürlich beim Profisport wo Betroffene vertraglich zu Allem in einem definierten Umfeld verpflichtet werden können. Eine Spielwiese auf der kaum Ethik-Bedenken zu erwarten sind.

    Die Nähe zum Sport ist z.B. bei SAP augenfällig und trägt den schönen Namen Leonardo. Die Fußball-Clubs TSG Hoffenheim und Mainz 05 werden nicht nur gesponsert, sondern auch nach state of the art analysiert. Es geht um Mustererkennung, Daten-Charakteristiken etc. zur Erkennung von relevanten Spielszenen aber auch von Verletzungen.

    Womit wird die Datenerfassung gerechtfertigt? Zum Wohle des Spielers? Des Clubs? Des Scouts? Des Fans, der mit Statistiken „versorgt“ wird? Doch das ist zweitrangig! Es geht vorrangig um Technologieentwicklung mit Aussicht auf vielfältigste Einsatzmöglichkeiten zur profitablen Effizienzsteigerung.

    Schlägt diese Technologie im Alltag auf, hat man es nicht mehr mit hoch bezahlten Profis (kompensierte Ethik) zu tun, sondern mit abhängig Beschäftigten, die man keinesfalls höher bezahlen will, um die Effizienz zu steigern.

    Richtet man die Bilderfassung und Analyse auf die Fan-Kurve, dann hat man es mit Menschen zu tun, die auch noch dafür bezahlt haben, um dort analysiert zu werden.

    Ganz so schlimm trifft es Menschen in einer Einkaufs- oder Party-Meile oder auf dem Rathaus-Platz dann doch nicht, solange dort kein Eintrittsgeld verlangt wird.

    Im Übrigen lassen sich auch Fernsehbilder aus Gerichtsprozessen analysieren, im Hinblick auf die Wirksamkeit von Sprechakten. Auch hierbei handelt es sich um ein komplexes, wohldefiniertes Umfeld, das aber nicht ganz so dynamisch ist.

    Und natürlich geht das auch mit Videokonferenzen. Und ja, das war doch ohnehin schon allen klar, oder? Geschenkt!

  2. Danke an euer Team für diesen ausagekräftigen Artikel.

    Im Moment überlege ich welche gemeinnützigen und wichtige Organisationen ich mit einer kleinen regelmäßigen Spende unterstützen sollte.

    Es wäre an der Zeit Gelder von den „Großen Dreien“ Amazon , Facebook und Google durch massive Steuern abzuzweigen und damit den Datenschutz und kritische Berichterstattung durch die Presse zu fördern.
    Durch Corona haben diese noch mehr Geld erwirtschaftet.
    Bitte macht weiter und Danke für euer Tun.

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