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Sharing is Caring? Kinderfotos im Netz verletzen die Persönlichkeitsrechte der Kinder

Soziale Netzwerke katapultieren eine alte Familienpraxis in neue Dimensionen: Fotos und Videos von Kindern werden über Facebook, Instagram oder Youtube nicht mehr nur mit den Großeltern, sondern mit der ganzen Welt geteilt. Ein aktuelles Forschungsprojekt hat herausgefunden: Den Kindern ist dieses Verhalten bewusst – und es gefällt ihnen oftmals überhaupt nicht.

Ein Kind mit einer analogen Kamera vor dem Gesicht.
Auf der sicheren Seite: analoge Fotos. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Markus Spiske

Über soziale Netzwerke wie Facebook können Eltern heutzutage ganz einfach Bilder ihrer Schützlinge mit der ganzen Welt teilen. Per WhatsApp sind diese besonderen Momentaufnahmen der Kinder im Planschbecken oder am Strand auch ganz schnell mit den Verwandten „privat“ geteilt. Eine Studie der Universität Köln in Kooperation mit dem Deutschen Kinderhilfswerk e.V. hat jetzt festgestellt: Entgegen der öffentlichen Annahme haben viele Kinder durchaus eine gute Vorstellung davon, wie ihre Privatsphäre durch dieses Verhalten ihrer Eltern verletzt wird.


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Unter „Sharenting“, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern „to share“ (teilen) und „parenting“ (elterliche Erziehung), versteht man das Verhalten von Eltern, Informationen über ihre Kinder mittels Social Media mit einer breiten Öffentlichkeit teilen. Ein Team um die Erziehungswissenschaftlerin Nadia Kutscher ist jetzt der Frage nachgegangen, was diese Mitteilungsfreude der Eltern für die Persönlichkeitsrechte von Kindern bedeutet. „Wenn man Kinderrechte ernst nimmt“, sagt Kutscher, „ist es bei genauer Betrachtung haarsträubend zu sehen, was sich da als normale Praktik etabliert hat.“ Im Normalfall setzten sich Eltern einfach über die Rechte der Kinder hinweg.

Es mangelt an Medienkompetenz

37 qualitative Interviews hat das Forschungsteam geführt, zunächst mit Kindern und Eltern einzeln, danach auch gemeinsam. Dabei ging es zunächst um das generelle Mediennutzungsverhalten in den Familien: Welche Apps kennen und nutzen die Kinder? Von welchen Diensten wissen sie, dass ihre Eltern sie nutzen? Ergebnis: In allen befragten Familien werden mindestens WhatsApp und Facebook verwendet. Bemerkenswert ist auch: Die minderjährigen Kinder nutzen allesamt bereits Anwendungen, für die sie laut Nutzungsbedingungen noch zu jung sind.

Problematisch dabei ist, dass den Eltern gar nicht oder nur begrenzt bewusst ist, wie die Daten und Metadaten der geteilten Medien von den Firmen genutzt werden, etwa für Werbezwecke. Das Teilen von Inhalten über WhatsApp wird etwa von vielen Eltern als „privat“ empfunden. Damit mangelt es in vielen Familien an wichtigen Kompetenzen, um den Kindern im eigenen Haushalt einen sorgsamen Umgang mit sozialen Netzwerken zu vermitteln. Kutscher beschreibt eine damit verbundene Überforderung der Eltern:

Man merkt in allen Familien: Die Eltern versuchen, dran zu bleiben und mediale Entwicklungen mitzubekommen. Sie erleben sich aber gleichzeitig als überfordert. In mehreren Familien sagen die Eltern, dass sie nicht so richtig durchblicken und nicht alles kontrollieren können. Dass eh alle Daten irgendwo abgegeben werden und man da nichts gegen machen könne. Sie sagen dann: Ich vertraue meinem Kind, dass es schon richtig damit umgeht. Das heißt, in einer Situation, in der die Eltern selbst merken, sie sind überfordert, schreiben sie ihren Kindern Vertrauen zu – aber eigentlich eher als eine Hilflosigkeitsstrategie.

Fotos werden gegen den Willen der Kinder geteilt

In den Interviews wurden Kinder und Eltern außerdem dazu befragt, wie und mit wem sie Bilder online teilen. Einige Kinder gaben an, dass sie direkten Protest gegen das Teilen von Bildern und Videos gegenüber ihren Eltern äußern, weil sie die Darstellung ihrer Person als peinlich oder unangenehm empfinden. Sie befürchten, dafür zu einem späteren Zeitpunkt verhöhnt zu werden. Dabei vermitteln die Kinder einen klaren Eindruck davon, bei wem sie diese Konsequenzen fürchten. Bilder, zu denen die Kinder eine positive Verbindung haben, dürfen in ihren Augen gern öffentlich auf Facebook – mit „der Welt“, in ihren Worten – geteilt werden. Intime Momente oder Bilder, die die Kinder in eher verletzlichen Situationen zeigen, gehören ihrer Ansicht nach nicht einmal in die Familiengruppe auf WhatsApp. So brach ein Kind in Tränen aus als es feststellte, dass die Mutter ein Foto gepostet hatte, auf dem das Kind als Säugling beim Stillem zu sehen ist. Die Mutter hatte keine Probleme damit, diesen intimen Moment auf Facebook zu teilen.

Die Gespräche dokumentieren auch: Über den expliziten Protest setzen sich die Eltern mitunter hinweg. Das bedeutet, dass von Seiten der Kinder oft keine Einwilligung vorliegt, sondern dass faktisch gegen den Willen der Kinder gehandelt wird. Häufig werde das Argument angeführt, dass die Kinder eines Tages froh sein werden, dass diese Fotos von ihnen existieren. Kutscher lässt dieses Argument nicht gelten. „Die Kinder haben klare Vorstellungen von dem, was sie gepostet sehen wollen und was nicht“, sagt sie. „Vor diesem Hintergrund sollten Eltern immer zuerst fragen, was geteilt werden darf.“ Von Kindern, die sich noch nicht eindeutig dazu äußern könnten, sollten gar keine Bilder geteilt werden, empfiehlt sie.

Die Studie verweist außerdem darauf, dass die Eltern teils stark widersprüchlich in Bezug auf Nacktheit auf Bildern und in Videos handeln. Einige Eltern lassen sich zu den Accounts ihrer Kinder die Passwörter geben, um geteilte Inhalte, Such- oder Chatverläufe zu kontrollieren. Wenn sie in ihren Augen anzügliche Inhalte finden, etwa Bilder, auf denen die Kinder in Bikinis zu sehen sind, löschen sie diese oder fordern die Kinder zum Löschen auf. In den eigenen Profilen der Eltern finden sich dann allerdings Bilder der Kinder aus dem Urlaub oder auf Sportveranstaltungen wieder, auf denen diese ähnlich wenig anhaben. Kutscher bringt es auf diese Formel: Je leichter es wird, Inhalte zu teilen, umso mehr geraten moralische Skrupel diesbezüglich in Vergessenheit.

Spannungsfeld Schutz und Kontrolle

Die Kontrollmaßnahmen der Eltern „bestimmen das Spannungsfeld zwischen Schutz und Autonomie“, meint Kutscher. Eltern fordern Passwörter ein, steuern das Mediennutzungsverhaltens der Kinder über Apps zur Standortabfrage oder schalten die Geräte der Kinder nach einer bestimmten Nutzungsdauer ab. Die Eltern verletzten damit faktisch die Privatsphäre, aber derzeit sei es auch einfach unklar, wie sich „der richtige“ Umgang mit diesem Problem gestalten ließe, sagt Kutscher.

Die Studie schließt mit einer Reihe von Anschlussfragen, die sich aus den Gesprächen ergeben. Wenn die Kinder eine deutlich sensiblere Einschätzung gegenüber der Verbreitung ihrer Daten haben als die Eltern, muss die Entscheidungsfähigkeit zum Wohle des Kindes geklärt werden. Wissen Eltern wirklich immer, was das Beste für ihr Kind ist? Kindern wird über die UN-Kinderrechtskonvention, die auch Deutschland unterzeichnet hat, ein Recht auf Privatsphäre eingeräumt. Eigentlich. Tatsächlich gibt es bisher keine Gesetze, die Kinder vor ihren allzu mitteilsamen Eltern schützen würden. Vielleicht bräuchte es diese aber, wenn Eltern nicht gut genug Bescheid wissen oder schlicht keine Lust haben, die Privatsphäre ihrer Kinder zu wahren.

Hier gibt es die gesamte Studie zu lesen.

14 Kommentare
  1. Die Furcht vor dem Bild und die Gier nach Bildern im 21. Jhd. wären mal eine eigene Auseinandersetzung wert. Einerseits das endlose teilen und verbreiten und konsumieren von bildern und andererseits diese dämonisierung des Abbilds (wegen rechten und daten usw natürlich offiziell) und datenschutzikonoklasmus.

  2. Neuerdings Netzpolitik,org als Bestandsbewahrer „überholter gesellschaftlicher Denkmodelle“. Wie war das sonst bei NP ? Teilen ist das Neue haben, sharing is caring. Das ist das, wofür NP seither massiv agiert hat und dass sind die Floskeln, die nachhaltig durch NP,org posauniert wurden. Und nun, keine Aussicht mehr auf den Boot der Piraten schnell nach oben zu schwimmen ? Und nun plötzlich die Abkehr ? Ein „Redakteur “ der nach Brüssel will und nun plötzlich merkt, dass er zunächst mal ein williger Gehilfe von Google war ? Klar ne, die Stimmung in Brüssel ist derzeit nicht gerade Google pro, somit schnell schnell, der Wandel . Und „Teilen ist das Neue haben“ …nunja, war schon immer eine Blödsinns Floskel, aber jetzt fällt dieser Blödsinn, nach AirBnB , Uber etc. etc.. halt jeden Deppen als durchschaubare Neoliberale Vereinnahmung auf. Somit Avanti Avanti, NP, schnell die Fahne auf die andere Seite drehen ! Sonst verpasst Ihr womöglich noch die Strömung des nächsten passenden Schiffes.

  3. „Das Teilen von Inhalten über WhatsApp wird etwa von vielen Eltern als ‚privat‘ empfunden.“

    Sind per WhatsApp verschickte Bilder nicht privat? WhatsApp nutzt doch mittlerweile eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.

    1. Das hat nichts mit E2E Verschlüsselung zu tun! Sobald du ein Bild teilst, nimmst du in Kauf, dass es im Netz verbreitet werden kann. Erst heute wieder ein „lustiges“ Video bekommen, auf dem ein 2 Jahre altes Kind gezeigt wird, wie es gerade sein Geschäft in die Windel macht. Ich weiß nicht, ob den Eltern bewusst ist, dass $Kindername (ja, der Name ist im Video auch genannt) das in 13 Jahren wohl nicht mehr so geil findet, wenn seine Freunde das Video in die Finger bekommen.

  4. Viel schlimmer aber finde ich das meine Persönlichlichkeitsrechte jeden Tag von allen möglichen Intitutionen veletzt werden.
    Kameras die uns überall auf Schritt und Tritt zusehen, Handys deren Abhörschnittstellen praktisch unsere gesamte Persönlichkeit den Mächtigen dieser Welt preisgeben.

  5. Wenn Eltern stolz auf ihre Kinder sind und diesen Stolz teilen wollen, sollten sie eine Plattform finden, wo sich die Zuschauer auf den Personenkreis beschränken, denen die Kinder ähnlich am Herzen liegen wie den Eltern. Ein Zurschaustellen verletzt zumindest tendenziell die kindliche Würde und gibt ihrem Bedrüfnis nach einem geschützten Raum keine Gelegenheit auf die Verlässlichkeit die Kinder brauchen. Bildhafte Erinnerungen an die schönen Zeiten einer unbeschwerten Kindheit kommen für die Kinder ja auch erst dann zum Tragen, wenn sie diese Zeit hinter sich gelassen haben und dann auch selbst entscheiden können, wem sie diese ganz persönlichen Zonen ihrer Kindheit wirklich teilen möchten. Erinnerungen an die Kindheit können auch im späteren Leben wervoll werden, auch um die ein oder andere Eigenart, Entwicklung und Entscheidungen besser verstehen zu können. Der Schutz der Intimsphäre eines Menschen gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen, seine Würde zu bewahren und da ist der Verhandlungsspielraum die alleinige Angelegenheit der Betroffenen.

  6. Vielleicht wird sich das mal ändern in geschätzten 50 Jahren. Wenn keiner mehr aus den älteren Generationen am Leben ist, oder, vielleicht auch nicht. Tendenzen laufen in beiden Richtungen. Die einen sind (ungewollt) zu Blöd weil diese Eltern hatten die sich um das Kind nur soweit kümmerten wie um ein Haustier (Fressen, Schlafen, Sch…, und dem Rest wurde es sich überlassen) anstatt es aufs Leben vor-zu-bereiten und Werte nahe zu bringen etc.. Die anderen wiederrum erkennen die Situation und entschieden sich in den meisten Fällen dafür die unwissenden aus-zu-nutzen. Der Hauptgrund dafür das behauptet wird „man sei überfordert“ liegt nicht im können, sondern im wollen. Sie haben kein bock sich damit zu befassen. Natürlich gibt es den einen oder anderen der sich weiter bilden möchte, jedoch nicht kann, weil dieser nicht weis wo er ansetzen soll. Dabei ist alles simpel und logisch aufgebaut. Fast alle denke zu kompliziert anstatt einfach mal zuerst den direkten Weg zu gehen. Ich könnte jetzt noch hunderte Zeilen darüber schreiben was pro/contra im Verhältnis zu können/wollen und mind. zehn weitere Faktoren schreiben, jedoch hat das hier nichts verloren und es ist das erste mal das ich etwas kommentiere. Wünsch euch allen einen schöne Zeit noch. T.D.

    PS: Es wird und kann niemals eine 100%ig sichere Plattform oder App geben. Es gibt immer Lücken aus Technischen Gründen. Denn was als Ausgang dient, ist auch ein Eingang. Wenn man diesen vollkommen schließt, kann man genauso ein Physikalisches Fotoalbum anlegen und es mit der Familie bei besonderen Anlässen Zeigen.

  7. Mein Gott, meine Bilder sind als Kind auch gezeigt worden und es hat mir nicht geschadet. Ich finde das heute viel zu viel Bohe gemacht wird. Kommt man wieder auf den Teppich. Mir geht das allmählich tierisch auf den Sack, das getue um den scheiß Datenschutz und Persönlichkeitsrechte. Muss man demnächst auch seine Haustiere fragen ob man ein Bild von ihnen zeigen möchte, oder über sie reden möchte. Das ist doch lächerlich. Jeder der so germaßen darauf pocht, das er nicht erwähnt werden darf ohne ihn vorher zu fragen hat meiner Meinung nach etwas zu verbergen.

    1. Der Unterschied zum Kinderalbum auf Omas Kaffeetisch: Es war nicht beliebig teil- und verbreitbar (deshalb lässt sich das Recht am eigenen Bild bei digitalen Kopien in sozialen Netzwerken so schwer durchsetzen), nicht ewig sichtbar (deshalb musste man das „Recht auf Vergessenwerden“ gesetzlich in der DSGVO festschreiben) oder von beliebigen Personen einsehbar. Noch mehr gute Argumente, warum „Nichts-zu-verbergen“ kein Argument ist, finden sich in diesem Artikel oder in der großartigen Dokumentation „Nothing to Hide“: https://vimeo.com/nothingtohide

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