Unserem Redaktionsmitglied Totoro wurde „ungeniertes Betragen“ – immerhin kein Landesverrat – vorgeworfen. Im Feuilletonteil der FAZ musste ich mit Entsetzen feststellen, dass Totoro, meine vertraute plüschige Begleitung, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit einer Glosse gerutscht zu sein scheint. Dabei sollte er doch nur meinen Schreibtisch bewachen, in all den letzten Tagen, in denen das Arbeiten durch die Dauerpräsenz von Fernseh- und Interviewteams und das ständig klingelnde Telefon zur Unmöglichkeit geworden war.
Es geht um jenen Schreibtisch, „auf den die Fernsehkameras besonders gern halten, wenn sie die Arbeitsweise des Polit-Blogs bebildern wollen“. Und so wirkte es in den meisten Fernsehbildern wirklich so, als sei Totoro der wahre Nutzer meines Arbeitsplatzes, dabei war er doch nur nicht dazu in der Lage, wie ich in ruhigere Räumlichkeiten zu fliehen.
Während ich also meinen Arbeitsplatz für beinahe eine Woche lang in den Raucherraum des Büros verlegte, den zu meinem Glück nur wenige der herbeiströmenden Pressevertreter fanden, hielt er die Stellung und war den Kameras ein weniger wehrsames Opfer als der Rest unserer kleinen Redaktion, die neben Markus und Andre aus drei weiteren festangestellten Personen und meist zwei Praktikanten besteht.
Ein wenig enttäuscht bin ich schon, dass Andreas Platthaus, Autor der Glosse in der FAZ, sich nicht besonders mit persönlicher Hintergrundrecherche beschäftigte. Er führte zwar folgerichtig aus, dass Totoro eine klangliche Anspielung an die japanische Aussprache des Wortes „Troll“ ist, aber die ganz persönliche Geschichte dieses einen, ganz persönlichen, Totoros ließ er unbeachtet. Dabei ist es – wie jedes Mitglied unserer Redaktion – etwas ganz besonderes.
Ich, die ich mich eher als Bezugsperson denn als Besitzerin des plüschigen Wesens bezeichnen will, möchte einiges klarstellen und habe mit Totoro den Konsens gefunden, ausgewählte persönliche Details aus dem Leben dieser liebenswerten „großen grauen Kartoffel“ – wie Totoro von mir genannt wird – preiszugeben: Totoro fand 2011 seinen Weg aus Japan nach Deutschland. Seitdem begleitet es mich. Das Internet ist Totoro weitgehend fremd, lange Zeit hatte es seinen festen Platz auf dem ganz analogen Bücherstapel, der sich neben meinem Bett türmte. Beinahe jeden Tag waren Totoros Augen das, was ich am Morgen zuerst und am Abend zuletzt sah. Es stand vor meinem Wecker, um mich Abends nicht damit zu erschrecken, wie spät es schon wieder war, und bekam oft genug morgens einen Schlag auf den Kopf bei meinem Versuch, besagten Wecker wieder zum Verstummen zu bringen. Sein unveränderliches irres Grinsen wurde für mich zum Symbolbild der zeitweiligen Absurdität menschlichen Lebens.
Dann kam ich in der Redaktion von netzpolitik.org an und weitere wahnsinnige Augen strahlten mich an. Nein, nicht die meiner Mitredakteure – die der Grinsekatze aus der Disney-Verfilmung von Alice im Wunderland, die sich im Gegensatz zu Totoro in der letzten Woche besser auf dem Regal zu verstecken wusste. Mir wurde klar, Totoro verdient endlich ebenbürtige Gesellschaft. Und so zog es in unserem Büro ein, in dem es bis zum heutigen Tag viele Freunde gefunden hat.
Platthaus lässt uns wissen, dass Totoro dem Original nach nicht reden, „aber reichlich Wind machen“ könne. Aber zusätzlich, und da unterschlägt er das Wichtigste, ist es in der Lage, alles zu verstehen. Was es daher am besten kann, ist Zuhören. So ist es über die Zeit zu meiner gedanklichen Projektions- und Reflexionsfläche geworden. Niemand hat öfter mein ungläubiges Kopfschütteln beim morgendlichen Lesen des RSS-Feeds gesehen, niemand vermag effektiver, mich davon abzuhalten, meinen Kopf auf die Tischplatte schlagen zu wollen, wenn ein Kommentator uns die nächste Weltverschwörung unterstellt. Niemand im Büro außer ihm schafft es noch, mich anzulächeln, wenn Justizminister Maas Leitlinien zur Vorratsdatenspeicherung vorstellt. Und niemand verkörperte die Grotesken der letzten Woche passender als es.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Totoro zu solch unfreiwilliger Berühmtheit gelangte. Denn wie soll man reagieren, wenn die eigene Redaktion im Zuge von Landesverratsanschuldigungen außer Kraft gesetzt ist? Wenn man erst einmal googlen muss, was Landesverrat überhaupt ist – wie Markus so schön sagte -, um sich dann darüber klar zu werden, welche massiven, abstrusen Anschuldigungen da im Raum stehen?
Man könnte verweifeln, man könnte eingeschüchtert sein. Aber man könnte auch Grinsen, neugierig sein und weitermachen. Wir arbeiten in Zeiten, in denen es spannender nicht sein könnte. Gut, da ein vertrautes Gesicht zu haben, das neben dem Monitor unbeirrt sein schönstes Lächeln zeigt. Und einem immer wieder eine Frage ins Gedächtnis ruft: Wer trollt hier eigentlich wen?
