Demokratie

Die vielen Gesichter von Anonymous: Das Internet-Kollektiv protestiert gegen Internet-feindliche Gesetze

Anonymous im Parlament.

Hacker-Hoaxer-Whistleblower-SpyVor zwei, drei Jahren gab es mit SOPA, PIPA und ACTA gleich mehrere Internet-feindliche Gesetze und Abkommen, die nach massiven Protesten verhindert werden konnten. Auch das lose Kollektiv Anonymous hatte seinen Anteil daran, wie ein Auszug aus einem neuen Buch zeigt. Die Trolls und Aktivisten wurden zu einem wichtigen und anerkannten Bestandteil des globalen politischen Gefüges.

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Dieser Gastbeitrag ist ein Auszug des morgen erscheinenden Buchs Hacker, Hoaxer, Whistleblower, Spy von Gabriella Coleman, das wir hier rezensiert haben. Übersetzung von Justin Hanney und Andre Meister.

SOPA und PIPA

Nachdem sich Mitte Januar 2012 der Trubel über den Stratfor-Hack gelegt hatte, kam als Reaktion auf den Stop Online Piracy Act (SOPA) das populistische Gesicht von Anonymous wieder zum Vorschein. Der weitreichende Gesetzentwurf zum Urheberrecht war unbeliebt, nicht nur unter Bürgerrechtlern. Auch die Eliten der Digerati und des Silicon Valley waren dagegen. Unter anderem verlangte SOPA von Google und anderen Suchmaschinen, die Anzeige von ausgewählten Websites wie The Pirate Bay in Suchergebnissen zu unterbinden. Ein massiver und aufwendiger Widerstand verhinderte, dass aus dem Entwurf ein Gesetz werden konnte.

Der Wendepunkt war der „Blackout-Day“ am 17. Januar 2012 – ein Internetprotest mit bisher nie gekanntem Ausmaß. Eine Handvoll großer Internetunternehmen, verschiedene Interessengruppen für das öffentliche Wohl sowie tausende Einzelpersonen färbten ihre Webseiten komplett schwarz, mit Links, die Besucher aufforderten, ihre politischen Vertreter zu kontaktieren, um ihren Widerstand gegen SOPA auszudrücken. Rund 75.000 Webseiten wurden schwarz, darunter Dutzende prominente Unternehmen und Non-Profit-Webseiten wie Wikipedia, Flickr, Wired, 4chan und Google. Journalisten schrieben eine Flut an Artikeln zum Thema.

Nichtmal eine Woche später waren SOPA und sein Gegenstück im Senat (PIPA) effektiv hinfällig – sie wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Am Ende beschrieb CBS News die Anzahl der Teilnehmer als „atemberaubend„: 4,5 Millionen Menschen unterschrieben eine Petition von Google; 350.000 Bürger kontaktierten ihre Abgeordneten über SopaStrike.com und AmericanCensorship.org; und auf Twitter wurden am 18. Januar über 2,4 Millionen zum Thema SOPA gepostet. Eine Online-Petition an das Weiße Haus wurde 103.785 mal unterzeichnet, daraufhin gab die Regierung das offizielle Ende des Gesetzentwurfs bekannt:

Auch in Zukunft werden wir parteiübergreifend mit dem Kongress an Rechtsvorschriften arbeiten, die neue Werkzeuge im weltweiten Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie zur Verfügung stellen, während wir gleichzeitig vehement ein offenes Internet verteidigen, das auf den Werten freie Meinungsäußerung, Privatsphäre, Sicherheit und Innovation basiert.

Konzern-Giganten wie Google, respektierte Internet-Persönlichkeiten wie Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales und Bürgerrechtsorganisationen wie die EFF waren für diesen Sieg ebenso verantwortlich, wie eine breite Basis an Geeks und Hackern – natürlich einschließlich Anonymous. Sie versorgten die Allgemeinheit mit Videos und Propagandapostern sowie mit regelmäßigen Updates über mehrere prominente Twitter-Accounts. Nach dem Ende des Blackouts zogen sich die beteiligten Firmen aus dem Rampenlicht zurück. Aber Anonymous und andere kämpften weiter, im scheinbar endlosen Kampf.

Megaupload

Nur einen Tag später, am 18. Januar, veranlassten US-Bundesbehörden die Abschaltung der populären Filesharing-Webseite Megaupload. Der ebenso gesellige wie umstrittene Gründer des Unternehmens, Kim Dotcom, wurde in einer dramatischen Razzia am frühen Morgen in Neuseeland festgenommen. Die Abschaltung dieser beliebten Seite wurde von Anonymous-Aktivisten als bedrohlich wahrgenommen. Obwohl SOPA nichts mit der Verhaftung von Kim Dotcom zu tun hatte, verdeutlichte dies die enorme Macht, welche die Urheberrechtsindustrie über Internet-Inhalte ausüben können, mit oder ohne formalem Recht: Obwohl kein Gericht Dotcom der Piraterie für schuldig erklärt hatte, wurde sein Eigentum beschlagnahmt und seine Webseite aus dem Internet genommen. (Während der Fall Dotcom bei Erscheinen dieses Buchs noch nicht abgeschlossen ist, hat sich der neuseeländische Premierminister John Key mittlerweile für die illegale Überwachung von Dotcoms Haus, mithilfe von zwei Hubschraubern und 67 Beamten, entschuldigt.)

Als die Nachricht von Dotcoms Festnahme bekannt wurde, rächte sich Anonymous mit seiner bislang größten DDoS-Attacke, die unter anderem die Homepages von Universal Music, FBI, US Copyright Büro, Recording Industry Association of America und Motion Picture Association of America lahmgelegte – allesamt Einrichtungen, die illegales Filesharing bekämpfen. Diesmal änderten Anonymous und AnonOps ihre Taktik und wählten ein anderes Werkzeug als LOIC (Low Orbit Ion Cannon). Das neue Tool mit dem Namen PyLoris war durchdachter, leistungsfähiger und – am wichtigsten – schützte die Privatsphäre seiner Nutzer. Es funktionierte, indem es eine unvollständige Verbindung zum Zielserver herstellte und für eine sehr lange Zeit offen hielt. Normalerweise hat ein Server nur eine begrenzte Anzahl an Slots für die Annahme von Verbindungen. Aber wenn die Verbindung nur teilweise eingerichtet ist, wartet der Slot und lehnt in der Zwischenzeit weitere Verbindungen ab. Mit genug Menschen, die diese unvollständigen Verbindungen aufbauen und aufrecht halten, werden alle verfügbaren Slots belegt und der Dienst wird verweigert. Das alles entfaltete sich wie die besten Operationen der alten Schule. Den Link zum Download der Software gab es in einem IRC-Kanal mit mehreren tausend Leuten, wo auch die nächsten Ziele angekündigt wurden. Dazu gab Links mit Anleitungen zur Anonymisierung der eigenen Verbindung mithilfe von Tor und VPNs.

ACTA

Ein paar Wochen später tauchte Anonymous wieder auf, als sich in Europa massive Online- und Offline-Proteste gegen das internationale Urheberrechtsabkommen ACTA entfalteten. Nachdem die Regierung in Polen beschlossen hatte, ACTA zu ratifizieren, nahm Anonymous eine ganze Reihe ihrer Webseiten offline und begann massiv für die Straßenproteste in Krakau zu werben. Kurz darauf trugen Mitglieder der linksgerichteten polnischen Partei „Palikots Bewegung“ Guy Fawkes-Masken im Parlament, während einer Anhörung zu ACTA. Inmitten dieses und vieler anderer Aufschreie strich die Europäische Union das Vorhaben im Juli 2012.

Danach erreichte mich ein Anon der alten Garde, der schon im Herbst 2010 Mitglied von #command war, mit folgender Einschätzung:

h: es scheint, als gibt es da gerade eine ganz neue gruppe von menschen
h: ohne verbindung zu #antisec [aber] wie immer hart arbeitend
h: das macht mich glücklich und stolz auf menschen
biella: ja
biella: hier und an ein paar anderen orten
biella: das ist gut
h: und als ich diese polnischen politiker gesehen habe
h: die masken trugen
biella: ja surreal
h: habe ich erkannt, dass unser haufen bunter vögel, tatsächlich in das bewusstsein der welt vorgedrungen ist
h: und sie ein kleines bisschen verändern
h: :D

Als Insider war es klar, dass er versuchen würde, Anonymous aufzublähen. Aber unabhängig davon: seine Einschätzung der zunehmenden Macht der Gruppe schien richtig. Nicht lange nach diesem Austausch rief mich ein Risikokapital-Anleger an, der bei der Organisation einiger Proteste gegen SOPA mitgeholfen hatte. Er wollte mehr darüber lernen, wie Anonymous hinter den Kulissen funktioniert. Er bemerkte, dass die Gruppe immer unvorhersehbar auftaucht, bevor er über die Möglichkeit sinnierte, sie als Außenseiter zu kontaktieren und für andere Kämpfe für die Freiheit im Internets zu nutzen. Es fühlte sich etwas ekelhaft an: Eins der Kernprinzipien von Anonymous ist, dass es nicht irgendjemandes „persönliche Armee“ ist. Dennoch zeigte das dieses Gespräch, dass h Recht hatte mit seiner Intuition: Anonymous war zu einem wichtigen und anerkannten Bestandteil des globalen politischen Gefüges geworden.

Gabriella Coleman: Hacker, Hoaxer, Whistleblower, Spy – The Many Faces of Anonymous. 4. November 2014. New York City: Verso Books. 464 Seiten.

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4 Kommentare
  1. Diese Anonymous Chaoten sollten lieber etwas sinvolles machen. Zum Beispiel BWL und Jura studieren um dann die Interessen der Musik und Filmindustrie zu vertreten und somit ein anständiges und ordentliches Einkommen zu erwirtschaften. Anstatt nur nichtsnutzig zu demonstrieren und dabei der Wirtschaft zu schaden was ja letztendlich Arbeitsplätze kostet. Diese Leute sind Gegner der freien Marktwirtschaft und entsprechend sollte man sie auch behandeln.

    In sofern, Anonymous sind nix als Kinder die vom Echte Leben keine Ahnung haben und völlig unverantwortlich handeln. Wird höchste Zeit das mal ein par von denen für sehr lange Zeit in den Knast wandern damit die anderen zur Vernunft kommen.

  2. Mittlerweile sehe ich das Internet nicht mehr als Informationsquelle, sondern als reine Verkaufsplattform für fragwürdige Inhalte. Es ist zwar lobenswert das sich viele Menschen und Organisationen dafür einsetzen, meiner Meinung nach ist es dafür allerdings viel zu spät.

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