#Drosselkom: Kommentare zur Abschaffung von Flatrates und Netzneutralität (Update)

Im Netz ist die Aufregung groß über die Ankündigung der Telekom, DSL-Anschlüsse funktional kaputt zu machen. Hier ein paar lesenswerte Kommentare, weitere gerne als Kommentar zu diesem Posting.

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Urs Mansmann auf heise.de: Die Maske fällt

Die Telekom argumentiert unredlich. 80 Milliarden kostet der Netzausbau, lässt sie verlauten. Das stimmt, nur ist ein komplett anderer Netzausbau gemeint. Für 80 Milliarden bekommt jeder Haushalt in Deutschland eine Glasfaserleitung mit 200 MBit/s oder mehr. Um die Backbones und Peerings so weit auszubauen, dass die Kunden nicht künstlich ausgebremst werden müssen, ist nur ein kleiner Bruchteil dieser Summe erforderlich. Seit Jahren wächst der Datenverkehr exponentiell, seit Jahren hält der Netzausbau Schritt. Warum will die Telekom die Karten nun plötzlich neu mischen?

Sie will weg vom reinen „Datentransporteur“, die Rolle als Bit-Schubser reicht ihr (und anderen Carriern) schon lange nicht mehr. Die Carrier wollen kontrollieren, was wie über ihre Netze läuft – und dann entweder in einem zweiseitigen Markt von Inhalteanbieter und Kunden gleichzeitig kassieren oder gleich die Inhalte und Dienste selbst anbieten. Die dann natürlich, wie beim aktuellen Modell der Telekom, nicht auf die maximalen Datentransfers angerechnet werden. IPTV (Entertain), Telekom-VoIP und Angebote von Inhaltspartnern wie Spotify werden schön herausgerechnet.

Sascha Lobo auf spiegel.de: Die Telekom erdrosselt das Internet

Die Telekom verkauft ab Mai 2013 kastriertes Internet. Dabei handelt es sich nicht bloß um eine neue Kundenzumutung in einem nicht eben zumutungsarmen Bereich. Sondern um ein Großpolitikum der digitalen Infrastruktur, ein Menetekel der Netzgesellschaft, ein Angriff auf das Internet selbst. Denn die Telekom verabschiedet sich – auch, wenn sie das vermutlich mit wolkigen Definitionsumdeutungen bestreiten würde – mit der Drosselung en passant vom Prinzip der Netzneutralität. Eigene Dienste wie „Entertain“ (das Streaming-Angebot der Telekom) zählen nicht zum Datenvolumen und sind von der Drosselung ausgenommen.
[…]
Die Abschaffung der Netzneutralität entspricht einer wirtschaftlichen Form der Zensur. Deshalb hat eine breite Front von über 80 Bürgerrechtsgruppen Mitte April dringend vor einer Erosion der Netzneutralität gewarnt. Völlig abgesehen von den superschlimmen, wenn nicht sogar hyperschlimmen Folgen für die Digitalwirtschaft: Google könnte jeden noch so datenintensiven Dienst auf den Markt werfen, dagegen hätte auch das cleverste Start-Up keine Chance, weil es circa ab dem vierten Nutzer am eigenen Erfolg zu Grunde ginge.

Christof Kerkmann auf handelsblatt.com: Ein Fall für die Kartellwächter

Gleichzeitig verstößt die Telekom gegen die Idee der Netzneutralität. Dieser Regulierungsgrundsatz sieht vor, dass die Telekommunikationsanbieter alle Daten gleich behandeln. Er ist seit den Anfängen des Internets ein Garant für Wettbewerb und Innovationen in der digitalen Industrie, weil jedes Unternehmen seine Dienste ohne Hürden anbieten kann. Mit seiner Pseudo-Flatrate schafft die Telekom auch diesen Grundsatz mehr oder weniger heimlich ab.

Felix von Leitner auf blog.fefe.de:

Daher: Eigentlich wollen wir ja, dass der Gesetzgeber den ganzen Laden mal ordentlich reguliert. Ich weiß nicht, ob euch das allen klar ist, aber das Geschäftsmodell der Telekom sieht im Wesentlichen so aus:

  1. Du als Kunde zahlst.
  2. Mit wenigen Ausnahmen zahlt auch „das Internet“ für einen Anschluss an die Telekom. Die Telekom nutzt ihre Nutzerbasis als Hebel, um die anderen Anbieter zu erpressen als zahlende Kunden zu gewinnen. „Wenn ihr wollt, dass eure Inhalte für T-Kunden nicht ruckeln, dann müsst ihr eure Server bei uns hosten oder eine Leitung von uns kaufen“. Kostenloses Peering macht die Telekom nicht oder so gut wie nicht.
  3. Die Kupfer-Infrastruktur wurde originär vom Steuerzahler bezahlt, Upgrades per Steuerermäßigung oder staatlicher Hilfen (auch von der EU) gefördert.

Die kriegen, mit anderen Worten, AUS JEDER RICHTUNG GELD IN DEN ARSCH GESCHOBEN. Und investieren das dann lieber in Werbung als in den Netzausbau. Und machen dann das Internet für ihre Kunden absichtlich ranzig, damit Hoster sich gezwungen sehen, T-Bandbreite zu kaufen, damit ihre Webseiten für T-Kunden nicht ruckeln.
[…]
Wie eine Behörde, die sich selbst Regulierungsbehörde schimpft, so ein Geschäftsmodell überhaupt länger als 10 Minuten dulden kann, ist mir völlig schleierhaft.

Hanno Böck auf taz.de: Der Gesetzgeber muss einschreiten

In der Internet-Enquetekommission des Bundestages war die Netzneutralität bereits vor eineinhalb Jahren Thema. Vertreter aller Fraktionen waren sich einig, dass Netzneutralität wichtig ist. Union und FDP hielten jedoch eine gesetzliche Regelung für unnötig, da sie keine akute Bedrohung sahen. Diese Einschätzung war falsch.

Das Internet hat immer davon gelebt, dass das Webangebot einer kleinen Zeitung in Asien ebenso einfach abrufbar ist wie das Angebot der New York Times. Damit das auch bei kommenden Videoservices so bleibt, ist jetzt der Gesetzgeber gefordert. Er muss die Pläne der Telekom stoppen und echte Internetzugänge ohne Benachteiligung einzelner Dienste gesetzlich verankern.

Nico Ernst auf golem.de: Die Telekom will Kontrolle über Inhalte im Internet

Es ist bezeichnend, dass nach unbestätigten Angaben auch Vodafone als größter Konkurrent bei der Drosselung des Internets mitmachen wollte, das nun aber fix dementiert hat. Der Anschlag auf die Funktionsweise des Netzes ist so verheerend, dass die anderen das den rosa Riesen mal lieber alleine ausprobieren lassen. Wenn die Telekom damit durchkommt, werden alle Konkurrenten nachziehen.

Auf der politischen Agenda steht die Netzneutralität trotz ihrer häufigen Erwähnung in Sonntagsreden viel zu weit unten. Es liegt an den Nutzern, das bis zur Bundestagswahl in fünf Monaten zu ändern. Sich nur auf Twitter über die #Drosselkom lustig zu machen, reicht nicht. Von der gegenwärtigen Bundesregierung ist nicht mehr zu erwarten, dass sie sich des unbequemen Themas annimmt. Auch gerade deswegen, weil die Bundesrepublik mit 15 Prozent der zweitgrößte Anteilseigener des ehemaligen Staatsmonopolisten ist. Größter ist die staatliche KfW-Bankengruppe, zusammen halten KfW und Bundesrepublik 32 Prozent an der Telekom.

33 Kommentare
    • geklickt weggeklickt 23. Apr 2013 @ 19:56
  1. Schoen-hier 24. Apr 2013 @ 8:45
  2. Tatort Reiniger 25. Apr 2013 @ 22:36
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