Interview: Sascha Pallenberg über Schleichwerbung in Blogs

Update: Die Auflösung ist: Basicthinking, Onlinekosten GmbH und der Keyword-Spam.

Sascha Pallenberg vom Netbooknews-Blog hat vergangene Woche auf Twitter die Aufdeckung eines Schleichwerbeskandal in deutschsprachigen Blogs angekündigt, der einen „ultimativen Tsunami“ nach sich ziehen würde. Ich hab ihm ein paar Fragen gestellt, die er mir dazu beantwortet hat. Wenn er die Story online bringt, gibt es hier dann auch mehr Infos zu dem Fall. Auf der kommenden re:publica werden wir dazu wahrscheinlich auch eine Diskussion organisieren.

netzpolitik.org: Du hast vergangene Woche einen „Tsunami“ in der deutschen Blogosphäre wegen eines Schleichwerbeskandals angekündigt. Worum gehts?

Sascha Pallenberg: Ich habe Dokumente, Verträge und Emails von einem Werbenetzwerk zugespielt bekommen, welches Links fuer bestimmte Keywords in deutschen Blogs platziert, die dann auf Seiten von u.a. Base, Conrad oder die Hannoversche Leben führen. Die Blogger erhalten zwischen 25 und 70 Euro pro Link und es wird in den Anwerbe-Emails von mehr als 100 deutschen Blogs gesprochen, die sich bereits in dem Netzwerk befinden. Es handelt sich dabei nicht um die üblichen Spam-Mails, die wir alle bekommen. Also kein „Uns ist deine Seite aufgefallen und wenn du einen Artikel über unser Produkt mit folgenden Links schreibst, zahlen wir dir X-Euro“. Hier geht es um eine bekannte deutsche Internetpublishing-Firma.

netzpolitik.org: Wie lange existiert dieses Netzwerk schon?

Sascha Pallenberg: Ich gehe schwer davon aus, dass es seit mehr als einem Jahr existiert. Meine Infos von involvierten Bloggern reichen bis in den Sommer 2010 zurück.

netzpolitik.org: Um welche Blogs handelt es sich dabei?

Sascha Pallenberg: Es gibt hier keine speziellen Themen-Blogs. Der Vermarkter hat quer durch den Garten Blogger angeschrieben. Es sind aber generell Nischen-Blogs. Ich bin mir sicher, dass der Vermarkter nicht riskieren wollte, ein bekanntes Blog zu kontaktieren, denn dann wäre die Geschichte umgehend aufgeflogen. Ein kleines Nischenblog mit ein paar hundert Besuchern am Tag ist auch weitaus eher bereit, Links für ein paar Euro zu verkaufen. Wer nebenbei 100 oder 200 Euro im Monat mit seinem Hobby machen kann, freut sich über solche Angebote. Es sind kaum professionelle Blogs darunter.

netzpolitik.org: Nun gibt es unmengen Blogs im deutschsprachigen Raum und Du berichtest von rund 100 kleinen Nischenblogs und keinem bekannten Blog. Wie können wir uns denn da einen Tsunami vorstellen?

Sascha Pallenberg: Das liegt vor allen Dingen an dem Netzwerk, welches dahinter steht und an einem ihrer Online-Auftritte, den in der deutschen Blogosphäre jeder kennt.

netzpolitik.org: Welches Netzwerk meinst Du jetzt wieder, dieses Werbenetzwerk oder die dahinter stehende Firma?

Sascha Pallenberg: Die dahinter stehende Firma, also der Vermarkter. Die involvierten Firmen sind sowieso jedem bekannt, also die Werbenden.

netzpolitik.org: Und was war das Ziel des Werbenetzwerkes?

Sascha Pallenberg: Die reine Werbung war sekundär. Primär geht es um Keyword-Spamming im grossen Stil um die Seiten der Partner-Unternehmen im Google Ranking zu pushen. Das ist eine beliebte Strategie der SEO-Industrie.

netzpolitik.org: Du hast auf Twitter angekündigt, die Geschichte demnächst zu veröffentlichen. Warum bringst Du nicht die fertige Geschichte?

Sascha Pallenberg: Uns sind noch einige Emails von weiteren Bloggern zugespielt worden. Es handelt sich hier nicht um irgendein neues Netbook oder Tablet, über das ich berichte. Eine derartige News „zimmer“ ich in 15 Minuten zusammen, denn das ist mein täglicher Job. Hier geht es um eine richtig brisante Story und ich muss Quellen weitaus ausführlicher pruefen, Dokumente sichten und mich absichern, zumal hier einige bekannte Namen involviert sind Ich hätte natürlich auch die Klappe halten und erst die komplette Story veröffentlichen können. Durch die Teaser auf Twitter und in Interviews bekomme ich aber zusätzliche Infos von involvierten Bloggern und die benötige ich.

netzpolitik.org: Für andere Medien gibt es Regelungen gegen Schleichwerbung. Brauchen wir sowas auch für Blogs oder was wünschst Du Dir als Reaktion auf die kommende Geschichte?

Sascha Pallenberg: Es kommen inzwischen die ersten Stimmen auf, dass ich ja selber z.B. Amazon-Links auf meiner Seite nutze. Na klar mache ich das und es ist eine wichtige Einnahmequelle fuer mich. Der Unterschied ist, diese Links sind entsprechend als Amazon-Links gekennzeichnet und ich benutze diese Art Werbung sehr pro-aktiv, sprich ich weise explizit darauf hin. Nach dem Motto: Kauft über unsere Links und unterstützt uns. Ich würde mir wünschen, wenn Medien generell angeben müssten, wer sie unterstützt. Soweit ich weiss, ist dies für Blogger in den USA seit fast 2 Jahren verpflichtend.

Ich glaube an den Selbstreinigungsprozess der deutschen Blogosphäre und ich glaube auch, dass in der deutschen Internetszene mehr Substanz steckt, als sich nur über SEO und SEM-Glücksritter zu definieren. Wer schon einmal die Internet World in Muenchen besucht hat, weiss wovon ich spreche.

netzpolitik.org: Dann warten wir mal auf den Tsunami und wünschen viel Erfolg beim aufklären. Danke für das Interview.

52 Kommentare
  1. Martin Pfahl 27. Jan 2011 @ 17:16
  2. Holger Günther 27. Jan 2011 @ 17:17
  3. Sascha Stoltenow 27. Jan 2011 @ 19:36
  4. Sascha Stoltenow 28. Jan 2011 @ 0:16
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