Room for Debate: Google, Verizon und Netzneutralität

Unter dem Titel „Room for Debate“ lädt die New York Times regelmäßig Experten zur Diskussion aktueller Fragen. Gestern war diese Frage die Netzneutralität, die heiß diskutiert wird, seit Gerüchte bekannt wurden, dass Google und Verizon planen, diese zu verletzen (Aktueller Stand: Man hätte gerne so eine Art 2. Internet).


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Von der Times zur Diskussion gebeten wurden Tim Wu, Lawrence Lessig, David Gelernter, Edward W. Felten, Jim Harper, Jonathan Zittrain und Gigi B. Sohn.

Endstand 6:1 für die Netzneutralität und gegen den Gesetzesvorstoß Regulationsvorschlag an die FCC von Google, Verizon & Co.

Interessant ist dabei aber die Herangehensweise der unterschiedlichen Autoren. Widmen wir uns doch zunächst David Gelernter, der eine Informatik-Professur an der Yale Universität besetzt, und die 1 im 6:1 für sich beansprucht:

Wieso soll ein Video in der gleichen langen Schlange stehen, wie ein monatlicher Newsletter? Wenn eine Firma reich genug ist, sich besseren Service für ihre Kunden zu leisten, warum sollte sie es dann nicht tun, statt neue Yachten für die Bosse zu kaufen?

(sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier.)

Das Problem des Newsletter-Arguments ist natürlich, dass der monatliche Newsletter beim besten Willen nicht mit YouTube konkurriert: Weder um Bandbreite, noch um Kunden. Und was den Service betrifft: Genau dieses Argument wird von Befürwortern der Netzneutralität verwendet: Kunden wollen besseren Service, deshalb muss es Konkurrenz beim Service geben, müssen neue Anbieter die Chance haben, sich auf dem Markt durch besseren Service (nicht durch das Erkaufen eines Quasi-Monopols) durchzusetzen.

Weiter macht er den Vergleich zu einer großen Airline, die sich mehr Platz für mehr Angestellte am Flughafen kauft – wolle man da etwa mit Flughafen-Neutralität kommen? Der Vergleich hinkt natürlich genau so. Mehr Platz und Angestellte am Flughafen sind eher das Äquivalent zu eigenen, großen Server-Farmen, wie sie sich Google überall hin baut, ohne dass irgendwer etwas dagegen hätte. Das verletzt auch die Netzneutralität nicht. Würde eine Airline aber beginnen, die Autobahnen zum Flughafen, oder gewisse Lufträume zu kaufen, um andere Airlines und ihre Kunden auf Umwege zu zwingen, gäbe es sicherlich mehr Protest. Und das wäre auch eine Verletzung der Netzneutralität.

Gelernter weiß:

Wenn die Kunden mit dem Verizon-Service unzufrieden sein sollten, werden sie wechseln. Wenn nicht, dann haben wir hier wohl eine überflüssige Debatte.

(Sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier.)

Tim Wu, Professor für Copyright und Kommunikation an der Columbia Law School, scheint die Aufgabe eines Providers besser zu verstehen als der Informatik-Professor:

Das Internet und die Provider haben eine ähnliche Bedeutung wie Energie-, Transport- und Finanzunternehmen. Google und Verizon haben die Möglichkeit, den Informationsfluss entscheidend mitzubestimmen, wenn sie die Geschwindigkeit und die Position in den Suchergebnissen beeinflussen. Auch wenn ich den Firmen keine Bösartigkeit unterstelle, dürfe eine sollte eine solche Möglichkeit einfach nicht existieren.

(Sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier.)

In den USA wird ein Argument umso stärker, wenn man sich an Milton Friedman orientiert. Die Angst vor vermeintlich kommunistischem Einfluss so groß wie die Angst vor eingeschränkter Meinungsfreiheit. Deswegen werden wir in dieser Debatte für Europäer ungewohnt häufig Argumente dieser Art hören:

Wichtiger ist aber noch die Wettbewerbsverzerrung: Nicht mehr das beste Angebot, sondern der beste Deal mit den Providern setzt sich durch. Viele der Innovationen, die wir heute genießen, hätte es so nie gegeben.

(Sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier.)

Der Friedman’sche Ablehnung von ökonomischer Regulation schließt sich Jim Harper vom Cato Institute an:

Gesetzliche Regulationen dienen typischerweise spezifischen privaten Interessen und nicht den Konsumenten. Im Gegenteil: Für die Konsumenten bringen sie nur Nachteile. […] Der beste Weg, das Interesse der Allgemeinheit zu wahren, ist es, Google, Verizon und alle anderen im Wettbewerb zu halten, ohne regulatorischen Schutz. Das Internet ist zudem zu komplex und steter Veränderung unterworfen, als dass der Kongress oder die FCC das Interesse und tatsächliche Wohl der Konsumenten überhaupt erfassen könnten. Deshalb sollte das Internet, wie alles andere auch, keiner Regulation unterliegen.

(Sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier.)

Hintergrund: In Europa bemühen sich Befürworter der Netzneutralität ja gerade um gesetzliche Regelungen, die diese festlegen, und kämpfen nicht etwa gegen gesetzliche Vorstöße. In den USA passiert das genau so, nur Google und Verizon machen gerade selbst Vorstöße in Sachen Regulation des Internets, und interpretieren so das Thema der Netzneutralität für sich, um bei der Gelegenheit ein paar Hintertüren einzubauen.

Was die Wettbewerbsverzerrung, und die Verhinderung von Innovationen angeht, sind sich Edward W. Felten von der Princeton University und Jonathan Zittrain von der Harvard Law School einig. Zittrain stellt fest:

Provider machen den Deal mit der Geschwindigkeit doch schon mit Ihren Kunden: „Gebt uns mehr Geld, und wir geben euch schnelleres Internet“ – jetzt wollen sie Ihn mit der anderen Seite machen, und werden dadurch zum korrupten Türsteher, der unterschiedlichen Anbietern unterschiedliche Angebote macht. Das wird die Innovation durch neue Anbieter behindern, und die Macht der etablierten untermauern.

(Sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier. Längere Version hier.)

Felten sieht es ebenso, sorgt sich aber im komplexen Wirrwarr der Kabel um eine haltbare Definition des Begriffs der Neutralität:

Die Frage sollte nicht lauten, ob wir das offene, freie Internet behalten wollen – das wollen bzw. sollten wir ohnehin. Die Frage ist, ob eine gesetzliche Regelung uns das Ergebnis bringen würde, das wir anstreben. Ob die Regierung die Bevorzugung durch Provider überhaupt regulieren kann, bleibt eine offene Frage weil der Begriff der Neutralität so schwer zu definieren ist.

(Sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier.)

Gigi B. Sohn, President von Public Knowledge weist darauf hin, dass die Diskussion nun gar nicht geführt werden müsse, wenn die FCC sich überhaupt nicht erst ins Internet eingemischt hätte:

Der Unterschied zwischen Radio, TV und dem Internet ist, dass der Konsument beim Internet auswählt, und nicht jemand anderes. Schlimmer als die Bevorzugung bestimmter Dienste ist die Blockade oder Bremsung bestimmter anderer, die bereits jetzt geschieht. Das wahre Problem ist die Entscheidung der FCC von 2002, ab der das Internet nicht mehr dem Telefonnetz gleichgestellt wurde, für das Gleichberechtigung der Teilnehmer vorgeschrieben ist. Die Frage ist nicht, ob die Regierung ein offenes Internet erhalten soll, sondern ob die Regierung das Desaster riskieren möchte, wenn sie es nicht tut.

(Sinngemäß übersetzt und zusammengefasst. Volltext hier.)

Da die Hintergründe (auch die gesellschaftlichen!) der Diskussion in den USA andere sind, fand ich den Einblick in die Debatte ganz interessant. Meine persönlichen Haupt-Argumente für Netzneutralität waren aber gar nicht dabei – was sind denn eigentlich eure?

Update: Jetzt ist auch Marvin Ammori mit dabei, plädiert für die gesetzliche Festlegung von Netzneutralität, und beklagt sich über die Lobbyisten der Provider, die die Profite der Seitenbetreiber abschöpfen wollen.

18 Kommentare
  1. finde es für mich schwierig zu definieren. wenn netzneutralität sichert, dass keine inhalte (DPI) untersucht, aussortiert und zensiert werden stimme ich dem klar zu.

    bei der priorisierung wird es für mich schwierig die neutralität zu definieren: es sollte keine prioritäten geben a la „dem drehe ich seinen ping von 50ms auf 300ms hoch da es nur das basispaket hat“. das wäre für mich neutralität. aber: wer mehr zahlt sollte auch mehr bekommen – das ist ja zu mindest bei der geschwindigkeit gang und gäbe. du zahlst für einen server mit 100mbit/s anbindung eben weniger als für eine 1gbit/s anbindung. für den mit shared port weniger an für den dedizierten port. 5tb datentransfer weniger als für den mit 100mbit/s flat.
    aus der sicht ist doch die neutralität schon futsch – oder nicht? ich meine wenn telia sonera an einem CIX mit 40gbit/s angeschlossen ist haben sie doch schon grundsätzlich vorteile gegenüber dem kleinen, lokalen ISP der sich nur 1gbit/s leisten kann. wäre das nicht schon ein nachteil im sinne von netzneutralität?

    wie man sieht: mich überfordert das etwas den begriff zu definieren, obwohl ich technikmäßig nicht zurückgeblieben bin :)

  2. Da hast du leider einen Denkfehler. Richtig ist, dass jeder für die anbindung ans Netz zahlt und sich die Geschwindigkeit/Bandbreite sowohl beim Up- als auch beim Downstream je nach Preis unterscheidet. Hier gibt es für diejenigen, die eine Serverfarm betreiben wollen genauso verschiedene Pakete wie für Endkunden. Darum geht es in dieser Diskussion gar nicht.

    Das Problem besteht afaik darin, dass Provider gerne dafür Geld verlangen wollen, dass die Datenpakete zahlender Kunden priorisiert werden. Dabei haben sie vor allem Inhalts-Anbieter im Kopf.

    Ein Beispiel: Google zahlt monatlich Betrag x an Verizon. Verizon priorisiert nun die Datenpakete z. B. von Youtube. Das heißt, wenn ein Strom von Datenpaketen welche von Youtube enthält, bearbeitet der nächste Router diese anders als den Rest. Er könnte sie z. B. über eine schnellere Anbindung innerhalb des Provider-Netzwerks weiterleiten oder diese Pakete direkt und andere über ein paar Umwege.

    Ich hoffe, ich hab den Kern anschaulig genug erklärt. Falls nicht, korrigiert mich bitte. Protokolldetails habe ich natürlich ignoriert, es ging ja nur darum, das Problem bildlich zu verdeutlichen.

  3. @Lauscher

    Ich vermute, dass ich nicht eindeutig genug gekennzeichnet habe, dass es in der Diskussion tatsächlich nicht darum geht, wer die größere Serverfarm hat. Eigentlich will ich den Denkfehler, den David Gelernter macht, genau so enttarnen, wie du. Ich habe mal die (m. E.) entscheidenden Stellen des Textes markiert:

    Der Vergleich hinkt natürlich genau so. Mehr Platz und Angestellte am Flughafen sind eher das Äquivalent zu eigenen, großen Server-Farmen, wie sie sich Google überall hin baut, ohne dass irgendwer etwas dagegen hätte.

    Füge hier ein: Darum geht es in dieser Diskussion auch nicht. Denn es geht ja darum:

    Würde eine Airline aber beginnen, die Autobahnen zum Flughafen, oder gewisse Lufträume zu kaufen, um andere Airlines und ihre Kunden auf Umwege zu zwingen, gäbe es sicherlich mehr Protest.

    Füge hier ein: Das aber ist das, was eine Verletzung der Netzneutralität darstellen würde.

    Da es sich bei dem Artikel um so etwas wie einen vertiefenden, internationalen Einblick handelt, habe ich auf die genaue Erklärung der Netzneutralität verzichtet.

    Gehst du mit mir d’accord?

    [22:02h – Ich habe die beiden Ergänzungen in den Artikel übernommen]

    1. @Linus: Ähm sorry, ich hätte vielleicht doch @#1 oder so schreiben sollen. Mein Kommentar bezog sich nicht direkt auf den Artikel, sondern auf den Kommentar vor mir. Weil @Eike sich bei der Definition von NN unsicher war, hab ich eine kurze Erklärung abgegeben.

      Zum Artikel: 100% Zustimmung. Und danke übrigens für diese Analyse über den Teich hinweg. Sie ist vor allem gelungen, weil du so auch Leser erreichst, die des englischen nicht so mächtig sind und/oder keine englischen Quellen zum Thema verfolgen. Hätte ich einen Flattr-Account, würde ich jetzt klicken. ;) Vielleicht wird’s doch mal Zeit, aber PayPal … :(

      PS: Oh mann, jetzt habe ich auch die Liste „antworten auf“ entdeckt. Noch mal sorry, aber die ist mir einfach entgangen bisher. Wieso ist die aber auch *unter* dem „post“-Button – zumindest für meinen Screenreader?

  4. Erstmal Danke Linus fürs Zusammenfassen. Die Texte hätte ich heute nicht mehr geschafft.

    Dass David Gelernter nur weil er in den 80ern mal nen kleinen Beitrag zur Computerentwicklung beigetragen hat, aktuell zu Webfragen herangezogen wird, hab ich noch nie verstanden. Nach seinem letzten Interview in der FAZ-Reihe zum Internet war klar, der Typ hat keinen Plan.

    Zur Netzneutralität in Deutschland hab ich mich in den Kommentaren drüben bei carta länger ausgelassen. Wenn’s interessiert kann ja mal kurz umschalten:
    http://carta.info/31910/deutsche-telekom-netzneutralitaet/

    1. @Jens: Interessant. Wer noch was braucht, um Gelernter besser einschätzen zu können, dem empfehle ich das hier

      V. Freedom, Equality, Democracy

      How are the creed’s three conclusions derived from the Bible? Freedom is the message of the Exodus, one of the Hebrew Bible’s great underlying themes. Bible readers believed that the Exodus story predicted the fate of nations. The literary scholar David Jeffrey names three major works that „illustrate the power of the Exodus story in the formation of American national identity“: Samuel Mather’s Figures and Types of the Old Testament (1673), Cotton Mather’s Magnalia Christi Americana (a history of 17th-century New England, 1702), and Jeremiah Romayne’s The American Israel (1795).

  5. Hält die Tatsache das Google und Verizon sich ganz klar FÜR Netzneutralität ausgesprochen haben und das in den Originalartikeln auch zu lesen ist eigentlich irgendjemandem in diesem Land davon ab das Gegenteil zu behaupten?

  6. @Linus: Richtig. Es werden zwei Ausnahmen gemacht. Wobei ich den Teil über new services für Schwammig formuliert halte. Da kann beides rein interpretiert werden. Es wäre jedenfalls ein erster Schritt in Richtung gestzlicher Netzneutralität in irgendeiner Form auch wenn es ganz klar noch nicht genug ist. Aber ein Anfang. Das ganze als das genaue Gegenteil dazustellen kommt mir doch etwas seltsam vor. Im Moment gibt es gar kein Gesetz in diese Richtung. Wenn Google und Verizon also Mißbrauch treiben wollten könnten sie das einfach tun ohne dafür erst ein neues Gesetz mit Lücken an den Start zu bringen. Das ganze mit einer gesunden Skepsis zu betrachten ist ja völlig in Ordnung und richtig. Es ins Gegenteil zu verdrehen dann aber doch etwas dreist.

    1. @Ungläubig: Es ja nicht so, als hätte Google jetzt plötzlich aus heiterem Himmel die Idee gehabt, Netzneutralität mal über die FCC regulieren zu lassen. Da gab es schon auch andere, die sich für die Netzneutralität stark gemacht haben – und die hatten erstmal keine Ausnahmen vorgesehen…
      Natürlich werden die jetzt erstmal misstrauisch.

  7. Netzneutralität bedeutet für mich, dass ich nicht laut ins Telefon schreien muss, während mein Nachbar gerade eine FAX-Meldung eines großen Möbelhauses mit tollen Werbeangeboten erhält. Denn mein Gegenüber (am Telefeon) hört mich schlechter, weil die Faxtöne mit hohen Spitzen bei der Leitung durchschlagen und meine Sprache verzerren oder gar unterbrechen.
    Wenn der Möbelgigant am Donnerstag abend seine Werbefaxe versendet, ists bei mir mit Telefonieren Essig. Der Möbelgigant zahlt für seine „Schnellfaxe“, andere Firmen schicken auch Faxe aber die stören normal nicht. Da kann ich problemlos telefonieren….

    So sehe ich das Thema Netzneutralität. Es darf keine Priorisierung geben beim Transport von „Dienstdaten“. Einzige Ausnahme sind ggf. dynamische Routingprotokolle, die technische Informationen zum Routen innerhalb der Netze senden, also für den reibungslosen Betrieb des Gesamtnetzes verantwortlich sind.

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