Netzpolitik

USA: Google will Verizon Schnellstraßen abkaufen (Update)

Nochmal Update: Google widerspricht und sagt, New York Times – Story sei falsch, aber die New York Times widerspricht Google und sagt, sie habe sehr gute Quellen. Mehr dazu unten!

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In den USA stehen laut New York Times der Provider Verizon und Google vor einer Einigung darüber, dass Googles IP-Pakete priorisiert durch das Verizon-Netz geroutet werden: Google and Verizon in Talks on Web Priority. In der Diskussion um Netzneutralität nannten die großen Provider immer Google als Bild, warum man unbedingt Netzwerkmanagement machen muss, weil von Seiten Google ja X% des Internetverkehrs kommen würden.

The prospect of a Google-Verizon agreement infuriates many consumer advocates, who feel that it would concentrate in a few corporations control of what to date has been a free and open Internet system in which consumers decide which companies are successful. “The point of a network neutrality rule is to prevent big companies from dividing the Internet between them,” said Gigi B. Sohn, president and a founder of Public Knowledge, a consumer advocacy group. “The fate of the Internet is too large a matter to be decided by negotiations involving two companies, even companies as big as Verizon and Google.”

Wenn Google und Verizon sich einigen, dass Google eine Art Internetmaut für die Bevorzugung seiner Dienste zahlt, gibt es ein Problem: Google kann es sich leisten, aber was ist mit kleinen Unternehmen und ihren Services, was ist mit unseren Blogs und Podcasts? Ist das gerecht und sozial, das die Unternehmen die Schnellstraßen im Netz zugeteilt bekommen, die dafür ausreichend zahlen können? Was bedeutet das für Meinungsfreiheit, wenn die Zugangschancen nicht mehr dieselben sind? Was bedeutet es für den Wettbewerb und Innovation, wenn die großen Player eine Priorisierung kaufen können und die kleinen Wettbewerber dafür nicht ausreichend Geld in der Portokasse haben?

Die Entwicklungen in den USA muss man auch vor dem Hintergrund sehen, dass die Regulierungsbehörde FCC gerade versucht, eine Lösung zu finden, die Netzneutralität festzuschreiben. Wahrscheinlich haben Google und Verizon beide kein Interesse daran. Verizons Markt würde regulierter und Google hat genug in der Kriegskasse, um sich Freiheiten wie Schnellstraßen kaufen zu können.

Aktuell träumt die Deutsche Telekom in Deutschland von ähnlichen Kooperationen. Mal schauen, wann Google mit ihr in Verhandlungen tritt.

(Danke an Niels)

Update: Danke für die Links zu ergänzenden Artikeln bei Bloomberg und CNet.

Bloomberg hat mehr Details zur Einigung, die eventuell schon imHintergrund erzielt wurde:

The compromise as described would restrict Verizon from selectively slowing Internet content that travels over its wires, but wouldn’t apply such limits to Internet use on mobile phones, according to the people, who spoke yesterday and asked not to be identified before an announcement.

Demnach möchte Verizon bei Internet über Kabel (bestimmte) Dienste nicht bremsen, aber dies beim mobilen Internet tun. Wenn man sich Technologiefolgeabschätzung anschaut, dann kann man davon ausgehen, dass das mobile Internet in Zukunft noch mehr genutzt wird und vielleicht das Internet mit Kabeln unter der Erde verdrängen könnte. Wenn man jetzt die falschen politischen Weichenstellungen macht, dann wird für das zukünftig viel bedeutendere mobile Internet die Netzneutralität abgeschafft und man kann sie vielleicht nicht wieder einführen.

Heise verweist auf den CNet-Artikel, der Google-Chef Eric Schmidt zitiert:

Google-Chef Eric Schmidt meinte nun am Rand der Techonomy-Konferenz in Kalifornien, dass es viele Missverständnisse über das Konzept der Netzneutralität gebe. Der Suchmaschinenbetreiber verstehe darunter, dass gleiche Datentypen (etwa bei Videos) nicht unterschiedlich behandelt werden dürften. Es gehe also nicht an, dass ein Clip einer Person gezeigt werde und die Aufnahme einer anderen zurückgewiesen werde. Zwischen verschiedenen Datenkategorien müsse aber eine Differenzierung möglich sein. Darüber gebe es ein prinzipielles Einverständnis zwischen Google und Verizon, auch wenn es bislang kein darauf basierendes Abkommen zu verkünden gebe. Kompliziert werde die Angelegenheit vor allem, wenn man das Prinzip des offenen Internets auch auf Mobilfunkverbindungen beziehen wolle. Google kooperiert in diesem Bereich mit Verizon beim Vertrieb von Smartphones mit dem Android-Betriebssystem.

Die Argumentation ist natürlich etwas bullshit. Durch die Priorisierung bestimmter Klassen diskriminiert man automatisch andere Klassen. Wenn Video priorisiert wird, dann haben die Anbieter von Video-Dienstleistungen Vorfahrt gegenüber z.B. Webseiten oder p2p. Das führt eher dazu, dass Fernsehen bevorzugt wird und andere Sachen nicht.

Apropos: Das schrieb Google im offiziellen Firmenblog vor wenigen Monaten zum Thema Priorisierung:

We support:

Adding a nondiscrimination principle that bans prioritizing Internet traffic based on the ownership (the who), the source (the what) of the content or application;

Update um 17:40: Google hat auf Twitter den Bericht dementiert:

@NYTimes is wrong. We’ve not had any convos with VZN about paying for carriage of our traffic. We remain committed to an open internet.

Das wird immer interessanter: Die New York Times widerspricht dem Google-Statement, wie Wired berichtet: Google, Verizon Deny Net Fast-Lane Deal, But Times Says It’s True.

The story, which focuses on Verizon’s fiber and DSL networks (not its 3G phone service), did not, however, mention a commercial agreement between the two companies. Nonetheless, that was the substance of Google and Verizon’s denials. And the Times is standing by its story. “We stand by our reporting which is based on information from sources in a position to know about the conversations,” said Times spokeswoman Diane McNulty. “Google’s comment about The New York Times story refutes something The Times story didn’t say.

Und die Regulierungsbehörde FCC ist not amused über die Verhandlungen hinter geschlossenen Türen und was darüber an die Medien gelangt. Gigaom zitiert einen Vertreter: Genachowski, Man Up! And Silicon Valley, Wake Up!

“We have called off this round of stakeholder discussions. It has been productive on several fronts, but has not generated a robust framework to preserve the openness and freedom of the Internet – one that drives innovation, investment, free speech, and consumer choice. All options remain on the table as we continue to seek broad input on this vital issue.”

Ich teile die Einschätzung von Marvin Ammori, der in seinem Blog schreibt: Translating Google’s Denial into English.

So it’s like Walmart and Phillip Morris (now Atria) cutting a deal and then saying:

“No no, we have not made a deal to sell cigarettes to 9 years olds. All we’ve done is agree to try to rewrite the laws to ensure we can sell cigarettes to 9 year olds. All assertions to the contrary–in the New York Times especially– are shockingly, hugely, super, super, super false.”

Plus, that is exactly what the Times said: an agreement on a policy framework. The Times calls the bluff: ““Google’s comment about The New York Times story refutes something The Times story didn’t say.”

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19 Kommentare
  1. stimmt. die telekom träumt.

    das wird sie auch weiter tun müssen. dachte immer, einer der die maybritt in die kiste kriegt, hat mehr drauf. aber ist wohl nicht so.

  2. „Google kann es sich leisten, aber was ist mit kleinen Unternehmen und ihren Services“

    Gerade Google sollte sich schnellstens mal daran erinnern, daß auch sie einst ein kleines Experimentier-Startup waren.
    Hätte es bereits damals verschiedene finanzielle Zugangsschranken zu den Übertragungswegen im Netz gegeben, suchten wir womöglich heute alle noch mit Yahoo oder meinetwegen Bing.

    Ich bin tatsächlich sehr überrascht von dieser Entwicklung, hatte ich Google doch immer auf Seiten der Netzneutralitätsverfecher gesehen.

  3. Das ist leider nur ein schlechter Artikel der wieder Google bashen soll.
    Der NYT Author hat keine Kompetenz in Sachen Technologie.
    Hier sind 2 Artikel, die die Sache ordentlich darstellen:

    http://news.cnet.com/8301-31021_3-20012703-260.html
    http://www.bloomberg.com/news/2010-08-04/google-verizon-are-said-to-have-reached-deal-on-how-to-handle-web-traffic.html

    Google hat Verizon dazu gebracht, mit der Drosselung ihrer Bandbreite bei Landlines aufzuhören.
    Das ist ein großer Schritt in Richtung Netzneutralität.

  4. Laut Bloomberg haben sie sich bereits geeinigt: Keine Steuerung beim Internet über „wires“, freie Hand beim mobilen Internet:

    „The compromise as described would restrict Verizon from selectively slowing Internet content that travels over its wires, but wouldn’t apply such limits to Internet use on mobile phones“

    Liegt wohl daran, dass Google beim drahtlosen Internet (noch) keine eigenen Kapazitäten hat.

    Tschüss Netz-Neutralität! (Danke, Google!)

    Quelle:
    Bloomberg: Google, Verizon Said to Strike Deal on Web Traffic Rules

  5. Zu diesem Punkt könnte die deutsche Presse doch mal kritische Artikel über Google veröffentlichen. Bisher wird nur aufgrund begrüßenswerter Dienste wie Street View auf Google geschimpft.

    Ob Pressekonzerne ein Interesse daran haben, dass das Netz von finanzkräftigen Konzernen kontrolliert wird?

  6. @Gregor @raidor

    Ich verstehe die Berichte als Beleg, dass nun auch Google anerkennt, dass Provider wie Verizon prinzipiell das Recht haben, ihren Traffic selektiv durchzuleiten, und dass es Verhandlungssache zwischen ihnen und Content Anbietern ist, wie das gestaltet wird.

    Genau das Gegenteil davon, was mit Netzneutralität angestrebt wird.

  7. Google’s Schmidt zum Thema: Selektion nach „Content Types“ (Audio, Video etc.) soll erlaubt sein, aber nicht nach nach dem jeweiligen Anbieter:

    Zitat:

    »Schmidt said his belief is that the core of Net neutrality is the idea that network providers shouldn’t be able to favor one particular provider of content over another, but he said that networks should be able to prioritize a content medium, say, voice over video.

    „People get confused about Net neutrality,“ Schmidt said. „I want to make sure that everybody understands what we mean about it. What we mean is that if you have one data type, like video, you don’t discriminate against one person’s video in favor of another. It’s OK to discriminate across different types…There is general agreement with Verizon and Google on this issue. The issues of wireless versus wireline get very messy…and that’s really an FCC issue not a Google issue.“«

    Cnet: Google’s Schmidt on Verizon and Net neutrality

  8. „Durch die Priorisierung bestimmter Klassen diskriminiert man automatisch andere Klassen. Wenn Video priorisiert wird, dann haben die Anbieter von Video-Dienstleistungen Vorfahrt gegenüber z.B. Webseiten oder p2p. Das führt eher dazu, dass Fernsehen bevorzugt wird und andere Sachen nicht.“

    Ist aber Teil des WiMax Standards !! Und damit irgendwie schon etabliert.

  9. @markus.

    Vereinfacht gesagt: Wenn die Datenübertragung auf begrenzten Resourcen stattfindet (also fast immer) und es mehrere Teilnehmer mit Übertragungswünschen gibt, kann man (in Theorie und Praxis) die Kapazität des Netzes steigern in dem man die Resourcen eben nicht gleich und fair zuteilt, sondern entweder nach Teilnehmerstatus (sowohl finanziell als auch Übertragungsmöglichkeiten) oder nach Art der Daten diskriminiert.

    Da in den Funknetzen die Resourcen eher knapp sind und die größte Dynamik zwischen Übertragungswunsch und Realität besteht, gibt’s hier am meisten Wissen, wie man das einigermaßen verträgilch regelt (und dass findet man dann im Standard, (z.B.).

    Hingegen die Internet-via-Kabel Fraktion so tut (stimmen tut das da nämlich auch nicht), als ob es keine Kapazitätsgrenzen gibt. Oder es eine fixe Kapazität gibt, die nur verteilt werden muss.

    Ich erwarte sowohl von dir als Lobbyist, als auch von dieser Webseite nicht, das ihr technische Lösungen findet, oder gar physikalische Gesetze ändert…

    Ich erwarte aber mal langsam, das verstanden wird, das Abweichungen von der Neutralität (whatever) sehr viel öfter mit technischen Begebenheiten zu tun haben, als mit dem bösen Betreiber.

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