Interview: Kooperation von Bundesarchiv und Wikimedia

Das Bundesarchiv stellt mehr als 100.000 Bilder unter einer freien Creative Commons Lizenz (CC-BY-SA). Das ist eine kleine Revolution für deutsche Verhältnisse. Und es freut mich doppelt: Einseits als Bürger, dass so viele öffentlich-finanzierte Inhalte auch der Öffentlichkeit zum Remixen und Weiterverwenden zur Verfügung gestellt werden. Und andererseits als Projektleiter von Creative Commons Deutschland, dass eine so spannende Initiative die freie CC-Copyleft-Lizenz nutzt. Hier ist die Meldung von Wikimedia.

Der Wikimedia e.V. präsentierte heute diese Kooperation mit dem Bundesarchiv auf einer Pressekonferenz in Berlin. Ich kam da leider nicht rein, weil man mir an der Pforte des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung den Eintritt nur mit Presseausweis erlauben wollte, den ich nicht habe. So konnte ich leider keine Audio- und Video-Interviews führen. Im Vorfeld konnte ich aber mit Mathias Schindler vom Wikimedia e.V. Vorstand und dem Wikimedia Foundation Communications Committee schon ein Interview dazu führen.

netzpolitik.org: Was genau macht das Bundesarchiv, was für die Wikipedia so spannend ist?

Mathias Schindler: Das Bundesarchiv ist eine Behörde des Bundes, zu ihren Aufgaben zählt die Archivierung von Unterlagen von Bundesbehörden. Spannend ist dies für uns schon alleine deshalb, weil das Bundesarchiv das Gedächtnis der Bundesrepublik und ihrer Vorgänger ist, als Quelle ist es unschätzbar wertvoll. Noch spannender wird das Bundesarchiv derzeit, weil Inhalte digitalisiert und online zugänglich macht.

netzpolitik.org: Von wem ging denn die Initiative aus?

Mathias Schindler: Den Anstoß gab der Start des Projekts für das digitale Bildarchiv des Bundesarchivs, als dort die ersten Bilder online gingen. Wir haben daraufhin mit dem Bundesarchiv Kontakt aufgenommen, einen Besuch nach Koblenz gemacht und dann die Grundzüge einer Vereinbarung ausgehandelt, die dann vom Präsidenten des Bundesarchivs und von dem Vorstand von Wikimedia Deutschland abgesegnet wurden.

netzpolitik.org: Welche Lizenz wird dafür verwendet und wie kam diese Entscheidung zustande?

Mathias Schindler: Die Inhalte stehen unter CC-BY-SA und sind das Resultat langer Diskussionen. Wichtig war, dass für den Einsatz der Bilder auf Wikimedia Commons und Wikipedia ausschliesslich Lizenzen zulässig sind, die als frei anerkannt sind, also keine Einschränkungen wie den Ausschluss kommerzieller Nutzung enthalten.

netzpolitik.org: Nun sprecht Ihr von einer Kooperation. Was bringt Wikimedia ein?

Mathias Schindler: Wikipedianer helfen dem Bundesarchiv, die Liste der Personendaten des Bildarchivs mit den Personendaten der Wikipedia und den Personennamendatei (PND) der Deutschen Nationalbibliothek zu verknüpfen. Mit dieser Arbeit haben wir bereits Erfahrung und auch die nötigen Werkzeuge. Diese Verknüpfung ermöglicht es, gezielt unterschiedliche Medieninhalte (Bilder, Lexikoneinträge, Bibliographien) zu einer Person herauszusuchen und nicht mühsam unterschiedliche Personen gleichen Namens unterscheiden zu müssen.

netzpolitik.org: Welche Herausforderungen bringt eine solche Initiative mit sich?

Mathias Schindler: Die Arbeit bei Wikimedia machen Freiwillige, das war schon immer so und das hat natürlich auch hier geholfen, die Aufgaben zu bewältigen.

netzpolitik.org: Welche Formate haben die Bilder?

Mathias Schindler: Die Bilder sind im JPEG-Format mit einer Kantenlänge von derzeit 800 Pixel an der längeren Seite.

netzpolitik.org: Sind das alle Bilder, die das Bundesarchiv besitzt?

Mathias Schindler: In den Beständen des Bundesarchivs sind meines Wissens 11 Millionen Bilder, davon sind gerade 100.000 Bilder digitalisiert.

netzpolitik.org: Kommen zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr Bilder online?

Mathias Schindler: Davon gehe ich aus, abhängig natürlich von dem Fortschritt bei der Digitalisierung.

netzpolitik.org: Das Projekt klingt ja sehr vorbildlich. Kann man hier von einer Vorbildfunktion für andere öffentlich-finanzierte Einrichtungen sprechen? Was wünscht sich Wikimedia in diese Richtung?

Mathias Schindler: Es wäre für die Erhaltung und Zugänglichmachung des kulturellen Erbes in Deutschland, Europa und der Welt natürlich mehr als hilfreich, wenn mehr Mittel für Digitalisierung zur Verfügung stünden. Wie gesagt, es warten noch mehr als 10 Millionen Bilder alleine beim Bundesarchiv auf ihre Digitalisierung (fairerweise muss man anmerken, dass darunter auch viele Bilderserien sind, also der gleiche Politiker oder gleiche Panzer einige Male hintereinander). Wenn die Inhalte dann aber einmal digital verfügbar sind, sollte die Öffentlichkeit über so viele Kanäle und so einfach wie möglich darauf zugreifen können.

Das gleiche gilt für aktuell neu erstellte Inhalte: Was aus öffentlichen Mitteln finanziert ist, sollte bereits von Anfang an der Öffentlichkeit zur uneingeschränkten Verwendung freistehen. Die Kooperation mit dem Bundesarchiv ist deshalb sehr wichtig, denn sie zeigt auf, was alles mit Inhalten möglich ist, sobald sie Teil der Allmende geworden sind.

Ganz privat würde ich mir wünschen, wenn all diejenigen Menschen, die diese riesige Bilderspende für eine gute Sache halten, dies deutlich zur Aussprache bringen: Lobt das Bundesarchiv für diese Entscheidung, geht zu euren Abgeordneten und fordert größere Unterstützung für ähnliche Vorhaben und fragt bei anderen Institutionen nach, wann diese mitmachen. Ein Brief oder eine Email kosten knapp 20 Minuten, wenn man es sorgfältig angeht und sie können wahnsinnig viel bewirken.

netzpolitik.org: Vielen Dank für das Interview.

4 Kommentare
  1. bilderberge 4. Dez 2008 @ 12:01
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