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Zum Verhältnis von Überwachung und Sicherheit in der Informationsgesellschaft

Kleine Werbung in eigener Sache: Ich habe gerade einen etwas längeren Aufsatz veröffentlicht, der sich mit dem Wandel des Sicherheitsparadigmas und der Rolle der Überwachungs- und Informationstechnologie darin befasst. Erschienen ist er in kommunikation@gesellschaft, einer Online-Zeitschrift, die u.a. von dem Blogforscher Jan Schmidt herausgegeben wird. Hier die Zusammenfassung:

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Das Sicherheitsparadigma des Präventionsstaates im „Kampf gegen den Terror“ unterscheidet ich in zweierlei Hinsicht von dem des Gefahrenabwehrstaates im Kalten Krieg. In zeitlicher Hinsicht geht es nicht mehr um die Abwehr gegenwärtiger Bedrohungen, sondern um die Vorbeugung zukünftiger Risiken. Auf der Akteursebene sind die Träger dieser Risiken nicht mehr Staaten, sondern Individuen. Damit gelten nun alle als potenziell verdächtig. Hier spielt der Computer eine entscheidende Rolle, indem er die alten Überwachungstechniken des Aufzeichnens und Verbreitens von Informationen durch die Möglichkeit des automatischen Entscheidens ergänzt. Aus „Überwachen und Strafen“ wird damit „Überwachen und Sortieren“, aus individuellen Bewertungen wird massenhafte digitale Diskriminierung auf der Basis von vernetzten Datenbanken und in Algorithmen gegossenen Vorurteilen. Mit diesem Verfahren sind jenseits juristischer und politischer Schwierigkeiten drei strukturelle Probleme verbunden: das Problem der Modellbildung, das Problem der Probabilistik und das Problem der Definitionsmacht. Dennoch scheint der Trend zum weiteren Ausbau der Überwachungsinfrastrukturen nicht aufzuhören. Mögliche Erklärungen, aber auch Hinweise auf weiteren Forschungsbedarf, liefern dafür jeweils auf unterschiedlichen Ebenen die Gesellschaftsdiagnose, die Techniksoziologie und die politische Ökonomie. In normativer Hinsicht geht es hier letztlich auch um die Sicherheitsvorsorge der Bürger gegenüber dem Staat und damit um die Frage: Wie können wir unsere technischen Infrastrukturen so aufbauen, dass unfähige und unredliche Machthaber damit keinen großen Schaden anrichten können?

Toll sind ja die schnellen Veröffentlichungszeiten bei Online-Journals – ich hatte erst am Samstag die letzte Überarbeitung eingereicht, und heute ist der Text schon erschienen. Bei einer gedruckten Fachzeitschrift hätte er nun wahrscheinlich noch ein Jahr in der Pipeline gehangen.

Update: Faierweise sollte man die beiden Gründer und Mitherausgeber von k@g auch noch nennen: Klaus Schönberger und Christian Stegbauer.

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7 Kommentare
  1. Exzellenter Artikel. Ich habe ihn gleich mal in meiner Presseschau empfohlen. Inhaltliche Kommentare? Na gut, was Kleines habe ich gefunden. ;-)

    Auf Seite 8 ganz oben in der zweiten Zeile sollte es vielleicht nicht heißen „hochproblematische Vermutung“, sondern Schätzung.

  2. Wenn Prävention so wichtig ist müssten dann nicht gerade demokratische Staaten auf Techniken wie Wahlcomputer,
    Vorratsdatenspeicherung und Videoüberwachung verzichtet? Und diese weltweit ächten, weil der Einsatz solcher Techniken insbesonders totalitären Staaten zu Gute kommt, diese stärken und die so gestärkten totalitären Staaten dann zu einer größeren Gefahr für andere werden.

  3. Hallo,
    mich persönlich stört an der ganzen Überwachungs-Bewegung
    am meisten, das ich niemandem irgendwo reinhören, .-sehen, Privates in allen sonstigen Dimensionen, abchecken darf. Möchte ich eigentlich auch gar nicht, wenn ich nicht stellenweise das Gefühl bekommen müßte, das es mir schon in kleinem Rahmen so ergeht. Diese Techniken lassen halt auch viele Extra-Neugierige, ihre Sehnsüchte (zum Glück) illegal befriedigen und da sicherlich die Wenigsten auffliegen, versteht man auch die Verkaufs-Daten/.-Umsätze in diesem Bereich. Ist für einige Leute sicher schlimmer, als die Situation Sie jemand, mit vorgehaltener Pistole ausraubt. Bestimmt ein komisches Gefühl, wenn der Nachbar nur mit einem Datenträger, in Kopie, monatlich 50.-€ verlangt, oder was so kriminellem Gesocks noch so einfällt mit einigen privaten Infos von Anderen!
    Was unsere Kinder noch nen Spaß(ironisch gemeint), in den nächsten Jahrzehnten haben werden!
    Entschuldigung

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