Im vergangenen Jahr kam es laut Deutscher Bahn AG rund 3.150 Mal zu Übergriffen auf Mitarbeitende des Unternehmens. Knapp zwei Drittel der Angriffe richteten sich demnach gegen das Zugpersonal im Regionalverkehr. Insgesamt bewegen sich die Zahlen auf dem Niveau des Vorjahres.
Um die rund 5.000 Mitarbeitenden im Regionalverkehr besser zu schützen, will die Bahn diese auf Wunsch fortan mit Bodycams ausstatten. Der Einsatz soll zunächst „sukzessive und auf freiwilliger Basis bundesweit auf ausgewählten Strecken“ erfolgen, so eine Bahn-Sprecherin gegenüber netzpolitik.org. Erste Pflichtschulungen für den Einsatz und Umgang mit der Bodycam seien bereits für die kommenden Wochen geplant.
Tests „in größerem Rahmen“
Der Entscheidung seien „in größerem Rahmen“ Tests in Baden-Württemberg, Bayern und in den Regionen Nordost (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern) vorausgegangen. Dabei hätten sich die Geräte „im Einsatz bei Sicherheitskräften und Zugbegleitern sehr gut bewährt“, so die Bahn-Sprecherin. „Sie haben eine deutlich präventive Wirkung, einen deeskalierenden Effekt und liefern den Strafverfolgungsbehörden notwendiges Beweismaterial.“
Mitarbeitende, die bis heute und damit über die Testphase hinaus eine Bodycam tragen, hätten seither keinen körperlichen Übergriff erfahren. Auch verbale Attacken seien stark rückläufig. „Die Bodycam hilft also, Aggressionen einzudämmen“, so die Bahn.
Wir haben bei dem Unternehmen nachgefragt, auf welcher Zahlengrundlage es zu dem Schluss kommt. Auch wollten wir wissen, welche Gründe es dafür sieht, dass der Anstieg an Angriffen im vergangenen Jahr abgebremst werden konnte. Beide Fragen hat uns die Bahn nicht beantwortet.
Nur Bild, kein Ton
Die Bodycams zeichnen ausschließlich Bild und keinen Ton auf. Außerdem würden die Mitarbeitenden die Geräte „nur in eskalierenden Situationen und nach deutlicher Ansage“ aktivieren, so die Bahn. Die Mitarbeitenden tragen die Bodycams auf der Brust. Bei einer Aufzeichnung zeigen die Geräte die Videos dann live auf einem Monitor an.
Vor Gericht sind die Bildaufzeichnungen, etwa bei verbalen Beleidigungen, nur eingeschränkt nutzbar. Allerdings dienten die Bodycams vor allem der Prävention, wie die Bahn betont. Oftmals hätte bereits die Ankündigung, die Geräte anzuschalten, eine deeskalierende Wirkung.
Bei einer Aufnahme würden die Videos verschlüsselt gespeichert und auf „geschützte Server“ übertragen. Auf die gespeicherten Daten könne nur die Bundespolizei zugreifen, so die Bahn gegenüber netzpolitik.org, nach 72 Stunden würden sie automatisch gelöscht. „Der DB-interne Datenschutz ist eingebunden“, so die Bahn.
Wann und wie viele Bodycams bei DB Regio in diesem Jahr voraussichtlich zum Einsatz kommen werden, konnte die Bahn auf Anfrage von netzpolitik.org nicht sagen. Fest steht aber, dass die Bahn im Regional- und S‑Bahn-Verkehr inzwischen mehr als 50.000 Videokameras einsetzt, die „für eindeutiges Beweismaterial“ sorgen sollen. An den bundesweit 800 Bahnhöfen will die Bahn bis Ende des Jahres insgesamt rund 11.000 Kameras installiert haben, zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr.
Private Regional-Bahnen warten ab, BVG in Berlin rüstet ebenfalls auf
Private Regional-Bahnen etwa in Bayern sind laut BR24 bislang zurückhaltend, ebenfalls Bodycams in ihren Zügen einzusetzen. Die Zahl der Übergriffe gegen ihr Zugpersonal sei zu gering, so die Sprecher:innen zweier Unternehmen.
Auch in der Bundeshauptstadt verzeichnen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einen deutlich Rückgang an Vorfällen. Im vergangenen Jahr kam es zu 250 Übergriffen auf BVG-Mitarbeitende, ein Viertel weniger als im Vorjahr. Die Übergriffe auf BVG-Sicherheitsmitarbeitende ging sogar um mehr als die Hälfte zurück.
„Doch: Jeder Angriff ist einer zu viel“, sagt die BVG. Sie startete am 11. März ein zwölfmonatiges Pilotprojekt, in dem sie Beschäftigte im Sicherheitsdienst stadtweit mit insgesamt 18 Bodycams ausstattet. Die Maßnahme sei als Ergänzung zu Notrufsäulen und Überwachungskameras in U‑Bahnhöfen und Fahrzeugen gedacht. Auch hier würden sie „erst nach einem hörbaren Hinweis und nur in notwendigen Situationen eingeschaltet“, so die BVG. Die Videodaten würden dann für bis zu 48 Stunden gespeichert.
